Johannes Heinrich Schultz (* 20. Juni 1884 in Göttingen; † 19. September 1970 in West-Berlin), meist kurz J. H. Schultz genannt (und oft I. H. Schultz geschrieben), war ein deutscher Psychiater, schulenunabhängiger Psychotherapeut und Psychoanalytiker.
Weltberühmt wurde Schultz durch die Entwicklung des Autogenen Trainings zu Beginn der 1930er Jahre, worüber er, ebenso wie über die Theorie der Hypnose, Vorlesung hielt. Er war Schüler des Hirnforschers Oskar Vogt.
In der Zeit des Nationalsozialismus befürwortete er ab 1940 die Tötung behinderter Menschen.
Johannes Heinrich Schultz wurde als Sohn eines Theologen 1884 in Göttingen geboren.
Als Säugling erkrankte er an Keuchhusten mit Lungenentzündung, was zu einer Neigung zu Bronchialerkrankungen und Asthma führte.
Er studierte Medizin 1902 in Lausanne, von 1902 bis 1903 an der Georg-August-Universität Göttingen (wo er Karl Jaspers kennenlernte), von 1904 bis 1905 an der Universität Breslau und von 1905 bis 1907 wieder in Göttingen. Nach seiner Approbation im Jahr 1907 war er zunächst in der Poliklinik der Medizinischen Universitätsklinik Göttingen tätig und wurde 1908 promoviert.
Nach 1908 begann er seine ärztliche Ausbildung am Königlichen Institut für Experimentelle Therapie in Frankfurt am Main unter Leitung von Paul Ehrlich.
Von 1910 bis 1912 arbeitete er als Volontärassistent in der Universitätsklinik in Breslau zunächst in der Inneren Medizin, dann in der Hautklinik, von 1912 bis 1913 in der städtischen Nervenheilanstalt Chemnitz und schließlich 1913 in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Jena unter Otto Binswanger, bei dem er sich 1915 habilitierte.
Im Ersten Weltkrieg war er in Marienburg/Westpreußen und Rudczanny tätig. 1915 erkrankte er und wurde nach Genesung nach Allenstein versetzt, hier Kontakt zu Karl Abraham. Nach seiner Habilitation leitete er 1916 bis 1918 das „Kaiserliche Militärgenesungsheim Malonne“ bei Namur in Belgien, wo er an der Ruhr erkrankte.
1919 wurde er außerordentlicher Professor für Psychiatrie und Nervenheilkunde in Jena. Als sein Mentor Binswanger die Klinik verließ, ging Schultz 1920 als Chefarzt und wissenschaftlicher Leiter des Lahmann-Sanatoriums auf dem Weißen Hirsch nach Dresden.
1924 ließ sich der 40-Jährige mit Frau und seinem zweiten Sohn als Nervenarzt in Berlin nieder, als Spezialist für Hypnose sowie Fragen der Psychotherapie und Neurosenlehre.
Bekannt wurde Schultz durch die Entwicklung des Autogenen Trainings, das er auf der Grundlage der Hypnoseforschung und umfangreichen auch im Selbstversuch durchgeführten Einzelstudien öffentlich erstmals 1926 als „autogene Organübungen“ vorstellte und 1928 Autogenes Training nannte. Es handelt sich dabei um ein autosuggestives Übungsprogramm, sich tief zu entspannen und mehr Gelassenheit zu erreichen. Von 1926 bis 1929 machten er und seine Frau Lehranalysen bei Harald Schultz-Hencke.
1925/26 war Schultz Mitglied des Gründungskomitees für den ersten Allgemeinen Ärztlichen Kongress für Psychotherapie, Vorstandsmitglied der am 1. Dezember 1927 gegründeten Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, ab 1928 Fachbeirat ihrer Verbandszeitschrift sowie ab 1930 mit Arthur Kronfeld (und Rudolf Allers in Wien für den Referatenteil) Schriftleiter des nun Zentralblatt für Psychotherapie genannten Verbandsorgans, 1933 Vorstandsmitglied der Deutschen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie unter Matthias Heinrich Göring, dem Vetter des Reichsmarschalls.
1933 wurde Schultz kurz die Praxiserlaubnis entzogen, da er in erster Ehe mit einer Jüdin verheiratet gewesen war. Schultz blieb in Deutschland, auch wenn er durch seine erste Frau die Schweizer Staatsangehörigkeit hatte. Er wurde zwar kein NSDAP-Mitglied, trat aber 1933 dem Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps bei. Auch war er Anwärter im NS-Ärztebund.
In den Jahren 1936 bis 1945 war er Stellvertretender Direktor des auch „Göring-Institut“ genannten Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie, leitete die dortige Poliklinik und war zuständig für die psychotherapeutische Ärzteausbildung. Schultz war Oberfeldarzt der Luftwaffe und verfügte über ein Büro im Reichsluftfahrtministerium. Zu den Geldgebern des Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie gehörten die Reichsluftwaffe, die Deutsche Arbeitsfront (DAF) und ab 1943 der Reichsforschungsrat. Schultz war in viele dieser Arbeitsgebiete involviert, worauf seine zahlreichen Publikationen aus dieser Zeit verweisen.
Leni Riefenstahl soll eine seiner bekanntesten Patientinnen gewesen sein. 1936 besuchte er Edmund Jacobson, den Begründer der progressiven Muskelrelaxation persönlich in Chicago.
Schultz propagierte 1940 die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ mit der Hoffnung, „daß die Idiotenanstalten sich bald […] umgestalten und leeren werden“. Der NS-Staat organisierte in dieser Zeit die NS-Krankenmorde unter der Leitung der Zentraldienststelle T4. Auch fällte Schultz durch seine Diagnosen „Todesurteile“ gegen „Hysterikerinnen“. Er befürwortete ferner die Ehescheidung von „einer solchen Bestie“.
Schultz befasste sich im Rahmen seiner Tätigkeit am Göring-Institut mit Homosexualität (wie auch Maria Kalau vom Hofe, Gustav Richard Heyer, Harald Schultz-Hencke, August Vetter, Göring und als Leiter der Forschungsabteilung Hans von Hattingberg). An dem Institut wurde einerseits versucht, Homosexuelle zu „heilen“, andererseits leitete Schultz eine Kommission, die „Verdächtige“ zum Geschlechtsverkehr mit Prostituierten zwang, um „festzustellen“, ob sie homosexuell seien. „Schuldige“ wurden in Konzentrationslager überstellt.