Das Königreich Kastilien (spanisch Reino de Castilla, lateinisch regnum Castellae) war eines der mittelalterlichen Königreiche der Iberischen Halbinsel. Es existierte als eigenständiges Königreich von 1065 bis 1230.
Im 9. Jahrhundert war Kastilien noch eine Grafschaft im Osten des Königreichs Asturien und im 10. Jahrhundert eine Grafschaft im Königreich León. 1065 spaltete sich Kastilien vom Königreich León ab und wurde selbst ein Königreich. Zwischen 1072 und 1157 war das Königreich Kastilien wieder mit dem Königreich León vereinigt, danach wieder von ihm getrennt.
1230 wurden die Königreiche von Kastilien und León endgültig vereinigt. Dieses vereinigte Reich wird als Krone von Kastilien bezeichnet. Seine Könige eroberten in der Reconquista bis 1492 schrittweise den Süden der Iberischen Halbinsel von muslimischen Herrschern. Nach der Entdeckung Amerikas 1492 entstanden erste Kolonien in der Neuen Welt, die ebenfalls der Krone von Kastilien angehörten.
Die Vereinigung der Krone von Kastilien und der Krone von Aragonien begann 1469 als Personalunion durch die Heirat der Katholischen Könige. Sie wurde im Jahr 1516 vollendet, als der spätere Kaiser Karl V. durch Erbschaft König beider Reiche wurde und als Karl I. das Königreich Spanien begründete.
Die erste Erwähnung des Namens „Kastilien“ erscheint in einer Urkunde des Jahres 800:
In der Chronik Alfons’ III., eines Königs von Asturien im 9. Jahrhundert, heißt es:
Dieses historische Kerngebiet lag um die Stadt Burgos und wurde wohl im 7. und 8. Jahrhundert durch die Könige von Asturien erobert. Zuvor hatte es unter Herrschaft der Mauren gestanden. Kastilien wurde im 9. und 10. Jahrhundert mit Menschen aus Kantabrien, Asturien, dem Baskenland und solchen westgotischer Abstammung wiederbevölkert (repoblación); allmählich entwickelte sich ein romanischer Dialekt, das Kastilische.
Der erste Graf von Kastilien, Rodrigo, wurde im Jahr 860 von Ordoño I. von Asturien eingesetzt. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts widmete sich der Graf Gonzalo Fernández der Wiederbesiedlung der rückeroberten Gebiete. Im Jahr 931 wurden die kastilischen Grafschaften durch Graf Fernán González vereinigt, der das bisher unter der Oberhoheit des Königreich León stehende Kastilien als unabhängige und erbliche Grafschaft begründete.
Nach der Ermordung des Grafen García Sánchez, 1028, fiel Kastilien an den mit seiner Schwester Mayor verheirateten König Sancho den Großen von Navarra. Als Erbe hinterließ er im Jahr 1035 seinem Sohn Ferdinand ein verkleinertes Kastilien. In der Folge begannen jahrhundertelang andauernde Territorialkonflikte zwischen den Königreichen Navarra und dem aufstrebenden Kastilien.
Entstehung des Königreichs Kastilien (11. bis 12. Jahrhundert)
Ferdinand I. war verheiratet mit Sancha, der Schwester von Bermudo III. von León. Ferdinand provozierte im Jahr 1037 einen Krieg gegen seinen Schwager, den König Bermudo III. von León, der in der Schlacht von Tamarón fiel, und vereinigte hierauf ganz León mit seiner bisherigen Herrschaft zum Königreich Kastilien. Da Bermudo III. keine Kinder hatte, eignete sich sein Schwager Fernando I. die Krone Leóns im Namen seiner Frau an. Am 22. Juni 1038 wurde er zum König gesalbt und war somit der erste König von Kastilien. Dies war die erste Vereinigung der Königreiche Kastilien und León.
Ferdinand I. schlug in der Schlacht von Atapuerta 1054 einen Angriff seines Bruders Garcia von Navarra zurück; er vereinigte das navarresische Gebiet auf dem rechten Ebroufer mit Kastilien und erweiterte durch erfolgreiche Kämpfe mit den Arabern die Grenzen seines Reichs beträchtlich nach Süden.
Bei seinem Tode 1067 teilte er sein Reich unter seine drei Söhne, von denen Sancho II. Kastilien, Alfons VI. León und Asturien sowie García Galicien erhielt. Seine Tochter, Urraca, bekam Zamora.
Unter den Brüdern entbrannte schon bald ein Machtkampf. Sancho II. verbündete sich anfangs mit Alfons VI., und gemeinsam entrissen sie García Galicien. Später kam es aber auch zwischen ihnen zur Auseinandersetzung, die zunächst zu Sanchos Gunst zu verlaufen schien; so konnte er Alfons vertreiben und sich auch zum König von León krönen lassen. Nach seinem Tod (mutmaßlich ein Meuchelmord) im Oktober 1072 ging jedoch Alfons als Sieger hervor. Nachdem er im Jahr darauf auch den auf seinen Thron zurückgekehrten García gefangengesetzt hatte, konnte er das väterliche Erbe unter seiner Herrschaft vereinen und regierte bis zu seinem Tod die Königreiche León, Kastilien und Galicien. Im Zuge der Reconquista (Rückeroberung) führte er siegreiche Kriege gegen die Mauren.
Alfons VI. näherte sich an die anderen Königreiche in Europa an, insbesondere an Frankreich, wo seine Töchter Urraca und Teresa Raimund von Burgund und Heinrich von Burgund heirateten. Unter ihm wurde das römisch-hierarchische Kirchensystem auch in Kastilien begründet. Der Rat führte in Burgos 1080 den römischen Ritus ein, der den vorher üblichen mozarabischen Ritus ersetzte.
Nachdem Alfons’ Sohn und designierter Erbe Sancho Alfónsez 1108 in der Schlacht bei Uclés getötet worden war, rückte Urraca zur Thronfolgerin auf und wurde im Juli 1109 neue Königin. In zweiter Ehe heiratete sie im Oktober 1109 Alfons I. von Aragonien. Die damit mögliche Vereinigung beider Reiche zu einem Königreich Hispanien zerschlug sich jedoch: Einerseits wurde die Verbindung von Papst Paschalis II. abgelehnt; unter Androhung der Exkommunikation forderte er die Trennung. Andererseits hatten sich Urraca und Alfons nach wenigen Monaten voneinander entfremdet und standen sich nun in einem Machtkampf gegenüber. Nach wechselvollem Verlauf konnte Urraca sich mit Hilfe des kastilischen Adels im Frühjahr 1113 als Königin von León und Kastilien behaupten; die Ehe war bereits im Jahr zuvor vom Papst annulliert worden. Ihren Sohn Alfons VII. Raimundez ließ sie 1117 zum Imperator über ganz Spanien proklamieren.
Nach dem Tod seiner Mutter übernahm Alfons VII. 1126 die Macht. Ihm gelang die Annexion der Königreiche von Navarra und Aragonien, 1135 wurde er in Léon zum Imperator Legionensis Hispaniae („Kaiser von Spanien“) gekrönt. 1139 musste er jedoch die Unabhängigkeit von Portugal anerkennen, das sich nach einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg vom Königreich Léon-Kastilien abspalten konnte. Er setzte die Kämpfe gegen die Araber fort.
Wie in jedem mittelalterlichen Reich oblag die oberste Gewalt „durch die Gnade Gottes“ dem König. Aber von Beginn an gab es ländliche und städtische Gemeinderäte, die Entscheidungen über die Alltagsprobleme trafen.