John Singer Sargent (* 12. Januar 1856 in Florenz; † 14. April 1925 in London) galt als der bedeutendste US-amerikanische Porträt-Maler seiner Zeit. Zu seinen Kunden gehörten Angehörige der Oberschicht, überwiegend in Europa, auch in den Vereinigten Staaten von Amerika. Berühmtheit erlangten auch seine Genreszenen, die Wandmalereien für drei Institutionen in Boston und Umgebung sowie das Kriegsgemälde Gassed aus dem Jahre 1919.
Wesentliche Bestände finden sich Museum of Fine Arts von Boston, darunter auch Wandgemälde, Skulpturen und sein Archiv.
Sargents Kindheit war ungewöhnlich. Seine Eltern lebten aus gesundheitlichen Gründen in Europa und blieben selten länger an einem Ort. Sargent genoss wegen dieser unkonventionellen Lebensweise nur wenig formelle Schulbildung. In seinem Werk spiegeln sich auch seine umfangreichen Reisen wider. Nach seiner Ausbildung in Paris lebte er überwiegend in London, er bereiste zudem Kontinentaleuropa von Norwegen bis nach Korfu, Spanien, den Nahen Osten und kehrte mehrmals in die Vereinigten Staaten (Montana, Maine und Florida) zurück. Seine Karriere war nicht völlig frei von Kontroversen. Sein Porträt der Madame X, das er 1884 im Salon de Paris einreichte und das eigentlich seine Stellung als Porträtmaler untermauern sollte, löste einen Skandal aus. John Singer Sargent wurde auf beiden Seiten des Atlantiks als Porträtist gefeiert und für sein außergewöhnliches Können mit dem Pinsel, sein tiefes Gespür für Charaktere und die kunsthistorischen Bezüge gelobt. Zu seinem Lebenswerk gehören ungefähr 900 Ölgemälde, 2000 Aquarelle sowie unzählige Skizzen und Kohlezeichnungen. Neben Porträts malte er religiöse Kompositionen, Genreszenen, Figuren, Interieurs, Landschaften, Seebilder und Wandkompositionen. Er steht der Strömung des amerikanischen Impressionismus nahe.
John Singer Sargent war das zweite Kind des Arztes FitzWilliam Sargent und seiner Frau Mary Singer. Das Ehepaar, das 1851 geheiratet hatte, lebte ursprünglich in Philadelphia, wo FitzWilliam Sargent eine kleine Praxis hatte, regelmäßig medizinische Fachartikel schrieb, sich zunehmend auf Augenheilkunde spezialisierte und am Wills Hospital Belegbetten hatte. Die erste Tochter des Ehepaars, die nach ihrer Mutter und ihrer mütterlichen Großmutter Mary getauft wurde, kam 13 Monate nach der Eheschließung zur Welt. Ihr Tod knapp zwei Jahre später ließ das Ehepaar seine Lebensführung vollständig ändern. Mary Singer erlebte nach dem Tod ihrer Tochter einen Zusammenbruch und stand unter dem Eindruck, dass nur ein Leben im Ausland ihr ermöglichen würde, ihre Gesundheit wiederzuerlangen. Das Ehepaar entschloss sich, eine Weile in Europa zu leben. Am 13. September 1854 kam das Ehepaar gemeinsam mit Mary Singers Mutter in Liverpool an und verbrachte seinen ersten europäischen Winter in Pau, einer Stadt in der französischen Region Aquitanien. FitzWilliam Sargent hatte zwar seine medizinischen Studien in Frankreich für die Zeit nach seiner Rückkehr fortgesetzt, ließ sich aber im Herbst des Jahres 1855 von seiner Frau und seiner Schwiegermutter überreden, den europäischen Kontinent zu bereisen. Sie reisten über Paris nach Florenz, wo sie gegen Ende Oktober oder Anfang November die Casa Arretini in der Lungarno Acciaioli mieteten. In diesem Haus kam John Singer Sargent am Samstag, dem 12. Januar 1856, zur Welt. Der Botaniker Charles Sprague Sargent war ein entfernter Cousin des Künstlers.
FitzWilliam Sargent teilte zu Beginn des Jahres 1857 dem Wills Hospital mit, dass er in absehbarer Zeit nicht nach Philadelphia zurückkehren werde. Anlass für diese Entscheidung war der Wunsch von Mary Singer, die sich gesundheitlich immer noch nicht in der Lage fühlte, die lange Reise über den Atlantik anzutreten. John Singer Sargents Biograf Olson hält jedoch fest, dass Mary Singer immerhin gesund genug war, um zwischen 1856 und 1870 insgesamt fünf Kinder zur Welt zu bringen. John Singer Sargents Geschwister kamen 1857 (Emily Sargent, Rom), 1861 (Mary Winthrop Sargent, Nizza; † 1865 in Pau), 1867 (FitzWilliam Winthrop Sargent, Nizza; † 1870) und 1870 (Violet Sargent, Florenz) zur Welt.
Die Familie Sargent blieb gewöhnlich nicht mehr als einige Monate in einer Stadt – Mary Singer fühlte sich selten länger an einem Ort wohl, ihr nomadisierender Lebensstil war nur von dem Wunsch geprägt, extreme Temperaturen zu meiden, so dass sie sich im Sommerhalbjahr meistens in Gebirgsnähe und im Winter in südlicheren Regionen Europas aufhielten. Ab Mitte der 1860er Jahre bewohnten sie mehrere Jahre hintereinander während des Winterhalbjahres eine Mietwohnung in Nizzas Rue Grimaldi, während des Sommers zogen sie jedoch unverändert von Ort zu Ort, so dass die Familie mehrere Male im Verlauf eines Jahres ihre gesamte Habe zusammenpacken musste. Die Sargents waren keineswegs wohlhabend. Abgesehen von der Dividende, die FitzWilliam Sargent von einigem Aktienbesitz bezog, lebten sie bis 1859 von den Zinsen eines kleinen Geldvermögens, das Mary Singer 1850 nach dem Tode ihres Vaters geerbt hatte. 1859 starb Mary Singers Mutter und hinterließ ihr gesamtes Vermögen ihrem einzigen Kind. Diese zweite Erbschaft, die sich auf insgesamt 45000 US-Dollar belief, ermöglichte dem Ehepaar ein auskömmliches, aber letztlich bescheidenes Leben.
Für die Kinder des Ehepaars war auf Grund der nomadischen Lebensweise ein Schulbesuch ausgeschlossen. FitzWilliam Sargent unterrichtete seine Kinder selber. Über John, seinen ältesten Sohn, schrieb er am 16. September 1861 an seine Mutter:
Die Kunstgeschichte schreibt es Mary Singer zu, dass ihr Sohn eine Zuneigung zur Malerei entwickelte. Tatsächlich gehörte Zeichnen und Aquarellieren zu ihrem ständigen Zeitvertreib und sie ermutigte ihren Sohn, sich auch an schwierige Sujets heranzuwagen. Die von ihrem Mann selbst gezeichneten Illustrationen zu seinem 1848 erschienenen Fachbuch On Bandaging, and Other Operations of Minor Surgery belegen jedoch, dass FitzWilliam Sargent der malerisch talentiertere Elternteil war.
Die nomadische Lebensweise der Familie bedingte, dass sie nur wenige Freunde hatten. Eine Ausnahme stellte Violet Paget dar, Tochter einer Schottin, die nach dem Tod ihres ersten Ehemanns nach Frankreich gezogen war und wie die Sargents viel Zeit in Nizza verbrachte, die die Familie 1866 kennenlernte und die sich eng mit John Singer und Emily Sargent anfreundete. Die Freundschaft bestand über viele Jahre, gefördert auch dadurch, dass Violet Paget und ihre Mutter ein ähnlich unstetes Leben wie die Sargents führten und sich häufig in denselben Städten wie die Sargents niederließen. Violet Pagets Porträt, das 1881 entstand, gehört zu Sargents Frühwerk.
Im November 1868 gab die Familie Sargent Nizza als ihr Winterquartier auf und hielt sich in diesen Monaten in Rom auf, wo auch Violet Paget und ihre Mutter von 1868 bis 1869 lebten. Der 13-jährige John Singer Sargent wurde hier kurzzeitig Schüler im Atelier eines Malers, den FitzWilliam in seinen erhalten gebliebenen Briefen und Aufzeichnungen entweder als „Künstlerfreund aus Rom“ oder „deutschen Landschaftsmaler“ bezeichnete. Die Kunstgeschichte hat ihn als Charles Feodor Welsch identifiziert, dessen Aquarelle John Singer Sargent in den Morgenstunden seines Unterrichts getreulich nachzeichnete, aber nach Sargents eigenen Aussagen vornehmlich damit beschäftigt wurde, für Welsch Wein und Bier aus den nahegelegenen Läden zu besorgen. Im Sommer 1871 unternahmen Welsch und John Singer Sargent jedoch eine gemeinsame Studientour durch Tirol.
Im Spätherbst des Jahrs 1871 entschied FitzWilliam Sargent, dass die Familie das Winterhalbjahr in Dresden verbringen sollte. Er und seine Frau hatten seit 1854 den Winter überwiegend im Süden Europas verbracht. Die Entscheidung für Dresden basierte auf seiner Einschätzung, dass Dresden eine der besten Kunstschulen Europas böte. London war angesichts des beschränkten Einkommens der Familie zu teuer; wegen des Deutsch-Französischen Krieges kam auch Paris nicht in Frage. Die schon immer kränkliche Emily, die unter anderem an einem deformierten Rückgrat litt, erkrankte während des Aufenthalts in Dresden schwer und erholte sich erst im Februar 1872 so weit, dass ihre Eltern nicht mehr um ihr Leben fürchten mussten. Die Familie kehrte im September 1872 nach Florenz zurück; John Singer Sargent wurde hier zunächst wieder Schüler der Accademia delle Belle Arti, einer mittelmäßigen und schlecht organisierten Kunstschule, die wenig später ihren Unterricht einstellte. In Florenz lebte allerdings eine große Künstlergemeinde, und John Singer Sargent begann gemeinsam mit Frank Fowler und Walter Launt Palmer (1854–1932) bei dem US-Amerikaner Edwin White Unterricht zu nehmen. Sargents Biograf Olson betont, dass die Bedeutung dieses Unterrichts vor allem darin lag, dass Sargent erstmals mit zeitgenössischen amerikanischen Malern zusammenarbeitete, die einen Teil ihrer Studien in den Vereinigten Staaten und bedeutenden Kunsthochschulen erhalten hatten. Allen war außerdem gemeinsam, dass sie Florenz so bald wie möglich wieder verlassen sollten.