Josef Erich „Joe“ Zawinul (* 7. Juli 1932 in Wien; † 11. September 2007 ebenda) war ein österreichischer Musiker und einer der einflussreichsten Jazz-Musiker des 20. Jahrhunderts.
Joe Zawinul prägte zunächst als Pianist und Keyboarder, dann auch als Komponist, Bandleader und Arrangeur mehrere Jahrzehnte lang die internationale Musikszene. 1966 schrieb er für das Cannonball Adderley Quintet den Hit Mercy, Mercy, Mercy, der zu einer Referenzaufnahme des Soul-Jazz wurde. 1969 komponierte er das Titelstück von Miles Davis’ LP In a Silent Way, eines der ersten Jazz-Fusion-Alben, an dem er ebenso entscheidend beteiligt war wie an dessen revolutionärer LP Bitches Brew (1970). Er hatte auch mit Maynard Ferguson und Dinah Washington zusammengearbeitet. Im Laufe seiner Karriere arbeitete er auch mit dem Wiener Pianisten Friedrich Gulda zusammen.
Ende 1970 gründete er mit Wayne Shorter die stilprägende Fusion-Gruppe Weather Report, die mit vielen Auszeichnungen gewürdigt und 2001 als „die beste Jazzband der letzten 30 Jahre“ von Josef Woodard in Down Beat bezeichnet wurde.
Neben seinen Erfolgen als Komponist, Arrangeur und Bandleader gilt Zawinul auch als Pionier beim Einsatz elektronischer Instrumente. Er war einer der wenigen Musiker, die auf einem Synthesizer einen eigenen Klang entwickelten. Das zentrale Merkmal seiner späteren Kompositionen ist die Integration ethnischer Musizierstile und Elemente in den Jazzkontext. Er entwickelte diese Klangwelt mit Weather Report und der nachfolgenden Gruppe The Zawinul Syndicate zur Meisterschaft und erhielt dazu auf seinen Welttourneen weitere Anregungen.
Josef Erich Zawinul war der Sohn des Arbeiters Josef Zawinul, dessen Mutter eine ungarische Sintiza war und dessen Vater aus Südmähren stammte. Er kam aus bescheidenen Verhältnissen, doch zeit seines Lebens war Zawinul stolz auf seine multikulturell beeinflusste Familie und Verwandten; er sah sie als eine Gemeinschaft hart arbeitender, einfacher und liebenswerter Menschen. Zawinuls Vater arbeitete als Schlosser im städtischen Gaswerk in Wien; in seiner Freizeit spielte er Mundharmonika, stemmte Gewichte und boxte. Das Boxen sollte auch für seinen Sohn zur lebenslangen Passion werden. Die Mutter Maria, geb. Hameder, war eine Amateursängerin, sie spielte etwas Klavier und hatte das absolute Gehör. Sie arbeitete zunächst als Köchin bei dem großbürgerlichen jüdischen Ehepaar Jocklich, von dem sie bis zu seiner Emigration nach Palästina stets in die Oper mitgenommen wurde. Diese musikalischen Erlebnisse weckten in ihr den Wunsch, dass auch ihr Sohn ein Musiker werden sollte. Danach war sie als Postbedienstete tätig. Josef („Pepe“) wuchs in der Weinlechnergasse 1, im Arbeiterviertel Erdberg des Wiener Gemeindebezirks Landstraße auf. Daneben hielt er sich oft in Oberkirchbach auf, dem kleinen Heimatdorf seiner Mutter mitten im Wienerwald, die aus einer Familie mit elf Kindern stammte. Sein Zwillingsbruder Erich starb als Vierjähriger an einer Lungenentzündung.
Mit sechs Jahren bekam er ein kleines Akkordeon geschenkt und erhielt Unterricht bei einem Musiklehrer. In seiner Familie und bei Verwandten hörte und sang er von früh an tschechische und slowenische Weisen, ungarische Sinti-Lieder, Polkas und Ländler; nun konnte er sie auch instrumental begleiten und ihnen den Takt vorgeben. Nach einem Dreivierteljahr erklärte sein Musiklehrer Zawinuls Mutter: „Frau Zawinul, ich kann dem Bub nichts mehr beibringen, der hat so viel Talent für Musik, der sollte eigentlich ins Konservatorium gehen.“ Als sich dabei herausstellte, dass er auch das absolute Gehör hatte, erhielt er einen Freiplatz (kostenlosen Unterricht) am damaligen Konservatorium der Stadt Wien, wo er Unterricht in Klavier, Violine und Klarinette nahm. Damit bereitete er sich auf eine Karriere als klassischer Pianist vor, dem er jedoch zunehmend nur mehr aus Pflichterfüllung nachkam. Ab 1945 besuchte er das Realgymnasium in der Hagenmüllergasse (3. Bezirk); sein Klassenkamerad und enger Freund wurde Thomas Klestil, der spätere Bundespräsident. Freimütig erzählten später beide über gemeinsame Streiche wie etwa kostenlose Besuche im Freibad und im Kino.
Einen tiefen Eindruck auf den jungen Zawinul hinterließ der Musical-Film Stormy Weather (1943), in dem die Spitzenstars des schwarzen Entertainments auftraten: Der Tänzer Bill „Bojangles“ Robinson, das Orchester von Cab Calloway, der Pianist Fats Waller, Dooley Wilson (bekannt als Sam aus Casablanca, 1942) und die Schauspielerin Lena Horne. Zawinul sah sich den Film 24-mal an und verliebte sich in die Hauptdarstellerin Lena Horne. Die Qualität des Films war nicht nur eine von Zawinul subjektiv erlebte, denn im Jahr 2001 würdigte die Library of Congress den Film als „kulturell wertvoll“ und hielt ihn einer besonderen Aufbewahrung in der National Film Registry wert. 1977 nannte Zawinul eine Weather Report-LP Heavy Weather.
Mit zwölf Jahren hörte er zum ersten Mal Jazzmusik und war auf der Stelle davon eingenommen; ein Mitschüler seines Internats im Sudetenland spielte am Klavier Honeysuckle Rose. „Des war guad. Und i hob mir denkt, wow, des is was, des g’fallt mir.“ Als Siebzehnjähriger brach er die intensiven Vorbereitungen zu dem Genfer Klavierwettbewerb 1949 unvermittelt ab und wandte sich dem Jazz zu. Ein Studienfreund aus jenen Tagen war der zwei Jahre ältere Friedrich Gulda, den er 1951 kennenlernte. Ab 1952 arbeitet er als Jazzmusiker mit anderen österreichischen Musikern zusammen.
Nach ersten Erfahrungen unter anderem in der Combo von Vera Auer und bei Hans Koller war er 1954 mit Hans Salomon Mitbegründer der Austrian All Stars, zu denen weiterhin Karl Drewo, Rudolf Hansen und Viktor Plasil gehörten, und die als Wegbereiter des Cool Jazz in Österreich gelten. Deren Plattenaufnahmen erfuhren auch durch Guldas Förderung eine internationale Anerkennung und fanden sogar im amerikanischen Fachmagazin Down Beat Aufmerksamkeit. 1955/56 wechselte er mit der gesamten Besetzung der Austrian All Stars in die Johannes Fehring Big Band. 1956 wechselte er zur damals erfolgreichsten österreichischen Jazzband, der Two Sound Band von Fatty George. Nachdem er sich erfolgreich um ein Stipendium an der Berklee School in Boston beworben hatte, reiste er per Bahn und Schiff im Januar 1959 für zunächst nur vier Monate und mit 800 Dollar in die USA. Er ging mit dem festen Vorsatz in die USA, nicht mehr dauerhaft nach Europa zurückzukehren. Tatsächlich konnte er mit einer nahezu nahtlosen Serie von Engagements anschließen und sich weiterentwickeln.
Noch am Abend seiner Ankunft in New York City ging er in einen Club und traf dort auf Wilbur Ware, Louis Hayes und jammte mit Charlie Mariano. Zwei Tage später rief der Impresario George Wein an, der für Ella Fitzgerald einen Pianisten als Liedbegleiter suchte. Zawinul nahm dankbar an und bewährte sich.
Wenige Tage danach wurde er als Pianist der Maynard Ferguson Band engagiert. Er brach die Ausbildung in Boston ab, zog um nach New York und spielte für acht Monate im Maynard-Ferguson-Orchestra. Ferguson beschaffte ihm die Aufenthaltserlaubnis (Green Card), die nach vier Monaten erforderlich geworden war, und die Arbeitserlaubnis bei der Gewerkschaft. Zawinul fand sich schnell in der schwarzen Musiker-Community zurecht. Seine Offenheit beschränkte sich nicht nur auf das Zusammenspiel, sondern umfasste auch das gemeinsame Reisen und Wohnen mit seinen schwarzen Kollegen unter den Zumutungen der damaligen Rassentrennung in den USA. Dinah Washington engagierte ihn als Pianisten und stellte ihn ihrem Publikum als „Joe Vienna“ vor; Zawinul blieb bei ihr zwei Jahre lang.
Miles Davis wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn als Mitspieler in seine Band ein. Doch Zawinul lehnte ab, es sei noch nicht die richtige Zeit dafür – und setzte hinzu, wenn es einmal so weit sei, dann würden sie beide Musikgeschichte schreiben. Davis respektierte seinen Standpunkt. 1962 heiratete Zawinul Maxine, die er im berühmten New Yorker Jazzclub Birdland kennengelernt hatte; ihr Trauzeuge war Cannonball Adderley.