An diesem Tag

Jean Charles de Menezes

Brasilianischer Staatsbürger, der in London lebte und dort von Polizisten erschossen wurde

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Jean Charles de Menezes (* 7. Januar 1978 in Gonzaga, Minas Gerais; † 22. Juli 2005 in London, England) war ein brasilianischer Staatsbürger, der am 22. Juli 2005 in der Stockwell-Station der Londoner U-Bahn im Rahmen eines Antiterroreinsatzes der Londoner Polizei erschossen wurde. Die Polizei hatte Menezes rund zwei Wochen nach den Terroranschläge am 7. Juli 2005 in London fälschlicherweise für einen Selbstmordattentäter gehalten und mit einem gezielten Schuss in den Kopf getötet. Der Fall löste insbesondere in seiner Heimat Brasilien Betroffenheit aus und führte zu diplomatischen Verstimmungen mit Großbritannien.

Die Vorgänge ereigneten sich am Morgen des 22. Juli des Jahres 2005, zwei Wochen und einen Tag nach den Anschlägen vom 7. Juli in London, bei denen vier islamistische Selbstmordattentäter in drei U-Bahn-Zügen und einem Bus Sprengsätze gezündet und 52 Menschen sowie sich selbst getötet hatten. Polizeiangaben zufolge war Menezes’ Wohnblock im Südlondoner Lambeth ins Fadenkreuz der Ermittler geraten, nachdem die Anschrift des Wohnblocks in einem der Rucksäcke gefunden wurde, in welchem sich die nicht vollständig detonierten Bomben vom Vortag befanden.

Angaben der Polizei zufolge verließ Menezes gegen zehn Uhr seine Wohnung, um sich zur Arbeit zu begeben, und wurde hierbei von Zivilpolizisten observiert. Nach einer Busfahrt zur nahegelegenen U-Bahn-Station Stockwell wurde Menezes ersten Polizeiangaben zufolge von den Beamten angesprochen, flüchtete aber in den Bahnhof und übersprang die Absperrungen. Beim Aufspringen auf einen wartenden Zug geriet er ins Straucheln bzw. wurde zu Fall gebracht und von vier Polizisten am Boden festgehalten, worauf einer davon eine Waffe zog und fünf tödliche Schüsse in den Hinterkopf abgab. Diese Darstellung der Polizei wurde wiederholt in Zweifel gezogen. Scotland Yard musste mehrfach seine Darstellung des Tatablaufes öffentlich korrigieren. 2009 kam die Jury in einem Untersuchungsverfahren zu dem Schluss, dass mindestens elf Schüsse auf Menezes abgefeuert wurden: Sieben trafen ihn in den Kopf, einer traf die Schulter. Drei Schüsse verfehlten Menezes. Auch war er nicht von der Polizei angesprochen worden und dementsprechend auch nicht geflüchtet.

Die britische Tageszeitung The Guardian rekonstruiert den Hergang wie folgt: Nachdem die Polizei am Morgen bei einem der Rucksäcke der Terroristen eine Mitgliedskarte in einem Fitnessstudio gefunden hatte, begann sie Menezes Wohnung unter der Annahme, es handele sich bei ihm um den fünften Attentäter Hussain Osman, zu observieren. Nachdem Menezes um halb zehn seine Wohnung verlassen hatte, folgten ihm mehrere Zivilpolizisten. Als er um 10:03 Uhr die U-Bahn-Station betrat, erging von der Leitstelle der Polizei aus der „code red“. Daraufhin stürmten mehrere Polizisten die U-Bahn. Als Menezes im Zuge des daraus entstehenden Chaos von seinem Sitz aufstand, wurde er von einem Polizisten überwältigt und von dem Polizisten unter dem Decknamen C12 erschossen.

In einer Pressemeldung im Jahr 2008 gab die Polizei bekannt, dass sich Menezes während der observierten Zeit komplett unauffällig verhalten habe.

Stellungnahme der Polizei, Reaktionen, shoot to kill

Die Polizei rechtfertigte ihr Vorgehen mit der Gefahr eines möglichen Bombenanschlags oder einer versehentlich ausgelösten Explosion. Die Verfolger vermuteten, dass es sich bei de Menezes um einen Terroristen handelte, der in die Taten der vergangenen Tage verwickelt war und möglicherweise eine Bombe trug. Als Begründung wurden die gefundene Adresse sowie die ungewöhnlich dicke Bekleidung und das südländische Aussehen des jungen Mannes angegeben. Aufgrund der Verfolgungsjagd glaubten die Polizisten nach eigenen Angaben, einen mit einem Sprenggürtel ausgerüsteten Selbstmordattentäter vor sich zu haben.

Einen Tag nach dem tödlichen Vorfall teilte Scotland Yard mit, dass Menezes nichts mit den Anschlägen zwei Wochen zuvor zu tun gehabt habe. Die Behörden kündigten eine Untersuchung an. Brasiliens Außenminister Celso Amorim zeigte sich über die Tötung von Menezes empört. Amorim sowie die Angehörigen von Menezes forderten eine rasche Aufklärung des Geschehens. Brasilianische Medien bewerteten die Vorgänge als eine „Hinrichtung“.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte sich in den britischen Sicherheitsbehörden eine Diskussion darüber entwickelt, wie die Polizei mit mutmaßlichen Selbstmordattentätern umgehen solle. Als Ergebnis dieser Diskussion wurden Richtlinien festgelegt, die Erkennung und Umgang mit entsprechenden Terrorverdächtigen regelten und den Decknamen Operation Kratos trugen. Diese Richtlinien basierten teilweise auf Vorschlägen der Sicherheitskräfte von Israel und Sri Lanka, zwei Ländern mit Erfahrung im Umgang mit Selbstmordanschlägen. Teil des Regulariums war unter anderem, auf den Kopf statt wie üblich auf den Torso eines Tatverdächtigen zu schießen, um eine Zündung des Sprengsatzes zu verhindern (shoot to kill).

Der Vorfall wurde seit Ende Juli 2005 von drei Untersuchungskommissionen der Independent Police Complaints Commission (IPCC) untersucht, die in Großbritannien für die Untersuchung schwerwiegenden Fehlverhaltens seitens der Polizei zuständig ist.

Am 16. August veröffentlichte der britische Fernsehsender ITV Videoaufzeichnungen aus den Überwachungskameras der U-Bahn-Station sowie an die Presse gelangte Teile eines internen Berichts der IPCC, die den ursprünglichen Schilderungen der Londoner Polizei in mehreren Punkten widersprechen:

Menezes habe keine „dicke Winterkleidung“ getragen, sondern eine Jeansjacke und -hose.

Menezes sei nicht über die Fahrscheinkontrolle gesprungen, sondern habe sich in der U-Bahn-Station völlig unauffällig verhalten und sei dann nur am Bahnsteig zum Zug gelaufen, weil dieser gerade einfuhr.

Der Londoner Polizei und ihrem Chef Sir Ian Blair wurde in diesem Zusammenhang Manipulation und der Versuch der Vertuschung vorgeworfen.

Im Verlauf der Untersuchung wurde wiederholt die Legalität von Menezes’ Aufenthalt in Großbritannien infrage gestellt, was im Falle einer Bestätigung die Aussichten auf ein Gerichtsverfahren gegen die Polizei erheblich mindern dürfte.

Menezes’ Familie hatte inzwischen eine eigene Kampagne gestartet, die neben einer vollen Aufklärung und der Bestrafung der Verantwortlichen die Streichung von shoot to kill – dem finalen Rettungsschuss – aus den Polizeirichtlinien forderte.

Am 8. Juni 2006 wurde durch einen Zeitungsbericht unter Berufung auf einen Mitarbeiter der britischen Generalstaatsanwaltschaft bekannt, dass es vermutlich keine Möglichkeit gebe, den Beamten zu ermitteln, welcher geschossen hat.

Die Leiterin des Einsatzes, Cressida Dick, wurde im Februar 2007 befördert und ist u. a. für die Sicherheit der königlichen Familie zuständig. Während die Londoner Polizei die Beförderung als Signal bezeichnete, dass die Behörde der Beamtin voll vertraue, zeigte sich die Familie von Menezes über diese Maßnahme erschüttert.

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