An diesem Tag

Jean Meslier

Französischer Pfarrer und Kirchenkritiker der Frühaufklärung

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Jean Meslier (mɛlje) (* 15. Juni 1664 in Mazerny (Département Ardennes); † im Frühsommer 1729 im Nachbardorf Étrépigny) war ein französischer katholischer Priester – (Le curé Meslier oder L’abbé Meslier) und Radikalaufklärer aus der Zeit der Frühaufklärung. Meslier war Atheist, er offenbarte aber erst in seinem postum bekanntgewordenen antireligiösen Manifest, dem Mémoire, seine verborgen gehaltenen Überzeugungen. Darin propagierte er einen revolutionären Atheismus und Materialismus. Er entwickelte daraus eine radikale Kirchen-, Religions- und Herrschaftskritik. Der „gottlose Gottesmann“ Meslier forderte als erster eine atheistisch-kommunistische Gesellschaft. Dieses subversive Mémoire zirkulierte klandestin und übte einen starken Einfluss auf die französischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts aus. Er war im Geheimen ein Prophet, welcher die Französische Revolution um 60 Jahre antizipierte. Eine ungekürzte Buchausgabe seines circa 1000-seitigen Mémoire erschien erstmals 1864 in Amsterdam.

Jean Meslier wurde als Sohn des Tuchhändlers Gérard Meslier (ca. 1626–1706) und dessen Ehefrau Symphorienne Braidy (ca. 1623–1706) 1664 in Mazerny in den Ardennen geboren. Er hatte drei Schwestern, Jeanne (* 1655), Antoinette (1670–1737) und Marie Meslier (* 1672). Ein Schulmeister lehrte ihn schon vor seinem achten Lebensjahr lesen und schreiben, bei einem Priester erlernte er Latein. 1684 trat er in das Priesterseminar in Reims ein und erhielt dort unter der Leitung des Domherrn Jacques Callou eine theologische Ausbildung. Am 7. Januar 1689 wurde er im Alter von 25 Jahren vom Erzbischof zum Priester geweiht. Noch im selben Jahr wurde ihm die Leitung der Pfarrstellen in Étrépigny und in der Nachbargemeinde Balaives-et-Butz übertragen, 10 km südöstlich von Charleville-Mézières in den Ardennen gelegen. Das Priesteramt übte er bis zu seinem Tod im Jahr 1729 aus.

Meslier empörte sich über die schlechte Behandlung der Bauern seiner Gemeinde durch den adeligen Grundherrn Antoine de Toully und prangerte diese in seinen Predigten an. Antoine de Toully beschwerte sich beim zuständigen Bischof, und der Pfarrer erhielt einen Verweis mit bestimmten Auflagen. Das änderte aber Mesliers Haltung und öffentliche Kritik nicht. Nach erneuten Beschwerden des Grundherrn wurde der Landpfarrer zum Erzbischof nach Reims zitiert und erneut verwarnt, so dass er keine öffentliche Kritik mehr übte. Seitdem verrichtete er seinen Dienst als Priester, schrieb jedoch im Geheimen sein religionskritisches Manuskript von weit über tausend Seiten, das Mémoire des pensées et sentiments. Der Form nach handelt es sich um eine Predigtreihe, wie sie im Barock üblich war, dem Inhalt nach jedoch um eine radikale kirchen- und religionskritische Streitschrift, mit der er sich an alle „Leute von Geist und Autorität“ (wandte), „die Partei der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu ergreifen und die schlimmen Irrtümer und Zustände, den abscheulichen Aberglauben und die ganze abscheuliche Tyrannei anzuprangern und zu bekämpfen, bis sie vernichtet wären“.

Das Mémoire des pensées et sentiments de Jean Meslier

Die erste, dreibändige Originalausgabe aus dem Jahre 1864 von Mesliers Mémoire des pensées et des sentiments de Jean Meslier prêtre curé d’Étrépigny et de Balaives umfasst 99 Kapitel. Der atheistische Pfarrer und Radikalaufklärer Jean Meslier präsentierte darin „acht Beweise für die Eitelkeit und Falschheit aller Religionen“:

Die Religionen „sind allesamt nur menschliche Erfindungen, nichts als Irrtümer, Einbildung und Betrug“;

„Blinde Gläubigkeit“ ist das Prinzip allen Irrtums und aller Illusionen;

Falschheit der „angeblich göttlichen Visionen und Offenbarungen“;

„Eitelkeit und Falschheit der angeblichen Prophezeiungen des Alten Testamentes“;

„Irrtümer der Lehre und Moral der christlichen Religionen“;

„Die christliche Religion duldet die Missbräuche und Tyrannei der großen Herren“;

Falschheit der angeblichen „Existenz von Göttern“;

Falschheit der Idee der Spiritualität und der Unsterblichkeit der Seele.

Meslier schrieb sein Werk in seinem letzten Lebensjahrzehnt, denn er setzt Fénelons Theodizee Démonstration de l’existence de Dieu (1718 postum erschienen) voraus und widerspricht dessen Gottesbeweisen. Meslier fertigte drei fast gleichlautende Exemplare an. Schon bald kursierten Abschriften in Paris, da eine gedruckte Ausgabe wegen der Zensur nicht möglich war. Das Buch wäre beschlagnahmt und verbrannt worden.

Voltaire besaß ein komplettes Manuskript und machte das „Zeugnis der Wahrheit“ unter den Enzyklopädisten bekannt. Im Jahr 1762 ließ er, ohne sich als Herausgeber erkennen zu geben, stark verkürzte Auszüge aus Mesliers Werk publizieren: Extraits des sentiments de Jean Meslier. Wie aus seinen Briefen hervorgeht, hatte Voltaire Mesliers Werk um 1735 über die Vermittlung seines Bekannten Nicolas-Claude Thieriot kennengelernt. Mesliers ursprünglicher radikaler Atheismus findet sich in der Ausgabe Voltaires verfälscht zu einem vorsichtigen Deismus abgemildert. Diese Kurzversion enthielt keine Kritik am Adel oder Christentum, sondern richtete sich lediglich gegen Machtmissbrauch der Kirche und Aberglauben. Der Aufklärer Baron d’Holbach, der selbst eine atheistische Weltanschauung vertrat, veröffentlichte anonym eine Schrift über Mesliers acht „atheistische Beweise“ (Le bon sens ou Idées naturelles opposées aux idées surnaturelles. 1772).

Eine vollständige Ausgabe Mesliers Mémoire erschien erstmals 1864 in Amsterdam, drei Bände herausgegeben von Rudolf Charles, dem Pseudonym von Rudolf Charles d’Ablaing van Giessenburg. Eine kritische Edition des Mémoire (nach dem autografen Originalmanuskript Fonds français 19460 der Bibliothèque nationale) wurde erst 1970–1972 erstellt. Ebenfalls in drei Bänden von Roland Desné, J. Deprun, Albert Soboul und anderen unter dem Titel Jeans Meslier, Œuvres complètes. Gekürzte deutschsprachige Ausgaben erschienen 1976 und 2005.

Sein im Geheimen verfasstes Mémoire macht Meslier zu einem der herausragenden Vorläufer des Zeitalters der Aufklärung. In der Neuzeit war der Radikalaufklärer Meslier der erste, der einen kompromisslosen Atheismus vertrat. Gleichzeitig entwickelte Meslier frühzeitig einen rigorosen Materialismus und eine von anarchistischen und sozialistischen Gedanken geprägte Konzeption der Gesellschaft. Eine Besonderheit in der Geschichte der Philosophie bleibt, dass Meslier als weitgehend isoliert lebender Pfarrer eines der gewagtesten Dokumente der Aufklärung verfasst hat, das wegen seiner Radikalität beinahe in Vergessenheit geriet. Literaturgeschichten, Schulbücher und Enzyklopädien ignorierten den Radikalaufklärer Meslier noch bis in die 1970/1980er Jahre:

Die subversive Radikalität der Religions- und Herrschaftskritik Mesliers wird deutlich durch ein Zitat, welches die Periode der Terrorherrschaft von 1793 bis 1794 der Französischen Revolution um etwa 60 Jahre antizipiert:

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