John Rawls (* 21. Februar 1921 in Baltimore, Maryland; † 24. November 2002 in Lexington, Massachusetts) war ein US-amerikanischer Philosoph und Autor, der als Professor an der Harvard University lehrte. Sein Hauptwerk A Theory of Justice (1971) gilt als eines der einflussreichsten Werke der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts.
Rawls war das zweite von fünf Kindern des Rechtsanwalts William Lee Rawls und seiner Ehefrau Anna Abell Stump. Der Tod zweier Brüder überschattete seine Jugend; beide starben an Erkrankungen, mit denen er sie angesteckt hatte: Bobby (Robert Lee) starb 1928 an Diphtherie, Tommy (Thomas Hamilton) ein Jahr später an einer Lungenentzündung. Rawls studierte ab 1939 am College der Princeton University, wo er sich für Philosophie zu interessieren begann. Nach dem Abschluss des Studiums als Bachelor of Arts im Jahr 1943 ging er zur US-Army. Im Zweiten Weltkrieg diente Rawls als Infanterist im Pazifik, wo er auf Neuguinea, den Philippinen und in Japan eingesetzt wurde, und besuchte schließlich das von der Atombombe verwüstete Hiroshima. Diese Erfahrung bewegte ihn dazu, eine ihm angebotene Offizierskarriere auszuschlagen und die Armee bald darauf im untersten Dienstgrad eines Private zu verlassen.
Anschließend kehrte Rawls nach Princeton zurück und wurde dort 1950 in Philosophie mit einer Arbeit zur moralischen Beurteilung menschlicher Charakterzüge promoviert. Nach kurzer Lehrtätigkeit in Princeton erhielt Rawls 1952 ein Fulbright-Stipendium für einen einjährigen Forschungsaufenthalt an der englischen Oxford University, wo er von Isaiah Berlin, Stuart Hampshire und vor allem H.L.A. Hart beeinflusst wurde. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten hatte Rawls Professuren an der Cornell University und am Massachusetts Institute of Technology inne. 1962 wechselte er an die Harvard University, wo er mehr als dreißig Jahre lehrte. 1966 wurde Rawls in die American Academy of Arts and Sciences und 1974 in die American Philosophical Society gewählt. Seit 1983 war er korrespondierendes Mitglied der British Academy. Für sein Buch A Theory of Justice wurde ihm 1972 der Ralph-Waldo-Emerson-Preis der Phi Beta Kappa Society verliehen. 1995 erlitt er den ersten von mehreren Schlaganfällen, die ihn bei seiner Arbeit stark behinderten. Trotzdem gelang es ihm, sein letztes Werk The Law of Peoples abzuschließen, in dem er eine liberale Theorie des Völkerrechts entwickelt. 1999 wurde ihm die National Humanities Medal verliehen.
Rawls, der als ausgesprochen uneitler und bescheidener Mensch beschrieben wurde, starb am 24. November 2002 in seinem Haus in Lexington an Herzversagen. Er hinterließ seine Frau Margaret Warfield Fox Rawls, mit der er seit 1949 verheiratet war, und vier Kinder: Anne Warfield, Robert Lee, Alexander Emory und Elizabeth Fox. Die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichte in einer Ausgabe gleich drei Nachrufe auf Rawls. Den Nachruf in der Süddeutschen Zeitung schrieb der Tübinger Philosoph Otfried Höffe, den Nachruf in der Frankfurter Rundschau der Frankfurter Philosoph Rainer Forst. Clemens Sedmak, ein österreichischer Theologe, schrieb den Nachruf für die Wochenzeitung Die Furche. Der Aachener Philosoph Wilfried Hinsch, der sich über die Gerechtigkeitstheorie von Rawls habilitiert hatte, verfasste den Nachruf für die NZZ. 2005 wurde der Asteroid (16561) Rawls nach ihm benannt.
Die Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, war Rawls’ Schülerin, promovierte bei ihm und arbeitete zeitweise als seine wissenschaftliche Assistentin. In ihrem philosophischen Hauptwerk zitiert sie ihn u. a. bezüglich des Motivs, ein „Modell für ein soziales System zu entwerfen, das durch die Verringerung des Zufalls in unserem Leben Gerechtigkeit schafft“:
Rawls’ Beitrag zur politischen Philosophie und Moralphilosophie
Rawls gilt als wesentlicher Vertreter des egalitären Liberalismus. Als Prämisse seines Werkes setzt er die Gerechtigkeit als maßgebliche Tugend sozialer Institutionen, die aber die Freiheit des Einzelnen nicht verletzen darf:
Die Aufgabe von Gerechtigkeitsgrundsätzen besteht ihm zufolge darin, die Grundstruktur der Gesellschaft festzulegen, d. h. die institutionelle Zuweisung von Rechten und Pflichten und die Verteilung der Güter. Wie aus der Bezeichnung seiner Theorie („Gerechtigkeit als Fairness“) und seinen Überlegungen zur Rechtfertigung ersichtlich wird, ist seine Gerechtigkeitstheorie eine Theorie der „Verfahrensgerechtigkeit“.
Rawls stellt sich dazu die Frage: Für welche Gerechtigkeitsgrundsätze würden sich freie und vernünftige Menschen in einer fairen und gleichen Ausgangssituation in ihrem eigenen Interesse entscheiden? Er argumentiert, dass zwei Grundsätze gewählt würden, deren Inhalt er in letzter Hand – nach einigen Veränderungen und Umarbeitungen gegenüber der ursprünglichen Fassungen – folgendermaßen formuliert:
Der erste Grundsatz hat Vorrang vor dem zweiten. Dasselbe gilt für die beiden Unterpunkte im zweiten Grundsatz: Es ist nicht erlaubt, die Chancengleichheit zu beschneiden, um dem Differenzprinzip mehr Geltung zu verschaffen. In Abgrenzung zum von ihm kritisierten Utilitarismus will er mit diesen Vorrangregeln verhindern, dass zugunsten der Güterverteilung auf Freiheiten verzichtet werden darf.
Hieran macht sich auch ein großer Teil der Kritik an Rawls’ Thesen fest: In der Praxis ist es nicht außergewöhnlich, dass Menschen zugunsten materieller Güter auf Freiheiten verzichten. Zunächst muss ein Mensch die Grundbedingungen dafür erfüllen, überhaupt seine Freiheit als oberstes Prinzip verteidigen zu wollen: Er muss seine Grundbedürfnisse befriedigt sehen. Der Verhungernde wird eher in die Sklaverei einwilligen als seinen sicheren Tod in Kauf nehmen. Auch demokratische Teilhaberechte und damit Freiheiten im Rawlsschen Sinne genießen nicht in jeder Kultur denselben Stellenwert. Zudem sind Menschen beispielsweise wegen körperlicher Einschränkungen auch nicht immer in der Lage, die formal gewährten Freiheiten vollständig auszunutzen.
Rawls stellt die umfassende Doktrin eines säkularen „aufgeklärten Liberalismus“ selbst in die Nähe einer religiöser Doktrin: Es gäbe viele Liberalismen mit verschiedenen auch kulturspezifischen Interpretationen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, die auch religiös begründet werden könnten. Auch auf der Basis der Scharia könne eine konstitutionelle Demokratie gegründet werden.
Rawls fordert nicht formale Chancengleichheit (gleiches gesetzliches Recht auf vorteilhafte soziale Positionen), sondern faire Chancen (Menschen mit ähnlichen Fähigkeiten sollten ähnliche Lebenschancen haben). Rawls postuliert als Voraussetzung dafür das Vorliegen einer gleichen Motivation. Faulheit verwirkt die Chancen. Dem liegt die Auffassung zu Grunde, dass gesellschaftliche oder natürliche Zufälligkeiten zu unterschiedlichen Möglichkeiten führen, z. B. Ausbildungen, Qualifikationen und damit letztlich höhere Positionen und Ämter zu erreichen. Es muss also ein öffentliches Regelsystem geben, welches sicherstellt, dass alle Menschen mit gleichen Begabungen durch Arbeit gleiche Aufstiegschancen haben, und zwar – dies ist der entscheidende Zusatz – ungeachtet der anfänglichen Stellung in der Gesellschaft. Bezogen auf das Bildungssystem impliziert die formale Chancengleichheit lediglich, dass alle Menschen dasselbe Recht haben, eine Universität zu besuchen; es darf also keine Zugangsbeschränkung für Menschen einer bestimmten Hautfarbe oder eines bestimmten Standes geben. Die faire Chancengleichheit akzentuiert dies, indem gefordert wird, dass bspw. ein Stipendienwesen eingeführt wird, das sicherstellt, dass auch Menschen studieren können, die zwar begabt sind, aber die Studiengebühren nicht bezahlen können. Da Rawls auch in der Verteilung von natürlichen Begabungen noch eine Zufälligkeit der Natur sieht, die der Einzelne nicht verschuldet oder verdient hat, führt er das Differenzprinzip ein.
Differenzprinzip anstelle der Pareto-Optimalität oder des Nutzenprinzips des Utilitarismus: Demnach sind gesellschaftliche Ungleichheiten nur dann gerechtfertigt, wenn und soweit sie auch dem am schlechtesten gestellten Mitglied der Gesellschaft noch zu einem (wenn auch ggf. geringen) „absoluten“ Vorteil gereichen. Erst durch diese Vorkehrung werden auch die weniger Begabten gewissermaßen gegen nicht selbst verschuldete Ungerechtigkeiten versichert.