Justin Pierre James Trudeau ([ʒystɛ̃ try'do]; * 25. Dezember 1971 in Ottawa, Ontario) ist ein kanadischer Politiker. Er war vom 4. November 2015 bis 14. März 2025 der 23. Premierminister Kanadas, als Partei- und Regierungschef folgte ihm der Ökonom Mark Carney nach. Trudeau ist der älteste Sohn von Pierre Trudeau, der von 1968 bis 1984 (mit kurzer Unterbrechung) ebenfalls Premierminister Kanadas war. Von April 2013 bis März 2025 war er Vorsitzender der Liberalen Partei Kanadas. Zwischen 2008 und 2025 vertrat er den in Montreal liegenden Bundeswahlkreis Papineau im Kanadischen Unterhaus.
Jugend und politischer Aufstieg
Justin Trudeau wurde am 25. Dezember 1971 in Ottawa als Sohn von Pierre (1919–2000) und Margaret Trudeau (* 1948), geborene Sinclair, im Ottawa Civic Hospital geboren und in der Kathedralbasilika Notre Dame in Ottawa getauft.
Er hatte zwei jüngere Brüder, Alexandre („Sacha“, * 1973) und Michel (1975–1998). Michel kam im November 1998, rund zwei Wochen vor seinem 23. Geburtstag, bei einem Lawinenunglück ums Leben. Trudeaus Großvater väterlicherseits war der Unternehmer Charles-Émile Trudeau. Trudeaus Großvater mütterlicherseits war der in Schottland geborene Politiker James Sinclair, der von 1940 bis 1949 im Kabinett von Premierminister Louis Saint-Laurent Fischereiminister war. Trudeaus Eltern trennten sich 1977. Die Scheidung wurde 1984 rechtsgültig, in dem Jahr, in dem sich Pierre Trudeau aus der Politik zurückzog. Justin und seine Brüder wuchsen danach bei ihrem Vater in Montréal auf.
Trudeau studierte an der McGill University Literaturwissenschaft und schloss 1994 sein Studium als Bachelor of Arts ab. An der University of British Columbia erwarb er 1998 einen Abschluss als Bachelor of Education. Danach unterrichtete er in Vancouver an den High Schools West Point Grey Academy und Sir Winston Churchill Secondary School Sozialkunde, Mathematik und Französisch. Von 2002 bis 2003 studierte er Ingenieurwesen an der Université de Montréal. Im Jahr 2005 begann er einen Master-of-Arts-Studiengang in Umweltgeographie an der McGill University, den er 2006 abbrach, um in die Politik zu gehen.
Im Oktober 2000 wurde Trudeau (damals 28 Jahre alt) durch seine Trauerrede beim Staatsbegräbnis für seinen Vater einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Im Jahr 2007 spielte er eine Hauptrolle in der zweiteiligen TV-Produktion The Great War des Senders CBC über die Beteiligung Kanadas am Ersten Weltkrieg. Er porträtierte dort Major Talbot Mercer Papineau, der am 30. Oktober 1917 in der Schlacht von Passchendaele fiel.
Soziales und humanitäres Engagement
Trudeau nutzte seinen Status und die Bekanntheit seines Namens für karitative Zwecke. Zusammen mit seiner Familie war er im Jahr 2000, zwei Jahre nachdem sein Bruder Michel im Skiurlaub ums Leben gekommen war, an der Gründung der Kokanee Glacier Alpine Campaign für Sicherheit im Wintersport beteiligt.
2002 kritisierte Trudeau die Entscheidung der Regierung der kanadischen Provinz British Columbia, die Finanzierung eines Lawinenwarnsystems einzustellen.
Von 2002 bis 2006 war er Vorsitzender des Jugendprogramms Katimavik, das in der Regierungszeit seines Vaters gegründet worden war.
Während der Haushaltsdebatte 2012 verteidigte er das Projekt, dessen finanzielle Unterstützung von der konservativen Regierung unter Premierminister Stephen Harper gestrichen wurde.
Im Jahr 2003 war er Diskussionsteilnehmer in der von CBC/Radio-Canada ausgestrahlten Serie Canada Reads/Le combat des livres. Er vertrat dort das Buch Die Kolonie der unerfüllten Träume von Wayne Johnston. Trudeau und sein Bruder Alexandre eröffneten im April 2004 das Trudeau Centre for Peace and Conflict Studies an der University of Toronto. Heute gehört es zur Munk School of Global Affairs. Im Jahr 2005 kämpfte Trudeau gegen eine Zink-Mine; die seiner Meinung nach den South Nahanni River, der zum UNESCO-Weltnaturerbe im Nahanni-Nationalpark gehört, vergiftete. Im September 2006 war Trudeau der Conférencier einer von Roméo Dallaire organisierten Kundgebung, die die Beteiligung Kanadas an der Beilegung des Darfur-Konfliktes forderte.
Trudeau unterstützt die Liberale Partei Kanadas seit seiner Jugend. So warb er z. B. als Siebzehnjähriger bei der Unterhauswahl von 1988 für deren Kandidaten, John Turner, der sich gegen Brian Mulroney jedoch nicht durchsetzte. Zwei Jahre später verteidigte er auf einer Studentenveranstaltung am Collège Jean de Brébeuf, einer angesehenen Jesuitenschule in Montréal, die schon sein Vater besucht hatte, den kanadischen Föderalismus.
Nach dem Tod seines Vaters wuchs das Engagement Trudeaus in seiner Partei. Mit der Olympiasportlerin Charmaine Crooks moderierte er auf dem Parteitag 2003 eine Ehrung des scheidenden kanadischen Premierministers, Jean Chrétien. Nach der verlorenen Unterhauswahl von 2006 wurde er zum Vorsitzenden einer Arbeitsgruppe ernannt, deren Aufgabe die Rückgewinnung jugendlicher Wähler sein sollte.
Im Oktober 2006 kritisierte er den Québecer Separatismus, indem er politischen Nationalismus als eine „alte Idee aus dem 19. Jahrhundert“ bezeichnete, die auf Kleingeistigkeit beruhe und für ein modernes Québec nicht relevant sein dürfe. Dies wurde als Kritik an Michael Ignatieff gewertet, der für den Vorsitz der Liberalen Partei kandidierte und Québec als eigenständige Nation bezeichnete.
Anschließend schrieb Trudeau einen offenen Brief, in dem er die Idee eines unabhängigen Québecs als „gegen alles, an das mein Vater jemals geglaubt hat“ bezeichnete. Unter Pierre Trudeau war die Gleichberechtigung des Französischen mit dem Englischen in ganz Kanada durchgesetzt worden, um einen Ausgleich zwischen beiden Bevölkerungsgruppen zu schaffen, die vielfach diskriminierten Frankokanadier zu integrieren und zugleich Unabhängigkeitsbestrebungen und Aufständen vorzubeugen.
Entgegen der Kritik Trudeaus am Québecer Nationalismus wurden die Québecer 2006 vom kanadischen Staat offiziell als „Nation in einem vereinten Kanada“ anerkannt, was ihnen symbolisch einen Sonderstatus einräumt, zugleich aber den in den 1960er/70er Jahren geschaffenen Ausgleich bestätigen und festigen soll: Einerseits sind die Québecer demnach eine eigene Nation, andererseits sind sie in ein Kanada eingebunden, das mehrere Provinzen und Bevölkerungsgruppen in sich vereint.
Kurz vor dem Parteitag von 2006 gab Trudeau bekannt, dass er Gerard Kennedy bei dessen Bewerbung um den Parteivorsitz unterstützen werde. Als Kennedy nach dem zweiten Wahlgang ausschied, stellten sich Trudeau und Kennedy hinter Stéphane Dion, der die Wahl schließlich gewann.