Johann Baptist von Schweitzer (auch Jean Baptiste von Schweitzer; eigentlich von Allesina genannt Schweitzer, * 12. Juli 1833 in Frankfurt am Main; † 28. Juli 1875 in Giessbach am Brienzersee, Schweiz) war ein sozialdemokratischer Agitator und Dramatiker. In der Nachfolge Ferdinand Lassalles, Carl Wilhelm Tölckes und anderer war er von 1867 bis 1871 der am längsten amtierende Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und während desselben Zeitraums im Reichstag des Norddeutschen Bundes Abgeordneter für den Wahlbezirk Elberfeld-Barmen. Er trat auch als Autor unter anderem von Dramen und Lustspielen hervor.
Er stammte aus eine Frankfurter Patrizierfamilie italienischen Ursprungs. Die Familie des Urgroßvaters Franz Maria Schweitzer (1722–1812) stammte aus Verona und hieß ursprünglich Suaicara. Der wohlhabende Seidenhändler hatte in Frankfurt am Main das Bürgerrecht erworben, war zum Ratsherr (Senator) aufgestiegen und änderte seinen Namen in Schweitzer. Der Vater, Franz Karl Ludwig von Allesina genannt Schweitzer, war in jungen Jahren Offizier und Kammerjunker im Dienst von Karl von Braunschweig und wurde 1816 durch König Maximilian Joseph I. von Bayern in den Adelsstand erhoben. Die Mutter Emilie war eine Tochter des Journalisten Carl Peter Berly (1781–1847). Das Paar hatte vier Kinder, von denen Johann Baptist das älteste war.
Die ersten intellektuellen Einflüsse übten die Großeltern aus. Von der Großmutter, die mit Jean Paul verwandt war, bekam er erste Literaturkenntnisse. Das Interesse für Politik weckte der Großvater. Er besuchte die Lateinschule in Aschaffenburg und lebte in dieser Zeit in einem Studienseminar der Jesuiten. Nach dem Abitur 1852 studierte er bis 1855 Rechtswissenschaften in Heidelberg und Berlin. Er promovierte zum Dr. jur. Anschließend eröffnete er in Frankfurt am Main eine Rechtsanwaltskanzlei.
Öffentlich hervorgetreten ist er zunächst als Schriftsteller. So veröffentlichte er 1858 das Drama Friedrich Barbarossa. Es folgte die Komödie Alkibiades. Seit 1859 widmete er sich der Politik. Er war großdeutsch gesinnt und trat zunächst mit Broschüren als Verteidiger Österreichs gegen Frankreich hervor. Ein Jahr später hatte er die Hoffnungen auf eine deutsche Einheit durch die Fürsten aufgegeben und verstand sich als Demokrat und Republikaner. Er setzte nunmehr zur Erreichung der Einheit auf eine Revolution des Volkes. Zwischenzeitlich veröffentlichte er 1861 in Frankfurt/M., beeinflusst vom Philosophen Arthur Schopenhauer, mit dem er in dessen letzten Jahren in Kontakt stand, eine philosophische Schrift „Der Zeitgeist und das Christenthum“.
Von Schweitzer bekämpfte auf der politischen Bühne den kleindeutsch ausgerichteten Deutschen Nationalverein. Da ein Großteil der Frankfurter Bürger bis in das Lager der bürgerlichen Demokraten in dieser Zeit noch für den Nationalverein waren, sah von Schweitzer in den Arbeitern mögliche Bündnispartner. Er war Vorsitzender eines hauptsächlich aus Arbeitern bestehenden Turnvereins. Von Schweitzer war auch aktiv in der Schützenbewegung und war einer der Gründer des Deutschen Schützenbundes.
Hinwendung zur Arbeiterbewegung
Bei der Gründung eines Arbeitervereins in Frankfurt wurde er 1861 zum Präsidenten gewählt. Er wandte sich dabei zunehmend sozialistischen Ideen zu und seine Rede auf einem Arbeitertag am 25. Mai 1862 stand am Beginn der sozialdemokratischen Bewegung in der Gegend in und um Frankfurt. Sein Ziel war eine entsprechende Partei, bis ein kurzer Gefängnisaufenthalt diese Pläne beendete. Im August 1862 wurde von Schweitzer beschuldigt, sich im Mannheimer Schlossgarten an einem schulpflichtigen Jungen vergangen zu haben. Weil der Knabe und damit auch sein Alter nicht ermittelt werden konnte, wurde Schweitzer aber nicht wegen eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit, sondern wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses mit 14 Tagen Gefängnis bestraft. August Bebel berichtete in seiner Autobiographie über den Vorfall, den er für wahr hielt, da von Schweitzer keine Berufung gegen das Urteil einlegte und mehrere Jungen bezeugten, dass er sie ebenfalls angesprochen habe.
Von Schweitzer schloss sich 1863 Ferdinand Lassalle und seinem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein an. In Frankfurt war er durch die Vorfälle in Mannheim auch im Arbeiterverein gesellschaftlich geächtet. Er wollte daher in einer anderen Stadt Herausgeber einer Parteizeitung ADAV werden. Er siedelte nach Berlin über und wurde Mitherausgeber und Chefredakteur der ADAV-Parteizeitung Der Social-Demokrat. Für die Mitarbeit gewann er unter anderem Georg Herwegh, Wilhelm Rüstow, Johann Philipp Becker oder Moses Heß und trat in Kontakt mit Karl Marx, Friedrich Engels und Wilhelm Liebknecht. Diese hatten die Zusage für eine Mitarbeit am Sozialdemokraten gegeben, zogen sie aber wegen politischer Meinungsunterschiede wieder zurück.
Das Verhältnis zu Marx und Engels verschlechterte sich insbesondere als von Schweitzer in der Frage der deutschen Einheit eine politische Kehrtwende vollzog und in einer Rede vor der Leipziger Gemeinde des ADAV die Herbeiführung der Einheit entweder von „deutschen Proletarierfäusten“ oder „preußischen Bajonetten“ erwartet. Er widmete 1865 Otto von Bismarck sogar eine wohlwollende Artikelserie im Socialdemokraten und lobte dessen angeblichen staatssozialistischen Pläne. Es kam sogar das Gerücht auf, dass Schweitzer im Sold der Regierung stände. So erklärte August Bebel am 9. Dezember 1875 im Reichstag:
Dies führte zum Bruch mit den meisten der bekannten ehemaligen 1848er Demokraten sowie mit Marx, Engels und Liebknecht. Wilhelm Liebknecht, der von 1863 bis 1865 Mitglied des ADAV war, wurde auf Betreiben Schweitzers 1865 aus der Partei ausgeschlossen. Allerdings kritisierter er auch die Reaktionspolitik der preußischen Regierung während des Verfassungskonfliktes. Wegen eines Preßvergehens saß er von 1865 bis kurz vor Ausbruch des Deutschen Krieges in Haft. Nach seiner Entlassung agitierte er in Berlin für das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht und damit gegen das Dreiklassenwahlrecht.
Nach dem Rücktritt von Carl Wilhelm Tölcke musste ein neuer Präsident des ADAV gewählt werden. Auf dem Leipziger Kongress des ADAV vom 17. Juni 1866 scheiterte Sophie von Hatzfeldt vor allem am Widerstand von Schweitzer damit mit Hugo Hillmann einen ihr genehmen Präsidenten der Partei durchzusetzen. Schweitzer schlug stattdessen August Perl vor, der auch gewählt wurde. Die eigentliche politische Linie wurde indes von Schweitzer bestimmt.
Mit der Gründung des norddeutschen Bundes endete die Hoffnung auf ein demokratisches Deutschland. Von Schweitzer erkannte die neuen Rahmenbedingungen an und sah keine Chance mehr auf den Erfolg einer revolutionären Bewegung. Er verwies die Arbeiterbewegung daher vornehmlich auf das parlamentarische und gewerkschaftliche Feld. Als August Bebel und Wilhelm Liebknecht 1866 die großdeutsche Sächsische Volkspartei gründeten, forderte Schweitzer die Mitglieder des ADAV vor allem wegen deren antipreußischer Haltung auf, sich der neuen Partei nicht anzuschließen.
Im Mai 1867 wurde er zum Präsidenten des ADAV gewählt. Er erklärt dabei, dass die Arbeiterklasse gegen die Preußen und den Bund beherrschenden reaktionären Gewalten in der schärfsten Opposition verharren müsse.
Kurz darauf erhielt er auch das Reichstagsmandat für den Wahlkreis Elberfeld-Barmen. Diese Position behielt er bis 1871. Im Gegensatz zu Wilhelm Liebknecht, der auch gewählt worden war, benutzte von Schweitzer das Parlament nicht nur als Agitationsbühne, sondern versuchte durch positive Mitarbeit gesetzliche Verbesserungen zum Wohl der Arbeiter zu erreichen. Ein von ihm erarbeiteter umfassender Gesetzentwurf zum „Schutz der Arbeit gegen das Kapital“ scheiterte schon im Ansatz, weil er nicht einmal die notwendigen 15 Unterstützer zusammen bekam.
Schweitzer führte die Partei fast diktatorisch. Ihm gelang es aber, die Krise der Organisation zu überwinden. Es gelang ihm, die Mitgliederzahl von 2500 auf 12.000 zu steigern.
Zusammen mit Friedrich Wilhelm Fritzsche organisierte von Schweitzer am 27. September 1868 einen Arbeiterkongress mit 206 Delegierten, die für über 140.000 Arbeiter sprachen. Dabei wurde der Allgemeine deutsche Arbeiterschaftsverband als Dachverband für die dem ADAV nahestehenden Gewerkschaften gegründet. Wie der ADAV war auch die gewerkschaftliche Organisation strikt zentralistisch mit Schweitzer als Präsident organisiert. Allerdings stieß der Arbeiterschaftsverband bald auf die Konkurrenz der liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine und die von Wilhelm Liebknecht und August Bebel gegründeten Organisationen. Der Versuch einer Einigung scheiterte am Widerstand Schweitzers.