Johann Gaudenz Gubert (Freiherr, ab 1815 Comte) von Salis-Seewis (* 26. Dezember 1762 in Malans; † 29. Januar 1834 ebendort) war ein Schweizer Dichter und General. In französischen Diensten machte er sich einen Namen als Verfasser deutschsprachiger Lyrik. Als einziger Angehöriger des mächtigsten Adelsgeschlechts der Drei Bünde teilte er die Ideale der Revolution. Nach Hause zurückgekehrt, gehörte er der Partei der Patrioten an, machte sich aber am Verlust des Untertanengebiets Veltlin mitschuldig. Andererseits betrieb er den Beitritt seiner Heimat zur Helvetischen Republik, deren Armee er 1799 als Generalstabschef kommandierte. Danach bekleidete er Ämter in Politik und Justiz des Einheitsstaats wie auch Graubündens, das 1803 vom helvetischen Kanton Rhätien zum Stand der von Bonaparte mediatisierten Eidgenossenschaft wurde.
Malans gehörte zur Herrschaft Maienfeld. Diese war – was die verworrenen Rechtsverhältnisse des Ancien Régime widerspiegelt – Untertanengebiet der Drei Bünde, im Gegensatz zum Veltlin gleichzeitig aber auch Teil der herrschenden Lande, genauer gesagt des Zehngerichtenbundes. (Auf den Bundstagen, die alternierend in Ilanz, Chur und Davos stattfanden, besass der Obere oder Graue Bund 27, der Gotteshausbund 22 und der Zehngerichtenbund 14 Stimmen.)
Die Salis-Seewis, einer von zehn Zweigen der seit dem Jahr 1300 bezeugten, wohl aus Como eingewanderten «rhätisch-lombardischen Familie» von Salis gehörten wie deren überwiegende Mehrheit der evangelisch-reformierten Landeskirche des nicht nur sprachlich, sondern auch konfessionell gemischten Freistaates an. 1588 waren sie zu Reichsfreiherren erhoben worden.
Vater von Johann Gaudenz (im Folgenden «Salis» genannt) war Johann Ulrich (1740–1815), Sohn von Johann Gaudenz Dietegen (1708–1777) und Anna Katharina von Cleric (1709–1792). Die Eltern der Mutter Jacobea von Salis-Bothmar (1741–1791) – Gubert Abraham (1704–1766) und Jacobea von Buol (1700–1764) – starben beide schon in der frühen Kindheit des Enkels.
Grossvater und Vater waren Inhaber einer Kompanie des französischen Régiment des Gardes Suisses et Grisons. Die väterliche wie die mütterliche Familie brachten Generäle hervor. Der bei Fontenoy gefallene Grossonkel der Mutter Anton Rudolf (1688–1745) war französischer Brigadier (Ein-Stern-General). Der Vater erbte von seinem Bruder Herkules (1734–1774), der es ebenfalls zum französischen Brigadier gebracht hatte, die Schlösser Seewis und Flims (Oberer oder Grauer Bund) sowie Güter in Bergün (Gotteshausbund), St. Margrethen (Fürstabtei St. Gallen) und Meilen (Kanton Zürich), was ihn zum wohlhabendsten Bündner gemacht haben soll. Eine Schwester des Vaters war mit dem niederländischen Generalleutnant Baptista von Salis-Soglio (1731–1797) verheiratet.
In der Heimat war der Grossvater 1734/35 und 1750/51 Bundslandammann des Zehngerichtenbundes sowie jahrzehntelang Oberhaupt der französischen Partei, bis Ludwig XV. 1768 Ulysses von Salis-Marschlins zu seinem dortigen Geschäftsträger ernannte. Der Vater bekleidete 1761–1763 das Amt des Landvogts in Maienfeld, 1766/67, 1782/83 sowie 1792/93 des Bundslandammanns des Zehngerichtenbundes und 1787–1789 des Landeshauptmanns im Veltlin mit Sitz in Sondrio. 1776 verlieh ihm Ludwig XVI. den Titel Comte, den Salis als ältester Sohn erbte. 1792–1797 war der Vater Korrespondent des französischen Botschafters in der Eidgenossenschaft, Barthélemy. 1798/99 ging er ins Exil.
Der Grossvater mütterlicherseits war 1725 Landvogt in Maienfeld, 1744/45 Bundslandammann des Zehngerichtenbundes sowie 1749–1751 Podestà in Morbegno. Die Mutter brachte als Letzte ihres Geschlechts – einer ihrer Brüder war im Duell gefallen, der andere schwermütig geworden – Schloss Bothmar in Malans in die Ehe ein, wohin der Vater nach der Heirat aus dem Stammschloss in Seewis übersiedelte. Die sensible Seele des «weichen phantasievollen Knaben» Johann Gaudenz war laut Adolf Frey von der Mutter geprägt.
Diese verlor zwei zuvor geborene Töchter in frühestem Alter:
Auf Salis folgten sechs weitere überlebende Kinder:
Jacobea (1765–1850), ∞ Vincenz von Salis-Sils (1760–1832), 1803, 1806 und 1810 Regierungsrat, Teilnehmer an der Krönung Napoleons und am Wiener Kongress
Gubert Abraham Dietegen (1767–1840), ∞ Perpetua von Salis-Soglio (1771–1845), 1788 Unterleutnant im französischen Regiment Salis-Samaden, später Oberstleutnant
Catharina (1768–1845), ∞ Daniel von Salis-Soglio (1765–1832), Unternehmer, Stadtrichter in Chur, Teilnehmer am Wiener Kongress
Herkules Dietegen (1770–1847), ∞ Perpetua von Salis-Soglio († 1825), 1789–1791 Podestà in Piuro, Teilnehmer am Stecklikrieg
Anna Paula (1773–1740), ∞ Karl Ulysses von Salis-Marschlins (1760–1818), Italienreisender, Schriftsteller
Johann Ulrich Dietegen (1777–1817), studierte in Deutschland, begleitete den Vater 1798/99 ins Exil, ab 1800 teilweise gelähmt, konservativer Historiker
Salis wuchs in der Weinbau- und Marktgemeinde Malans sowie in der benachbarten Kleinstadt Chur auf. Im Bergdorf Seewis wurde er von der Grossmutter verwöhnt. Von seinen Privatlehrern Conradi, Schulze und Heinrich Ludwig Lehmann dürften die beiden erstgenannten Deutsche gewesen sein. Vom 14. Jahr bis zum 31. Geburtstag, an dem er heiratete, führte Salis mehr oder weniger ausführlich Tagebuch. Der Religionsunterricht beim Seewiser Pfarrer, Dekan Anton Zanuck, war ihm «nicht immer angenehm». Den letzten Schliff erhielt er 1778/79 zusammen mit Schweizern, Deutschen, Franzosen, Holländern und Engländern in der Pension Bugnon in Lausanne. (Die Nachricht, Salis sei wie seine beiden nächstjüngeren Brüder Schüler der École militaire des blinden Dichters Pfeffel in Colmar gewesen, beruht auf einem Irrtum.)
Seine Jugendfreundin Barbara Laurer (1763–1796), deren Vater später Churer Stadtvogt wurde, heiratete zu seinem Leidwesen 1787 den späteren Stadtschreiber Abundi Schwarz. In Lausanne verliebte der Fünfzehnjährige sich in die neunzehnjährige Marianne Porta, der er ein verschollenes Drama widmete und die ihrerseits für den amerikanischen Freiheitshelden Washington schwärmte.
Mit sechzehn wurde Salis bei der Schweizergarde in Paris Fähnrich mit Offizierspatent. Anfangs betreute ihn dort wie in Lausanne als Hofmeister der in der Herrnhuter Brüdergemeine in Niesky (Sachsen) ausgebildete, laut Salis «edle, gutherzige, geschickte und fromme» Theologe Gottlob Friedrich Hilmer (1756–1835). Salis war nie «Gardehauptmann», wie er gelegentlich genannt wird, sondern wurde erst nach sieben Jahren premier sous-lieutenant der Compagnie-générale, die an der Spitze des Regiments marschierte, wobei der Rang eines Unterleutnants der Garde jenem eines Hauptmanns der Feldarmee entsprach. (Generaloberst der Schweizer und Bündner war der spätere König Karl X., Oberst der Gardes-Suisses mit Rang eines Generalleutnants der Freiburger d’Affry.)