Juliane Déry (eigentl. Deutsch bzw. Decsy, * 10. Juli 1861 in Baja, Kaisertum Österreich; † 31. März 1899 in Berlin) war eine deutschsprachige Schriftstellerin und Dramatikerin.
Juliane Déry wurde am 10. Juli 1861 als Julia Deutsch in Baja im Süden Ungarns geboren. Sie entstammte einer ungarischsprachigen jüdischen Familie und war eines von acht Kindern. Ihr Vater Mór Deutsch war als Kaufmann tätig; der Name ihrer Mutter ist nicht überliefert. Déry besuchte zunächst eine jüdische Volksschule in Baja, wo sie durch ihre schnelle Auffassungsgabe und ihren Fleiß auffiel. 1873 siedelte die Familie nach Wien über. Im selben Jahr nahm sich Dérys Vater das Leben, wodurch ihre Familie in erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet. Am 17. Juni 1877 trat Déry aus der jüdischen Gemeinde aus und wurde am 26. Juni evangelisch getauft. Der Familienname wurde zu Decsy madjarisiert. 1882 nahm sie gemeinsam mit weiteren Familienmitgliedern den Namen Déri an. In Wien besuchte Déry die Mädchenbürgerschule und absolvierte anschließend eine Lehrerinnenausbildung im Kloster St. Anna. Sie erwarb ein entsprechendes Diplom, übte den Beruf jedoch nach bisherigem Kenntnisstand nicht aus. Stattdessen wandte sie sich zunehmend der Literatur und insbesondere dem Theater zu. Sie verkehrte in den literarischen Kreisen Wiens und begegnete unter anderem dem jungen Arthur Schnitzler, der damals noch nicht in die Öffentlichkeit getreten war.
1890 ging Déry nach Paris. Auf Initiative von Prinzessin Mathilde erhielt sie dort Zugang zu literarischen Kreisen und war unter anderem Gast im Salon von Juliette Adam. 1893 verließ sie Paris und hielt sich vorübergehend in Coburg auf, wo sie von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha gefördert wurde.
1895 zog Déry nach München, wo sich der literarische Naturalismus bereits etabliert hatte. Dort pflegte sie Umgang mit den Schriftstellern aus dem Umfeld der Zeitschrift Die Gesellschaft und stand in Kontakt mit Franz von Stuck bekannt, der sie mehrfach porträtierte.
1898 übersiedelte Déry nach Berlin. Nachdem ihre Verlobung gelöst worden war, beging sie 1899 durch einen Sturz aus dem Fenster Suizid. Als weiterer möglicher Beweggrund werden die gegen Déry erhobenen Spionagevorwürfe im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre genannt.
In der Forschung wird Dérys Biografie aufgrund ihrer unterschiedlichen sprachlichen, nationalen und kulturellen Zugehörigkeiten als transkulturell beschrieben. Die damit verbundene Schwierigkeit einer eindeutigen Selbstverortung kommt auch in einer überlieferten Äußerung Dérys zum Ausdruck: „Was bin ich, Jüdin oder Katholikin, Ungarin oder Deutsche? Und was soll ich werden, Schauspielerin oder Schriftstellerin? Aber nein, ich bin ja die Tochter eines ehrbaren Hauses und will nichts, als ein ruhiges Glück an der Seite eines geliebten Mannes. Soll ich Alles sein lassen und heiraten?“
Bereits als Schülerin unternahm Juliane Déry erste literarische Versuche und verfasste Gedichte in ungarischer Sprache. Den Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn markierte die Novelle Meine Braut, die sie 1887 anonym an den Schriftsteller und Publizisten Karl Emil Franzos sandte. Franzos erkannte ihr literarisches Talent und veröffentlichte die Erzählung 1888 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Deutsche Dichtung. Die positive Resonanz auf ihre erste Veröffentlichung ermutigte Déry, ihre schriftstellerische Tätigkeit fortzusetzen, und begründete zugleich eine langjährige Korrespondenz mit Franzos.
Noch im selben Jahr erschienen im Stuttgarter Verlag Bonz der Novellenband Hoch Oben sowie Die Verlobung bei Pignerols. Bereits in ihren frühen Prosaarbeiten zeichneten sich thematische Schwerpunkte ihres Schaffens ab. Neben den Klassenunterschieden des ausgehenden 19. Jahrhunderts setzte sich Déry mit ungleichen Geschlechterverhältnissen auseinander. Ihre weiblichen Figuren werden dabei häufig als moralisch überlegen und willensstark charakterisiert, während die männlichen Figuren eher unentschlossen erscheinen. Ein wiederkehrendes Motiv ist die von einem Mann verlassene Frau.
Während ihres Aufenthalts in Paris von 1890 bis 1893 wandte sich Déry verstärkt dem Naturalismus zu und bewegte sich im Umfeld der französischen Literaturszene. In diese Zeit fällt auch die Veröffentlichung ihres Novellenbands Ohne Führer, der 1891 im Stuttgarter Verlag Bonz erschien. Der Band enthält unter anderem die bereits am 15. März 1889 in der Deutschen Dichtung veröffentlichte Erzählung Die Einwilligung sowie die Novelle Am Kreuzweg, in der Déry das Leben in Wiener Bürgerkreisen thematisiert.
Dérys Novelle Russland in Paris erschien 1893 zunächst in der Zeitschrift Die Gesellschaft und zwei Jahre später gemeinsam mit weiteren Novellen in ihrem dritten Novellenband Die Katastrophe. Ebenfalls 1893 wurde der Einakter Verlobung bei Pignerols am Hoftheater in Coburg uraufgeführt, wo Déry von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha protegiert wurde. Weitere Vorstellungen des Stücks folgten unter anderem am Residenztheater in Berlin.
In München war Juliane Déry an der Gründung des Intimen Theaters beteiligt. Die Proben und die Premiere der ersten Vorstellung Die Gläubiger von August Strindberg „[…] fanden in dem eleganten Salon der ungarischen Dichterin Juliane Déry in der Münchner Briennerstraße unweit des Wittelsbacher Platzes statt.“ Bei der Premiere wirkte sie selbst als Schauspielerin mit. Während ihrer Zeit in München war Déry außerdem Mitarbeiterin der Neuen Deutschen Rundschau.
In ihren späteren Schaffensjahren wandte sich Déry mit dem Gedicht Die selige Insel (1897) verstärkt der Lyrik zu. Kurz vor ihrem Tod vollendete Déry das Drama Pußtastürme, das zunächst von den großen Berliner Bühnen abgelehnt wurde. Der Theaterkritiker Paul Schlenther plante jedoch eine Aufführung im Rahmen der Freien Bühne. Noch am Abend ihres Suizids sandte Déry das Manuskript Der Wind liegt schlecht an die Münchner Kunst- und Literaturzeitschrift Jugend und bat darum, ihre, wie sie selbst schrieb, „letzte kleine Arbeit“ zu veröffentlichen. Der Text erschien wenige Wochen später postum.
Juliane Déry und ihr Werk fanden zu ihren Lebzeiten wiederholt Beachtung in der zeitgenössischen Presse. Eine Einschätzung ihrer damaligen Bedeutung und ihrer künftigen Rezeption findet sich im Prager Tagblatt vom 7. April 1899, das wenige Tage nach ihrem Tod erschien. Dort heißt es über Déry: „[…] ‚man‘ nennt ihren Namen. Das Publikum beschäftigt sich mit ihr. Zeitungen bringen bereits ihr Bild. Wochenschriften und illustrierte Blätter werden folgen. Es werden ihr zahlreiche lange Nekrologe gewidmet […].“
In der Rezeption wurde insbesondere Dérys humorvolle Auseinandersetzung mit der Wiener Aristokratie hervorgehoben. Simone Helen führt in der 1899 erschienenen Schriftenreihe Ethische Kultur die ersten beiden Novellenbände Hoch oben (1888) und Ohne Führer (1891) als Beispiele dafür an, wie Déry gesellschaftliche Ungleichheiten auf unterhaltsame Weise thematisiert. Auch Karl Emil Franzos äußerte sich in der Literaturzeitschrift Deutsche Dichtung zu den beiden Novellenbänden. Nach Franzos schilderte Déry die österreichischen Adelskreise „[...] mit einer Lebenstreue, die von keinem anderen Autor überboten, von einem einzigen – der Ebner-Eschenbach – erreicht wird.“
Dérys Dichtung Die Prophezeiung wurde 1893 unter 111 Einsendungen mit dem ersten Preis eines Wettbewerbs der Österreichischen Musik- und Theaterzeitung ausgezeichnet. Neben der Bekanntgabe Dérys als Preisträgerin enthielt die Zeitung eine Würdigung ihres literarischen Schaffens und äußerte die Hoffnung, sie werde „[...] zur Bereicherung und zum Segen der deutschen Literatur noch viele herrliche Werke schaffen.“
Auch Dérys dramatische Werke wurden in der zeitgenössischen Presse rezipiert. Zeitungsankündigungen und Rezensionen dokumentieren Aufführungen ihrer Stücke an verschiedenen Bühnen, darunter Es fiel ein Reif am Münchner Hof- und Nationaltheater am 9. November 1895 sowie Die sieben mageren Kühe am Berliner Residenztheater. Die Uraufführung von Die Verlobung bei Pignerols in Coburg wurde 1891 in der Wiener Presse als „lebhafter Erfolg“ bezeichnet.