An diesem Tag

Johannes R. Becher

Deutscher Schriftsteller und Politiker (SED), MdV

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Johannes Robert Becher (* 22. Mai 1891 in München, Königreich Bayern; † 11. Oktober 1958 in Ost-Berlin, DDR) war ein deutscher expressionistischer Dichter und SED-Politiker, Minister für Kultur sowie erster Präsident des Kulturbundes der DDR. In seinen Funktionen war er mitverantwortlich für die Entwicklung und Umsetzung der zentral gelenkten Kulturpolitik der SED und der damit verbundenen staatlichen Zensur in der DDR.

Bekannt ist er auch als Verfasser des Textes der Nationalhymne der DDR.

Geboren als Hans Robert Becher war er Sohn von Heinrich Becher, Richter am Oberlandesgericht München, und dessen Ehefrau Johanna, geborene Bürck. Seinen Vater Heinrich Becher beschrieb er politisch als „ungefähr stimmungsmäßig deutschnational, sonst betont unpolitisch“; dennoch galt im Hause Becher Loyalität zum Monarchen und nationale Begeisterung als oberste Pflicht. Als größter Feind galten dabei Sozialisten und Sozialdemokraten. Fleiß und Pflichterfüllung waren die Lebensphilosophie des Vaters, der Teil des „protestantisch-bürokratisch-preußisch-militärischen Establishments“ war.

Die Erziehung durch den oftmals jähzornigen Vater war streng, Hans dem permanenten Leistungsdruck kaum gewachsen. Zuflucht fand er bei seiner Großmutter, die in ihm wohl auch die Leidenschaft für Literatur und Dichtung weckte. Wegen der anhaltend schlechten Leistungen in der Schule wählte der Vater für Hans die Offizierslaufbahn, was dem sportbegeisterten Sohn zunächst gefiel. Mehr und mehr kam allerdings der Wunsch auf, Dichter zu werden, viele heftige Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn waren programmiert.

In jugendlicher Verzweiflung kam es 1910, gemeinsam mit seiner um sieben Jahre älteren Jugendliebe Franziska Fuß, zu einem Doppelsuizidversuch. Dem Vorbild Heinrich von Kleists nacheifernd, schoss er mit einer Pistole zuerst auf Franziska und dann auf sich selbst. Sie erlag ihren Verletzungen, Becher überlebte nach drei Monaten in Lebensgefahr. Er wurde nach Paragraph 51 des Strafgesetzbuches a. F. für unzurechnungsfähig erklärt und nicht bestraft. Zwischenzeitlich huldigte er in schwärmerischen Briefen seinem literarischen Idol Richard Dehmel.

1911 zog Becher gemeinsam mit dem Verleger und Dichter Heinrich Bachmair nach Berlin, um sich dort für das Medizinstudium einzuschreiben. Wegen der billigen Miete ließen sie sich im proletarischen Osten Berlins nieder. Zu Heinrich von Kleists 100. Todestag erschien im gemeinsam gegründeten Verlag Heinrich F. S. Bachmair Bechers erstes Gedicht, „Der Ringende“. Von nun an wurde Hans Robert unter dem Namen Johannes R. Becher bekannt.

Das Studium fiel dem Verlag zum Opfer, der jedoch finanziell schnell am Ende war. So kehrten sie 1912 schon wieder nach München zurück und hofften auf Hilfe aus dem Elternhaus, die zunächst auch gewährt wurde. Obwohl Bachmair viele bedeutende Expressionisten, von Walter Hasenclever bis Else Lasker-Schüler, für sich gewinnen konnte, ging der Verlag, wohl wegen mangelnden Geschäftssinns, bald bankrott. Nach nur drei Jahren kam der gesamte Verlag zur Versteigerung.

Im Jahr zuvor war Becher mit Emmy Hennings eine Beziehung eingegangen, die in den Folgejahren zu einer aufkommenden Morphiumsucht mit einhergehender Geldnot und Hungerleiden sowie Wohnungswechseln in München, Leipzig und Berlin führte. Zahlreiche Entziehungskuren in den Jahren bis 1918 schlugen fehl. Nur mit Lügenmärchen, Krediten und Gönnern wie Harry Graf Kessler und dem Ehepaar Kippenberg konnte er sich über Wasser halten. Mit den Eltern herrschte nun jahrelang Funkstille. So verpfändete er auch sein Gehalt auf viele Monate im Voraus. In dieser Zeit entstand sein wohl wichtigstes expressionistisches Werk: Verfall und Triumph. Mit dem schriftstellerischen Werk von Becher beschäftigt sich der Podcast Wiederanders, den Kristin Eichhorn und Toni Bernhart, Forschende der Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart, seit 2025 veröffentlichen.

Becher fühlte sich auch sehr zu Männern hingezogen. Das Thema homosexueller Beziehungen verarbeitet er u. a. in dem Roman Abschied und dem Fragment Wiederanders; seine eigene Neigung thematisiert er u. a. in Briefen an seinen Freund Bachmair.

Der Krieg und die Politik zogen zunächst scheinbar spurlos an ihm vorüber, auch weil er wegen seiner Schussverletzung keine Einberufung zu befürchten hatte. Viele Expressionisten landeten wie Becher „bei einer der beiden großen politischen Religionen des zwanzigsten Jahrhunderts, beim Nationalsozialismus oder Kommunismus“. Seine politische Biographie wird jedoch bis heute sehr unterschiedlich dargestellt. So ist über seine politischen Anfänge sowohl von „nicht die geringste Spur eines politischen Gedankens“ und „Revolution fand […] nur auf dem Papier statt“ zu lesen als auch von „Solidarität mit der geköpften Revolution“ (in Bezug auf die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg) und nobler Zurückhaltung von „den Tageskämpfen“. Selbst seine USPD- und die (erste) KPD-Mitgliedschaft scheinen umstritten.

Mit einem harten persönlichen Schlag kämpfte er 1918, als sein jüngerer Bruder Ernst Becher auf dem Schwabinger Friedhof Suizid beging. Gleichzeitig begann er mit Hilfe seiner Frau Käthe (geb. Ollendorf), einer Nichte Alfred Kerrs, die Medizin studierte, einen Morphium-Entzug, der erfolgreich war. 1921 ließen die beiden sich scheiden.

Während zur Zeit der Novemberrevolution und danach in Deutschland bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, lenkte sich das Leben Bechers wieder in geordnete Bahnen. In Urach fand er eine Zuflucht in der anarchistischen Kommune um Karl Raichle, Gregor Gog und Theodor Plievier, begegnete dort auch dem Wanderpropheten Gusto Gräser vom Monte Verità, den er aus der Siedlung vertrieb. In Jena war er im Gegensatz zu vielen Freunden und Bekannten jedoch kein revolutionärer Umstürzler. Auch seine damalige Kurzzeitbeziehung ging dadurch in die Brüche, „als ich die Revolution nicht auf der Barrikade noch als Redner mitmachte“. Er stieg „nur auf Barrikaden, die aus Tinte waren“.

In Jena trat Becher dem kommunistischen Ortsverband bei. Die Begeisterung für die Partei hielt zunächst jedoch nicht lange an. Er trat bald darauf wieder aus, um in der katholischen Kirche Zuflucht zu suchen. Über sein Werk jener Zeit meinte er: „Über die sogenannte politische expressionistische Lyrik habe ich mich hinausentwickelt. Mein Ziel ist eine intensive erfüllte Klassik.“

Künstlerisch stand er in seiner expressionistischen Phase, von der er sich später distanzieren sollte, der Magdeburger Künstlervereinigung Die Kugel nah und veröffentlichte unter anderem in den Zeitschriften Verfall und Triumph, Die Aktion und Die neue Kunst. Zusammen mit Albert Ehrenstein arbeitete Becher für kurze Zeit als Lektor im Kurt Wolff Verlag.

Becher wandte sich schon im Jahr 1923 wieder der KPD zu. Nach der Trennung von Eva Herrmann, Tochter eines millionenschweren amerikanischen Malers, regte sich in ihm wieder der Widerstand gegen eine dominante Vaterfigur – der Vater Frank Herrmann verbot seiner Tochter die Heirat mit Becher – und das reiche Bildungsbürgertum. Zusätzlich förderte die Hyperinflation von 1923 seinen Linksschwenk. Seinen Wohnort verlegte er nun nach Jahren des Herumziehens endgültig nach Berlin, wo er mit Intellektuellen von Robert Musil bis Lion Feuchtwanger verkehrte. So wurde er im März 1923 wieder Mitglied der KPD, froh darüber, Struktur für sein Leben gefunden zu haben. „Meine Schlamperei von früher ist mir ein Greuel. Wie froh, wie froh bin ich, daß ich auf diesen Weg noch gefunden habe.“ Literatur und Politik voneinander zu trennen war fortan nicht mehr sein Ziel.

Innerhalb der Partei ebneten ihm seine bürgerliche Bildung und Umgangsformen sowie seine Bereitschaft zu Opportunismus den Weg. Sein Aufstieg war dabei eng mit der wechselhaften Geschichte und den politischen Richtungsänderungen der Kommunistischen Partei in der Weimarer Republik verbunden. Anfänglich sah er seine Aufgabe darin, soziale Probleme abseits der Poesie zu lösen, jedoch etablierte sich Becher schnell als Parteidichter, der im Auftrag der Partei Gedichte und Artikel, wie etwa Am Grabe Lenins, schrieb. Die Aufgabe der Kunst sah er zunächst in der „Entlarvung und Destruktion aller bürgerlichen Denk- und Seinsformen.“ (Zitat Frankfurter Zeitung vom September 1923).

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