Jens Stoltenberg (* 16. März 1959 in Oslo) ist ein norwegischer Politiker der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet (Ap) und war von 2014 bis 2024 NATO-Generalsekretär. Er war von März 2000 bis Oktober 2001 (Regierung Stoltenberg I) und von Oktober 2005 bis Oktober 2013 (Regierung Stoltenberg II) der Ministerpräsident Norwegens (Statsminister). Zwischen 1991 und 2014 saß er als Abgeordneter im Storting, von 2002 bis 2014 stand er der Arbeiderpartiet vor. Seit Februar 2025 ist er der Finanzminister seines Landes.
Jens Stoltenberg ist Sohn des früheren norwegischen Verteidigungs- und Außenministers Thorvald Stoltenberg und Karin Stoltenberg (geb. Heiberg). Er hat zwei Schwestern, Nini (1963–2014) und Camilla (* 1958). Seine Tante mütterlicherseits war die Nahost-Expertin Marianne Heiberg, die mit dem ehemaligen Verteidigungs- bzw. Außenminister Norwegens Johan Jørgen Holst verheiratet war. Von 1961 bis 1964 lebte er in Belgrad, da sein Vater in der norwegischen Botschaft in Jugoslawien als Diplomat tätig war. Dort hatten seine Eltern einen schweren Autounfall und Jens Stoltenberg wurde von seiner Mutter nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus mit Staphylokokken angesteckt und dadurch selbst schwer krank.
Er besuchte die Rudolf-Steiner-Schule und die angesehene Oslo katedralskole. Im Jahr 1978 schloss er die Schule mit Hochschulreife ab. Bis 1987 studierte Stoltenberg Wirtschaftswissenschaften an der Universität Oslo. Seinen Wehrdienst leistete er von 1979 bis 1980 ab. Zwischen 1979 und 1981 arbeitete er in Teilzeit als Journalist bei der norwegischen Zeitung Arbeiderbladet. Von 1989 bis 1990 war Stoltenberg bei der Statistikbehörde Statistisk sentralbyrå (SSB) und als Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Universität Oslo tätig.
Stoltenberg ist seit 1987 mit der Diplomatin Ingrid Schulerud verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Tochter Catharina Stoltenberg ist Teil des Musikduos Smerz. Er gehört weder der norwegischen Kirche noch einer anderen Glaubensgemeinschaft an, bezeichnet sich jedoch auch nicht als Atheisten.
Während seines Studiums war Stoltenberg in der Arbeiderpartiet-Parteijugend Arbeidernes Ungdomsfylking (AUF) aktiv. In den Jahren von 1979 bis 1989 war Stoltenberg dort Vorstandsmitglied. Während seiner Zeit in der AUF engagierte er sich unter anderem gegen die NATO. Zwischen 1985 und 1989 fungierte er als AUF-Vorsitzender sowie als Vizepräsident der Sozialistischen Jugendinternationale (IUSY). Ab 1985 gehörte er zudem dem Arbeiderpartiet-Vorstand an, wo er erst im Jahr 2014 wieder ausschied. Stoltenberg war von 1990 bis 1992 Vorsitzender der Arbeiderpartiet in Oslo.
Im Jahr 2000 wurde bekannt, dass Stoltenberg ab Ende der 1970er-Jahre in Kontakt mit Mitarbeitern der sowjetischen Botschaft in Oslo stand. Darunter war unter anderem der KGB-Agent Boris Kirillov, mit dem er sich in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre häufiger traf. Kirillovs Auftrag war es, Norweger als Agenten zu rekrutieren. Stoltenberg bekam einen Eintrag in den KGB-Akten mit dem Codenamen Steklov. Stoltenberg selbst sagte, er wusste, dass es sich bei Kirillov vermutlich um einen Agenten handelte und er zu dieser Zeit auch keine Staatsgeheimnisse kannte, die er hätte erzählen können.
Nach eigenen Angaben ist er in den 1970er-Jahren an Protesten gegen den Vietnamkrieg beteiligt gewesen. Er habe Steine auf eine US-Botschaft geworfen.
Staatssekretär und Abgeordneter (1990–1993)
Bei der Parlamentswahl 1989 verpasste Stoltenberg im Wahlkreis Oslo den direkten Einzug in das norwegische Nationalparlament Storting. Er wurde stattdessen Vararepresentant, also Ersatzabgeordneter. Am 12. November 1990 wurde er zum Staatssekretär im Ministerium für Umweltschutz ernannt. Als solcher war er in der Regierung Brundtland III bis zum 22. November 1991 unter Minister Thorbjørn Berntsen tätig. Ab dem 22. November 1991 rückte Stoltenberg vertretungsweise für den Rest der bis Herbst 1993 andauernden Legislaturperiode als Abgeordneter ins Storting nach. Dort vertrat er seinen Parteikollegen Bjørn Tore Godal, der als Minister sein Mandat ruhen lassen musste. Stoltenberg wurde Mitglied im Sozialausschuss des Parlaments. Von 1990 bis 1992 arbeitete er auch in einer Verteidigungskommission mit, deren Aufgabe es war, sich mit der Rolle des norwegischen Militärs nach Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion auseinanderzusetzen.
Als sich im Jahr 1992 Gro Harlem Brundtland vom Posten der Parteivorsitzenden der Arbeiderpartiet zurückzog, erklärte sie Stoltenberg zu ihrem Wunschnachfolger. Stoltenberg entschied sich allerdings gegen eine Kandidatur. Stattdessen wurde Thorbjørn Jagland neuer Vorsitzender.
Bei der Wahl 1993 gelang Stoltenberg erstmals der direkte Einzug ins Storting. Am 7. Oktober 1993 wurde er zum Wirtschafts- und Energieminister in der Regierung Brundtland III ernannt. Nach dem Rücktritt Brundtlands und der Bildung der Regierung Jagland übernahm Stoltenberg am 25. Oktober 1996 das Amt des Finanzministers. Als solcher blieb er bis zum Rücktritt der Regierung am 17. Oktober 1997 im Amt. Im Storting wurde er aufgrund seiner Regierungsmitgliedschaft von Parteikollegen, unter anderem von Anders Hornslien, vertreten.
Nach dem Regierungswechsel, die der Stortingswahl 1997 folgte, kehrte er zu seiner Tätigkeit als Abgeordneter ins Parlament zurück. Dort stand er von Oktober 1997 bis Februar 2000 dem Energie- und Umweltausschuss vor. Von Februar bis März 2000 fungierte er als Fraktionsvorsitzender der Arbeiderpartiet-Gruppierung im Parlament.
Erste Amtszeit (2000–2001) und Wahl zum Parteivorsitzenden
Am 17. März 2000 wurde Stoltenberg während der laufenden Legislaturperiode neuer Ministerpräsident (Statsminister) und damit im Alter von 41 Jahren der bis dahin jüngste Inhaber dieses Amtes in der norwegischen Geschichte. Zuvor hatte Ministerpräsident Kjell Magne Bondevik von der Kristelig Folkeparti (KrF) bei einer Vertrauensfrage keine Mehrheit erhalten. In seiner Amtszeit versuchte Stoltenberg vor allem, eine Verwaltungsreform durchzusetzen. Dies führte zu einer Reform von Krankenhäusern, Polizei und Verteidigung sowie einer Neuregelung der Mehrwertsteuer. Außerdem wurde in seiner Zeit eine Regelung eingeführt, dass die staatlichen Einnahmen aus dem norwegischen Ölgeschäft in den staatlichen Pensionsfonds fließen müssen. Die meisten dieser angegangenen Reformen kamen bei der Bevölkerung nicht gut an. Während seiner Amtszeit wurde Norwegen zu einem der größten Geberländer für die Global Alliance for Vaccines and Immunisation (GAVI). Im Jahr 2001 wurde er Mitglied im Board of Directors der Organisation.
Bei der Parlamentswahl 2001 kam es zu einer Wahlniederlage der Arbeiderpartiet. Die Partei erhielt bei der Wahl das bis dahin schlechteste Ergebnis seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Stoltenberg und seine Regierung traten daraufhin zurück und der KrF-Politiker Kjell Magne Bondevik wurde am 19. Oktober 2001 erneut Ministerpräsident. Stoltenberg kehrte nach seiner Zeit als Regierungschef ins Storting zurück. Dort gehörte er die gesamte Legislaturperiode lang bis Herbst 2005 dem Außenausschuss an; er fungierte als Fraktionsvorsitzender.
Durch die Wahlniederlage im Jahr 2001 wurde der zwischen Thorbjørn Jagland und Stoltenberg bereits in seinen Anfängen vorhandene Führungsstreit in der Arbeiderpartiet weiter verstärkt. In einer Autobiografie aus dem Jahr 2016 schrieb Stoltenberg, dass er in der Folge an Treffen teilnahm, in denen besprochen wurde, wie man Jagland aus dem Amt des Parteivorsitzenden entfernen könnte. Im Vergleich zu Jagland wurde Stoltenberg als der bessere Rhetoriker angesehen und im November 2002 wurde er zum neuen Parteivorsitzenden gewählt. In den Monaten nach Stoltenbergs Wahl konnte sich die Arbeiderpartiet in den Wahlumfragen kaum verbessern.
Bei der Parlamentswahl 2005 war Stoltenberg der Spitzenkandidat seiner Partei. Im Jahr 2003 ging er eine Zusammenarbeit mit den Parteien Sosialistisk Venstreparti (SV) und Senterpartiet (Sp) ein. Dieses Parteienbündnis trat im Wahlkampf mit dem Ziel an, eine Mehrheitsregierung mit einer gemeinsamen Plattform zu bilden. Bei der Wahl gelang es den drei Parteien, eine Mehrheit im Parlament zu erhalten. Gestützt auf eine Koalition der drei Parteien wurde Stoltenberg am 17. Oktober 2005 erneut Ministerpräsident in der Regierung Stoltenberg II. Stoltenberg wurde dabei der erste Ministerpräsident seiner Partei seit 1945, der eine Regierungskoalition einging. Bei der Wahl 2009 gelang es den Regierungsparteien, die Mehrheit im Parlament zu behalten, und Stoltenberg setzte seine Amtszeit als Ministerpräsident fort.