Josephine Tey (Pseudonym für Elizabeth Mackintosh; * 25. Juli 1896 in Inverness; † 13. Februar 1952 in London) war eine Kriminalschriftstellerin und Theaterautorin. Als Theaterautorin benutzte sie das Pseudonym Gordon Daviot. Tey führte ein sehr zurückgezogenes Leben. Die wenigen Zeugnisse sprechen dafür, dass sie sich vorrangig als Theaterautorin sah. Ihre heutige Bekanntheit basiert allerdings fast ausschließlich auf ihren Kriminalromanen. Sie wird zum sogenannten goldenen Zeitalter des Kriminalromans gezählt, einer Periode, in der dieses Genre von Erzählerinnen wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Ngaio Marsh geprägt wurde. Ihr Roman The Daughter of Time (deutscher Titel: Alibi für einen König oder Richard der Verleumdete) wurde von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers’ Association zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt und 1969 mit dem Grand prix de littérature policière ausgezeichnet.
Über das Leben von Josephine Tey ist sehr wenig bekannt. Sie gab während ihres gesamten Lebens niemals Presseinterviews, mied alle Formen öffentlichen Auftretens und blieb selbst bei engen Kollegen und Freunden sehr zurückhaltend. Dies führt dazu, dass nur die grundlegenden Fakten ihres Lebens bekannt sind. Nach Ansicht von Martha Hailey Dubose lässt sich jedoch aus ihren Kriminalromanen einiges über Josephine Tey ableiten. So schätzte sie Angeln und Pferde, fühlte sich aber unwohl unter Menschen. Besonderes Missbehagen scheinen ihr Menschenansammlungen bereitet zu haben. Sie mochte Kinofilme und scheint insbesondere amerikanische Gangsterfilme geschätzt zu haben. Sie zeigte wenig Toleranz gegenüber der Presse und stand auch ihren eigenen Landsleuten, den Schotten, skeptisch gegenüber. Sie zählte zur britischen Mittelschicht, und anders als viele ihrer ebenfalls Kriminalromane schreibenden Zeitgenossen verzichtete sie weitgehend auf Charaktere aus der gehobenen Schicht der britischen Gesellschaft.
Tey wurde im schottischen Inverness geboren, ihre Eltern waren ebenfalls schottischer Geburt. Ihr Vater Colin Macintosh wuchs in einer kleinen Gemeinde auf, in der vorwiegend Landwirtschaft und Fischerei betrieben und schottisch-gälisch gesprochen wurde. Englisch erlernte er erst während seiner Schulzeit. Colin Macintosh zog vermutlich in den frühen 1890er Jahren nach Inverness, wo er als Gemüsehändler sein Auskommen fand. Er heiratete im Alter von 29 Jahren die sechs Jahre jüngere Josephine Horne Macintosh. Josephine Tey kam als erstes Kind des Ehepaars zur Welt. Gemeinsam mit ihren Schwestern Jean und Mary besuchte sie die Royal Academy Inverness, eine lokale Schule. Auf Grund ihrer guten Schulleistungen schien sie für eine akademische Karriere prädestiniert zu sein. Sie entschied sich jedoch stattdessen für eine Ausbildung als Sportlehrerin. Da sie als Brillenträgerin in Schottland keinen entsprechenden Ausbildungsplatz fand, ging sie nach Birmingham und wurde am „Anstey Physical Training College“ ausgebildet.
Berufstätigkeit und erster Kriminalroman
Nach ihrem Abschluss 1917 arbeitete sie zunächst an einer Klinik als Physiotherapeutin und dann als Lehrerin in Schulen in Nottingham und später in Oban, Schottland. Während ihrer Tätigkeit in Oban verletzte sie sich während des Sportunterrichts. Diese Erfahrung spiegelt sich unter anderem in ihrem 1946 erschienenen Roman Miss Pym Disposes (deutscher Titel: Tod im College) wider. Ihre weitere Laufbahn als Lehrerin führte sie nach Eastbourne und letztlich Tunbridge Wells. Sie begann zu schreiben, nachdem sie ihre reguläre Arbeit 1923 aufgeben musste, um sich zunächst um ihre an Krebs erkrankte Mutter zu kümmern. Nach dem Tod der Mutter blieb sie in Inverness, um sich um ihren mittlerweile invaliden Vater zu kümmern. Ihre ersten Arbeiten erschienen in Zeitschriften wie dem Glasgow Herald; dabei benutzte sie das Pseudonym Gordon Daviot. Ihr erster Roman Kif: An Unvarnished History erschien 1929, erhielt gute Besprechungen und wurde auch in Nordamerika veröffentlicht. Ihr erster Kriminalroman, mit dem sie den Protagonisten Alan Grant vom Scotland Yard einführt, erschien wenige Monate später. Sie hatte ihn anlässlich eines Schreibwettbewerbs des britischen Verlages Methuen geschrieben. Unverändert unter dem Pseudonym Gordon Daviot schreibend, gewann sie den Wettbewerb und erhielt wenig später in den USA den Dutton Mystery Prize für diesen Roman.
Es dauerte mehr als sieben Jahre, bis Tey ihren nächsten Kriminalroman verfasste. Typisch für Kriminalromane des sogenannten „Goldenen Zeitalters“ war ein relativ rigides Festhalten an Regeln, wie sie beispielsweise Ronald Knox für den Detection Club zusammengefasst hatte und die Tey als zu starr empfand. Sie wandte sich stattdessen dem Verfassen von Schauspielstücken zu. Ihr erstes Stück The Expensive Halo fand keinen Produzenten. Sehr erfolgreich war sie mit ihrem zweiten Stück, einem historischen Drama mit dem Titel Richard of Bordeaux. Nach jetzigem Kenntnisstand fing sie mit der Arbeit an dem Stück an, nachdem sie John Gielgud, einen heute noch als herausragend eingeordneten Schauspieler, in Shakespeares Drama Hamlet gesehen hatte. Über ihren Agenten ließ sie Gielgud entweder 1931 oder zu Beginn des Jahres 1932 das Stück zukommen. Ende 1932 produzierte Gielgud dieses Stück und übernahm auch die Hauptrolle darin.
Von John Gielgud stammt auch eine der wenigen Charakterisierungen von Josephine Tey.
Dem Erfolg mit Richard of Bordeaux (über 430 Aufführungen im New Theatre im Londoner West End) folgten mit The Laughing Woman und Queen of Scots zwei weitere Stücke, die beide 1934 uraufgeführt wurden. The Laughing Woman war eines der wenigen von Teys Schauspielstücken, die keinen geschichtlichen Bezug haben. Die Literaturhistorikerin Martha Hailey Dubose spekuliert, dass es nach der Uraufführung von Queen of Scots zu einem für Tey unangenehmen Zwischenfall gekommen sein muss – ein Hinweis in den Erinnerungen von John Gielgud weist auf den Vorwurf von Plagiat hin. Tey wandte sich jedenfalls wieder dem Schreiben von Romanen zu und veröffentlichte diese unter dem Pseudonym Josephine Tey, mit dem sie heute noch einem breiteren Lesepublikum geläufig ist. („Josephine“ nach dem Vornamen ihrer Mutter, „Tey“ nach dem Nachnamen einer Urgroßmutter mütterlicherseits aus Suffolk.) Der erste Roman, der unter diesem Pseudonym erschien, war A Shilling for Candles im Jahre 1936. In diesem Roman taucht erneut der Protagonist Alan Grant als Hauptermittler auf. Er wird jedoch unterstützt durch Erica Burgoyne, eine junge Frau, deren Vater ebenfalls Polizeiangestellter ist. Alfred Hitchcock nahm den Roman als Basis und verfilmte ihn unter dem Titel Jung und unschuldig (Uraufführung 1937).
Rückzug während des Zweiten Weltkrieges
Tey schrieb als Nächstes ein Sachbuch. Claverhouse, 1937 erschienen, sollte die Sicht auf John Graham, 1st Viscount of Dundee korrigieren, der seinen Ruhm in Schottland dem Sieg in der Schlacht von Killiecrankie im Schottischen Aufstand 1689 gegen England verdankt. Dem schloss sich ein weiteres Schauspielstück an. Danach folgte das Schauspielstück The Stars Bow Down, das aber erst 1939 uraufgeführt war.
Während der Zeit des Zweiten Weltkrieges erschienen von Tey weder weitere Theaterstücke noch Romane. Es ist nicht bekannt, was in dieser Zeit ihr Leben prägte. Zeuge dieser Zeit ist erneut John Gielgud, der sie 1942 wiedertraf und später von einer depressiven Phase sprach. Möglicherweise arbeitete sie in dieser Zeit intensiv an weiteren Werken, denn kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde unter dem Pseudonym Daviot sechs einaktige Hörspiele publiziert. Im selben Jahr erschien erneut ein Kriminalroman – Tod im College.
1950 starb Teys Vater Colin Macintosh. Obwohl sie finanziell in der Lage gewesen wäre, sich ein anderes Zuhause zu suchen, verblieb sie in Schottland, dessen Einwohnern sie skeptisch gegenüberstand. Kurz danach oder im Jahre 1951 erfuhr Tey, dass sie an einer unheilbaren Krankheit litt. Nach allem was man weiß, hielt sie ihre Erkrankung vor ihrer Familie und ihren wenigen engen Freunden geheim. Sie starb am 13. Februar 1952 während einer Reise nach London im Alter von 55 Jahren. Ihren gesamten Nachlass (mit den Rechten an ihren Werken) vermachte sie dem National Trust.