Jeremy Bernard Corbyn (* 26. Mai 1949 in Chippenham, Wiltshire) ist ein britischer Gewerkschaftsfunktionär und Politiker (bis 2020/24 Labour Party, seit 2025 Your Party). Corbyn trat Labour bereits als Teenager bei. Nach subalternen Posten wurde er 1983 als Labour-Kandidat für den Wahlkreis Islington North aufgestellt, einer traditionellen Hochburg der Labour-Partei. Nach seinem Einzug in das britische Unterhaus trat er als Aktivist (etwa in der Campaign for Nuclear Disarmament) hervor und verweigerte sich bei Abstimmungen im Unterhaus regelmäßig der von den Whips vorgegebenen offiziellen Parteilinie. Auch als Labour nach dem Wahlsieg 1997 wieder an die Macht kam, setzte er seine Opposition gegen die offizielle Parteilinie fort und blieb ein unbotmäßiger Hinterbänkler. 2003 war er einer der lautstärksten Gegner des von Premierminister Tony Blair und US-Präsident George W. Bush initiierten Irakkriegs. Nachdem Ed Miliband bei der Unterhauswahl 2015 unterlag und zurücktrat, wurde Corbyn in einer überraschenden Kampagne zum neuen Parteiführer der Labour-Partei gewählt. Von 2015 bis 2020 war er Parteivorsitzender und Oppositionsführer. Nach der verlorenen britischen Unterhauswahl 2019 erklärte er, sich als Parteiführer zurückziehen zu wollen. Corbyn war seit Oktober 2020 im Unterhaus fraktionslos. Als unabhängiger Kandidat gewann er die vorgezogenen Unterhauswahl am 4. Juli 2024 im Londoner Stadtviertel Islington.
Corbyn gilt als „klassischer Linker der Achtzigerjahre“. Er steht der Ausrichtung von „New Labour“ und einer Austeritätspolitik ablehnend gegenüber, befürwortet einen NATO-Austritt seines Landes, eine pazifistische Außenpolitik, sowie eine Verstaatlichung öffentlicher Versorgungsunternehmen. Während seiner Zeit als Parteivorsitzender wurde über Antisemitismus in der Labour-Partei diskutiert. Corbyn wurde vorgeworfen, diesen toleriert zu haben.
Leben und politischer Werdegang
Jeremy Corbyn wurde als Sohn des Elektroingenieurs David Corbyn und dessen Ehefrau Naomi, einer Mathematiklehrerin an der Stafford Girls’ High School (heute: King Edward VI High School), geboren. Seine Eltern (gestorben 1986 und 1987) waren politische Aktivisten, die sich in einem Komitee zur Unterstützung der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg kennengelernt hatten. Sein älterer Bruder ist der Physiker Piers Corbyn.
Corbyn wuchs in Newport (Shropshire) auf. Er besuchte die dortige Adams’ Grammar School. Nach dem Schulabschluss im Alter von 18 Jahren arbeitete er zunächst zwei Jahre im Voluntary Service Overseas (VSO) in Jamaika, bevor er Funktionär der Gewerkschaft National Union of Public Employees (NUPE) (Gewerkschaft für die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst) wurde. Nachdem er kurze Zeit am North London Polytechnic (heute: University of North London; Teil der London Metropolitan University) studiert hatte, brach er das Studium ab und arbeitete als Funktionär für die Gewerkschaft National Union of Tailors and Garment Workers (NUTGW).
1974 wurde er in den Rat (Council) des Londoner Stadtbezirks von Haringey gewählt (Councillor), in den er mehrmals wiedergewählt wurde und dort bis 1984 blieb. Corbyn arbeitete im September 1981 in Tony Benns Wahlkampagne mit, der sich in einem richtungsweisenden Wahlkampf um den Posten des Stellvertretenden Parteivorsitzenden bewarb. Benn war führender Repräsentant und Vordenker der sogenannten harten Linken; er unterlag dem moderaten Denis Healey. 1983 wurde Corbyn erstmals für die Labour Party im Wahlkreis Islington North ins britische Unterhaus gewählt. Der Wahlkreis gilt traditionell als eine sichere Labour-Hochburg. Corbyn konnte seinen Wahlkreis seither ungefährdet erfolgreich verteidigen. Nach seinem Einzug in das Unterhaus war er lange ein Hinterbänkler ohne Funktion in der Partei; gleichzeitig trat er schnell als Aktivist (zum Beispiel in der Campaign for Nuclear Disarmament oder für einen souveränen Staat Palästina) hervor. Seine sichere Position in seinem Wahlkreis erlaubte es ihm, sich bei Abstimmungen im Unterhaus regelmäßig der von den Whips der Partei vorgegebenen offiziellen Parteilinie zu verweigern. Auch als Labour nach dem Wahlsieg 1997 wieder an die Macht kam und Tony Blair Premierminister wurde, setzte Corbyn seine regelmäßige Opposition gegen die offizielle Parteilinie fort. Im Jahr 2003 kulminierte sein Widerstand in seiner lautstarken Opposition gegen den von Blair und US-Präsident George W. Bush initiierten Irakkrieg.
Wahl zum Parteivorsitzenden 2015
Nach der für Labour enttäuschend verlaufenden Unterhauswahl am 7. Mai 2015 trat der bisherige Parteivorsitzende und Spitzenkandidat Ed Miliband von seinen Parteiämtern zurück, so dass eine Neuwahl des Vorsitzenden notwendig wurde. Neben Corbyn führten drei weitere Kandidaten einen innerparteilichen Wahlkampf. Tony Blair, von 1994 bis 2007 Labour-Vorsitzender und von 1997 bis 2007 Premierminister, warnte im August 2015, Labour stehe vor der Vernichtung, falls Corbyn gewählt werde. Es sei der richtige Moment für ein „rugby tackle“: Jemand müsse diesen linken Schlafwandler aufhalten.
Am 12. September 2015 wurde Corbyn in einer Urwahl unter den etwa 554.000 Wahlberechtigten (Parteimitglieder sowie zugelassene Unterstützer), von denen knapp 423.000 teilnahmen, mit 59,5 % im ersten Wahlgang zum neuen Vorsitzenden der Labour-Partei gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 72,3 %. Am 11. November 2015 wurde Corbyn Mitglied des Privy Council, wie es für Oppositionsführer üblich ist. Seitdem trägt er auch das Prädikat The Right Honourable. Unter Corbyns Parteivorsitz erlebte die Labour Party einen erheblichen Zustrom neuer Mitglieder. Unmittelbar vor der Unterhauswahl im Mai 2015 hatte die Partei 201.293 Mitglieder. Diese Zahl stieg bis Januar 2016 auf 388.407.
Vertrauenskrise nach dem EU-Referendum
Nach dem Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU im Juni 2016 erklärten die beiden Labour-Parlamentsabgeordneten Margaret Hodge und Ann Coffey, dass sie ein Misstrauensvotum gegen Corbyn stellen wollten. Corbyns zögerliche und wenig engagierte Haltung in der Frage des Austritts aus der EU habe mit zu dem Ausgang der Abstimmung beigetragen. Die Ankündigung weitete sich anschließend zu einer parteiinternen Führungskrise aus. Bis zum 28. Juni erklärten insgesamt 20 der 30 Mitglieder ihren Rücktritt aus dem von Corbyn geführten Labour-Schattenkabinett. Der Außenminister im Schattenkabinett, Hilary Benn, der Corbyn direkt kritisiert hatte, wurde von diesem daraufhin entlassen. Benn sprach Corbyn in einem Interview der BBC die notwendigen Führungsqualitäten ab, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt besonders nötig seien, da es möglicherweise bald Neuwahlen geben werde. Mit Corbyn an der Spitze könne Labour keine Wahl gewinnen. In einer Vertrauensabstimmung am 28. Juni stimmten 172 der Labour-Unterhausabgeordneten gegen Corbyn und 40 für ihn. Corbyn ließ daraufhin erklären, dass dieses Votum „bedeutungslos“ sei. Außerhalb des Parlaments fanden mehrere Kundgebungen der Momentum-Gruppierung, die Corbyns damalige Wahl zum Parteivorsitzenden maßgeblich vorangetrieben hatte, zu dessen Unterstützung statt. Während der Führungskrise nach dem Referendum erlebte Labour einen Masseneintritt von etwa 100.000 neuen Mitgliedern, so dass die Zahl der Labour-Parteimitglieder auf etwa eine halbe Million anstieg. Von den neuen Mitgliedern wurde angenommen, dass die meisten Corbyn unterstützen wollten.
Am 11. Juli 2016 erklärte Angela Eagle – ehemals Mitglied von Corbyns Schattenkabinett – ihre Kandidatur für den Labour-Parteivorsitz. Am 13. Juli folgte Owen Smith, auch ein ehemaliges Mitglied des Schattenkabinetts, als weiterer Kandidat. Nachdem Eagle nicht genügend Unterstützer in der Labour-Unterhausfraktion gefunden hatte, beendete sie am 19. Juli ihre Kandidatur und erklärte ihre Unterstützung für Smith. Zur Wahl standen damit nur noch Corbyn und Smith.
Vom 22. August bis 21. September 2016 wurde der neue Labour-Vorsitzende in einer Urwahl durch die Labour-Mitglieder und registrierte Labour-Unterstützer gewählt. Corbyn versuchte sich auf dem Posten des Parteichefs zu behaupten und versprach staatliche Investitionen in Höhe von 500 Milliarden Pfund. Am 24. September wurde auf einer Sonderkonferenz in Liverpool das Ergebnis bekanntgegeben. Corbyn gewann die Wahl mit 61,8 % der Stimmen.