Die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ist mit knapp 25.000 Immatrikulierten die zweitgrößte hessische Hochschule. Die Universität in Gießen wurde 1607 gegründet und hieß bis 1946 nach ihrem Gründer Ludwigs-Universität (latinisiert Ludoviciana). Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand sie ab Mai 1946 zunächst als Hochschule für Bodenkultur und Veterinärmedizin weiter. Um an die Tradition ihrer Vorgängerin anzuknüpfen, nannte sie sich nach deren berühmtestem Wissenschaftler, dem Chemiker Justus Liebig, der von 1824 bis 1852 hier als Professor lehrte. 1957 erlangte sie wieder den Status einer Universität. Sie ist die zweitälteste Volluniversität ihres heutigen Bundeslandes und war kontinuierlich Landeshochschule.
Die Justus-Liebig-Universität führt in Tradition des Antoniterklosters Grünberg in ihrem Wappen ein Antoniuskreuz.
Die Universität gehört zu den alten Hohen Schulen des deutschen Sprachgebiets. Sie entstand im zweiten großen Gründungszeitalter der mitteleuropäischen Universitäten, dem konfessionellen, das von der 1527 errichteten evangelischen Marburger Universität eingeleitet wurde.
Gründung 1607 – Landesuniversität der Landgrafschaft Hessen
Nachdem die Universität Marburg, die nach der Teilung Hessens zunächst als hessische Samtuniversität gegolten hatte, 1605 calvinistisch geworden war, gründete Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt eine eigene Hohe Schule in Gießen, die als lutherische Anstalt vorrangig die Ausbildung von Pfarrern und Beamten gewährleisten sollte. Ausgestattet mit einem Privileg Kaiser Rudolfs II., erteilt am 19. Mai 1607, nahm sie im Oktober 1607 ihren Lehrbetrieb auf. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde 1623 das längst überfällige Urteil des Reichshofrates zur Erbteilung 1605 verkündet, nach dem Ludwig V. das Gebiet um Marburg zugesprochen bekam und rückwirkend die dortigen Einkünfte erhielt. Allerdings musste zugleich die Universität in Gießen aufgehoben und an den traditionsreicheren Standort Marburg gelegt werden (1624/25). Marburg wurde 1645 von Hessen-Kassel zurückerobert, weshalb die Universität nach Gießen floh. Nach dem Westfälischen Frieden wurde 1650 die Wiederherstellung der Universität in Gießen gefeiert, während Marburg erst 1653 wieder eingerichtet wurde.
Im 17. und 18. Jahrhundert war die Ludoviciana eine typische kleine Landesuniversität mit den damals üblichen vier Fakultäten (Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie). Der Lehrbetrieb war überschaubar, etwa 20 bis 25 Professoren unterrichteten mehrere hundert Studenten, letztere waren meist „Landeskinder“. Im 18. Jahrhundert kam es – maßgeblich beeinflusst vom landesherrlichen Hof in Darmstadt – zu einer allmählichen Modernisierung der Lehrinhalte und zu Reformen im Lehrbetrieb. Vorbild für die auf den Weg gebrachten Reformmaßnahmen waren die beiden „Musteruniversitäten der Aufklärung“, die 1694 gegründete Universität Halle und mehr noch die 1734/37 in Göttingen errichtete Georgia Augusta. Allerdings waren allen Reformbestrebungen durch die knappen Finanzen des Trägerstaats Hessen-Darmstadt von vornherein Grenzen gesetzt. So war auch der beachtenswerte Aufbau einer Ökonomischen Fakultät, die von 1777 bis 1785 bestand, letztlich aus der Not geboren. In ihr waren neue praxisnahe Fächer zusammengefasst (Veterinärmedizin, Land- und Forstwissenschaft, Kameralwissenschaft), die die Universität „brauchbar“ und „einträglich“ machen sollten. Nach dem frühen Ende dieser Fakultät konnten einige dieser jungen, noch um Anerkennung ringenden Disziplinen in der Medizinischen und in der Philosophischen Fakultät fortdauern. Sie begründeten das bis heute bestehende ungewöhnlich vielfältige Fächerprofil der Universität Gießen.
19. Jahrhundert im Großherzogtum Hessen
Die Universität des seit 1806 größeren Landes, nunmehr Großherzogtums Hessen, war neben Jena der Prototyp der politisierten Vormärz-Universität. Die Studenten Karl Follen (Mitglied der „Gießener Schwarzen“) und Georg Büchner kennzeichnen den revolutionären Geist dieser Jahrzehnte. Mit der Berufung des 21-jährigen Justus Liebig zum außerordentlichen Professor 1824 durch den Großherzog – gegen den Willen der Universität auf Empfehlung Alexander von Humboldts – begann eine neue Ära in den Naturwissenschaften, nicht nur in Gießen. Junge, viel versprechende Wissenschaftler bewirkten neue Impulse in ihren jeweiligen Wissensgebieten; zu nennen sind hier unter anderem der Germanist Otto Behaghel, der Jurist Rudolf von Jhering, der Theologe Adolf von Harnack, der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen, der Psychiater Robert Sommer, der Psychologe Kurt Koffka sowie der Altertumswissenschaftler Friedrich Gottlieb Welcker.
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begann der Ausbau der Ludoviciana zur modernen Universität, es wurden die neuen Kliniken der Humanmedizin und Veterinärmedizin errichtet und die Universitätsbibliothek erhielt ihr erstes zweckmäßiges Gebäude. Mit der Errichtung eines neuen Kollegiengebäudes 1880 (heutiges Hauptgebäude) und den angrenzenden Neubauten für die Chemie und Physik entstand am Rande des damaligen Stadtgebiets ein eigenes Universitätsviertel außerhalb des Anlangenringes. Maßgeblicher Förderer dieser Bauprojekte war der letzte Großherzog Ernst Ludwig. Im Jahr 1902 überschritt die Studentenzahl erstmals die Grenze von eintausend. Unter den Studierenden befanden sich nun auch Frauen, die ab 1900 als Hospitantinnen und seit 1908 zum ordentlichen Studium an der Universität Gießen zugelassen waren.
Ab 1918/19 im Volksstaat Hessen
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs gab es auch in der Ludoviciana neue Aufbrüche und Chancen. Frauen strömten vermehrt in die Universität. 1929 wurde die renommierte Journalistin und spätere Widerstandskämpferin Dora Fabian an der Ludoviciana promoviert. Zugleich waren die Jahre der Weimarer Republik auch eine Zeit der Krisen. Unter schwierigen Rahmenbedingungen im Volksstaat Hessen seit 1919 musste die Universität mehr und mehr um ihre Existenz fürchten. Diese Situation verstärkte sich noch während des NS-Regimes, als die zunächst noch bei den Ländern verbliebenen Hoheitsrechte 1934 an das Reich übergingen und man eine einheitliche Hochschulverwaltung aufzubauen begann. Die bald nach der Machtergreifung erklärte Absicht der Reichsregierung, die Zahl der Universitäten zu verringern, bedrohte gerade kleinere Hochschulen vom Zuschnitt Gießens. Um eine mögliche Schließung abzuwenden, waren die Professoren und Dozenten der Ludwigs-Universität – teils aus Überzeugung, oft aus Opportunismus – besonders bemüht, den nationalsozialistischen Machthabern entgegenzukommen. Bücherverbrennung, die Vertreibung von Professoren aus dem Amt, die Ausgrenzung jüdischer Studierender, ein Rektor in Uniform, die Aberkennung von Doktorgraden – alles dieses führte dazu, dass akademische Werte in beschämender Weise missachtet wurden. Im Zuge der politischen „Säuberung“ der Universität zwischen 1933 und 1945 wurden 27 Angehörige des Lehrkörpers (darunter eine Frau) entlassen (13,8 % des Lehrkörpers). Unter den vertriebenen Hochschullehrern befand sich der Internist Franz Soetbeer, der 1943 in Gestapohaft Suizid beging. Der starke Rückgang der Studentenzahlen und extreme Umschichtungen, durch die einzelne Fakultäten entgegen dem universitären Grundgedanken bevorzugt wurden, stellten den Fortbestand der Ludwigs-Universität weiter in Frage, bevor im Dezember 1944 Stadt und Universität Gießen durch Bombenangriffe zu einem großen Teil zerstört wurden.
Ab 1945/46 im Staat Groß-Hessen/Land Hessen
In langwierigen Verhandlungen mit der Regierung des neuen Landes Groß-Hessen und dem Universitätsoffizier der amerikanischen Besatzungsmacht Edward Hartshorne zeichnete sich in den ersten Nachkriegsmonaten 1945 das Ende der Ludwigs-Universität ab. An ihre Stelle trat im Mai 1946 die Hochschule für Bodenkultur und Veterinärmedizin (seit 1950 Justus-Liebig-Hochschule), später auch die Akademie für Medizinische Forschung und Fortbildung mit den für die Nachkriegszeit relevantesten Disziplinen. Im Jahr 1957 wurde mit der Reintegration der 1946 verloren gegangenen Fächer in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften der volle Universitätsstatus wiederhergestellt und die Justus-Liebig-Hochschule in Justus-Liebig-Universität umbenannt. Eine beispiellose Wachstumsphase begann, in der sich die Professorenzahl verzehnfachte und die Studentenzahl verzwanzigfachte. Dazu trug auch die vollständige Integration der Lehrerausbildung für Grund-, Haupt- und Realschulen, die erst noch in der eigenständigen Hochschule für Erziehung (HfE) ab 1960 stattfand, im Jahr 1967 wesentlich bei. Vor allem deswegen wuchs die Zahl der Studentinnen ab den 1960er Jahren stark an. Heute liegt der Anteil der weiblichen Studierenden in Gießen bei ca. 66 Prozent. Ab 1974 wuchs die Justus-Liebig-Universität zur zweitgrößten hessischen Hochschule heran.