Johan Julius Christian („Jean“) Sibelius (* 8. Dezember 1865 in Hämeenlinna, Großfürstentum Finnland, Russisches Reich; † 20. September 1957 in Järvenpää bei Helsinki, Republik Finnland), auch genannt Janne Sibelius, war ein finnischer Komponist am Übergang von der Spätromantik zur Moderne.
Jean Sibelius wurde 1865 in Hämeenlinna (schwedisch Tavastehus) als Sohn von Christian Gustaf Sibelius und dessen Frau Maria Charlotte, geborene Borg, in eine finnlandschwedische Familie geboren. Schwedisch war seine Muttersprache, die er zeit seines Lebens bevorzugt verwendete. Mit 11 Jahren begann Sibelius eine finnischsprachige Schulausbildung, aber erst als junger Erwachsener beherrschte er die andere Landessprache fließend.
Der Vater war nach einem Medizinstudium in Helsinki Arzt von Beruf. Er hatte eine vielbeachtete Dissertation zu gynäkologischen Fachfragen geschrieben und wurde dann Militärarzt in Hämeenlinna. Er war für sein Spiel auf dem Klavier und der Gitarre sowie für seinen Gesang von Carl Michael Bellmans Bänkelliedern allgemein bekannt. Durch Jagd und Kartenspiel sowie den Konsum von Cognac, Sherry und Zigarren war er stets verschuldet, so dass seine Witwe Maria Sibelius Konkurs anmelden musste, als er 1868 im Alter von 47 Jahren starb.
Unter den Vorfahren der Mutter finden sich zahlreiche Akademiker, Pfarrer und Staatsbedienstete. Wie Jean Sibelius selbst neigte auch sie zur Schwermut, fand aber im Gegensatz zu ihrem Sohn Rückhalt im Glauben. Lange Zeit ließ sie sich von Jean Sibelius ausschließlich mit ihrem Vornamen anreden.
Sibelius’ Bruder Christian („Kitty“) Sibelius wurde Psychiater. Seine Schwester Linda entwickelte ab dem Alter von 40 Jahren manisch-depressive Züge und musste in Nervenheilanstalten behandelt werden.
Sowohl in der Familie Sibelius als auch in der Familie Borg fanden sich zahlreiche Musiker wie ein aus dem Brandenburgischen stammender Trompeter aus dem 17. Jahrhundert, der mit den finnischen Komponisten Ernst Fabritius und Ernst Mielck verwandt war. Ferner gab es Verwandtschaftsbeziehungen zu Axel Gabriel Ingelius, dem Basssänger Kim Borg und der Sopranistin Aino Ackté und zu Sibelius’ späterem Lehrer Martin Wegelius.
Als Kind wurde Sibelius zuhause und in der Schule Janne gerufen. Er wuchs ab 1868, als der Vater starb, als Halbwaise auf. Seinen späteren Vornamen Jean verdankte er indirekt seinem Onkel: Der Schiffskapitän Johan Sibelius war 1864 auf einer Atlantikfahrt an Gelbfieber gestorben und innerhalb der Familie eine legendäre Gestalt. Der junge Komponist fand später im Nachlass seines Onkels einen „Packen Visitenkarten, auf denen dessen Vorname nach damaliger, unter Handelsschiffern üblicher Sitte auf Französisch geschrieben war: Jean Sibelius. Diese Visitenkarten nahm zwei Jahrzehnte später sein Neffe in Gebrauch, als er dabei war, seine Künstlerlaufbahn anzutreten.“
Nach dem Tod von Christian Gustaf Sibelius zog Maria Sibelius mit ihren zwei Kindern – das dritte war unterwegs – zu ihrer Mutter, einer Propstwitwe, und deren Ehemann Pehr Borg. In der Schule zeigte Sibelius nur mäßigen Einsatz. Umso mehr Interesse entwickelte er für die Violine, als er auf der von seinem Onkel Pehr Borg geschenkten Jakob-Stainer-Geige spielte. Eine Karriere als Violinsolist kam jedoch nicht mehr in Frage, da Sibelius erst mit 14 Jahren begonnen hatte, ernsthaft das Violinspiel zu erlernen.
Erste Klavierstunden bekam Sibelius von seiner Mutter und später von seiner Tante. Letztere hatte die unangenehme Angewohnheit, Fehler im Klavierspiel durch Schläge mit ihren Stricknadeln auf die Hände zu bestrafen. Bereits in seiner Schulzeit komponierte Sibelius erste Jugendwerke, die er aber zunächst in Schränken und Truhen versteckte. Sie tauchten erst hundert Jahre später auf und kamen im Jahr 1982 in die Universitätsbibliothek Helsinki. In dieser Zeit gründete Sibelius mit Freunden ein Kinderorchester, spielte im Schulorchester, schrieb mit 16 Jahren seine erste datierbare Komposition Luftschlösser und studierte die Lehre der musikalischen Composition von Adolph Bernhard Marx. Sein bis dahin ambitioniertestes Werk war das Klavierquartett d-Moll von August 1884.
Nach seinem Abitur im Jahr 1885 begann Sibelius ein Jurastudium in Helsinki, besuchte aber gleichzeitig das drei Jahre zuvor von Martin Wegelius gegründete Musikinstitut von Helsinki. Sibelius studierte u. a. bei dem deutschstämmigen Musikprofessor, Komponisten und Sammler finnischer Volkslieder Richard Faltin und vor allem bei dem in Deutschland ausgebildeten Martin Wegelius. Daneben hatte er dort 1886/87 Violinunterricht bei Hermann Csillag. Zwischen Sibelius und Wegelius entwickelte sich eine Freundschaft. Während Wegelius überzeugter Anhänger von Richard Wagner war, zeigte sich Sibelius von dessen Musik unbeeindruckt. Auch von Johannes Brahms zeigte sich Sibelius unbeeindruckt und entwickelte von Anfang an seinen eigenen Stil.
Nach seinem Studium zog Sibelius in den Kurort Lovisa (Loviisa), in dem er zehn Jahre zuvor während der Sommerfrische mit Bruder Christian und Schwester Linda ein Trio gegründet hatte. Privat befreundete er sich mit dem italienischen Komponisten Ferruccio Busoni, der ihn in die Gruppe junger Künstler einführte, die sich (nach Busonis Hund Lesko) „die Leskoviten“ (schwedisch leskoviterna) nannten. Diese Gruppe ging in der Nachfolgegruppe „Symposium“ auf und lösten sich bis zum Jahr 1898 auf. Der Alkoholkonsum bei den Zusammenkünften sollte Sibelius’ Hang zum Alkohol mitprägen.
Zu dieser Gruppe gehörten auch der Schriftsteller Arvid Järnefelt und dessen Bruder, der Komponist Armas Järnefelt. Zu dieser Zeit begann Sibelius, sich „Jean“ zu nennen. Über die Järnefelts lernte Sibelius deren Schwester Aino, die später seine Ehefrau werden sollte, sowie den Schriftsteller Juhani Aho kennen, der Sibelius’ Interesse an Finnland weckte.
Von 1889 bis 1890 studierte Sibelius in Berlin bei Albert Becker, zu dem Wegelius ihn geschickt hatte, und vom 25. Oktober 1890 bis 8. Juni 1891 in Wien bei Karl Goldmark und Robert Fuchs; zeitlebens wichtig blieb die Bruckner-Rezeption der Wiener Jahre.
In Berlin zeigte Sibelius sich beeindruckt von der Atmosphäre der Großstadt. Beckers Lehrmethoden waren ihm zu antiquiert, jedoch prägten die Berliner Aufführungen der Sinfonien Ludwig van Beethovens unter dem Dirigenten Hans von Bülow Sibelius als Sinfoniker. Ausgelaugt und durch seinen Lebensstil in Berlin verarmt, kehrte Sibelius nach Hause zurück, wo er von Aino Järnefelt bereits sehnsüchtig erwartet wurde. Nach einer Zeit der Unsicherheit verlobte er sich erst im Sommer 1890 mit ihr. Obwohl von Juhani Aho umworben, hatte Aino sich sofort für Sibelius entschieden.
Nachdem in Wien Johannes Brahms keine Schüler mehr annahm und Anton Bruckner kurz zuvor aus dem akademischen Lehrbetrieb ausgeschieden war, nahm Sibelius Unterricht bei Karl Goldmark. Dieser hatte jedoch nur Zeit für wenige oberflächliche Unterrichtsstunden. Daher nahm Sibelius zusätzlichen Unterricht bei Robert Fuchs. Doch wie bereits in Berlin blieb Sibelius auch hier von seinen Lehrern stilistisch unbeeinflusst. In dieser Zeit setzte er sich mit Richard Wagner und Anton Bruckner sowie der Art und Weise auseinander, Werke in deren Dimensionen zu komponieren.
Auf privater Ebene meinte Sibelius, einen Grund zur Eifersucht zu haben, als Aino ihm den frisch erschienenen Roman Yksin („Einsam“, 1890; dt. als Junggesellenliebe und andere Novellen, ca. 1913) von Juhani Ano schenkte, in dem dieser seine glücklose Beziehung zu Aino verarbeitete. Im Salon der Wiener Sopranistin Pauline Lucca stürzte sich der frisch Verlobte in eine abenteuerliche Affäre. Hinzu kam Ende April ein aus einem nicht näher bekannten Grund nötig gewordener dreiwöchiger Aufenthalt in einer exklusiven Heilanstalt; Sibelius’ eigene diesbezügliche Aussagen schwanken zwischen „Eierstockentzündung“, „Magentumor“ und „Nierenstein“. In dieser Zeit las er Gottfried Kellers Der grüne Heinrich.
Seine moralische Krise in Bezug auf sein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Verlobten Aino einerseits und andererseits seine künstlerische Krise in Bezug auf seine Auseinandersetzung mit Richard Wagner, Anton Bruckner und auch Ludwig van Beethoven führten dazu, dass er sich der finnischen Musik als Inspirationsquelle zuwandte. Während seiner Spaziergänge in den Wäldern von Wien kam Sibelius der erste Einfall zu seiner Kullervo-Sinfonie.