John Leland (* 13. September, um 1503, in London; † 18. April 1552; auch Leyland geschrieben; lat. Johannes Lelandus) war ein englischer Altertumsforscher und Historiker sowie Bibliothekar des Königs Heinrich VIII. Er begründete die Forschungen zur englischen Lokalgeschichte.
John Leland entstammte einer in Lancashire ansässigen Familie und wurde in London an einem 13. September eines nicht genau bekannten Jahres geboren, doch ist sein Geburtsjahr nach den Forschungen des kanadischen Historikers James P. Carley um 1503 anzusetzen. Die meisten Angaben zu Lelands frühem Leben sind autobiographischen Bemerkungen seiner eigenen Dichtungen zu entnehmen. Demnach hatte er einen älteren Bruder, der ebenfalls den Vornamen John hatte und Arzt wurde. Nachdem er bereits in früher Kindheit seine Eltern verloren hatte, wurde er von einem nicht weiter bekannten Thomas Myles adoptiert und erzogen. Dieser kam für alle notwendigen Ausgaben für seine Ausbildung aus, wie Leland selbst in einem Enkomium eingestand. Er besuchte zunächst die St Paul’s School (London), deren Direktor damals der Grammatiker William Lily war. Dort lernte er mehrere seiner späteren Förderer kennen, u. a. den nachmaligen Staatsmann William Paget und Edward North.
Seine weitere Ausbildung absolvierte Leland am Christ’s College in Cambridge, wo er Geisteswissenschaften studierte und 1522 den akademischen Grad eines Bachelor of Arts erhielt. Bald danach wurde er vom Oberhofgericht zu einer kurzen Haftstrafe verurteilt, weil er einen Ritter verräterischer Verbindungen mit Richard de la Pole († 1525), dem letzten Anwärter des Hauses York auf den englischen Thron, bezichtigt hatte. Wieder in Freiheit gesetzt nahm er in Lambeth, London, eine Anstellung bei Thomas Howard, 2. Duke of Norfolk als Hauslehrer für dessen Sohn Thomas an. Nachdem der Herzog 1524 gestorben war, begab er sich – laut einem von Leland an König Heinrich VIII. gerichteten Widmungsbrief auf dessen Weisung – nach Oxford, wo er mindestens zwei Jahre blieb. Der Antiquar Anthony Wood gibt aufgrund ihm zugegangener Informationen an, dass Leland in Oxford Fellow des All Souls College wurde, wo er offenbar Thomas Caius kennenlernte. Leland war aber mit der ihm zu konservativ erscheinenden Ausrichtung des Unterrichts der Oxforder Lehrer unzufrieden.
Studienaufenthalt in Frankreich
Von etwa 1527-29 lebte Leland in Frankreich und studierte vornehmlich in Paris. Einen von ihm ebenfalls anvisierten Studienaufenthalt in Italien dürfte er aber nicht verwirklicht haben. In Paris perfektionierte er seine Kenntnisse der klassischen Sprachen Latein und Griechisch sowie der lebenden Sprachen Französisch, Italienisch und Spanisch. Auch steigerte er seine Fähigkeit, Gedichte zu verfassen. Er lernte in Frankreich die von ihm bewunderten kontinentaleuropäischen Gelehrten Guillaume Budé. Jacques Lefèvre d’Étaples, Paolo Emilio und Jean Ruel kennen. Bedeutsam wurden für Leland seine Kontakte mit François Dubois, dem Vorsteher des Collège de Tournai, der anscheinend sein Interesse für den lateinischen Dichter Ausonius und allgemein für das Studium antiker Texte weckte. Seinem in Cambridge lebenden Freund Robert Severs kündigte er seinen Plan an, Handschriften antiker Autoren wieder bekannter zu machen. Während seines Aufenthalts in Paris blieb er stets mit seinen Freunden und Gönnern in England in Verbindung, zu denen wohl auch der Staatsmann und Kardinal Thomas Wolsey zählte. Ein anderer Freund Lelands, der humanistische Gelehrte Richard Hyrde, besuchte ihn 1528 in Paris, ehe er nach Italien weiterreiste.
Übertragung kirchlicher Ämter; Bücherreisen im Auftrag Heinrichs VIII.
Leland kehrte vor November 1529 nach England zurück. Er wurde zum Kaplan König Heinrichs VIII. und am 17. Juni 1530 zum Pfarrer von Pepeling nahe Calais ernannt, wo er sich aber nie aufgehalten haben zu scheint. Wolsey hatte 1529 die Gunst des Königs verloren, und Leland suchte nun wohl Thomas Cromwell als neuen Schirmherrn zu gewinnen. Am 12. Juli 1533 erteilte ihm Papst Clemens VII. eine Dispens für den Besitz von bis zu vier Pfründen, sofern er sich innerhalb von zwei Jahren zum Subdiakon und innerhalb von sieben Jahren zum Priester weihen ließe. Gemeinsam mit Nicholas Udall verfasste Leland im Mai 1533 auch Verse, die beim festlichen Einzug von Anne Boleyn in London und bei ihrer Krönung rezitiert werden sollten. Um dieselbe Zeit schrieb er die Einleitungsverse für Udalls Floures for Latine Spekynge. 1535 wurde er Pfründner der Wilton Abbey in Wiltshire und erhielt die dieser Abtei gehörigen Präbenden North Newnton und West Knoyle.
In seiner 1549 veröffentlichten Schrift The Laboryouse Journey berichtet Leland, dass er 1533 eine Verfügung Heinrichs VIII. erhielt, die ihm erlaubte, die Archive der religiösen Institutionen Englands zu untersuchen. Er sollte die Bücherbestände aller Klosterbibliotheken erforschen. Es blieb jedoch keine diese Autorisierung bestätigende Urkunde erhalten. Dass er, wie früher vermutet, zum königlichen Antiquar ernannt worden sei, trifft nach heutigem Forschungsstand nicht zu; vielmehr bezeichnete er sich selbst in humanistischer Tradition als Antiquar, ohne einen derartigen offiziellen Titel verliehen bekommen zu haben. Die in seinen sog. Collectanea angeführten Bücherlisten wurden fast alle vor der Auflösung der von ihm besuchten Klöster erstellt. In der Anfangsphase seiner Inspektionsreisen beließ er meist noch alle Bücher an ihren kirchlichen Standorten und bemühte sich primär darum, Listen der dort aufbewahrten Schriftwerke zu erstellen. Nach einer ersten von ihm 1533 durch Westengland unternommenen Tour hielt er sich im Juni 1534 in York auf und inspizierte dort gemeinsam mit Sir George Lawson, dem Stadtkämmerer von Berwick, das York Minster. Als sie dort auf einer an der Wand angebrachten Tafel eine Inschrift bemerkten, die besagte, dass einer der Vorgänger Heinrichs VIII. sein Königreich durch den Papst empfangen habe, machte Leland diese Inschrift unleserlich; denn als Anhänger des Königs unterstützte er dessen Außerkraftsetzung der päpstlichen Autorität durch Einführung der Anglikanischen Kirche, als deren Haupt sich Heinrich VIII. proklamierte.
Um 1535 lernte Leland den Kleriker und Dramatiker John Bale kennen, der ebenso wie Leland antiquarischen Interessen huldigte und für die Unabhängigkeit der englischen Kirche von Rom eintrat. Bale lobte Lelands antiquarische Bemühungen und bot ihm dabei seine Hilfe an. Als Bale im Januar 1537 wegen seiner Predigten inhaftiert wurde, setzte sich Leland in einem Brief an Thomas Cromwell für Bales Freilassung ein, wobei er dessen Gelehrsamkeit und Anstand hervorhob. Inzwischen bereitete Leland die im Gefolge der vom König befohlenen Auflösung der unbedeutenderen Gotteshäuser einsetzende Plünderung der Klosterbibliotheken große Sorge. Laut dem Antiquar Anthony Wood trat er in einem vom 16. Juli 1536 datierenden Brief an Thomas Cromwell vehement für den Erhalt der Bücher ein und erbat sich eine Bewilligung für das Sammeln von Manuskripten für die königliche Bibliothek; denn nach England gereiste deutsche Forscher wären ständig dabei, aus den Klosterarchiven entwendete Bücher in ihre Heimat abzutransportieren. Die königlichen Bibliotheken der Paläste zu Greenwich, Hampton Court und Westminster wurden Leland zufolge auf Geheiß Heinrichs VIII. wiederhergestellt, damit sie bisher in den Klöstern aufbewahrte Bücher aufnehmen konnten. Leland gibt auch an, dass er zahlreiche Schriftwerke teils für die königliche Sammlungen, teils zu seinem eigenen Gebrauch erhalten habe. Es ist jedoch schwierig zu eruieren, wie viele und welche Bücher tatsächlich auf seine Initiative hin in die königlichen Bibliotheken gebracht wurden; dies lässt sich nur für ein knappes Dutzend belegen. U. a. schickte er 1537 einige wertvolle Manuskripte nach London, die vor allem aus der Augustinerabtei von Canterbury stammten.
Reisen zur Erforschung der englischen Altertümer und Lokalgeschichte
Auch nach Auflösung der englischen Klöster hielt Leland weiterhin nach diversen Büchern in diesen geistlichen Einrichtungen Ausschau. Ab etwa 1538 beschäftigte er sich aber vor allem mit der Erforschung der englischen Topographie und Lokalgeschichte und unternahm deshalb mehrere ausgedehnte Reisen quer durch das Land, um möglichst viele historisch interessante Orte aus eigener Anschauung kennenzulernen. Nach seinem eigenen Bericht führte er diese Reisetätigkeit im Zeitraum von 1536-42 durch. Er behauptet, dass er fast alle Buchten, Flüsse, Seen, Berge, Täler, Moore, Wälder, Städte, Burgen, Klöster etc. des Landes besucht habe. Insgesamt scheint Leland, der als einer der Ersten in England topographische Untersuchungen anstellte, etwa fünf größere Reisen gemacht zu haben, doch ist deren genauere Chronologie nicht eruierbar. Nur für eine führt er ein konkretes Datum an; demnach habe er am 5. Mai 1542 eine Erkundungstour durch Südwestengland begonnen. Bereits früher hatte er Wales bereist und war anschließend u. a. nach Shropshire und Yorkshire gekommen. Auf anderen Ausflügen besuchte er die West Midlands, erneut Yorkshire und weiter nördlich gelegene Gegenden. Südostengland erforschte er wahrscheinlich auf kürzeren Exkursionen. Manche seiner Reiseberichte blieben nicht erhalten. Wenn er unterwegs war, erstellte er Karten und führte Entfernungsbestimmungen durch, befragte die Einwohner der von ihm aufgesuchten Orte und sichtete Bücher und Urkunden. Seine niedergeschriebenen Reisenotizen ergänzte er später weiter. Die gesammelten Informationen wollte er zu einem umfassenden Werk mit dem Titel History and Antiquities of this Nation verarbeiten.