Joyce Carol Oates (* 16. Juni 1938 in Lockport, New York) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin. Gelegentlich publiziert Oates auch unter den Pseudonymen Rosamond Smith und Lauren Kelly.
Oates veröffentlichte seit den 1960er Jahren mehr als 60 Romane sowie eine Reihe Theaterstücke, Novellen sowie mehrere Sammlungen von Kurzgeschichten, Lyrik, Essays und Biographisches. In ihrem Werk finden sich sowohl realistisch-sozialkritische Themen (Jene, Foxfire) als auch Fantastisches (Bellefleur, Die Schwestern von Bloodsmoor). Ihre Jugendbücher wie Unter Verdacht und Sexy handeln zumeist vom Erwachsenwerden und den Schwierigkeiten, eine eigene Identität zu finden und sie gegenüber der Umwelt zu verteidigen. Oates gilt als eine der vielseitigsten und bedeutendsten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur und wird seit Jahren zu den Anwärtern auf den Nobelpreis für Literatur gerechnet.
Zu den Auszeichnungen, die sie bislang in ihrem Leben erhalten hat, gehört der National Book Award für den Roman them (dt. Titel: Jene, 1970), zwei Mal der O. Henry Award und die National Humanities Medal. Sie war mehrfach für den Pulitzer-Preis nominiert: 1992 für Blackwater (dt. Titel: Schwarzes Wasser), 1994 für What I lived For (dt. Titel: Wofür ich gelebt habe), 2000 für Blonde (dt. Titel: Blond) und 2015 für Lovely, Dark, Deep.
Joyce Carol Oates ist das älteste Kind von drei Geschwistern. Ihre Mutter Carolina, geb. Bush, eine Tochter ungarischer Einwanderer, war Hausfrau. Ihr Vater Frederic James Oates arbeitete als Werkzeugmacher in einer Fabrik. Joyce wurde katholisch erzogen, ordnet sich heute aber als Atheistin ein. Ihr Bruder Fred Jr. kam 1943 zur Welt, ihre Schwester Lynn Ann, die autistisch ist, wurde 1956 geboren. Sie wuchs in Millersport auf, einer von Arbeitern und Landwirten geprägten Gemeinde im US-Bundesstaat New York. Sie selber sagte über ihre Kindheit, dass sie angesichts der Zeit, des Orts und der ökonomischen Verhältnisse das Glück gehabt habe, in einer glücklichen, eng zusammenstehenden und ansonsten ganz gewöhnlichen Familie aufgewachsen zu sein.
Von großem Einfluss in ihrer Kindheit war ihre Großmutter väterlicherseits Blanche Woodside, die bei der Familie lebte. Oates begann sehr früh sehr viel zu lesen und erhielt von Blanche unter anderem Lewis Carrolls Alice im Wunderland geschenkt. Oates selbst bezeichnet diese Erzählung als den größten Schatz meiner Kindheit und das literarische Werk mit dem größten Einfluss auf mich. Es war Liebe auf den ersten Blick!. Später beschrieb sie Carrolls Wirkung auf ihr eigenes Schreiben als eine philosophische, skeptische und spielerische Bewusstseinsform, die auch in ihrem frühen Roman A Garden of Earthly Delights nachwirke. Bereits als junger Teenager begann sie Werke von William Faulkner, Fjodor Dostojewski, Henry David Thoreau, Ernest Hemingway, Charlotte Brontë und Emily Brontë zu lesen, von denen sie behauptet, dass ihr Einfluss bis heute nachwirke. Oates begann im Alter von vierzehn Jahren zu schreiben –, die Schreibmaschine, die sie dafür nutzte, war ein Geschenk ihrer Großmutter Blanche. Erst nach Blanches Tod erfuhr Oates, dass sich Blanches Vater das Leben genommen hatte und dass Blanche danach ihre jüdische Abstammung leugnete. Oates hat Einzelheiten aus dem Leben ihrer Großmutter in dem 2007 erstveröffentlichten Roman The Gravedigger’s Daughter (dt. Titel: Geheimnisse) verarbeitet. Ihren Highschool-Abschluss machte Oates 1956, und sie war die Erste in ihrer Familie, die einen solchen Schulabschluss besaß.
1956 erhielt Oates ein Stipendium und studierte in Syracuse und an der University of Wisconsin Englisch und Philosophie. Die literarische und philosophische Ausbildung an der Syracuse University erschien ihr später stark männlich geprägt; ein Philosophiedozent riet ihr wegen der männlichen Dominanz des Fachs von einem Hauptfach Philosophie ab. Sie erwarb 1960 den Bachelor of Arts und 1961 den Master of Arts. Bereits während ihres Studiums an der Syracuse University begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen, indem sie Roman um Roman verfasste und die Manuskripte wegwarf, sobald sie fertig waren. Ihren eigenen Horizont begann sie zu erweitern, indem sie Erzählungen von D. H. Lawrence, Flannery O’Connor, Thomas Mann und Franz Kafka zu lesen begann. Unverändert billigt sie diesen Autoren einen Einfluss auf ihr eigenes Werk zu. Im Alter von neunzehn Jahren gewann sie den College Short Story-Wettbewerb, der von dem amerikanischen Frauenmagazin Mademoiselle gesponsert wird. Evelyn Shrifte, Leiterin von Vanguard Press, lernte Oates kennen, kurz nachdem sie ihren Master gemacht hatte. 1963 erschien Oates’ erste Kurzgeschichtensammlung bei diesem Verlag.
Von 1961 bis 1967 war Oates Anglistik-Dozentin an der University of Detroit, von 1967 bis 1978 wirkte sie an der Universität im kanadischen Windsor. Nachdem sie von 1978 bis 1981 als Writer in Residence an der Princeton University (New Jersey) gearbeitet hatte, wurde sie dort 1987 Professorin für Kreatives Schreiben. 2026 lehrte sie weiterhin an der Princeton University und außerdem fortgeschrittenes kreatives Schreiben an der Rutgers University.
Ab 1961 war Joyce Carol Oates mit Raymond J. Smith (1930–2008) verheiratet, der als Professor für Literaturgeschichte in Princeton lehrte. Das Paar hatte keine Kinder. Gemeinsam gründeten Oates und Smith 1974 die Literaturzeitschrift Ontario Review, die Smith herausgab. Der Tod Smiths im Jahr 2008 wurde zum Ausgangspunkt ihres 2011 erschienenen Trauer-Memoirs A Widow’s Story, in dem sie den Verlust ihres Mannes und die Erschütterung ihrer eigenen Rolle als Ehefrau und Schriftstellerin beschrieb. Im März 2009 heirateten Joyce Carol Oates und der Neurowissenschaftler Charles G. Gross (1936–2019). Seit 2019 ist Oates verwitwet. Erfahrungen von Verwitwung, Erinnerung und Verlust griff sie später auch in fiktionaler Form auf, unter anderem in der Erzählung The Return aus der Sammlung The Frenzy.
Zu ihren häufig hervorgehobenen Werken zählen der Roman them, die fiktionalisierte Marilyn-Monroe-Erzählung Blonde und der von Jeffrey Dahmer inspirierte Roman Zombie. Neben ihren Romanen und Kurzgeschichten umfasst ihr Werk ein umfangreiches nichtfiktionales Œuvre aus Literaturkritik, Essays und Memoir-Prosa. Die frühe Kurzgeschichte Where Are You Going, Where Have You Been? von 1966 beruht auf dem Fall des Serienmörders Charles Schmid und ist Bob Dylan gewidmet, dessen Lied It’s All Over Now, Baby Blue Oates als Einfluss auf die Erzählung nannte. Oates verstand die häufige Frage nach der Gewalt in ihrem Werk als Verkürzung: Ihr Schreiben sei weniger ausdrücklich gewalttätig als an Gewalt, ihren Ursachen und ihren Nachwirkungen interessiert.
Die 2026 erschienene Kurzgeschichtensammlung The Frenzy ist in drei Teile gegliedert: zunächst Erzählungen über isolierte Mädchen und junge Frauen, dann Geschichten über Schwierigkeiten des Erwachsenenlebens und schließlich Texte über die emotionale Bedeutung von Freundschaft zwischen zwei Witwen. Oates brachte ihre erzählerische Nähe zu jugendlichen Figuren mit einer Affinität zu deren Blick auf erwachsene Kompromisse, Ungenauigkeiten und Unehrlichkeiten in Zusammenhang. Die in The New Yorker vorab veröffentlichte Erzählung The Bicycle Accident ging auf einen Fahrradunfall zurück, den Oates im Alter von zwölf Jahren erlebt hatte. In ihrer Selbstdeutung steht ihr Schreiben trotz wiederkehrender politischer und sozialer Themen nicht im Zeichen aktivistischer Programmatik; sie beschrieb sich vielmehr als introvertierte Schriftstellerin, die Frauenfiguren auch unvollkommen darstellen und ebenso männliche Protagonisten in den Mittelpunkt stellen könne.
1959: Mademoiselle College Fiction Award für In the Old World
1967: O.-Henry-Preis für die Kurzgeschichte In the Region of Ice
1968: Rosenthal Award, National Institute of Arts and Letters für A Garden of Earthly Delights
1970: National Book Award für them
1973: O.-Henry-Preis für The Dead
1978: Mitglied der American Academy of Arts and Letters