An diesem Tag

Joseph Carlebach

Deutscher Rabbiner, Opfer des Holocaust

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Joseph Zwi Carlebach (geboren am 30. Januar 1883 in Lübeck; gestorben am 26. März 1942 im Wald von Biķernieki bei Riga) war ein deutscher Rabbiner, Naturwissenschaftler und Schriftsteller.

Er wurde im Dezember 1941 mit seiner Familie ins Lager Jungfernhof in der Nähe von Riga (Lettland) deportiert. Nach dessen Auflösung wurden er, seine Frau und drei seiner Töchter ermordet.

Carlebach war das achte Kind von Esther Carlebach, einer in Lübeck geborenen Tochter des dortigen Rabbiners Alexander Sussmann Adler, und des in Heidelsheim geborenen Rabbiners Salomon Carlebach. Das Familiengrab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Lübeck-Moisling. 1919 heiratete er seine einstige Schülerin Charlotte Preuss (1900–1942), eine Nichte des Fotografen Max Halberstadt. Aus der Ehe gingen neun Kinder hervor, von denen viele Rabbiner wurden oder einen heirateten.

Ausbildung und internationale Jahre

Joseph Carlebach wurde Rabbiner, wie die meisten seiner Brüder, darunter Ephraim Carlebach, der Gründer der Höheren Israelitischen Schule in Leipzig. Joseph Carlebach absolvierte auch eine umfassende naturwissenschaftliche Ausbildung. Er besuchte, wie seine Brüder, das Katharineum zu Lübeck, das er Ostern 1901 mit dem Abitur abschloss. Ab 1901 studierte er in Berlin Naturwissenschaften, Mathematik, Astronomie, Philosophie und Kunstgeschichte. Der Quantenphysiker Max Planck und der Philosoph Wilhelm Dilthey (Hermeneutik) gehörten zu seinen Lehrern. 1908 schloss er das Oberlehrer-Examen in den Naturwissenschaften (mit summa cum laude) ab. Carlebach ließ sich gleichzeitig am dortigen orthodoxen Rabbinerseminar ausbilden. Ab 1905 unterrichtete er für zwei Jahre in Palästina am Jerusalemer Lehrerseminar, der Lämel-Schule und unterbrach für diese Zeit sein Studium. Dort kam er auch mit maßgeblichen Toraexperten in Kontakt.

1909 absolvierte er die akademischen Abschlüsse an der Universität Heidelberg in den Fächern Mathematik, Physik und Hebräisch. Im selben Jahr wurde er an der Universität Heidelberg mit dem Thema Lewi ben Gerson als Mathematiker (ein mittelalterlicher Talmudgelehrter) promoviert. Die Veröffentlichung der Forschungsarbeit über diesen auch Gersonides genannten Gelehrten sowie eine Pionierarbeit über Einsteins Relativitätstheorie (Berlin 1912) brachten Carlebach auch akademische Anerkennung. 1910 bis 1914, gleich nach seiner Promotion, widmete sich Carlebach wieder verstärkt dem Rabbinatsstudium am Berliner Rabbinerseminar der Israelitischen Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel, welches streng orthodox ausgerichtet war und unter der Leitung des Rabbiners David Hoffmann stand. 1914 wurde er als Rabbiner ordiniert.

Von 1914 bis 1918, während des Ersten Weltkriegs, wurde er zum Militär eingezogen. Zunächst diente er als Telegraphist in Mainz. 1915 wurde Carlebach auf Empfehlung seines Schwagers, des Feldrabbiners Leopold Rosenak ins deutsch besetzte Litauen, das damals ein Zentrum der jüdischen Gelehrsamkeit war, beordert. Er absolvierte seinen Wehrdienst als deutscher Kulturoffizier (im Range eines Hauptmanns) und Rabbiner in Litauen. In Kaunas gründete er zusammen mit örtlichen Talmudgelehrten das teils deutschsprachige Jüdische Realgymnasium (גימנזיום עברי), das er auch bis 1919 leitete.

1920 wurde Carlebach amtierender Rabbiner in Lübeck, bis ihm dort 1921 David Alexander Winter folgte.

1921 wurde er Rektor der Talmud-Tora-Schule in Hamburg. Joseph Carlebach ging als schöpferischer Erzieher individuell auf die Schüler ein und leitete sie so durch das Interesse am Thema zu selbstständigem Lernen und Entdecken an. Dabei verstand der Lehrer sich als älterer Freund des Schülers. Grundlage und Ausgangspunkt der Lehre Carlebachs war der jüdische Glaube, der alle Lebens- und Wissensbereiche durchdringen und die Ganzheit und Einheit von Seele und Geist garantieren sollte. Das Ziel der Schule sah er in der Schaffung einer jüdischen Lebenswelt, getragen vom höchsten jüdischen Wert sittlich-ethischer Verantwortung, in der Hebräisch als lebendige Sprache gesprochen wird.

1925 wurde Joseph Carlebach als Nachfolger von Meir Lerner zum Oberrabbiner der Hochdeutschen Israeliten-Gemeinde (HIG) in der damals noch selbstständigen preußischen Großstadt Altona gewählt. Es war das Altonaer Wappen, das Symbol der offenen Tore, das ihm so ganz entsprach, und Altonas unter Beweis gestellte Aufnahmefreundlichkeit nicht nur gegenüber verfolgten Juden aus Osteuropa. Auch der damalige Oberbürgermeister Max Brauer begrüßte ihn und war lange begeisterter Besucher von Carlebachs Vorträgen. Wie stark ihn dessen Ideen prägten, wurde deutlich, als Brauer Mitte März 1936 auf Einladung des American Jewish Congress auf einer Vortragsreise durch die USA in New York auf einem Bankett eine Rede hielt, in der er den Antisemitismus als tragende Säule der NS-Ideologie analysierte. Zudem forderte er, der Kampf der Juden in Deutschland gegen ihre zunehmende Entrechtung müsse international unterstützt werden, am besten durch einen jüdischen Weltkongress.

1935 unternahm Carlebach eine Auslandsreise an Bord des Schiffes Tel Aviv nach Haifa.

1936 berief die Deutsch-Israelitische Gemeinde (DIG, damals die aschkenasische jüdische Gemeinde Hamburgs) Carlebach als Nachfolger von Oberrabbiner Samuel Spitzer nach Hamburg an die Bornplatzsynagoge. Vor der versammelten Menge versprach er bei seiner Antrittsrede, „(…) daß mein Haus und Herz jedem offenstehen wird (…) und ich all die Nöte eurer Seele mit euch tragen werde, daß ich die Auszeichnung der Berufung auf diesen Rabbinatssitz nur als eine Verpflichtung nehmen will zu schlichter Menschlichkeit jedem gegenüber, das ist das Gelöbnis dieser Stunde (…)“.

Nach den Eingemeindungen im Rahmen des Groß-Hamburg-Gesetzes am 1. April 1937 schlossen auch die jüdischen Gemeinden (Deutsch-Israelitische Gemeinde zu Hamburg, Hochdeutsche Israeliten-Gemeinde zu Altona, Israelitische Gemeinde zu Wandsbek, Jüdische Synagogen-Gemeinde Harburg-Wilhelmsburg) einen Vertrag zu ihrer Vereinigung zum 1. Januar 1938. Der neue Name Deutsch-Israelitische Gemeinde zu Groß-Hamburg wurde jedoch vom NS-Ministerium für Kultus nicht genehmigt, da „Deutsch“ für jüdische Organisationen verboten und „Israelitisch“ irreführend sei, da in der NS-Rassenideologie „Jüdisch“ der eindeutige Begriff sei sowie „Gemeinde“ – so die fadenscheinige Argumentation – für politische Kommunen vorbehalten sei. Die Gemeinde wählte daraufhin den Namen Jüdischer Religionsverband in Hamburg. Carlebach blieb auch danach leitend, als Oberrabbiner zu Hamburg. 1937 wurde Bruno Italiener zum Oberrabbiner des Tempelverbandes gemacht, und Carlebach nannte sich ab 1938 Oberrabbiner des Synagogenverbandes.

Drangsalierung in der Zeit des Nationalsozialismus

Carlebachs „Antrag auf Ausstellung einer steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung“ erweckte den Verdacht, die Familie wolle auswandern. Die Devisenstelle veranlasste eine Sicherungsanordnung; danach durfte Carlebach Zahlungen und Abhebungen nur noch mit behördlicher Genehmigung über ein Sicherungskonto erledigen. Nach der Reichspogromnacht 1938 musste eine „Judenvermögensabgabe“ von 25 % des Vermögens an das Finanzamt gezahlt werden.

Ab Oktober 1940 bekam Carlebach kein Gehalt mehr. Am 31. Mai 1941 wurde er mit einer Geldstrafe belegt, weil er versäumt hatte, den Zwangsvornamen Israel ins Fernsprechbuch eintragen zu lassen. Ab 19. September 1941 musste zur Stigmatisierung ein Judenstern getragen werden. Mit Erlass vom 18. Oktober 1941 gab es ein Ausreiseverbot für Juden. Gestapo-Leute verfolgten seine Gottesdienste. Vom 25. Oktober 1941 an wurden die Juden aus Hamburg deportiert. Ihr Eigentum fiel gemäß der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz an das Reich; die Besitztümer wurden durch eine „Vermögensverwaltungsstelle“ des Finanzamts verkauft.

Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus

Miriam Gillis-Carlebach, die überlebende Tochter von Joseph Carlebach, erinnerte an den Einsatz ihres Vaters für die verfolgten Juden in der NS-Zeit.

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