An diesem Tag

Joachim Nettelbeck (Seemann)

Deutscher Seemann, Bierbrauer, Branntweinbrenner und Autobiograph

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Joachim Christian Nettelbeck (* 20. September 1738 in Kolberg; † 29. Januar 1824 ebenda) war ein Seemann, der durch seine Rolle bei der Verteidigung Kolbergs im Jahre 1807 und seine Autobiografie in Deutschland als Musterbeispiel eines Patrioten berühmt wurde. Seine Lebensgeschichte nutzten die preußischen Reformer, die Nationalsozialisten und die Deutsche Demokratische Republik für ihre jeweiligen Propagandazwecke.

Joachim Nettelbeck wuchs in der Hafenstadt Kolberg im preußischen Teil Pommerns auf. Er war das erste Kind von Johann David Nettelbeck, der 1751 vom Schuhmachermeister in den Stand der Brauer aufrückte, und dessen Ehefrau Katharina Sophia, geb. Greiff. Das wohlhabend gewordene Paar bekam weitere sieben Kinder, von denen zwei im Kindesalter starben.

Als Elfjähriger durfte Nettelbeck auf dem Schiff seines Onkels ausnahmsweise nach Amsterdam mitreisen. Dort schlich er sich im Hafen an Bord eines holländischen Ozeanseglers und kam erst nach der Abfahrt wieder zum Vorschein. Das Schiff erwies sich als Sklavenschiff, das im Dreieck die Route Westeuropa – Westafrika – Westindien – Westeuropa befuhr. Auf Wunsch des Steuermanns brachten zwei schwarze Matrosen Nettelbeck auf der Fahrt nach Afrika eine Variante des Pidgin bei, in der an der afrikanischen Küste auch der Sklavenkauf abgewickelt wurde. Nach einundzwanzig Monaten kehrte Nettelbeck nach Kolberg zurück und besuchte bis zur Konfirmation wieder die Schule.

Vom Schiffsjungen zum Kapitän: Auf verschiedenen Meeren

Im Jahr 1752 begann Nettelbeck eine Seemannsausbildung, zunächst als Schiffsjunge auf Ost- und Nordseefahrern. Zwei Jahre später fuhr er als Untersteuermann auf einem niederländischen Schiff von Amsterdam nach Surinam. In seinen Lebenserinnerungen traf er, über diese Fahrt berichtend, eine verflechtungsgeschichtlich einschlägige Aussage, die über die deutsche Beteiligung am niederländischen Kolonialismus Auskunft gibt:

Unmittelbar nach der Rückkehr nach Amsterdam folgte 1756 die nächste Fahrt in die niederländische Karibik, diesmal nach Curaçao, auf der Rückfahrt mit einem Zwischenstopp auf Sint Eustatius.

Inzwischen war der Siebenjährige Krieg ausgebrochen und Nettelbeck kehrte auf Wunsch seines Vaters wegen einer bevorstehenden Belagerung durch die Russen im April 1758 nach Kolberg zurück. Weil er sich dem Pressen für die preußische Flottille in Stettin entziehen wollte, floh er, unterwegs als Deserteur verfolgt, nach Königsberg im von Russland annektierten Ostpreußen.

Während des Krieges unternahm Nettelbeck in den Jahren 1758 bis 1762 unter Danziger Flagge von Königsberg aus Reisen in westeuropäische Gewässer, wie nach Irvine und Noirmoutier-en-l’Île. Auf holländischen Schiffen machte er 1759 und 1760 zwei weitere Fahrten in die niederländische Karibik, nach Surinam bzw. Sint Eustatius. Über den Surinam-Aufenthalt heißt es in den Lebenserinnerungen:

Im Jahr 1762 heiratete Nettelbeck in Königsberg Regina Charlotte Meller, mit der er mehrere Kinder hatte. Bei Kriegsende war Nettelbeck als Reeder in Königsberg sein eigener Kapitän und befuhr die Ostsee.

Aus wirtschaftlichen Gründen musste er 1769 die Selbständigkeit aufgeben, hatte aber einen so guten Ruf als Seemann, dass er im Jahr 1770 Königlich-Preußischer Schiffskapitän in Stettin wurde. Diese aussichtsreiche Stellung verlor Nettelbeck nach wenigen Monaten wegen eines Konfliktes mit einem Vertreter der Krone, einem preußischen Infanterieoffizier, dem er die Anerkennung verweigert hatte.

Obersteuermann auf einem Sklavenschiff

Danach verlegte Nettelbeck seinen Wohnsitz nach Kolberg. Eine Kapitänsstelle bekam er nicht. Stellungslos geworden, heuerte Nettelbeck 1771 in Amsterdam auf einem holländischen Sklavenschiff als Obersteuermann an. Es befuhr im Dreieckshandel die Route Europa – Guinea – Surinam – Europa, wovon er später in seinen Lebenserinnerungen ausführlich und anschaulich berichtete. Nettelbeck kommandierte ein großes Beiboot, das dicht an der afrikanischen Küste entlang fuhr, um bereits versklavte Menschen bei einheimischen Anbietern gegen Waffen, Schießpulver, Tabak, Schnaps, Textilien und Krimskram zu erhandeln. Er nutzte das Privileg des Obersteuermanns, selbst einen Gewinn durch den Handel mit Goldstaub zu erzielen.

In seinen ein halbes Jahrhundert später geschriebenen Lebenserinnerungen – in Preußen hatte 1794 das Allgemeine Landrecht die Sklaverei geächtet und Großbritannien 1807 den Sklavenhandel verboten – distanzierte sich Nettelbeck vom Sklavenhandel und bat seinen „geneigten Leser“, er möge ihm:

Auf einem englischen Truppentransport-Begleitschiff befuhr er anschließend im Jahr 1774 von Portsmouth aus die Route England–Guinea–Westindien–Europa. Nach Kolberg zurückgekehrt, sandte Nettelbeck nach eigenen Angaben seinem König Friedrich dem Großen eine Denkschrift, in der er ihm die Inbesitznahme eines noch nicht kolonisierten Küstenstreifens am Corantijn zwischen Berbice und Surinam empfahl. Dort sollten auf Sklavenarbeit beruhende Zucker- und Kaffeeplantagen angelegt werden, damit der Import dieser Produkte nicht länger Preußens Außenhandelsbilanz verschlechtere, ohne eine Antwort zu erhalten. Der Vorgang ist lediglich durch diese Stelle in Nettelbecks Lebenserinnerungen überliefert.

Wohl um seiner Familie näher zu sein, machte sich Nettelbeck 1775 als Quatzner selbständig und erwarb 1776 das Kolberger Bürgerrecht. Aber der Erfolg blieb aus, die Ehe scheiterte und wegen eines Wirtschaftsdeliktes erhielt er eine Vermögensstrafe. Als zu dieser Zeit am 26. April 1777 der Blitz in den Turm der Marienkirche fuhr, war Nettelbeck, unterstützt von seinem zehnjährigen Sohn, der einzige, der sich in die Höhe wagte, um den Brandherd zu löschen. Ohne diese Tat hätte sich das Feuer im riesigen Dachstuhl der Kirche ausgebreitet, Funkenflug und herabstürzende Trümmer hätten bewirken können, dass Kolberg in Flammen aufgeht. Die Stadt ehrte ihn, wenngleich sie ihm die Bestrafung nicht erließ.

Die Strafe hatte Nettelbecks Existenz vernichtet und er musste 1777 wieder Seemann werden, befuhr aber nicht mehr die Weltmeere. Diesmal hatte er Erfolg, wurde erneut Kapitän, verdiente gut und besaß schließlich ein Schiff. Als er es durch Schiffbruch im Jahre 1783 verlor, blieb er dennoch ein vermögender Mann.

Er gab nun das Seemannsleben auf und ließ sich als Brauer und Schnapsbrenner mit eigenem Ausschank endgültig in Kolberg nieder. Als 1786 Friedrich Wilhelm II. den preußischen Thron bestieg, versuchte Nettelbeck nach eigenen Angaben ihn für seinen Kolonialplan einzunehmen. Er überreichte dem König anlässlich seiner pommerschen Huldigung in Köslin eine überarbeitete Denkschrift. Jetzt sollte auch in Westafrika eine Niederlassung zur Beschaffung von Sklaven für die Plantagenarbeit erworben werden, wobei Nettelbeck seinen Plan in die Tradition der brandenburgisch-preußischen Kolonie Groß Friedrichsburg gestellt haben will. Der König soll das Schreiben der Preußischen Seehandlung überwiesen haben, woraufhin die Pommersche Kriegs- und Domänenkammer Nettelbeck umgehend mitgeteilt habe: „Da seine Königliche Majestät geruht hätten, auf jene Vorschläge nicht einzugehen, so könnte auch die Seehandlung sich nicht darauf einlassen.“ Auch hier fehlt zur Angabe Nettelbecks jede dokumentarische Überlieferung.

Mit den Jahren galt Nettelbeck trotz seiner Neigung zum Streit und einer zweiten Scheidung in Kolberg als angesehener Bürger. Im Jahre 1805 wurde er als Vertreter der Brauer und Brenner zum Mitglied der Zehnmänner, einer Ständevertretung mit Stadtverwaltungsfunktionen, gewählt. Er versah das Amt der Aufsicht über die Feuerlöschanstalten, die Stadtbrunnen, das Röhrenwesen und die Wasserkunst. Ebenfalls gehörte er seit 1805 den Segelhausältesten, einem Seegericht, als Königlicher Schiffsvermesser an.

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