Josef „Pepi“ Bican (* 25. September 1913 in Wien; † 12. Dezember 2001 in Prag) war ein österreichischer und tschechoslowakischer Fußballspieler. Er repräsentierte sowohl den österreichischen als auch den tschechischen Fußball der Zwischen- und Nachkriegszeit. Er gilt international als einer der besten Stürmer seiner Zeit und in der Tschechischen Republik heute noch als Fußballlegende.
Mit der österreichischen Nationalmannschaft kam er 1934 bis ins Halbfinale der Weltmeisterschaft. Von 1939 bis 1944 war er fünf Mal in Folge Europas bester Torschütze. Bereits als 17-Jähriger spielte der Wiener für Rapid in der ersten österreichischen Liga und erzielte im Laufe seiner Karriere angeblich über 5000 Tore, davon 643 in einer ersten und zweiten Liga. Für diese Leistung erhielt er 1997 in München von der Internationalen Organisation der Fußballhistoriker die Trophäe für den weltbesten Torjäger des 20. Jahrhunderts überreicht.
Pepi Bican wuchs in einer kleinen Wohnung in der Quellenstraße 87 in Favoriten auf. Der Bezirk mit seinen vielen Fabriken sowie vor allem Ziegeleien war Anziehungspunkt zahlreicher Zuwanderer, die hofften, sich in der Donaumetropole als Arbeiter eine Existenz aufbauen zu können.
Die Kindheit Bicans war geprägt von der allgegenwärtigen Armut einer böhmischen Arbeiterfamilie im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts und vom frühen Tod seines Vaters. František „Franci“ Bican (weiland auch "Bizan" geschrieben) stammte aus dem südböhmischen Dorf Sedlitz bei Prag. Bicans Vater spielte bereits 1910 für den ASV Hertha Wien in der damaligen höchsten Liga. Bei einem Spiel gegen den SK Rapid wurde er von einem Gegenspieler schwer gefoult, als dieser ihm mit den Knien in die Nieren fuhr. Er verstarb 1922 im Alter von 30 Jahren an den Folgen dieser Verletzung.
Jugendjahre bei Hertha und Farbenlutz
Nach Auftritten bei mehreren kleinen Favoritner Fußballklubs spielte der Schüler in den Jahren 1927 und 1928 in der Jugendmannschaft des Erstligavereins ASV Hertha. Der Fußballplatz der Blau-Weißen lag nur wenige Schritte von Bicans Wohnhaus entfernt.
Mit 15 Jahren nahm Bican eine Anstellung bei einer Firma namens Farbenlutz im 10. Wiener Bezirk an und spielte auch in deren Firmenmannschaft.
Der Aufstieg in den österreichischen Fußball-Olymp
Die ersten Jahre bei Rapid Wien
Mit Farbenlutz spielte der Wiener zumeist sonntagvormittags. Roman Schramseis, selbst von 1922 bis 1926 bei Hertha Wien und zu jener Zeit gerade aufkommender Starverteidiger des SK Rapid, kam des Öfteren zu den Spielen der Firmenmannschaft und lernte dabei auch Bicans fußballerische Fähigkeiten kennen. Eines Tages, so erzählte Pepi Bican selbst gerne, habe ihn Schramseis gefragt, ob er nicht zu Rapid in die Jugend gehen wolle, und auf seine eigene Replik, dass er dazu nicht gut genug sei, zur Antwort bekommen, dass er der Beste sein werde. Auf Anraten von Roman Schramseis wurde dem Favoritner vom damaligen Sektionsleiter der Hütteldorfer, Dionys Schönecker, die Erlaubnis erteilt, in der Jugendmannschaft mitzutrainieren. Bereits beim ersten Training, zu dem Bican zu Fuß von der Quellenstraße nach Hütteldorf gegangen war, schoss er sechs oder sieben Tore und durfte nach nur einem Spiel für die Jugendmannschaft gleich zu den Amateuren wechseln. Auch im ersten Match für die Amateurmannschaft, das waren damals die etwa 18- bis 19-jährigen Nachwuchstalente des Vereins, trug sich Bican gleich mit fünf Treffern in die Schützenliste ein. Nach drei Monaten, Pepi war 17 Jahre alt, wurde er auf Anraten von Schönecker in die Reservemannschaft geholt, wo er gemeinsam mit den späteren Rapid-Stars Kirbes, Kaburek, Binder und Pesser den Sturm bildete. Seine guten Leistungen wurden von Dionys Schönecker mit Wohlwollen wahrgenommen, und schon drei Monate später durfte das größte österreichische Fußballtalent erstmals in der Kampfmannschaft der Hütteldorfer auflaufen.
Sein Debüt in der ersten Liga gab er am 6. September 1931 gegen FK Austria Wien auf der Hohen Warte. Von den Medien wurde diese Premiere zum Generationskampf zwischen dem Schüler (Bican) und dem König des Fußballs (Sindelar) hochgespielt. Bereits in der ersten Hälfte erzielte Josef Bican einen lupenreinen Hattrick, wobei er seine Leistung mit dem Tor zum 5:2 knapp vor Spielschluss krönte. Das Spiel endete nach erneuter Verkürzung durch die Austria mit 5:3 für Rapid. Seine erste Saison in der Kampfmannschaft schloss Bican bei acht Meisterschaftseinsätzen und zehn Torerfolgen mit der Rapid-Elf auf Platz drei der Tabelle ab. Zwei weitere Treffer steuerte er in dieser Saison auf dem Weg in das Halbfinale des Pokalbewerbs bei. Beim österreichischen Rekordmeister bildete der Favoritner nunmehr gemeinsam mit Franz Weselik, dessen Ersatzmann Matthias Kaburek und „Bimbo“ Binder den berühmten Innensturm des SK Rapid der frühen 30er Jahre. In der Folgesaison 1932/33 erreichte die junge Mannschaft den Vizemeistertitel hinter dem First Vienna FC 1894, wobei Pepi mit 16 Einsätzen und elf Toren einen wesentlichen Anteil am Erfolg hatte. Im Cupbewerb schieden die Rapidler trotz sechs Treffern Bicans überraschend bereits nach zwei Spielen aus.
Debüt in der österreichischen Nationalmannschaft
Von Hugo Meisl wurde Josef Bican 1933 erstmals in die österreichische Fußballnationalmannschaft einberufen. Als 20-Jähriger feierte er am 29. November 1933 beim 2:2 gegen die schottische Nationalelf sein Debüt im Dress der Österreicher. Ein Torerfolg blieb ihm bei seiner Premiere versagt, doch war er bei seinen schnellen Vorstößen von den Schotten kaum zu halten und bereitete beide Treffer seiner Mannschaft durch Zischek und Schall vor. Sein erstes und zugleich spielentscheidendes Tor gelang ihm im zweiten Länderspiel am 10. Dezember 1933 auswärts gegen die Niederlande. Das Spiel war ein offener Schlagabtausch beider Teams, in dem die Österreicher unzählige Chancen, darunter sogar einen Elfmeter durch Franz Binder, vergaben. In der 48. Minute konnte Bican nach herrlicher Vorlage von Schall den holländischen Keeper Van der Meulen jedoch mühelos bezwingen und rettete seiner Elf damit den Erfolg. Im dritten Einsatz gegen die italienische Nationalmannschaft in Turin trat Josef Bican wiederum als Vorbereiter der ersten beiden Treffer durch Zischek in Aktion. Einen eigenen Torerfolg verwehrte ihm beim 4:2-Triumph der Österreicher jedoch der Schweizer Schiedsrichter Mercet, der ein reguläres Tor Bicans in der 55. Minute nicht anerkannte.
Im Spiel gegen die Schweiz am 25. März 1934, das in Genf ausgetragen wurde, rettete der Favoritner mit dem Führungstor und besonders mit seinem Treffer zum 3:2-Sieg in der 76. Minute die österreichische Elf vor einer Blamage gegen die Eidgenossen. Nachdem Bican damit erstmals zwei Tore in einem Länderspiel erzielen konnte, netzte er auch im nächsten Spiel gegen den Erzrivalen Ungarn zweimal ein und führte seine Mannschaft, die damals bereits seit zwei Jahren kein Spiel mehr verloren hatte, zu einem ungefährdeten 5:2-Triumph.
Der Rapidler galt zu dieser Zeit als unentbehrlich für das österreichische Nationalteam und war von Trainer Hugo Meisl auch fest für die Weltmeisterschaft im Jahr 1934 eingeplant, obgleich Bican erst seit wenigen Monaten für das Team im Einsatz war. Bican spielte zumeist als Rechts- oder Linksverbinder, konkurrierte durch seine Leistungen aber zunehmend mit dem eigentlichen Star Matthias Sindelar um die Position des zentralen Mittelstürmers. Im einzigen Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft schlugen die Österreicher die Elf aus Bulgarien mit 6:1 Toren. Bican feierte seinen sechsten Einsatz in der Nationalmannschaft, blieb aber erstmals seit längerer Zeit wieder ohne persönlichen Torerfolg. Dafür tat er sich wieder als Vorbereiter der ersten beiden Tore von Horvath hervor. Der schönste Treffer dieses Spiels fiel in der 67. Minute durch Matthias Sindelar, dem ein gekonntes Kurzpassspiel der beiden Vollblutstürmer Sindelar und Bican von der Mittellinie weg vorausging, bei dem mehrere Bulgaren von den beiden Ausnahmekönnern ausgespielt und regelrecht zu Statisten degradiert wurden. Österreich nahm durch diesen Erfolg erstmals an einer Fußball-Weltmeisterschaft teil.