An diesem Tag

Jean Vanier

Kanadischer Aktivist für Menschen mit Behinderung, Gründer der katholischen Organisation und Friedensbewegung „L'Arche“

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Jean Vanier, CC, GOQ (* 10. September 1928 in Genf, Schweiz; † 7. Mai 2019 in Paris, Frankreich) war ein kanadischer römisch-katholischer Theologe und Philosoph und der Gründer der Arche (französisch: L’Arche), einer internationalen ökumenischen Organisation, welche Gemeinschaften gründet, in denen Menschen mit und ohne geistige Behinderung in christlicher Weise zusammenleben. Gleichzeitig hat er 1971 zusammen mit Marie-Hélène Mathieu die ebenfalls weltweite Bewegung Glaube und Licht begründet. In den 1.612 Gruppen in 81 Ländern treffen sich Menschen mit Behinderung, deren Familien und Freunde regelmäßig zum Austausch, Gebet und Feiern.

Vanier beging von 1952 bis kurz vor seinem Tod 2019 sexuellen Missbrauch an mindestens 25 Frauen. Als geistlicher Schüler des Dominikanerpaters Thomas Philippe (1905–1993) übernahm er dessen Missbrauchspraktiken und deckte sie jahrzehntelang. Eine interdisziplinäre Studienkommission arbeitete die Missbrauchsfälle beider Männer 2023 umfassend auf.

Jean Vanier war das vierte Kind des späteren Generalgouverneurs von Kanada, Georges Vanier, und seiner Frau Pauline, geborene Archer. Er kam in Genf zur Welt, weil sein Vater dort Vertreter Kanadas beim Völkerbund war. Er wurde auch in Genf katholisch getauft, aber er wuchs später in Kanada, England und Frankreich auf, weil die Familie wegen der diplomatischen Arbeit seines Vaters oft umziehen musste. Die Mutter dagegen wurde von Depressionen geplagt. Er besuchte Schulen der Jesuiten. Im Jahr 1941, als er dreizehn Jahre alt war, reiste er von Kanada nach England und trat auf eigenen Wunsch ins Britannia Royal Naval College im südenglischen Dartmouth ein. Zuletzt diente er als Marineoffizier auf dem kanadischen Flugzeugträger HMCS Magnificent.

Im September 1950 nahm er nach einer Wallfahrt nach Lourdes von der Marine Abschied, um in der Kommunität und im Bildungszentrum L’Eau vive bei Paris zu leben, das Thomas Philippe 1946 gegründet hatte. Hier lernte er als dessen geistlicher Sohn seine Theologie, Spiritualität und Seelsorgepraxis kennen, bis dieser am 3. April 1952 vom Heiligen Offizium abgesetzt wurde. Bis im Mai 1956 wurde Vanier faktischer Leiter von L’Eau vive, und er wurde in die mystisch-sexuellen Praktiken seines Vorgängers eingeführt, wobei die Nonne Jacqueline d'Halluin eine maßgebliche Rolle dabei spielte. Das Offizium auf Antrag von Kommissar Paul Philippe schloss am 28. Mai 1956 das Zentrum und verurteilte Thomas Philippe und enthob ihn des Amts, weil ihm seine mystischen Sonderlehren und sexuellen Übergriffe bekannt geworden waren. Da Vanier eigentlich katholischer Priester werden wollte, begann er bereits 1950 ein Theologie- und Philosophiestudium im Bildungszentrum L'Eau vive, dann in der dominikanischen Hochschule Le Saulchoir in Étiolles bis August 1952 und schließlich am Institut catholique de Paris. Die Idee für seine Doktorarbeit über Aristoteles entstand im Dialog mit seinem Mentor Thomas Philippe, dessen Bruder, dem Philosophen Marie-Dominique Philippe und mit Abbé Lallement. Sie trug den Titel Le bonheur, principe et fin de la morale aristotélicienne (deutsch: Das Glück, Prinzip und Ende der aristotelischen Moral) und wurde 1962 angenommen. Danach lehrte er etwa ein Jahr am St. Michael’s College an der University of Toronto.

Der Plan, zum katholischen Priester geweiht zu werden, scheiterte sowohl 1956 als auch noch 1975 an der Glaubenskongregation, weil Paul Philippe, der inzwischen Kardinal geworden war, infolge seinen Kenntnissen der Geschehnisse eine Weihe von Vanier ablehnte. Vanier dagegen begründete seine fehlende Priesterweihe mit seinen Schwierigkeiten mit der kirchlichen Hierarchie.

Bereits 1963 zog Vanier mit Père Thomas Philippe ins nordfranzösische Trosly-Breuil bei Compiègne, sie nahmen am 5. August im Folgejahr zwei geistig behinderte Männer (Raphaël und Philippe) in ihr Häuschen auf, das das erste Haus der Arche wurde. Er entdeckte „die Tiefe ihres Leidens und ihren Schrei nach wahrhaftiger Beziehung, aber auch ihre Freude an der Gemeinschaft mit Menschen“ (Zitat Vanier). Er wollte ihnen helfen und merkte auf einmal, wie sie ihm halfen. 1965 übernahm Vanier die Leitung des Behindertenheimes in Val Fleuri, wo 32 Männer mit einer geistigen Behinderung lebten. Er veränderte das Heim dahin, dass Behinderte und Nichtbehinderte in Hausgemeinschaften miteinander lebten, woraus die Arche-Bewegung entstand. 1969 wurden erste Archegemeinschaften außerhalb Frankreichs, „Daybreak“ im kanadischen Toronto und „Asha Niketan“ im indischen Bangalore, gegründet. In den 1970er Jahren wurden Strukturen, gemeinsame Leitlinien und eine Charta der Archegemeinschaften entwickelt, doch Vanier blieb bis 1979 die alleinige Autoritätsperson, weil er sich als Erzieher, Vater und Hirte der Gemeinschaft sah und ausgab.

1981 nahm Jean Vanier ein Sabbatjahr und übergab seine Leitungsfunktion an andere Mitverantwortliche. 1999 legte er die internationale Verantwortung in jüngere Hände.

Seither gab er seine Erfahrungen im Zusammenleben mit geistig behinderten Menschen weltweit in Vorträgen und Veröffentlichungen weiter.

In Deutschland existieren drei Arche-Gemeinschaften in Tecklenburg, Ravensburg und Landsberg am Lech. Weltweit gibt es 154 Archen in 38 Ländern auf allen fünf Kontinenten. In der kanadischen Arche Daybreak verbrachte der Psychologe und Schriftsteller Henri Nouwen seine letzten zehn Lebensjahre.

Vanier erlitt im Oktober 2017 einen Herzinfarkt und überstand eine anschließende Operation. Er starb am 7. Mai 2019 im Alter von 90 Jahren in Paris.

Laut dem im Januar 2023 veröffentlichten Bericht einer unabhängigen Expertenkommission beging Vanier von 1952 bis kurz vor seinem Tod 2019 sexuellen Missbrauch an mindestens 25 Frauen, indem er seine geistliche Autorität ausnutzte, um Frauen bei Seelsorgegesprächen zu manipulieren und zu sexuellen Handlungen zu drängen. Bereits ab 1952 half Vanier seinem Mentor Thomas Philippe aktiv, kirchliche Sanktionen zu umgehen, übernahm dessen Missbrauchspraktiken und deckte sie nach der Gründung von L’Arche 1964 jahrzehntelang, während Philippe dort mindestens 30 weitere Frauen missbrauchte.

Die Aufarbeitung begann, als sich ab 2014 mehrere Frauen an die Leitung von L'Arche wandten. Eine erste Untersuchung von 2015 blieb lückenhaft. Als sich Judy Farquharson im Mai 2016 erneut meldete, führte das nur zu unergiebigen Gesprächen mit Vanier, der die Vorfälle zu verharmlosen versuchte. Erst eine externe Untersuchung von 2019–2020 bestätigte die Missbräuche an sechs Frauen. Die im Herbst 2020 eingesetzte interdisziplinäre Kommission aus Historikern, Psychiatern, Psychoanalytikern, Soziologen und Theologen analysierte Briefe, kirchliche Akten und führte 119 Interviews mit 89 Personen, um Ursachen, Mechanismen und Netzwerk der Missbrauchsfälle zu dokumentieren.

2015 wurde Vanier der mit 1,1 Millionen Pfund Sterling dotierte Templeton-Preis zugesprochen.

2016 wurde er durch den damaligen Premierminister Manuel Valls in die französische Ehrenlegion aufgenommen.

Der Film Summer in the Forest handelt von ihm. Anlässlich der Premiere 2017 wurde er im Buckingham Palace von Königin Elisabeth II. empfangen.

Papst Franziskus telefonierte mit Vanier kurz vor seinem Tod, um ihm für sein Lebenswerk zu danken.

Einige französisch- und englischsprachige Schulen in Kanada wurden nach Jean Vanier benannt, jedoch nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals ab dem Jahr 2020 umbenannt.

Der Asteroid (8604) Vanier wurde am 27. Mai 2010 nach ihm benannt.

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