Joseph Victor Widmann (in seinen Veröffentlichungen meist J. V. Widmann oder Josef Viktor Widmann; * 20. Februar 1842 in Nennowitz (Brněnské Ivanovice), heute Ortsteil von Brünn; † 6. November 1911 in Bern) war ein Schweizer Schriftsteller, Redaktor und Literaturkritiker.
Widmann verbrachte seine Kindheit und Jugend im Pfarrhaus von Liestal, wo sein Vater Joseph Otto Widmann, ein ehemaliger Zisterziensermönch aus dem Stift Heiligenkreuz, reformierter Stadtpfarrer war. Häufiger Gast im Pfarrhaus war Widmanns drei Jahre jüngerer Freund Carl Spitteler.
Nach dem Schulbesuch in Liestal und Basel studierte Widmann am Basler Pädagogium, wo Wilhelm Wackernagel sein Lehrer war, sowie auf Wunsch seines Vaters von 1862 bis 1865 evangelische Theologie und Philosophie in Heidelberg und Jena. 1865 heiratete er Carl Spittelers aus Winterthur stammende verwitwete Tante Sophie Brodbeck, geb. Ernst (1836–1911), die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. 1868 wurde er Direktor der Berner Einwohner-Mädchenschule, 1880 jedoch – trotz seiner ausserordentlichen Beliebtheit bei Schülerinnen und Kollegen – seines Postens wieder enthoben bzw. nicht wiedergewählt, da seine Versepen Buddha und Moses und Zipora nach Ansicht der Behörden eine «zersetzende Weltanschauung» zum Ausdruck brachten. Ab 1880 bis zu seinem Lebensende war er Feuilleton-Redaktor bei der Berner Tageszeitung Der Bund.
Widmann erwarb in Bern das Haus auf der «Murihalde» von der Mutter der späteren Künstlerin und Schriftstellerin Bertha Züricher, die in der Berner Woche in Wort und Bild mehrmals über ihre Erinnerungen, die sie an Widmann hatte, berichtete.
Zu Lebzeiten war Widmann einer der einflussreichsten Literaturkritiker und -förderer der Schweiz. Er ermutigte Carl Spitteler zu seinem Weg als Schriftsteller, förderte Ida Bindschedler, entdeckte Ricarda Huch und Robert Walser, dem er zu ersten Veröffentlichungen verhalf, durchreiste ab 1874 mit Johannes Brahms Italien und korrespondierte mit Gottfried Keller, Theodor Fontane und vielen anderen.
Widmanns kritische Besprechung von Nietzsches Jenseits von Gut und Böse im Bund gehörte zur frühesten Nietzsche-Rezeption und dürfte dem damals fast völlig unbekannten Philosophen einige Leser gewonnen haben; Nietzsche selbst fühlte sich darin allerdings zumindest teilweise missverstanden.
Josef Viktor Widmann starb wenige Monate vor Vollendung seines 70. Lebensjahres; seine Ehefrau Sophie überlebte ihn nur um neunzehn Tage. Beide wurden in einem Ehrengrab der Stadt Bern auf dem Schosshaldenfriedhof unter dem Mammutbaum (Familiengräber, Sektion F1, Nr. 113) beigesetzt.
Zum Gedenken an Widmann wurde 1914 in Bern am Südende des Hirschengrabens (gegenüber der damaligen Bund-Redaktion) der aus Spenden finanzierte Widmann-Brunnen errichtet, den seit 1923 die Bronzestatue Jüngling mit Blaudrossel von Hermann Haller ziert; 1986/87 wurde die gesamte Anlage aufwendig saniert. In Liestal wurde 1946 ein u. a. Widmann gewidmetes Dichtermuseum eröffnet. Zu Widmanns 50. Todestag wurde am 6. November 1961 auf dem Pausenhof der Sekundarschule Burg in Liestal der Widmann-Brunnen eingeweiht; ursprünglich war an einer Seite des Beckens ein Relief mit dem Titel Der Heilige und die Tiere angebracht. Nach J. V. Widmann benannte Strassen gibt es in Liestal und Thun. Die Calle Larga Widmann in Venedig, die in den Ponte Widmann (Widmann-Brücke) übergeht, auf dessen anderer Seite wiederum nach rechts in südliche Richtung der Sotoportego Widmann abzweigt, ist nicht nach Joseph Victor Widmann benannt, wie das fälschlich behauptet wurde, sondern nach dem im gleichen Stadtteil gelegenen Palazzo Widmann, der einer Adelsfamilie des Namens gehörte: Amüsiert stellte dies Widmann in seinem Brief an Carl Spitteler vom 20. Februar 1910 richtig. Widmanns Nachlass wird im Dichter- und Stadtmuseum Liestal und in der Burgerbibliothek Bern aufbewahrt.
Widmanns literarische Werke, zu denen Theaterstücke, Erzählungen, Versepen und Reisebeschreibungen gehören, sind heute weitgehend vergessen, werden jedoch allmählich wiederentdeckt.
Josef Viktor und Sophie Widmanns gemeinsame Kinder waren der Schriftsteller Max Widmann (1867–1946), Maria Clementine (1868–1965), der Maler Fritz Widmann (1869–1937) sowie die Malerin Johanna Viktoria Schäfer-Widmann (1871–1943). Sophie Widmann brachte zudem zwei Kinder mit in die Ehe: Mary Ellen Verena Brodbeck (1858–1943) und Leonie (1859–1946), eine der Initiantinnen des Verbands Schweizerischer Arbeiterinnenvereine.
1909: Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung in Weimar in Höhe von 1000 Mark
«Sehr maßgebende Leute hatten vor», Widmann anlässlich seines 70. Geburtstages für den Nobelpreis vorzuschlagen, was infolge seines plötzlichen Todes jedoch unterbleiben musste.
Dramen und Libretti, Prosa, Versepen, Lyrik
Der geraubte Schleier. Dramatisirtes Märchen nach Musäus. Gustav Lücke, Winterthur 1864 (Digitalisat bei Google Books)
(anonym:) Erasmus von Rotterdam. Historisches Spiel aus der Reformationszeit. Gustav Lücke, Winterthur 1865 (Digitalisat bei Google Books)
Iphigenie in Delphi. Ein Schauspiel. Gustav Lücke, Winterthur 1865 (Digitalisat bei Google Books)
Arnold von Brescia. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Huber, Frauenfeld 1866 (Digitalisat bei Google Books)
Orgetorix. Ein Trauerspiel. Dem schweizerischen Volke. Huber, Frauenfeld 1867 (Digitalisat im MDZ; PDF (17 MB) bei digitale-sammlungen.de)