Jean Ziegler (* 19. April 1934 als Hans Ziegler in Thun, heimatberechtigt in Bern und Genf; † 10. Juni 2026 in Genf) war ein Schweizer Soziologe, Politiker, Sachbuch- und Romanautor. Von 1967 bis zu seiner Abwahl 1983 und erneut von 1987 bis 1999 war er Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei.
Von 2000 bis 2008 war er UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – zuerst im Auftrag der Menschenrechtskommission, dann des Menschenrechtsrats – sowie Mitglied der UNO-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak. 2008 bis 2012 gehörte Ziegler dem Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen an; im September 2013 wurde er erneut in dieses Gremium gewählt. Er war ausserdem im Beirat des Vereins Business Crime Control.
Jean Ziegler wuchs als Sohn eines deutschsprachigen protestantischen Amtsrichters in Thun auf. Ab 1953 studierte er Recht in Bern und Genf, ab 1956 Recht und Soziologie in Paris und ab 1959 Soziologie in New York. 1958 doktorierte er in Recht und wurde 1967 Privatdozent für Soziologie in Bern. Während seines Studiums der Rechtswissenschaften trat er dem Schweizerischen Zofingerverein (Zofingia) bei. Die Behauptung, er sei damals überzeugter Antikommunist gewesen, bezeichnete er als Unsinn.
Nach eigenen Aussagen bewog ihn jedoch das Elend, mit dem er in seiner Eigenschaft als Vertreter der UN während eines zweijährigen Afrika-Aufenthalts konfrontiert wurde, zu einer radikalen Änderung seiner Grundauffassungen. (Dieser Aufenthalt fiel in die Zeit unmittelbar nach der Ermordung des ersten kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba und war zusätzlich geprägt von den daraus resultierenden politischen Spannungen.) Seine Eindrücke aus Afrika verarbeitete er in seinem Roman Das Gold von Maniema (1996). Der „Schwarze Kontinent“ lag ihm weiter am Herzen. So protestierte er im Jahre 1969 zusammen mit Alfred Werner und vierzig weiteren Persönlichkeiten gegen ein Darlehen der Schweiz an das vom Apartheid-Regime beherrschte Südafrika.
Ziegler war mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir befreundet. Sie war es, die ihn mit Nachdruck anregte, seinen Vornamen in Jean zu ändern. Als sie Zieglers ersten Artikel redigierte, strich sie seinen Vornamen durch, ersetzte ihn durch Jean und sagte: «Hans, das ist doch kein Name!» Nach Zieglers eigenen Aussagen war er mit Che Guevara befreundet und während der Teilnahme Kubas an der ersten Weltzuckerkonferenz der UNO in Genf im April 1964 dessen Chauffeur. Auf seinen Wunsch, dass er ihn bei der Rückreise nach Kuba mitnehme, habe Che geantwortet: «Dein Platz ist hier. Hier ist das Gehirn des Monsters, hier musst du kämpfen.» Ziegler blieb in der Schweiz, studierte fortan Soziologie, trat vom Protestantismus zum Katholizismus über und verwendete an Stelle der deutschen die französische Sprache.
1970 vermittelte Ziegler einen Kontakt zwischen der damals offen terroristisch agierenden Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO und dem Schweizer Aussenminister Pierre Graber, wonach gemäss Marcel Gyr ein Stillhalteabkommen getroffen worden sei. Die Schweiz hätte demnach von weiteren terroristischen Aktionen verschont bleiben sollen, dafür hätte sie die PLO in ihrem Bemühen um ein Büro am UNO-Sitz in Genf unterstützt. Zudem wurde die Anklageerhebung gegen einen palästinensischen Verdächtigen des Anschlages auf den Swissair-Flug 330 (mit 47 Toten) aus unbekannten Gründen eingestellt. Als das bis 2016 geheim gehaltene Abkommen publik wurde, versuchte Ziegler es damit zu rechtfertigen, dass er «in guter Absicht» gehandelt habe. Die palästinensischen Kommandos hätten sich laut Ziegler «im bewaffneten Befreiungskampf [befunden]», so dass «unter diesen Umständen gegen eines ihrer Mitglieder strafrechtlich vorzugehen, nicht empfehlenswert gewesen [wäre]». Ziegler erwähnte auch, dass er sich bei den Hinterbliebenen entschuldigen wolle.
Bis zu seiner Emeritierung im Mai 2002 war Ziegler Professor für Soziologie an der Universität Genf sowie ständiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris.
In seinen Sachbüchern kritisierte Ziegler mehrfach die historische Rolle der Schweiz, unter anderem wegen ihres Verhaltens in der Zeit des Nationalsozialismus. Er warf den politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen jener Jahre vor, durch den Waren- und Kapitalverkehr mit dem Deutschen Reich über Geldwäsche und Handel mit Gold den Zweiten Weltkrieg verlängert zu haben.
Ebenfalls kritisierte er die Sowjetunion für ihren Einmarsch in Afghanistan.
Wegen massiver Kritik an Schweizer Politik, Wirtschaft, Finanzwesen sowie deren Institutionen in seinen Publikationen wurde er immer wieder als «Landesverräter» angegriffen und von mehreren Instituten und Privatpersonen, zum Teil erfolgreich, zivil- und strafrechtlich belangt. Die Verurteilungen zu Schadensersatzleistungen trieben ihn in den wirtschaftlichen Ruin. Im Jahr 2011 soll sein Schuldenstand nach eigener Aussage bei 5,5 bis 6 Millionen Euro gelegen haben, die vor allem aus verlorenen Prozessen wegen Rufschädigung und ähnlichem stammen, die durch von ihm zuvor kritisierte Unternehmer und Banken angestrengt wurden. Ziegler meinte dazu in einem Interview, dass ihn alleine die Bezeichnung eines bekannten Schweizer Wirtschaftsanwalts als «Geier» 320'000 Schweizer Franken gekostet habe, der allerdings später rechtskräftig als Betrüger verurteilt worden war und daher nun legal auch so bezeichnet werden dürfe. Moussa Traoré, der 23 Jahre Präsident von Mali (einem der ärmsten Länder der Welt) war, bekam 180'000 Franken Schadensersatz zugesprochen. Ziegler hatte ihn als «Kleptokrat» bezeichnet und geschrieben, dass dieser zwei Milliarden US-Dollar aus der Staatskasse auf sein Privatkonto in der Schweiz verschoben habe, während die Menschen in seinem Land an Hunger starben. Traoré wurde später in Mali wegen der Veruntreuung von Staatsgeldern zum Tode verurteilt. Die Bezeichnung des chilenischen Diktators Augusto Pinochet als «Faschist» sei dagegen mit 2000 Franken Bussgeld wegen «übler Nachrede» eher günstig gewesen. Ziegler hat ferner mehrfach öffentlich bekannt, wegen der Prozessschulden insolvent zu sein. Das Haus in Russin bei Genf, in dem er wohne, gehöre daher seiner Frau, und sein Auto sei nur geleast. Er war ab 1999 mit der Schweizer Kunsthistorikerin und ehemaligen Universitätsdozentin Erica Deuber Ziegler (* 1942) verheiratet. In erster Ehe war er mit der ägyptischen Soziologin Wédad Zénié (* 1940; Mutter seines Sohnes Dominique Ziegler) verheiratet.
Ziegler setzte sich im Zuge der Arbeiten zu seinem Buch Die Schweiz, das Gold und die Toten sehr dafür ein, dass Angehörige der Opfer der Shoa Zugang zu den sogenannten «vergessenen» Bankkonten in der Schweiz bekommen konnten. Dies hatte zur Folge, dass Ziegler in der Schweiz angedroht wurde, wegen «Landesverrats» angeklagt zu werden. Es kam jedoch nie zu einem Prozess, da die Vorwürfe hanebüchen, juristisch nicht haltbar waren und nur zur Einschüchterung und Verteidigung seitens der Banken missbraucht wurden. Die Schweizer Banken, die die Konten der ermordeten Juden und Jüdinnen einfach in die stillen Reserven ihrer Banken überführt und sich das Geld auf diese Weise illegitim angeeignet hatten, mussten letztendlich in einem Vergleich rund 1,2 Milliarden Dollar bezahlen. Ziegler sagte, dass die Zahlung der Entschädigungen an die Nachfahren der Opfer des NS-Regimes trotz der vergleichsweise geringen Summe ein gewisser Erfolg gewesen sei.
Von September 2000 bis April 2008 war Ziegler UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. In dieser Funktion verfasste er neben jährlichen allgemeinen Berichten und Empfehlungen Länderberichte zu Niger (2002), Brasilien (2003), Bangladesch, den Palästinensergebieten (2004), Äthiopien, der Mongolei (2005), Guatemala, Indien, dem Libanon und Niger (2006), Kuba und Bolivien (2007). Er forderte unter anderem ein fünfjähriges Moratorium auf landwirtschaftlich erzeugte Biotreibstoffe, ein provisorisches Bleiberecht für Hungerflüchtlinge und einen Verhaltenskodex für nichtstaatliche Akteure – insbesondere Unternehmen – bezüglich des Rechts auf Nahrung.