Johannes Aventinus (deutsch Johann Georg Turmair; * 4. Juli 1477 in Abensberg, Herzogtum Niederbayern, Hochstift Regensburg; † 9. Januar 1534 in Regensburg) war ein deutscher Historiker, Humanist, Philologe, Musiktheoretiker und Dichter. Er gilt als ein Wegbereiter der Klassischen Philologie in Deutschland und als der „Vater der bayerischen Geschichtsschreibung“.
Der Vater des Gelehrten war der wohlhabende Gast- und Weinwirt Peter Turmair, der ein Lokal am Stadtplatz in Abensberg hatte; seine Mutter trug ursprünglich den Nachnamen Küsser. Seine Schulbildung begann er im Karmeliterkloster in Abensberg, wo sich eine Lateinschule befand.
Studienzeit und Tätigkeit als Hofhistoriker
Aventinus studierte ab 1495 an den Hochschulen in Ingolstadt, Wien (1497–1500), Krakau (1501–1502) und Paris (1503–1504). Er bevorzugte dabei humanistische Studienfächer. Seine guten Griechisch- und Hebräischkenntnisse eignete er sich wohl in Paris an. In seiner Studienzeit legte er sich nach seinem Heimatort den lateinischen Namen Aventinus (‚der Abensberger‘) zu. Schon in Ingolstadt schloss er sich dem Humanisten Conrad Celtis an, dem er nach Wien folgte. Celtis lenkte sein Interesse auf die deutsche Geschichte. Im Sommer 1501 wechselte er nach Krakau, um mathematische Studien zu treiben. Im folgenden Jahr musste er nach Abensberg zurückkehren, da sein Vater gestorben war. Durch die Erbschaft verbesserten sich seine Arbeitsbedingungen. In Paris erlangte Aventinus am 24. März 1504 die Magisterwürde, worauf er heimkehrte. 1507/1508 hielt er in Ingolstadt Privatvorlesungen, erhielt jedoch nicht die erhoffte Anstellung.
Herzog Wilhelm IV. von Bayern beauftragte Aventinus im Dezember 1508 mit der Erziehung seiner beiden jüngeren Brüder Ludwig und Ernst, die zunächst vom 15. Januar bis 29. November 1509 auf der Burg zu Burghausen stattfand. Ein streng regulierter Tagesablauf, der in der Burghauser Hofordnung von 1509 dokumentiert ist, und ein betont „einfaches“ Leben sollten zur „Charakterbildung“ der Zöglinge beitragen. Zum Geschichtsunterricht gehörten Ausflüge in die Umgebung bis nach Altötting und in die Klöster Mondsee und Neumarkt-St. Veit. 1510 bereiste Aventinus die Region abermals, um Studien zu betreiben und die römerzeitlichen Inschriften zu notieren, die ihm in Orten wie Laufen (Salzach) und Sankt Georgen bei Salzburg auffielen. 1515 unternahm er mit Ernst eine dreimonatige Studienreise nach Italien.
1517 wurde Aventinus zum bayerischen Hofhistoriographen („Fürstlicher Geschichtsschreiber“) ernannt. In diesem Amt, das eigens für ihn geschaffen worden war, entfaltete er rege Aktivitäten: In den Jahren 1517 und 1518 suchte er auf Forschungsreisen rund neunzig bayerische Orte und Klöster auf. Anschließend zog er sich für drei Jahre nach Abensberg zurück. Dort schrieb er anhand seiner Notizen die Annales ducum Boiariae (Annalen der Herzöge von Bayern), die lateinische Fassung seines Hauptwerks, in dem er die Geschichte Bayerns darstellte. Ende Mai 1521 notierte er die Fertigstellung. Er behandelte Gebiete im altbayerischen Raum, zu dem das damalige Territorium des Herzogtums Bayern gehört. Im folgenden Jahr nahm er seine Hauptarbeit in Angriff, die ihn bis zum Lebensende beschäftigte: die Bayerische Chronik, eine umgearbeitete deutsche Fassung der Annalen. Den offiziellen Auftrag dafür erhielt er erst 1526.
Aventinus war von den verbreiteten kirchlichen Übelständen abgestoßen, antipäpstlich gesinnt und reformatorischen Ideen zugeneigt. Diese Grundhaltung teilte er mit vielen seiner humanistischen Freunde und Kollegen, darunter Konrad Peutinger. Zwar versuchte er den sich zuspitzenden politischen und konfessionellen Konflikten der beginnenden Reformationszeit auszuweichen, doch zeigte sich, dass schon seine Arbeit als Historiker ihn mit damals aktuellen und brisanten Fragen in Kontakt brachte. Sein großes Geschichtswerk ließ seine papstfeindliche und antiklerikale Haltung, die sich an vielen Stellen zeigte, deutlich erkennen. Dies war wohl der Hauptgrund dafür, dass die Annalen zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt werden durften.
Mit Martin Luther und Philipp Melanchthon stand Aventinus in einem regen Gedankenaustausch. Wie zahlreiche deutsche Humanisten brachte er für Luthers Anliegen viel Verständnis auf. Er lehnte aber eine Kirchenspaltung ab und blieb katholisch. Dennoch war er mit seiner Einstellung im Herzogtum Bayern suspekt, und einige seiner engen Freunde, die reformatorisches Gedankengut vertraten, wurden verhaftet. Schließlich wurde er selbst am 7. Oktober 1528 in Abensberg wegen einer angeblichen Übertretung der kirchlichen Fastengebote inhaftiert. Da sich Leonhard von Eck, ein einflussreicher Berater am bayerischen Hof, für ihn einsetzte, wurde er nach elf Tagen aus der Haft entlassen. Wohl um solchen Gefahren zu entgehen, verließ er den Machtbereich des bayerischen Herzogs und verlegte seine Arbeitsstätte in die reichsunmittelbare Reichsstadt Regensburg. Sein Gehalt als Hofhistoriker bezog er jedoch weiterhin, und er unternahm auch neue Forschungsreisen durch Bayern. Am 23. Februar 1531 kaufte er in Regensburg ein Haus und zeigte damit die Endgültigkeit seiner Übersiedlung.
Familie, letzte Lebensjahre und Tod
Am 1. Dezember 1529 heiratete Aventinus seine Haushälterin Barbara Fröschmann, die aus Niederrieden stammte. Sie kam nach Regensburg zu Verwandten, wo er damals in einem bescheidenen Haus lebte. Das Paar hatte drei Kinder, von denen nur eines, die Tochter Gisela, das Erwachsenenalter erreichte.
Im Februar 1531 nahm Aventinus ein neues großes Projekt in Angriff, die Germania illustrata, die er selbst als seinen Schwanengesang bezeichnete. Die Vollendung des gewaltigen Vorhabens überstieg seine Kräfte. 1533 wurde er nochmals mit einer Erzieheraufgabe betraut: Sein Wohltäter Leonhard von Eck vertraute ihm den Unterricht seines Sohnes Oswald an. Am 23. März konnte er die Arbeit an der deutschen Fassung der Annalen, der Bayerischen Chronik, zum Abschluss bringen. Er starb am 9. Januar 1534 im Alter von 56 Jahren in Regensburg. Begraben wurde er dort auf dem Friedhof der oberen Stadt beim Kloster Sankt Emmeram.
Das umfangreiche Œuvre des Aventinus umfasst historische Schriften sowohl zur Orts- und Klostergeschichte als auch zur Landesgeschichte und zur deutschen Geschichte, zwei Landkarten Bayerns, zwei Abhandlungen zu aktuellen politischen und militärischen Themen, zwei Fassungen einer Grammatik, eine etymologische Untersuchung, eine Übersichtsdarstellung der Wissenschaften, eine Einführung in die Musiktheorie, eine Rede, Briefe, Gedichte und Epigramme sowie Ausgaben mittelalterlicher Werke.
Das Hauptwerk des Historikers war seine umfassende Darstellung der Geschichte Bayerns. Er schrieb sie zunächst im Zeitraum 1517–1521 in einer lateinischen Fassung mit dem Titel Annales ducum Boiariae (Annalen der Herzöge von Bayern), die erst im Jahr 1554, lange nach seinem Tod, gedruckt werden konnte. Behandelt wird die Geschichte der Bayern von der Entstehung des Volkes in sagenhafter Vorzeit bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Darstellung endet mit dem Jahr 1460, umfasst also nicht mehr die Regierungszeit Herzog Albrechts IV., des Vaters des aktuell regierenden Herzogs. Danach begann Aventinus mit der Abfassung einer umgearbeiteten, stark erweiterten deutschen Version, der Bayerischen Chronik, die er 1533 abschloss.
In den Annalen betonte der Historiker die Gründlichkeit und Sorgfalt seiner Auswertung der Quellen, insbesondere der urkundlichen, deren Wert er hoch veranschlagte. Die eingefügten Reden hat er allerdings erfunden. Bei der Darstellung der Auseinandersetzungen zwischen kirchlicher und weltlicher Macht zeigte Aventinus deutlich seine Parteinahme für letztere. Besonderes Gewicht gab er der Kulturgeschichte sowie der Rechts- und Verfassungsgeschichte. In der deutschen Fassung fügte er eine Darstellung der Regierung Albrechts IV. ein und legte größeres Gewicht auf die Einordnung der bayerischen Geschichte in die Weltgeschichte. Stark ausgeprägt war sein Interesse an sprachgeschichtlichen Fragen und Etymologie; in sprachlichen Phänomenen sah er eine Quelle, die es kritisch auszuwerten galt.