Hans-Joachim Richard „Jochen“ Mass (* 30. September 1946 in Dorfen; † 4. Mai 2025 in Cannes, Frankreich) war ein deutscher Automobilrennfahrer. Er gehörte zu den international profiliertesten Motorsportlern des Landes und war lange Zeit der letzte deutsche Formel-1-Sieger.
Mass begann seine Rennfahrerkarriere Ende der 1960er-Jahre mit Bergrennen in einem privaten Alfa Romeo und fuhr anschließend bis 1975 als Werksfahrer für Ford Deutschland Tourenwagenrennen. Parallel dazu stieg er schnell durch die Monoposto-Nachwuchsklassen Formel Super V, Formel 3 und Formel 2 bis in die Formel 1 auf und debütierte dort im Sommer 1973 für Surtees. Von 1974 bis 1977 fuhr er für McLaren und gewann 1975 einen Grand Prix. Nach unbefriedigenden Jahren bei unterfinanzierten Teams wie ATS, Arrows und RAM Racing trat er 1982 aus der Formel 1 zurück und wechselte vollständig zu den Sportwagen, wo er schon seit 1976 als Werksfahrer für Porsche bei diversen Langstreckenrennen angetreten war und bis Mitte der 1980er-Jahre zahlreiche Läufe gewann, darunter 1987 das 12-Stunden-Rennen von Sebring. 1984 und 1985 startete Mass zudem bei der Rallye Dakar. Als letzte Karrierestation wurde er 1988 in den Fahrerkader von Sauber Motorsport aufgenommen, die mit Werksunterstützung von Mercedes-Benz antraten, und erzielte mit dem Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1989 seinen größten Karriererfolg. Ende 1991 trat er vom professionellen Motorsport zurück.
Jochen Mass wurde 1946 in eine mittelständische Familie mecklenburgischer Herkunft im oberbayrischen Dorfen geboren. Sein Vater entstammte einer Dynastie von Seefahrern und teilte das Interesse seines Sohnes für das Automobil. Er verstarb früh und die verwitwete Mutter zog daraufhin mit Jochen Mass und seiner Schwester ins pfälzische Frankenthal. Mit elf Jahren trat Mass in das Internat Ott-Heinrich-Stift im nahen Mannheim ein und heuerte anschließend dem väterlichen Vorbild folgend bei der Handelsmarine an, wo er drei Jahre lang als Matrose zur See fuhr. Mit 20 Jahren arbeitete er kurzzeitig in einer Bank und kam über eine damalige Freundin als Zuschauer eines Bergrennens in Eberbach erstmals mit dem Motorsport in Kontakt. Er entschied sich anschließend, Rennfahrer zu werden, und ließ sich zur Schaffung einer fachlichen Grundlage im Autohaus der Marke Alfa Romeo von Helmut Hähn in Mannheim zum Mechaniker ausbilden.
Mass galt zeitlebens als ruhige, humorvolle und nahbare Persönlichkeit sowohl gegenüber den Fans als auch bei seinen Fahrerkollegen. Er trat nach Aufgabe seines anfangs sehr aggressiven Fahrstils für die längste Zeit seiner Karriere als sehr kalkulierender, beständiger und materialschonender Rennfahrer auf, der durch seine technische Vorausbildung auch bei Entwicklungsarbeiten geschätzt wurde. Eine enge Freundschaft verband ihn mit Jacky Ickx, mit dem er in seiner Zeit als Porsche-Werksfahrer zahlreiche Rennen als Teampartner in der Sportwagen-Weltmeisterschaft gewann. Nach seiner aktiven Karriere blieb Mass dem Motorsport als regelmäßiger Gast bei Veranstaltungen wie dem Goodwood Festival of Speed eng verbunden und führte dort wiederholt historische Fahrzeuge wie den Mercedes-Benz W 196 und Porsche 962 vor. Zudem war er Markenbotschafter für die Konzerne und förderte ab den späten 1980er-Jahren im Spätherbst seiner Fahrerkarriere als Mentor unter anderem die Anfänge der Mercedes-Benz-Nachwuchstalente Michael Schumacher, Heinz-Harald Frentzen und Karl Wendlinger, mit denen er teilweise Fahrerpaarungen bei Sportwagenrennen bildete.
Im Spielfilm Rush – Alles für den Sieg spielte er sich 2013 beim Dreh der Szenen auf dem Nürburgring selbst und steuerte als Stuntfahrer einen Nachbau seines McLaren M23 aus der Formel-1-Saison 1976. Für RTL Television wirkte er von 1993 bis 1997 zunächst allein, dann als Experte gemeinsam mit Heiko Waßer als Sportkommentator für die Formel-1-Übertragungen des Senders. Abseits der Strecken blieb er auch der See durch die langjährige Bewirtschaftung des Segelschoners Aquila Marina treu, mit dem er unter anderem den Atlantik überquerte und teilweise sogar zu den Rennen anreiste. Er war zweimal verheiratet, zunächst mit dem südafrikanischen Model Esthéa „Esti“ Mellet und dann ab 1994 mit Bettina Brune. Aus erster Ehe gingen die Söhne Inness und Quintin hervor, später hatte er mit Brune noch eine Tochter, Sydne. Während seiner aktiven Karriere lebte er zunächst in Köln, dann in Monaco und schließlich bis zu seinem Tod im südlichen Frankreich.
Anfänge im Tourenwagen und in Nachwuchsformeln (bis 1974)
1967–1969: Erste Rennen als Alfa-Romeo-Privatier
Mit Unterstützung seines Arbeitgebers Helmut Hähn startete Mass 1967 zum ersten Mal bei einem Bergrennen und belegte mit einem Alfa Romeo Giulia Ti Super auf Anhieb den zweiten Platz. Anschließend stellte ihm das Autohaus den leistungsstärkeren Alfa Romeo Giulia GTA zur Verfügung, mit dem Mass bis zur Zerstörung des Fahrzeugs zwei Jahre später bei 36 Bergrennen in der Umgebung um Mannheim unter anderem gegen Dieter Glemser fuhr und weitere Podestplätze erreichte. Seinen ersten Klassensieg auf einer Rundstrecke erzielte Mass im September 1968 beim Lauf der Deutschen Automobil-Rundstrecken-Meisterschaft (DARM) auf dem Flugplatz Ulm-Laupheim ebenfalls mit dem Alfa Romeo. Beim 6-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring startete er im Juli 1969 zu seiner ersten größeren Veranstaltung mit internationalem Teilnehmerfeld.
Durch seine Erfolge im Alfa Romeo erregte Mass die Aufmerksamkeit von Ford Deutschland, die ihn nach einem Testlauf im Circuit Park Zandvoort, wo er sich gegen zahlreiche weitere Kandidaten durchgesetzt hatte, ab 1970 als Werksfahrer unter Vertrag nahmen. Mass fuhr mit einem Ford Capri zunächst weitere Bergrennen in der Europa-Bergmeisterschaft und nahm anschließend unter Jochen Neerpasch an der Tourenwagen-Europameisterschaft sowie nun in Vollzeit an der Deutschen Automobil-Rundstrecken-Meisterschaft (DARM) teil, die er 1971 als Gesamtsieger abschloss. Beim 4-Stunden-Rennen von Jarama 1971 auf dem Circuito del Jarama gewann er zusammen mit John Fitzpatrick in einem Ford Escort seine erste größere Veranstaltung. Mass betätigte sich anschließend in der europäischen Winterpause im südlichen Afrika weiter und startete für Ford bei Tourenwagenennen der Springbok Series in Südafrika, Mosambik und Rhodesien.
Ab 1972 nahm seine Karriere weiter Fahrt auf und Mass gewann mit Gérard Larrousse das 4-Stunden-Rennen von Monza sowie im Juli mit Hans-Joachim Stuck das 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps. Mit weiteren Siegen wurde er in diesem Jahr Tourenwagen-Europameister. Außerdem startete er erstmals beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans und bildete dort wieder eine Ford-Fahrermannschaft mit Stuck, wurde aber durch einen Motorschaden zur Aufgabe gezwungen. Am Jahresende fuhr Mass wieder in der Springbok Series und gewann dieses Mal als Privatfahrer beim rhodesischen Team Gunston von John Love mit einem Chevron B21 und den Fahrerkollegen Gerry Birrell und Peter Gethin Rennen in Kapstadt, Lourenço Marques und Pietermaritzburg.
1974 fuhr Mass nur noch wenige Tourenwagenrennen und gewann mit Rolf Stommelen das 4-Stunden-Rennen von Zandvoort. Zum Saisonende lief sein Werksvertrag aus und Mass, mittlerweile Formel-1-Fahrer, legte den Schwerpunkt seiner Bemühungen zunächst auf diese Königsklasse des Motorsports. Seine guten Beziehungen zum Konzern sowie dem neuen Ford-Motorsportchef Mike Kranefuss halfen ihm allerdings, auch 1975 noch zu einigen Rennen in Werkswagen berücksichtigt zu werden. So konnte er seine Zeit als Ford-Tourenwagenfahrer mit einem letzten Triumph beim 1000-km-Rennen von Kyalami im November erfolgreich zu Ende bringen.
1971–1974: Monoposto-Nachwuchsformeln
Mass betätigte sich mit dem Ziel, Formel-1-Fahrer zu werden, auch früh in den Nachwuchsklassen des Monopostosports. Er fuhr 1971 sein erstes Rennen in der neu begründeten Formel Super V und gewann im gleichen Jahr mit einem Kaimann-Rennwagen für das WRD Racing Team das im Rahmenprogramm des Großen Preises von Deutschland ausgetragene Super-V-Rennen auf dem Nürburgring. Er belegte in der erstmaligen Austragung der europäischen Formel-Super-V-Meisterschaft den zweiten Platz hinter Erich Breinsberg. Ende des Jahres vermittelte ihm Ford, für die er parallel als Werksfahrer an Tourenwagenrennen teilnahm, Startmöglichkeiten in der britischen Formel 3, die gemeinhin als eine der professionellsten Meisterschaften dieser Klasse galt. Mass fuhr dort drei Rennen mit einem Brabham BT35 und begegnete vielen späteren Formel-1-Fahrerkollegen wie James Hunt, David Purley, Jody Scheckter, Rikky von Opel, Alan Jones und Tom Pryce zum ersten Mal. Er erreichte sehr gute Ergebnisse und gewann nach engem Kampf mit Scheckter sein erstes Rennen, den auf dem Castle Combe Circuit ausgetragenen 16. Meisterschaftslauf.