Joseph Hellmesberger sen. (* 3. November 1828 in Wien; † 24. Oktober 1893 ebenda) war ein österreichischer Violinist, Dirigent und Komponist der Romantik.
Als zweiter Sohn von Georg Hellmesberger senior geboren, der selbst ein ausgezeichneter Violinist und Lehrer war, erhielt Joseph von diesem eine gediegene musikalische Ausbildung.
Mit 17 Jahren absolvierte er erste Gastauftritte als Solist beim Hofopernorchester und unternahm mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder Georg Hellmesberger junior „Kunstreisen“ nach Deutschland und London. 1849 gründete er als 21-Jähriger ein Streichquartett, dem er bis 1887 als Primarius angehörte und damit eine prägende Rolle in der Wiener Kammermusik-Tradition in der Nachfolge des Schuppanzigh-Quartetts ausübte. (Zu Details seiner im Folgenden nur kurz erwähnten Quartett-Aktivitäten siehe den Artikel Hellmesberger-Quartett.)
Nur ein Jahr nach der Quartettgründung wurde Joseph Hellmesberger sen. (1850) bereits zum künstlerischen Direktor der Gesellschaft der Musikfreunde ernannt und gleichzeitig damit zum Leiter des angeschlossenen Konservatoriums, der ersten Kunstlehranstalt Österreichs.
An ihn war die Hoffnung geknüpft, dem Institut und seinen Aktivitäten nach den – die Existenz ernstlich bedrohenden – Wirrnissen in der Folge der Revolution von 1848 zu sicherem Fortbestand und neuem Aufschwung zu verhelfen.
Mit jugendlichem Ehrgeiz und hohen künstlerischen Ansprüchen suchte Hellmesberger zunächst den viermal jährlich stattfindenden Gesellschaftskonzerten, die davor zuweilen sein Vater geleitet hatte, neuen Geist einzuhauchen. Er ersetzte vereinseigene „Dilettanten-Musiker“ im Orchester, das im Kern aus Mitgliedern des Hofopernorchesters bestand, durch Professionisten. Und er entwarf mit Engagement und Beharrlichkeit zeitgemäße Programme, in denen endlich auch zeitgenössische Komponisten Berücksichtigung fanden.
Doch mangelnde Erfahrung, finanzielle Schranken sowie Überlastung trübten seinen Erfolg. Denn nach der Wiedereröffnung des Konservatoriums (1851) hatte er auch eine – durch den Abgang von Joseph Böhm und Leopold Jansa freigewordene – Professur für Violine angenommen. Dies übrigens parallel zu seinem Vater, der hier schon seit rund dreißig Jahren lehrte, seit fast zwanzig als ordentlicher Professor.
Eine weitere Ehrung fand Joseph Hellmesberger sen. 1855 mit seiner Berufung als Mitglied der Jury für Musikinstrumente bei der Pariser Weltausstellung.
Als zu seiner Entlastung bei der Gesellschaft der Musikfreunde 1859 die Agenden geteilt wurden, verblieb ihm die Leitung des Konservatoriums (die er bis kurz vor seinem Tod behielt), während Johann von Herbeck jene der Gesellschafts-Konzerte übernahm.
Doch neben der Rolle als Primarius im Quartett und der Leitungs- und Lehrstelle am Konservatorium übernahm er auch Funktionen als Orchestermusiker und -dirigent. 1860 wurde Joseph Hellmesberger sen. zum Konzertmeister des Hofopernorchesters berufen und 1863 zum ersten Violinisten der kaiserlichen Hofkapelle. 1870 übernahm er vorübergehend die Leitung des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde, avancierte 1876 zum Vizehofkapellmeister und schließlich 1877 (nach dem Tod Herbecks) zum Hofkapellmeister. Um der neuerlichen Überlastung durch Ämteranhäufung entgegenzuwirken, gab er nun seine Violinprofessur zurück.
Mitte der 1880er Jahre fand sich Hellmesberger sen. schließlich auch noch im Herausgebergremium einer Gesamtausgabe der Werke Schuberts und war dabei für die Streichquartette zuständig.
Seine Karriere als Instrumentalmusiker fand 1887/1888 ein Ende, als ihn ein chronisches Leiden an der Hand zwang, sein Violinspiel langsam aufzugeben. Die Funktionen als Direktor des Konservatoriums und Dirigent der Hofkapelle behielt er allerdings bis kurz vor seinem Tod. Dieser ereilte ihn 1893 im Alter von 63 Jahren infolge einer Lungenentzündung.
Sein ehrenhalber gewidmetes Grab befindet sich auf dem Hietzinger Friedhof (Gruppe 15, Nummer 4 D). Im Jahr 1894 wurde in Wien-Penzing (14. Bezirk) die Hellmesbergergasse nach ihm benannt.
Hellmesbergers Tochter Maria (1867–1940) war Schauspielerin. Durch ihre Heirat mit dem Theaterschauspieler Fritz Herz wurde er dessen Schwiegervater.
Versucht man die Bedeutung Joseph Hellmesberger sen. in seinen verschiedenen musikalischen Tätigkeitsbereichen (Solist, Primarius, Direktor der Gesellschaftskonzerte, Leiter des Konservatoriums, Geigenlehrer, Konzertmeister, Dirigent, Komponist) zu beurteilen, so ist es wohl schwer, ihm gerecht zu werden.
Er war ein vorzüglicher Geiger, dessen individuelle Qualitäten von der zeitgenössischen Kritik sowohl als Solist im Orchester, mehr noch aber als Primarius seines Quartetts immer wieder herausgestrichen wurden.
„Sein großer Ton, und sein ebenso energischer als feiner Vortrag machen sich im Quartettspiel auf das Vorteilshafteste geltend, und wenn das virtuose Element auch hie und da einmal auftaucht, so geschieht es doch in so geschmackvoller und diskreter Weise, dass jede Einwendung entfällt.“ Seinem „feinen, empfindungsvollen, mitunter kokett geputzten, stets aber eleganten und reizvollen Spiel“, wie der bedeutende Musikkritiker Eduard Hanslick es charakterisierte, kam darin prägende Bedeutung zu.
Im öfter herausgeforderten Vergleich mit dem nur wenige Jahre jüngeren, brillanten Joseph Joachim, mit dem er während der kurzen Lehrzeit bei seinem Vater schon gemeinsam in einem „Wunderkinder-Quartett“ musiziert hatte, blieb Hellmesberger im Gesamturteil meist etwas zurück. Doch im Detail wusste selbst Hanslick dessen Vorzüge immer wieder herauszustreichen. So etwa im Frühjahr 1861 anlässlich einer Besprechung von Joachims ersten Konzerten seit seinem Weggang aus Wien: