Josef Weinheber (* 9. März 1892 in Wien-Ottakring; † 8. April 1945 in Kirchstetten, Reichsgau Niederdonau) war ein österreichischer Lyriker und Erzähler.
Weinhebers Werk polarisiert seit jeher Anhänger und Gegner und ist bis heute Gegenstand ästhetischer, weltanschaulicher und politischer Kontroversen. Er wird als gemütvoller Wiener Heimatdichter geschätzt, wurde als Dichterfürst verehrt, war einer der meistgelesenen Lyriker seiner Zeit, gilt aber auch als prononcierter NS-Poet. Weinheber stellte seine späten Arbeiten in den Dienst des Nationalsozialismus, wodurch er zu einem wichtigen Akteur in der Kulturpolitik des Dritten Reichs aufsteigen konnte, und galt den Nationalsozialisten als „bedeutendster lebender Lyriker der Gegenwart“.
Weinheber war der vorehelich geborene Sohn eines Fleischhauers und der Weißnäherin Theresia Wykidal, die erst 1894 heirateten. Sein Vater kaufte und vertrieb Vieh entlang des Wienflusses nach Wien. Weinheber verbrachte seine Kindheit in einem kleinen Haus in Purkersdorf, nach der Trennung der Eltern kam er als Sechsjähriger zunächst vorübergehend in eine Korrektionsanstalt und später, von 1901 bis 1909, in das Hyrtl’sche Waisenhaus in Mödling. In seiner Schulzeit war er Mitgründer und Vicepräses der pennalen Burschenschaft Anninger. Da er keinen Schulabschluss hatte und mit zwölf Jahren Vollwaise wurde, war er zunächst als Gelegenheitsarbeiter tätig, arbeitete als Brauknecht „auf den verfluchten Gerstenböden“, hackte als Fleischhackergehilfe Pferdefleisch auf, war Kutscher und Hauslehrer. Von 1911 bis 1932 war er Postbediensteter, zuerst im Postamt 61 beim Westbahnhof, nach einem halben Jahr über eigenes Ansuchen bei der k. k. Post- und Telegraphendirektion für Österreich unter der Enns (Wien 3, Hetzgasse 2). Gegen Kriegsende kam es zu Konflikten mit seinem Vorgesetzten und man verbannte ihn nach Ottakring auf das Postamt 102 in der Ottakringerstraße 79. Doch schon nach sechs Wochen wurde er wieder in der späteren Post- und Telegraphendirektion für Wien, Niederösterreich und Burgenland aufgenommen.
Aus dem Gefühl seiner Erfahrungen gesellschaftlicher Deklassierung entwickelte Weinheber als einsamer und unverstandener Einzelkämpfer „das herrische Bewusstsein, ganz auf sich allein gestellt, sprachbegabt, autark und ohne den Hintergrund eines bürgerlichen Bildungsmilieus“ als Dichter hervorzutreten. Beeinflusst von Rainer Maria Rilke, Anton Wildgans, Richard Dehmel und Walt Whitman, schrieb er ab 1912 Gedichte, besonders für die von ihm mitbegründete Ottakringer Kohorte und besuchte die Maturaschule Freies Lyzeum. Das Werk von Karl Kraus gab Weinheber die wesentlichen Anregungen in der Sprachauffassung. Die regelmäßige Lektüre der Fackel prägte Weinhebers Stil; er besuchte häufig Vorlesungen seines Vorbilds. Nach Auffassung seines langjährigen Lektors Ernst Stein ist „Weinhebers Werk ohne Karl Kraus schwer denkbar und noch schwerer deutbar“.
1918 trat Weinheber aus der katholischen Kirche aus und heiratete 1919 die Jüdin Emma Fröhlich in einer zivilrechtlichen Feier. Nach einem knappen Ehe-Jahr trennte sich seine um drei Jahre ältere Frau wieder von ihm. 1927 wurde er Protestant und heiratete die Buchhändlerswitwe Hedwig Krebs (geb. Oberst), mit der er bis zu seinem Tod verheiratet blieb. Allerdings verliebte er sich 1937 in die Linzer Philologiestudentin Gerda Janota (* 1915; † 2008), und aus dieser Beziehung wurde ihm am 5. Dezember 1941 sein einziges Kind Johann Christian Weinheber-Janota († 2017) geboren, zu dessen Vaterschaft sich Weinheber auch ohne Zögern bekannte. Das Kind wurde Anfang 1941 im Stephansdom im Beisein Weinhebers katholisch getauft. Am 26. Januar 1944 trat Weinheber schließlich wieder in die katholische Kirche ein.
Weinhebers schriftstellerische Laufbahn begann 1919 mit Beiträgen in der satirisch-humoristischen Zeitschrift Die Muskete. 1920 erschien Weinhebers erster Lyrikband Der einsame Mensch. 1923 erschien im Wiener Burgverlag der Lyrikband Von beiden Ufern, den Weinheber dem linken jüdischen Schriftsteller Leo Perutz widmete, zu dessen Freundeskreis er gehörte. Allerdings war Von beiden Ufern kein kommerzieller Erfolg und Weinheber fand in den nächsten drei Jahren keinen Verleger mehr, bis er 1926 im Krystall-Verlag den Lyrikband Boot in der Bucht veröffentlichte. 1924 kam als eines seiner wenigen Prosawerke der autobiographische Roman Das Waisenhaus heraus, den zuvor die Arbeiter-Zeitung in Fortsetzungen abgedruckt hatte. Mit den Schriftstellerkollegen Mirko Jelusich (eine der Schlüsselpersonen der NS-Kulturpolitik in Österreich) und Robert Hohlbaum stand er in freundschaftlicher Verbindung.
1926 entschied Weinheber: „Ich will nicht ein Lyriker sein, ich will ‚der‘ Lyriker sein. Wenn Lyrik gesagt wird, soll es Weinheber heißen, Weinheber und Lyrik ein und dasselbe.“
Mit seinem Gedichtband Adel und Untergang (1934) wurde der 42-jährige Weinheber nach eineinhalb Jahrzehnten verbitterten Ringens um öffentliche Anerkennung schlagartig berühmt und zu einem der angesehensten Lyriker seiner Zeit. Die Lyriksammlung erschien im völkisch-nationalen Adolf-Luser-Verlag. Nach dem Titel sah Weinheber es als Gebot der Zeit an, den Kampf „des Adels“ gegen den Untergang aufzunehmen. Dem Dichter sei aufgetragen, „vor leeren Altären in einer sinnentleerten Welt Sinn zu stiften“. Weinheber entwickelte die fixe Idee von einer Mission des Künstlers, der in einer säkularisierten Welt das Göttliche im Menschen zu bewahren habe.
Besonders beliebt wurde Weinhebers Gedichtsammlung Wien wörtlich (1935), lyrische Milieu- und Charakterstudien, die teilweise im Wiener Dialekt geschrieben sind. Beeinflusst vom „eminenten Sprachgeist Nestroys“, der ihm durch Karl Kraus vermittelt wurde (Nestroy und die Nachwelt, 1912), zeichnete Weinheber das Porträt seiner Heimatstadt entlang der verschiedenen Schichtungen des Dialekts. In ihm findet sich die sprichwörtlich gewordene Zeile „War net Wien, wenn net durt, wo ka Gfrett is, ans wurdt“ (Es wäre nicht Wien, wenn nicht dort, wo es keinen Ärger gibt, einer entstehen würde) oder „Wann i, verstehst, was z’redn hätt, i schoffert olles o“ (Wenn ich, verstehst du, etwas zu reden hätte, ich würde alles abschaffen) und das Gedicht Der Phäake über die übermäßigen Essgewohnheiten eines Wieners:
Ich hab sonst nix, drum hab ich gernein gutes Papperl, liebe Herrn:Zum Gabelfrühstück gönn ich mirein Tellerfleisch, ein Krügerl Bier,schieb an und ab ein Gollasch ein,(kann freilich auch ein Bruckfleisch sein).
1936 erhielt Weinheber in München den Mozart-Preis der Goethestiftung. In seiner Dankesrede sagte er: „Ich bin nun in gewissem Grade zu Namen gekommen. Aber der Ruhm scheint mir doch wohl im großen und ganzen ein Missverständnis zu sein. Wenn ich mir heute die Urteile über mein Werk ansehe, sehne ich mich manchmal nach den traurig-schönen Zeiten meiner Ausgestoßenheit zurück.“ Die Veröffentlichung des Essays Im Namen der Kunst, vom Verlag Langen-Müller für Herbst 1936 angekündigt, in dem Weinheber gegen die Blut-und-Boden-Literatur und gegen die nationalsozialistische Literaturpolitik polemisierte, scheiterte an den sich verschärfenden Bedingungen des Dritten Reichs.
Mit O Mensch, gib acht (1937), einem „erbaulichen Kalenderbuch für Stadt- und Landleut“ setzte Weinheber in 12 Monatszyklen mit je 7 Gedichten seiner ländlichen Heimat ein Denkmal, der Lyrikband führt durch den bäuerlichen Jahreskreis, die Feste des Kirchenjahres und das ländliche Brauchtum. Das Buch hatte bis 1941 eine Gesamtauflage von 30.000 Stück und wurde dann nach Kritik des Reichsleiters der NSDAP Robert Ley nicht mehr aufgelegt.
Als Weinhebers dichterisches Hauptwerk ist der 40 Oden umfassende Zyklus Zwischen Göttern und Dämonen (geplanter Titel: Zwischenreich) von 1938 anzusehen, angeblich eine verklausulierte „literarische Polemik, gerichtet gegen das Dritte Reich und sein Milieu“ (Friedrich Jenaczek), die er in seinem Haus in Kirchstetten (Niederösterreich) vom Sommer 1937 bis zum Sommer 1938 schrieb. Bekannt sind auch seine lyrischen Variationen über Musikinstrumente, die unter dem Titel Kammermusik (1939) erschienen und in die Sphäre der Intimität, der Selbstreflexion, der Liebe und Musik führen, die in diesem Buch besungen oder auch nachgeahmt werden, wie etwa die Klangcharakteristik von Musikinstrumenten: