Jonathan Earl Franzen (* 17. August 1959 in Western Springs in Cook County, Illinois) ist ein US-amerikanischer Schriftsteller.
Einem breiten Publikum bekannt wurde er mit seinem 2001 erschienenen dritten Roman Die Korrekturen, der den National Book Award gewann, Finalist für den Pulitzer-Preis war und sich weltweit 2,85 Millionen Mal verkaufte. 2015 wurde dieser Roman in die BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 als
einer der bislang bedeutendsten Werke dieses Jahrhunderts aufgenommen. Dem folgenden Roman Freiheit schenkten die amerikanischen Medien bei seinem Erscheinen 2010 außergewöhnliche Aufmerksamkeit. Kritiker zählten das Buch zu den besten des Jahres.
Thematisch steht in Franzens Romanen das Auseinanderfallen dysfunktionaler Familien im Mittelpunkt. Die Familienmitglieder werden dabei sowohl als Einzelpersonen als auch in ihrem Verhältnis zueinander beleuchtet. Zugleich weisen seine häufig breit angelegten und umfangreichen Werke auf Zusammenhänge und Ähnlichkeiten zwischen dem Einzelschicksal ihrer Charaktere sowie gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen hin. Unter anderem beschäftigen sie sich mit modernen Problematiken wie Globalisierung, Umweltverschmutzung und dem „Krieg gegen den Terror“, aber auch mit dem Kapitalismus im Allgemeinen und der Kommunikation in Sozialen Netzwerken.
Jonathan Franzen wurde in Western Springs (Illinois) als jüngster von drei Brüdern geboren. Sein Vater Earl war Bauingenieur, seine Mutter Irene Hausfrau. 1965 zog die Familie nach Webster Groves (Missouri), einem Vorort von St. Louis. Jonathan Franzen studierte seit 1977 am Swarthmore College und erwarb 1981 mit Auszeichnung einen Bachelor of Arts in Germanistik. 2005 verlieh ihm das College die Ehrendoktorwürde. Nach seinem Abschluss studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München, dann im Rahmen des Fulbright-Programms an der Freien Universität Berlin –, daher spricht Franzen sehr gut Deutsch.
1982 ging er in die USA zurück, heiratete die Schriftstellerin Valerie Cornell, mit der er bei Cambridge (Massachusetts) in einer winzigen Wohnung lebte, und nahm einen Wochenendjob am seismologischen Labor des Department of Earth and Planetary Sciences der Harvard University an, um den gemeinsamen Lebensunterhalt zu bestreiten. Die beiden trennten sich 1994 und sind inzwischen geschieden.
1988 erschien Franzens erster Roman The Twenty-Seventh City (deutsch: Die 27ste Stadt), der sich noch am Vorbild Thomas Pynchons orientiert. Er erhielt zwar einige wohlwollende Kritiken, fand jedoch keine breite Leserschaft. Sein zweiter Roman Strong Motion (deutsch: Schweres Beben) wurde 1992 weder von der Kritik noch vom Publikum begeistert aufgenommen. Dennoch gelang es Franzen aufgrund eines 200-seitigen Entwurfs, die Rechte an seinem neuen Roman The Corrections (deutsch: Die Korrekturen) 1996 an den Verlag Farrar, Straus and Giroux zu verkaufen. Als 2001 das Werk, an dem er sieben Jahre lang schrieb und das von einem konservativen Erzählstil geprägt ist, unmittelbar vor den Anschlägen am 11. September schließlich erschien, brachte es bei Publikum und Kritik gleichermaßen seinen Durchbruch. Für den Roman bekam er noch im selben Jahr den National Book Award verliehen. Schon zuvor hatte ihn die Zeitschrift The New Yorker auf die Liste der wichtigsten Schriftsteller des 21. Jahrhunderts gesetzt.
Oprah Winfrey wählte The Corrections für Oprah’s Book Club aus, was in der Regel einen starken Anstieg der Verkaufszahlen nach sich zieht. Nachdem Franzen sich in einem Interview zu dieser Nominierung zwiespältig geäußert hatte, da viele Bücher des Buchclubs schmaltzy und one-dimensional seien, zog Winfrey die Einladung in ihre Fernsehshow wieder zurück und besprach stattdessen ein anderes Buch. Die Kontroverse zog ein breites Medienecho nach sich, in dessen Rahmen Franzen teils heftig für seine „arrogante“ Kommentierung kritisiert wurde. Erst 2010 trat er in der Show auf.
Unmittelbar nach Erscheinen von Die Korrekturen nahm Franzen die Arbeit an einem neuen Roman auf, verwarf jedoch zunächst alles, was er schrieb. Stattdessen veröffentlichte er 2002 eine Sammlung von Essays, How to Be Alone (deutsch: Anleitung zum Alleinsein), und 2006 eine Sammlung autobiografischer Erzählungen, The Discomfort Zone (deutsch: Die Unruhezone: Eine Geschichte von mir), die sich von der Zeit seiner Kindheit und Jugend über das Zusammenleben mit und der Trennung von seiner Frau bis zum Tod seiner Eltern und der Zeit nach dem Erfolg von Die Korrekturen erstrecken. Mit Spring Awakening legte Franzen im Herbst 2007 eine Neuübersetzung von Frank Wedekinds Frühlings Erwachen vor.
Im August 2010 erschien nach neunjähriger Arbeit und begleitet von größter Aufmerksamkeit der amerikanischen Medien Franzens vierter Roman Freedom (deutsch: Freiheit), den er zum Teil in Berlin schrieb. Nachdem er ein Vorabexemplar an Winfrey geschickt hatte, wählte sie wiederum (diesmal mit seiner ausdrücklichen Zustimmung) sein Buch für ihren Buchclub aus. Im selben Jahr wurde der Schriftsteller Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. 2015 veröffentlichte Franzen seinen Roman Purity (deutsch: Unschuld). 2021 erschien mit dem Roman Crossroads der Auftakt einer geplanten Trilogie.
In einem Interview anlässlich seines 65. Geburtstags bezeichnete Franzen Deutschland als Vorbild im Hinblick auf die Bedeutung der Schriftsteller und Intellektuellen in öffentlichen Debatten, die Ausbildung der Kinder sei sehr gut sowie die Tatsache, dass Deutschland die volle Verantwortung für seine Nazi-Gräueltaten nehme und beispielsweise per Gesetz, die Nazi-Symbole und Parolen verbiete.
In seiner freien Zeit beobachtet Franzen gerne Vögel. Dazu steht er meist in der Dämmerung auf, um auch ihren Gesang hören zu können. Wo immer er sich gerade aufhält, plant er auch einen Abstecher zu bekannten Vogelnistplätzen. Mit Veröffentlichungen wie Last Song for Migrating Birds im Magazin National Geographic setzt er sich aktiv für den Vogelschutz ein. Für sein beispielhaftes Naturschutz-Engagement wurde er im Jahr 2015 von der Euronatur Stiftung ausgezeichnet.
Franzens Lebensgefährtin ist die Schriftstellerin Kathryn Chetkovich, mit der er seit 1996 abwechselnd an der Upper East Side in New York und in der Nähe von Santa Cruz, Kalifornien lebt.
In deutscher Übersetzung erschienen Franzens Bücher im Rowohlt Verlag. Im März 2022 wurde bekannt, dass er in Zukunft seine Werke bei der dtv Verlagsgesellschaft veröffentlichen werde.
Der Wirtschafts-Politthriller The Twenty-Seventh City (deutsch: Die 27ste Stadt) spielt, auf George Orwells Dystopie verweisend, im Jahr 1984 in St. Louis im Mittleren Westen. Die Stadt, einst eine der bedeutenden der USA, rutschte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Platz 27. Durch die hohe Kriminalität in einzelnen Elendsvierteln sind die Bürger verängstigt und wandern ins Umland ab. Die ständigen Perspektivwechsel, die als Hauptstilmittel eingesetzt werden, liefern ein vielschichtiges desillusionierendes Bild der amerikanischen Gesellschaft auf persönlicher Ebene sowie der von wenigen eng verflochtenen Familien der Pionierzeit beherrschten Strukturen.
Die Romanhandlung setzt mit der Rückkehr der Halb-Amerikanerin Susan Jammu aus Indien ein. Sie will in St. Louis ihre kommunistische revolutionäre Überzeugung verwirklichen, indem sie sich die Geldaristokratie unterwirft. Nachdem sie zur neuen Polizeichefin gewählt wird, verliert sie diese Zielsetzung aber immer mehr aus dem Auge und verfolgt, getrieben von ihrem Machtwillen, ihre private Mission. Mit ihren indischen Agenten inszeniert sie Bombenanschläge und schiebt sie einer angeblichen Indianer-Terrororganisation, den Osage-Kriegern, in die Schuhe, um sich mit Polizeiaktionen als Retterin der Ordnung feiern zu lassen und ein Referendum für den Zusammenschluss der Stadt mit dem Umland zu gewinnen. Zugleich nutzt sie skrupellos ihre Position für Überwachungen zum Aufbau mafioser Strukturen aus. So zwingt sie einerseits durch Verführungen bis zur sexuellen Abhängigkeit, andererseits durch Intrigen, Erpressungen und Psychoterror die Schlüsselfiguren der Stadt zur Zusammenarbeit, um mit dem Geld ihrer Mutter durch Bodenspekulation und verdichtete Neubebauung der heruntergekommenen Stadtviertel große Gewinne zu erzielen. Der Abriss der alten Häuser wird als soziales Sanierungskonzept (Slogan: „Hoffnung Stadt“) für die mehrheitlich schwarzen Bewohner getarnt. Ihre Gegenspieler sind der konservative Unternehmer Samuel Norris und der erfolgreiche, aber menschlich schwache Bauunternehmer Martin Probst, der Vorsitzende des „Wachstumsvereins“. Bei ihm setzt sie mit ihrem raffinierten Kampf an. Sie lässt seine in ihrer Ehe unglückliche Frau Barbara von ihrem Geheimdienstchef Singh entführen und will sie spurlos verschwinden lassen, dann verführt sie Martin, um mit ihm gemeinsam die Stadt zu beherrschen. Im effektvollen Showdown bricht ihre Intrige zusammen. Norris hat ihre Machenschaften durchschaut, Barbara kommt auf der Flucht bei einer Schießerei ums Leben und Probsts Haus wird von einer wahnsinnig gewordenen Agentin in Brand gesteckt. Jammu tötet sich, nachdem der entwurzelte und demoralisierte Probst sich von ihr getrennt hat, das Referendum verlorengegangen ist und sie die Aufdeckung ihrer Aktionen befürchten muss.