John Stuart Mill (* 20. Mai 1806 in Pentonville, Vereinigtes Königreich; † 8. Mai 1873 in Avignon, Frankreich) war ein britischer Philosoph, Politiker und Ökonom, einer der einflussreichsten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts sowie ein früher Unterstützer malthusianischer Konzeption und in diesem Zusammenhang auch der Frauenemanzipation. Mill wird in der Sekundärliteratur teilweise auch als früher Feminist bezeichnet. Mill war Anhänger des Utilitarismus, der von Jeremy Bentham, dem Lehrer und Freund seines Vaters James Mill, als Nutz-Ethik entwickelt wurde. Seine wirtschaftlichen Werke zählen zu den Grundlagen der klassischen Nationalökonomie, und Mill selbst gilt als Vollender des klassischen Systems und zugleich als sozialer Reformer.
Der von ihm als Gegenentwurf zu Thomas Morus’ Utopia geprägte Begriff Dystopia bezeichnet einen pessimistischen Zukunftsentwurf in Philosophie und Literatur.
John Stuart Mill wurde am 20. Mai 1806 als erstes der neun Kinder von James Mill und Harriet Murrow in England geboren. Seine persönliche Entwicklung wurde maßgeblich von seinem Vater bestimmt, der als Vertreter eines radikalen Utilitarismus / philosophischen Radikalismus galt und in der Erziehung des hochbegabten jungen Mill einen „Wettstreit zur Schaffung eines Genies“ sah. Grundlage des philosophischen Radikalismus, der von James Mill und Jeremy Bentham begründet wurde, sollte die Umsetzung einer weitreichenden Reform der Gesellschaft ausschließlich unter rationalen und empirischen Aspekten sein; mit der Erziehung seines Sohnes wollte Vater Mill exemplarisch dazu beitragen.
Mit drei Jahren erhielt John Stuart seine ersten Lektionen in Griechisch, mit zehn Jahren beherrschte er Latein auf universitärem Niveau, später kamen Französisch und Deutsch hinzu. Bereits in frühester Kindheit las er Äsops Fabeln im Original, danach die Anabasis von Xenophon, Herodot, Diogenes Laertios, Lukian von Samosata und Isokrates, mit sieben Jahren die ersten Dialoge Platons. Unter strenger Aufsicht seines Vaters begann er mit dem Studium der Arithmetik. Zur Erholung las er Plutarch und Humes Geschichte Großbritanniens. Als er acht Jahre alt war, begann er damit, seinen jüngeren Geschwistern Latein beizubringen. Im Alter von 13 Jahren setzte er sich mit politischer Ökonomie, insbesondere mit den Theorien von Adam Smith und David Ricardo auseinander. Mit 14 reiste er nach Montpellier und studierte dort Chemie, Zoologie, Mathematik, Logik und Metaphysik. Nachdem er bis zum vierzehnten Lebensjahr ohne Kontakte zu Gleichaltrigen erzogen worden war, erhielt er bei einem Bruder Benthams (Sir Samuel Bentham) in Frankreich in der Nähe von Toulouse erstmals die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen und sportlichen Aktivitäten nachzugehen (Reiten, Schwimmen, Fechten und Tanzen). Zeitgleich entdeckte er in den Pyrenäen seine Leidenschaft für Botanik, die er bis zu seinem Lebensende als Hobby betrieb. In Frankreich kam Mill außerdem mit Vertretern des französischen Liberalismus zusammen und begeisterte sich für die Ideale der Revolution von 1789, in deren Aufbrechen der Ständeherrschaft (siehe Ständeordnung) er eine Grundlage für die Entwicklung eines liberalen Staates sah. Zurück in England kam er 1821 erstmals in Kontakt mit den Schriften Benthams und wurde ein Anhänger seines Nützlichkeitsprinzips. Zusätzlich besuchte er die Vorlesungen von Benthams Schüler John Austin am University College London. Ein Jahr später gründete er mit Freunden die Utilitaristische Gesellschaft, deren Mitglieder ethische und gesellschaftspolitische Fragen diskutierten. Drei Jahre danach folgte die Gründung der London Debating Society, in der sich Mill für die Einführung einer reinen Demokratie starkmachte und gegen die „schädlichen Einflüsse der Aristokratie“ sprach.
Ab Mai 1823 arbeitete John Stuart Mill bei der Ostindischen Handelsgesellschaft und stieg dort schnell in verantwortungsvolle Positionen auf.
Im Alter von 20 Jahren durchlitt John Stuart Mill eine geistige Krise, die er in seiner Autobiografie als „erfahrene Freudlosigkeit“ und als einen „Zustand der Niedergeschlagenheit“ beschreiben wird. Diese erste Depression im Jahre 1826 führte dazu, dass Mill seine Erziehung und die von seinem Vater vertretenen Konzepte des Rationalismus und Assoziationismus kritisch zu bewerten begann. Nach James Mills Verständnis war nützliches Handeln stets an einen Lustgewinn geknüpft, Leiden und Schmerz hingegen waren Ausdruck schädlicher und unnützer Aktivitäten. Eine depressive Krise hätte es angesichts des Engagements seines Sohnes also nicht geben dürfen, und so folgerte dieser, dass sein Vater sich in seinen Annahmen geirrt habe. Diese Kritik verschärfte sich nach dem Tode des Vaters im Jahre 1836 noch, der dem Sohn eine weitere schwere Krise bescherte und ihn für mehrere Monate arbeitsunfähig machte. In der Folge dieser Erfahrungen gewann für John Stuart Mills politische Philosophie vor allem die freie Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit („innere Kultur des Individuums“) überragende Bedeutung. Dabei lehnte er autoritäre staatliche Strukturen keineswegs ab, sondern betrachtete sie als notwendig, um die Individuen von Fehlern abzuhalten und in ihren Rechten zu bestärken. Einen radikalen wirtschaftlichen Liberalismus bekämpfte Mill ebenso wie jeden anti-individualistischen Sozialismus, sprach sich jedoch für eine soziale Mindestabsicherung und ein politisches Mitwirkungsrecht aller Bürger aus, wobei er gleichzeitig die Selbstverantwortung des Individuums betonte und ein Klassenwahlrecht nach Maßgabe des Bildungsstandes entwarf, um einer Ochlokratie, der Herrschaft des ungebildeten Pöbels, entgegenzuwirken.
Bereits 1830 lernte Mill mit Harriet Taylor den ihn nach seinem Vater wohl am meisten prägenden Menschen kennen. Die damals 22-jährige verheiratete Frau verliebte sich in den zwei Jahre älteren Mill und wurde seine „Seelenfreundin“ und platonische Geliebte, bevor sie erst 1851, nach dem Tode ihres Mannes im Jahre 1849, auch seine Ehefrau wurde. Als „radikale Linksintellektuelle“ setzte sich Harriet engagiert für Frauenrechte ein und beeinflusste Mills Gedanken und Werke maßgeblich (was er in seinen Veröffentlichungen Über die Freiheit, Betrachtungen über die Repräsentativregierung und Der Utilitarismus ausdrücklich betonte).
1856 wurde Mill in die American Academy of Arts and Sciences und im Dezember 1864 als Ehrenmitglied (Honorary Fellow) in die Royal Society of Edinburgh gewählt. Als die Ostindische Gesellschaft im Dezember 1858 verstaatlicht wurde, hatte er die Position des Präsidenten des Prüfungsbüros inne und verdiente 2000 Pfund jährlich. Kurze Zeit später zog er sich mit einer großzügigen Rente von 1500 Pfund aus seinem Beruf zurück und konzentrierte sich ganz auf seine Studien. Nur wenige Monate nach Mills Pensionierung im Winter 1858/1859 starb Harriet Taylor in Frankreich an Tuberkulose und wurde in Avignon beigesetzt.
Sieben Jahre später zog Mill trotz seiner Weigerung, einen Wahlkampf zu führen, für die Whigs (die liberale Partei) ins Parlament ein. Durch seinen persönlichen Einsatz und seine pragmatische, offene Politik erwarb er sich bei seinen Kollegen schnell großen Respekt, erntete aber für seine Positionen zum Scheidungsrecht massiven Widerspruch. Gemäß seiner Philosophie setzte er sich in seiner Amtsperiode für ein erweitertes Wahlrecht und Sozialreformen ein und errang mit seinem Engagement für die Verwirklichung von Frauenrechten durch die Einführung eines Wahlrechts für Frauen im Juli 1866 einen Überraschungserfolg (beinahe ein Drittel der anwesenden Parlamentarier sprachen sich für Mills Antrag aus). Mill war nach Henry Hunt erst der zweite Abgeordnete, der im Parlament das Frauenwahlrecht forderte. In seinem Wahlkreis wurde die Arbeit Mills jedoch als unzureichend bewertet, und die erneute Weigerung des Reformers, seinen eigenen Wahlkampf zu finanzieren, führte zur Abwahl im Jahr 1868. Mills Aussage dazu war: „Ich wurde hinausgeworfen.“ Die Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique nahm ihn 1870 als assoziiertes Mitglied auf.