Julius „Juller“ Hirsch (* 7. April 1892 in Achern; zum 8. Mai 1945 für tot erklärt) war ein deutscher Fußballspieler. Hirsch wurde 1910 mit dem Karlsruher FV sowie 1914 mit der SpVgg Fürth Deutscher Meister und spielte zwischen 1911 und 1913 siebenmal für die A-Nationalmannschaft. Als Jude wurde er im März 1943 von den Nationalsozialisten nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet. Sein genaues Todesdatum ist unbekannt; er wurde 1950 rückwirkend zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.
Julius Hirsch entstammte einer jüdischen Familie. Sein 1808 in Weingarten geborener Großvater Rafael Hirsch war das erste Familienmitglied, das diesen Namen annahm. Der Vater von Julius Hirsch, Berthold Hirsch, war das zweite Kind der Bauernfamilie. Berthold Hirsch, gelernter Kaufmann und als Soldat im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 beteiligt, war deutsch-national eingestellt und erzog seine vier Söhne in diesem Sinne.
Julius Hirsch wurde als jüngster der vier Söhne und eines von sieben Kindern während eines Kuraufenthaltes seiner Mutter in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau im mittelbadischen Achern geboren. 1898 wurde er in Karlsruhe eingeschult und beendete seine Schulzeit mit der Mittleren Reife. Im Anschluss besuchte er eine Handelsschule und schloss danach eine zweijährige Lehre als Kaufmann bei der Karlsruher Lederhandlung Freud und Strauss am 1. Oktober 1908 ab. Bei dieser Firma war er noch bis zum 22. März 1912 beschäftigt.
Noch als Schüler trat Hirsch 1902 dem Karlsruher FV bei. Dessen erste Mannschaft zählte in den Anfangsjahren des Fußballs in Deutschland zu den stärksten. Von 1901 bis 1905 gewann der KFV fünfmal in Folge die süddeutsche Meisterschaft und wurde 1905 deutscher Vizemeister. Im selben Jahr verließ die Mannschaft den angestammten Engländerplatz, wo „Juller“ das Fußballspielen erlernt hatte, zugunsten des neugebauten und mit einer Zuschauertribüne ausgestatteten KFV-Platzes an der Telegrafenkaserne in der Karlsruher Nordweststadt.
Im Alter von 17 Jahren gehörte Julius Hirsch erstmals der Stammformation des KFV an. Dem im Januar 1909 aus Prag nach Karlsruhe berufenen englischen Trainer William Townley fehlte für ein Sonntagsspiel gegen Freiburg ein Linksaußen für die damals schon etwas in die Jahre gekommene Mannschaft, so dass der Jugendspieler seine erste Bewährungschance erhielt. Hirsch lieferte ein gutes Spiel ab und schoss ein Tor, so dass Townley ihn fortan in der ersten Mannschaft einsetzte. In dieser Saison 1909/10 lieferte sich die Mannschaft in der Südkreisliga ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Lokalrivalen und deutschen Meister des Vorjahres, dem Karlsruher FC Phönix. Der KFV konnte sich schließlich durch ein 3:0 in einem Entscheidungsspiel durchsetzen, erreichte damit die Endrunde und gewann schließlich das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft 1910 am 15. Mai in Köln durch ein 1:0 nach Verlängerung gegen Holstein Kiel.
Der kleine, schnelle Hirsch war für seine gebückte Laufhaltung und einen starken linken Schuss bekannt. Er begann auf der Linksaußenposition, wechselte aber schon bald auf Halblinks. Zusammen mit Gottfried Fuchs und Fritz Förderer bildete er das Innensturmtrio des Karlsruher FV, das auch gemeinsam in der Nationalmannschaft zum Einsatz kam.
„Vor allem der Karlsruher Innensturm Förderer, Fuchs, Hirsch, dem damals ein sagenhafter Ruf vorausging, imponierte mir mit seinen technischen Kunststückchen und bestechenden Kombinationszügen so sehr, dass ich sie heute noch in der Erinnerung nachziehen könnte“, äußerte sich der spätere Bundestrainer Sepp Herberger, der als Jugendlicher Spiele des KFV besucht hatte, über das Stürmergespann. Aus der „Wettspielchronik des Karlsruher Fussball-Vereins e. V.“ geht hervor, dass Hirsch zwischen dem 21. August 1910 und dem 21. September 1913 für die 1. Mannschaft des Vereins 81 Spiele bestritt, davon 54 gemeinsam mit Förderer und Fuchs, außerdem ein Spiel für die 2. Mannschaft.
1910, 1911 und 1912 gewann Hirsch mit dem Karlsruher FV dreimal in Folge die süddeutsche Meisterschaft und stand 1912 erneut im deutschen Meisterschaftsfinale gegen Kiel, das jedoch mit 0:1 verloren ging. Am 18. Februar 1912 gewann er mit der süddeutschen Auswahlmannschaft in Berlin das Endspiel um den Kronprinzenpokal, bei dessen 6:5-Sieg er zwei, Gottfried Fuchs drei Tore beitrug.
Aufgrund seiner Leistungen wurde Hirsch in die A-Nationalmannschaft berufen. Sein Debüt gab er am 17. Dezember 1911 in München bei der 1:4-Niederlage gegen die Auswahl Ungarns. In seinem zweiten Länderspiel am 24. März 1912 in Zwolle erzielte er beim 5:5-Unentschieden gegen die Auswahl der Niederlande als erster deutscher Nationalspieler vier Tore in einem Spiel; es blieben seine einzigen im Nationaltrikot.
Dieses Spiel, in dem neben Fuchs sieben weitere KFV-Spieler sowie zwei Außenstürmer des Lokalrivalen FC Phönix antraten, wurde von Fachleuten zu den besten Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft vor dem Ersten Weltkrieg gezählt. Diesem Einsatz verdankte Hirsch auch die Nominierung für die Mannschaft, die dann beim olympischen Fußballturnier 1912 spielen sollte. Hirsch bestritt zwei der drei Begegnungen der deutschen Elf, die allerdings gegen die Auswahlen Österreichs mit 1:5 und Ungarns mit 1:3 verloren wurden. Beim 16:0-Sieg gegen die Auswahl Russlands, bei dem Gottfried Fuchs zehn Tore erzielte, fehlte er.
Inzwischen war Hirsch zum Wehrdienst eingezogen worden: Ab April 1912 absolvierte Hirsch seine Dienstzeit als Einjährig-Freiwilliger beim 1. Badischen Leib-Grenadier-Regiment Nr. 109. Unmittelbar danach zog es ihn nach Nürnberg, wo er eine Stelle bei der Spielwarenfabrik Gebrüder Bing AG antrat. Unklar ist, ob dieser Ortswechsel der Liebe zu seiner späteren Ehefrau Ella geschuldet war, ob ihn die berufliche Verbesserung lockte oder der Ruf seines ehemaligen KFV-Trainers William Townley, der mittlerweile für die SpVgg Fürth tätig war. Fußballerisch knüpfte Hirsch nahtlos an seine Leistungen des Vorjahres an. 1913 folgten drei weitere Einsätze in Länderspielen gegen die Schweiz (1:2), Dänemark (1:4) und Belgien (2:6). Mit der SpVgg Fürth, deren Kapitän er war, wurde er 1914 durch einen 3:2-Sieg nach Verlängerung gegen den VfB Leipzig erneut Deutscher Meister.
Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit
Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs diente er ab dem 7. August 1914 als Soldat und war vier Jahre lang an verschiedenen Kriegseinsätzen beteiligt. Zuletzt hatte er den Rang eines Vizefeldwebels erreicht und wurde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
Nach Kriegsende war Hirsch zunächst bis zum 30. März 1919 wieder bei der Nürnberger Bing AG tätig, danach kehrte er zurück nach Karlsruhe und arbeitete ab dem 1. April in der Deutschen Signalflaggenfabrik seines Vaters. Das Unternehmen war, nachdem es im Krieg neben Flaggen auch Uniformen und Lederausrüstung für das Militär, die Polizei und die Post produziert hatte, auf die Fabrikation von Sportartikeln und Lederwaren aller Art umgestiegen. Die Marke „Hirsch“ wurde unter anderem für ihre Lederfußbälle bald weltweit bekannt.
Als Fußballspieler war er ab 1919 wieder für den Karlsruher FV aktiv. Der Verein konnte jedoch nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Julius Hirsch beendete schließlich 1925 seine aktive Fußballlaufbahn. Neben den zwei Meistertiteln hatte Julius Hirsch vier süddeutsche Meisterschaften gefeiert und war siebenmal für die deutsche Nationalmannschaft angetreten, davon zweimal bei Olympischen Spielen.
Julius Hirsch hatte 1920 Ella Karolina Hauser geheiratet. Die gebürtige Karlsruherin, Tochter eines Gastwirts aus Heidelsheim, war beruflich Modistin und arbeitete als Chefverkäuferin in einem Textilfachgeschäft. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Heinold Leopold (1922–1996) und Esther Carmen (1928–2012) hervor. Ella Hauser war evangelisch, die gemeinsamen Kinder wurden dennoch jüdisch erzogen. Nach der Geburt des Sohnes lebte die Familie in der Kaiserallee 123 in der Weststadt, 1934 wechselte sie ihren Wohnsitz nach Karlsruhe-Weiherfeld, Murgstraße 7.
1926 übertrug der Vater Berthold Hirsch seine Geschäftsanteile an seine beiden Söhne Max und Julius. Im Jahr darauf erwarb auch Gottfried Fuchs, KFV-Weggefährte von Julius Hirsch und beruflich als Holzfabrikant tätig, Anteile an der Firma. Durch den Tod des Vaters 1931 wurden die beiden Brüder alleinige Gesellschafter. Der Betrieb musste wegen Forderungen aus einer Bürgschaft, die Max Hirsch gegeben hatte, jedoch liquidiert werden, das Konkursverfahren wurde am 10. Februar 1933 eröffnet. Dadurch verlor Julius Hirsch seinen Arbeitsplatz als Geschäftsführer der Deutschen Signalflaggenfabrik.