Juana Manuela Gorriti (* 16. Juli 1816 in Horcones, Departamento Rosario de la Frontera, Provinz Salta; † 6. November 1892 in Buenos Aires) war eine argentinische Schriftstellerin und Journalistin. Sie verbrachte viele Jahre ihres Lebens in Peru und wird daher auch zu den Vertretern der peruanischen Literatur gezählt.
Geboren wurde Juana Manuela Gorriti 1816 in der Provinz Salta, im äußersten Nordwesten von Argentinien. Ihre Jugend verbrachte Gorriti als Exilantin in Bolivien, als reife Frau lebte sie lange Jahre in Lima und im Alter wohnte sie in verschiedenen Hotels in Buenos Aires, so dass sie von sich selbst sagte, sie fühle sich als „ewige Fremde, außerhalb und innerhalb meiner Heimat“. Daher ist auch ihre alternative Zuordnung zu einer der beiden Nationalliteraturen von Argentinien oder Peru schwierig.
Gorriti wuchs auf einem großen, schlossähnlichen Landgut auf, dem Castillo de Miraflores in der Nähe von Salta. Ihr Vater, José Ignacio de Gorriti, war General des argentinischen Unabhängigkeitskrieges gegen das Mutterland Spanien sowie Abgeordneter und stammte aus einer der reichsten Familien seiner Provinz. Er hatte jedoch sein ganzes Vermögen in die Unabhängigkeitsbewegung investiert, wurde aber später im Verlauf des sich anschließenden Bürgerkriegs mit Schimpf und Schande, sogar unter dem Vorwurf des Vaterlandsverrats, davongejagt. Er musste 1831 ins Exil nach Bolivien flüchten und sein Vermögen wurde 1832 per Gesetzesbeschluss konfisziert. Juana Manuela blieb Autodidaktin, da sie als rebellisches Kind systematischen Schulbesuch verweigerte. Sie wurde von ihren Eltern nach Salta geschickt, in die Klosterschule der Salesianerinnen, denn der Vater war Befürworter der Frauenbildung. Zu diesem Zweck musste sie erst entwöhnt werden, denn sie wurde im Alter von 7 Jahren noch immer von ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester gestillt. Sie hielt es in der strengen Schulordnung nicht aus und wurde wieder zurück aufs Land geschickt, wo sie frei und ungebändigt umherlief. Sie erlebte die Wirren des Unabhängigkeitskrieges mit, denn all ihre Verwandten und deren Freunde waren darin zutiefst verwickelt, zum Beispiel Martín Miguel de Güemes. Vieles davon fand später Eingang in ihre literarischen Werke, oft mit phantastischen Elementen verbrämt. Sie war eifrige Leserin romantischer Werke und Verehrerin von George Sand; wie diese verkleidete sie sich auf ihren Reisen als Mann.
Gorriti heiratete am 20. April 1833, mit 16 Jahren, den 22-jährigen bolivianischen Offizier Manuel Isidoro Belzú, der den Romanhelden ihrer Lieblingsautoren Alexandre Dumas, Walter Scott, Stendhal glich; Belzú führte ein abenteuerliches Leben zwischen Aufständen und Revolutionen. Sein Vorbild war Giuseppe Garibaldi in Italien, er vertrat demokratische Ideen, war selbst ein einfacher Mann aus dem Volk und bei den Indios sehr beliebt – er wurde von ihnen „Tata Belzú“ (Vater Belzú) genannt und wie ein Heiliger verehrt, er wollte Land für alle und die Aristokratie stürzen. Belzú sollte später General und 1848 Präsident von Bolivien werden. Mit ihm zog sie von einer Garnison zur anderen (Sucre, Potosí, La Paz, Oruro), eröffnete mehrere literarische Salons und führte während der Abwesenheit ihres Mannes ein ungebundenes, für damalige Verhältnisse exzentrisches Gesellschaftsleben. In kurzen Abständen wurden ihre gemeinsamen Töchter geboren: am 2. Februar 1834 Edelmira und im Jahr darauf Mercedes.
Juana Manuela verließ ihren Mann schließlich 1841, weil ihre Charaktere offenbar unvereinbar waren. Mit noch nicht 25 befand sie sich bereits im Exil in Peru, zunächst in Arequipa, später in Lima; nach der Trennung von ihrem Mann führte sie als alleinstehende Frau ein recht freizügiges Leben. Die ältere ihrer beiden ehelichen Töchter, Edelmira, lebte von da an bei ihrem Vater in Bolivien, die jüngere, Mercedes, bei ihrer Mutter in Peru. Juana Manuela Gorriti nannte sich, wie es im spanischsprachigen Bereich für eine verheiratete Frau üblich ist, nie mit seinem Namen als Zusatz (also: „Gorriti de Belzú“). Erst nach seinem gewaltsamen Tod am 23. März 1865 nahm sie wieder die Rolle der Ehefrau ein: Sie war zufällig in La Paz und trat, als sie von dem Mord erfuhr, in einer dramatischen Szene seinen Mördern gegenüber und holte den Leichnam in ihr eigenes Haus. Kurz danach widmete sie Belzú eine biographische Skizze, in der sie ihre Rolle als Ehefrau nur andeutete, sogar von sich selbst wie von einer Fremden in der dritten Person sprach.
1842 kehrte sie für kurze Zeit in ihre Heimatstadt zurück; sie bewältigte die beschwerliche Reise von Bolivien nach Salta über die Anden als Mann verkleidet. Statt des Schlosses Miraflores fand sie aber nur noch dessen Ruinen vor, was sie zu der Erzählung Gubi Amaya inspirierte; dieses Erlebnis war ein schwerer Schock für sie.
1848 übersiedelte sie nach Lima, in einer Zeit, als die ehemalige Hauptstadt des Vizekönigreiches und nunmehr der Republik Peru wirtschaftlich florierte, eine Stadt in Umbruchstimmung war, zur Zeit der Einführung von Gasbeleuchtung, Eisenbahn – der ersten Lateinamerikas – und Dampfschifffahrt. Diese Modernisierung, die tiefgreifenden gesellschaftlichen Änderungen, das Neue spiegeln sich in ihrem Werk, vor allem in ihren Chroniken wider, die Chroniken des Fortschritts sind.
Später bekam sie noch zwei uneheliche Kinder, Julio und Clorinda, von einem wesentlich jüngeren Mann namens Julio de Sandoval. Er taucht zwar in keinem ihrer Werke auf, auch nicht in den Erinnerungen, sie lebte aber zehn Jahre lang in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts glücklich mit ihm zusammen. Nach 1860 brachte sie – wahrscheinlich von einem anderen Vater – noch einen namentlich nicht bekannten Sohn zur Welt, der früh starb. Sie unterhielt eine prestigeträchtige Privatschule, in die die besten Familien Limas ihre Töchter schickten, und konnte so ihren Unterhalt selbst finanzieren. 1866, anlässlich eines Überfalls der spanischen Flotte auf den Hafen Callao, tat sich Gorriti als Sanitäterin hervor und bekam dafür von der peruanischen Regierung eine Goldmedaille. Bald danach starb ihr kleiner Sohn, dann auch Clorinda.
Im Februar 1875 reiste sie per Schiff nach Buenos Aires, wo sie mit der radikalen Feministin Juana Manso de Noronha zusammentraf und schließlich von verschiedenen Seiten halbherzig geehrt wurde: Senat und Abgeordnetenkammer verabschiedeten ein eigenes Gesetz als Entschädigungsregelung für die Enteignung ihres Vaters. Von da an bekam sie eine staatliche Pension von 200 Pesos als Wiedergutmachung; das empfand sie jedoch als „Almosen“, zumal sie sich dafür verpflichten musste, in Argentinien zu bleiben. Sie benötigte eine offizielle Erlaubnis, um noch einmal für ein Jahr nach Lima zurückgehen zu dürfen. Von ihren Schriftstellerkollegen erhielt sie am 18. September 1875 ein Poesiealbum mit sechzig eigens für sie geschriebenen Gedichten, und die Damen von Buenos Aires organisierten am 24. September eine Zeremonie, bei der sie ihr einen goldenen Stern überreichten. Im November desselben Jahres kehrte Gorriti nach Lima zurück, wo sie begeistert empfangen wurde.
1876 wurde der Salon Juana Manuela Gorritis in Lima begründet, eine Einrichtung, in der es sowohl um Wissen als auch um den ästhetischen Genuss dieses Wissens ging. ‚Krönungen‘ von Dichtern und Dichterinnen wie z. B. Clorinda Matto de Turner (1877) fanden statt, es wurden literarische Wetten abgeschlossen, das Welt- und Selbstverständnis einer Avantgarde formulierte sich dort in geselligem Beisammensein aus. Eine große Zahl der Teilnehmer waren Frauen, dabei wurden außerordentlich viele „Frauenthemen“ behandelt, weswegen Gorriti auch als Vorläuferin der feministischen Bewegung in Lateinamerika gilt. Der Salon war sozusagen „Vorzimmer der literarischen Öffentlichkeit“. Erstmals meldeten sich Frauen als Gruppen zu Wort, verfingen sich aber noch oft im „Diskurs des schlechten Gewissens“, so als müssten sie sich rechtfertigen, wenn sie etwas taten, das in den Rollenzuschreibungen für Frauen im 19. Jahrhundert nicht vorgesehen war. Das Geschehen in diesem privaten Salon nahm im kulturellen Leben Limas einen so großen Stellenwert ein, dass davon wie von Opernaufführungen oder Konzerten in den Zeitungen der Hauptstadt berichtet wurde. Die Akten dieser Zusammenkünfte vom 19. Juli bis 21. September wurden 1892 veröffentlicht. Gorriti setzte sich auch für junge Schriftstellerkolleginnen wie Mercedes Cabello de Carbonera ein.