An diesem Tag

Joachim Ringelnatz

Deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler (1883–1934)

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Joachim Ringelnatz (* 7. August 1883 in Wurzen als Hans Gustav Bötticher; † 17. November 1934 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der vor allem für humoristische Gedichte um die Kunstfigur Kuttel Daddeldu bekannt ist. Er wurde in der Zeit der Weimarer Republik viel gelesen und zählte Schauspieler wie Asta Nielsen und Paul Wegener zu seinen engen Freunden und Weggefährten. Sein witziges und geistreiches, teils skurriles und expressionistisches Werk wird auch heute noch geschätzt.

Kindheit und Jugend (1883–1901)

Joachim Ringelnatz wurde als jüngstes von drei Geschwistern in einem Wohn- und Geschäftshaus am Crostigall 14 in Wurzen bei Leipzig um „11 ¾ Uhr“ in einem Zimmer über dem Flur geboren, wie der Geburtsschein der Hebamme belegt. Seine Eltern waren beide künstlerisch tätig. Sein Vater Georg Bötticher, der einer thüringischen Gelehrtenfamilie entstammte, war ein Musterzeichner und später hauptberuflicher Verfasser von humoristischen Versen und Kinderbüchern. Er veröffentlichte vierzig Bücher, unter anderem in Reclams Universal-Bibliothek. Die Mutter Rosa Marie, Tochter eines Sägewerksbesitzers, zeichnete ebenfalls, entwarf Muster für Perlstickereien und stellte Puppenbekleidung her. Ringelnatz wuchs in bescheidenem Wohlstand auf: Die Familie beschäftigte zwei Dienstmädchen.

Georg Bötticher war der Sohn des Pfarrers Hans Adam Bötticher, der im März 1849 in Görmar bei Mühlhausen in Thüringen verstarb. Der Großvater Georg Böttichers mütterlicherseits war der Geheime Hofrat Professor Ferdinand Gotthelf Hand, der als Philologe und Musikwissenschaftler bekannt geworden ist. Hand hatte die weimarischen Prinzessinnen Augusta und Maria unterrichtet, einen Singverein geleitet und eine „Ästhetik der Tonkunst“ verfasst. Als junger Professor hatte er in Weimar noch unter Goethe amtiert.

Der Vater hatte in jeder Hinsicht auf Joachim Ringelnatz einen wesentlich größeren Einfluss als die Mutter. Der Junge eiferte in seinen ersten literarischen Produktionen eindeutig dem Vater nach und fühlte sich zeit seines Lebens durch den akademischen Hintergrund des Vaters und dessen weite Kontakte eingeschüchtert und herausgefordert. Der Vater korrespondierte mit Emanuel Geibel, Gustav Freytag, Conrad Ferdinand Meyer, Wilhelm Raabe und Adolph von Menzel, seine Werke wurden von Theodor Fontane als „anheimelnd“ gelobt. Politisch war Georg Bötticher deutlich interessierter als der eher unpolitische Sohn. Er feierte mit Freunden das Andenken Ferdinand Freiligraths, war ein glühender Verehrer Otto von Bismarcks und schrieb beißende Satiren auf das wilhelminische Zeitalter. Mit der Mutter hatte Ringelnatz größere Probleme als mit dem zu Nachsicht und Güte tendierenden Vater. An seine Verlobte Alma schrieb Ringelnatz 1914: „Mutterliebe fehlt uns beiden.“

1886 zog die Familie nach Leipzig um, wo der Vater Mitglied der Künstler- und Gelehrtenszene war. Von 1894 bis 1900 wohnte sie in der Gottschedstraße 40 (damals Poniatowskiplan 12). Ab 1900 widmete sich der Vater hauptberuflich seiner Schriftstellerei und gab seit 1901 Auerbachs Deutschen Kinderkalender heraus, in dem er Ringelnatz zu seinen ersten Veröffentlichungen verhalf: Ostermärchen und zwei Geschichten Vom Alten Fritz.

Die Schulzeit war schwer für Ringelnatz: Er sah in den Lehrern „respektfordernde Dunkelmenschen“ und wurde von den Mitschülern für sein ungewöhnliches Aussehen (eher weibliche Frisur, auffallend lange, spitze Nase, vordrängendes Kinn, kleine Statur) gehänselt. Auch später noch führte Ringelnatz viele Schwierigkeiten auf sein ausgefallenes Aussehen zurück: „Ich bin überzeugt, dass mein Gesicht mein Schicksal bestimmt. Hätte ich ein anderes Gesicht, wäre mein Leben ganz anders, jedenfalls ruhiger verlaufen.“ Der Junge flüchtete sich in Trotz, Rüpeleien und einsames Zeichnen und Schreiben. 1892 verfasste und illustrierte Joachim Ringelnatz sein frühestes erhaltenes Werk: die Landpartie der Tiere, ein Tier-Akrostichon im Stile Wilhelm Buschs.

Als Quintaner leistete sich Ringelnatz einen Streich zu viel: Während der Pause verließ er das Schulgelände des König-Albert-Gymnasiums, ging zu einer Völkerschau im neben der Schule gelegenen Zoo und ließ sich von einer Samoanerin auf den Unterarm tätowieren. In der Schule gab er überdies noch gegenüber seinem Lehrer mit dem Vorfall an. Die Reaktion war der Verweis vom Gymnasium. Es folgten Jahre auf einer Privat-Realschule. 1901 beendete Ringelnatz seine auch dort wenig erfolgreiche Schulzeit mit dem Einjährigen-Freiwilligen-Examen (Obersekundareife). Auf dem Abgangszeugnis des zweimaligen Sitzenbleibers vermerkte ein Lehrer, der Absolvent sei „ein Schulrüpel ersten Ranges“ gewesen.

Seefahrerzeit und Wanderjahre (1901–1908)

Ringelnatz hatte sich in den Kopf gesetzt, Seemann zu werden. Von April bis September 1901 arbeitete er als Schiffsjunge auf dem Segelschiff Elli. Seine Erfahrungen waren ernüchternd: Der sächselnde, kleingewachsene Ringelnatz wurde Zielscheibe von Beleidigungen (der Kapitän nannte ihn „Nasenkönig“), Schikanen und körperlicher Gewalt. In Britisch Honduras riss er aus, verirrte sich im Urwald und wurde endlich ergriffen, um auf der Rückfahrt noch mehr durchzumachen. Zurück in Hamburg war er arbeitslos und litt Hunger. Ende des Jahres war er Aushilfe in Malferteiners Schlangenbude auf dem Hamburger Dom (er half, die Riesenschlangen zu tragen).

Dies war nur einer der über dreißig Nebenberufe, die Ringelnatz während seiner Seemannszeit ausübte. Heuern als Leichtmatrose auf allen Weltmeeren wechselten immer wieder mit Phasen der Arbeitslosigkeit ab, so zum Beispiel in Hull, wo er obdachlos von Essensspenden lebte. In einem Seemannsheim half er schließlich als „Mädchen für alles“ aus, lebte in den Tag hinein und freute sich an Trinkgelagen mit seinen neuen Freunden. Nach einer Weile wurde er dessen jedoch überdrüssig und heuerte wieder auf Schiffen an, bis ihm 1903 die weitere Ausübung des Matrosenberufs wegen mangelnder Sehschärfe untersagt wurde. Dennoch absolvierte er noch die Qualifikationsfahrt für den Militärdienst bei der Marine und diente 1904 als Einjährig-Freiwilliger bei der Kaiserlichen Marine in Kiel.

Anfang 1905 trat er als unbezahlter Lehrling in eine Hamburger Dachpappenfirma ein, immatrikulierte sich aber zugleich an der Universität Leipzig für das Fach Handelswissenschaften. Zu seiner großen Enttäuschung bewirkte der Vater, der das Studium nicht finanzieren konnte oder wollte, beim Rektor, einem Freund, dass seine Einschreibung rückgängig gemacht wurde. Andererseits verhalf der Vater seinem Sohn erneut zu einer Veröffentlichung in Auerbach’s Deutschem Kinderkalender (das Gedicht Untergang der Jeanette). 1905 malte er auch die ersten bekannten Ölbilder (Kriegsschiff und Dachpanorama).

1907 und 1908 arbeitete Ringelnatz als Kommis in Leipzig und Frankfurt am Main, doch war er noch nicht zu einem geregelten Alltag bereit. Geschminkt spielte er, der zeitlebens zu kindlichen Streichen neigte, der Bevölkerung von Eltville vor, der märchenhafte „Kalif von Bagdad“ sei zu Besuch. Kurze Zeit später brach er von einem Tag auf den anderen nach Hull auf, um seine alten Kumpane wiederzusehen. Das Geld für die Reise verdiente er sich als fahrender Sänger und Gelegenheitsarbeiter. Die Ankunft war eine große Enttäuschung: Die völlig heruntergekommenen Freunde erkannten ihn nicht mehr. Auf seiner nächsten Station Amsterdam forderten die Anstrengungen der Reise ihren Tribut: Vor Hunger entkräftet vegetierte Ringelnatz in einer Bodenkammer mit einer Kiste als Bett. Der deutsche Pfarrer von Amsterdam hielt Ringelnatz für einen Betrüger und ließ ihn ins Gefängnis stecken. Nach einigen Wochen wurde der Abenteurer nach Deutschland abgeschoben.

Er trat eine Stelle als Buchhalter in einem Münchner Reisebüro an, doch verlor er die Stelle, als sein Chef merkte, dass Ringelnatz mitnichten, wie behauptet, fünf fremde Sprachen beherrschte. In der anspruchslosen satirischen Wochenschrift Grobian veröffentlichte Ringelnatz Gedichte, Witze, Anekdoten und das Märchen Der ehrliche Seemann.

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