Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet (* 17. September 1743 in Ribemont; † 29. März 1794 in Bourg de l’Égalité, jetzt Bourg-la-Reine) war ein französischer Philosoph, Mathematiker und Politiker der Aufklärung.
Condorcet war ein überzeugter Aufklärer, ein Liberaler und kultureller Neuerer der Moderne vor und während der Französischen Revolution. Er trat 1790, kurz nach der Verkündung der Menschenrechte und der Bürgerrechte, vehement dafür ein, diese auch Frauen zu gewähren. In seinem am 3. Juli 1790 veröffentlichten Essay Sur l’admission des femmes au droit de cité sprach er sich für die Einführung des Frauenwahlrechts aus. Darüber hinaus trat er für die Gleichberechtigung von schwarzen Menschen verbunden mit der Abschaffung der Sklaverei und für den Freihandel ein.
Harold B. Acton beschrieb ihn als Mann der Aufklärung, einen Verfechter der wirtschaftlichen und sozialen Freiheit, der religiösen Toleranz und der rechtlichen und erzieherischen Reformen. Condorcet war jedoch auch ein Mann mit strengen Prinzipien. Seine Jugendfreundin Amélie Suard charakterisierte ihn folgendermaßen: „Es gab niemanden, der fester in seinen Überzeugungen, niemand, der beständiger in seinen Gefühlen war.“ Von sich selbst sagte Condorcet: „Ich werde mich niemals dazu erniedrigen, meine Grundsätze und mein Verhalten zu rechtfertigen.“ Er ist im Bereich der Sozial- und Politikwissenschaften außerdem für das sogenannte Condorcet-Paradoxon berühmt.
Condorcet erhielt zunächst eine Ausbildung am Jesuitenkolleg in Reims, anschließend studierte er am Collège Mazarin in Paris. 1765 veröffentlichte Condorcet die Arbeit Essai sur le calcul intégral. In dieser Schaffensphase publizierte er mehrere wichtige mathematische Arbeiten, so 1772 eine weitere zur Integralrechnung. Im selben Jahr lernte Condorcet den französischen Ökonomen Anne Robert Jacques Turgot kennen, der ihn zwei Jahre später (1774) unter Ludwig XV. zum Generalinspekteur der staatlichen Münze ernannte. Diese Stellung bekleidete er bis 1791, jedoch nach der Entlassung Turgots im Jahre 1776 eher widerwillig.
Condorcet, der seit 1769 Mitglied der Pariser Académie des Sciences war, wurde 1776 zu ihrem ständigen Sekretär ernannt. Er stand den Enzyklopädisten nahe und war ab 1782 Mitglied der Académie française.
Er heiratete 1786 die Autorin und Übersetzerin Sophie de Grouchy (1764–1822); diese wurde später für den von ihr geführten, einflussreichen politischen Salon bekannt, außerdem galt sie als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit.
1766 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Accademia delle Scienze di Torino und 1788 der Accademia Nazionale delle Scienze gewählt. Seit 1775 war er gewähltes Mitglied der American Philosophical Society. 1792 wurde Condorcet in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Von 1786 bis 1793 war er auswärtiges Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und von 1776 bis 1792 Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg.
Seine wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge waren seine Arbeiten zur Wahrscheinlichkeitsrechnung und zur mathematischen Philosophie, ferner zur Analysis und zum Dreikörperproblem (1768). Entscheidend für die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitstheorie war seine 1785 veröffentlichte Abhandlung Essai sur l’application de l’analyse à la probabilité des décisions rendues à la pluralité des voix.
Condorcet entwickelte die Condorcet-Methode (zur Durchführung und Auswertung von Wahlen von einem unter mehreren Kandidaten; einer seiner damaligen Konkurrenten war Jean Charles Borda). Er ist bekannt für das Condorcet-Paradoxon, wonach es möglich ist, dass eine Mehrheit die Option A gegenüber einer Option B bevorzugt, zugleich eine Mehrheit die Option B gegenüber einer Option C bevorzugt und dennoch eine Mehrheit die Option C gegenüber der Option A bevorzugt.
Bekannt ist auch das Condorcet-Jury-Theorem. In seiner Grundform geht es von folgenden Annahmen aus: Eine Jury habe zwischen zwei Optionen zu wählen; jedes Mitglied dieser Jury sei in der Lage, mit Wahrscheinlichkeit q > 0,5 die bessere Entscheidung zu wählen; eine Jury entscheide mit der absoluten Mehrheit der (ungeraden) Anzahl ihrer Mitglieder. Unter diesen drei Annahmen gelten die folgenden drei Aussagen:
Die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Entscheidung durch eine Jury von drei oder mehr Mitgliedern ist größer als die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Entscheidung durch ein einzelnes Mitglied.
Die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Jury-Entscheidung steigt mit der Zahl der Mitglieder.
Geht die Mitgliederzahl gegen unendlich, so geht die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Entscheidung gegen Eins.
Für den Fall q < 0,5 gilt das Gegenteil: je weniger Mitglieder abstimmen, desto besser. Das Jury-Theorem hat Bedeutung für den Vergleich zwischen repräsentativer und direkter Demokratie, zwischen föderalen und zentralistischen Systemen, oder zwischen steilen oder flachen Hierarchien in Organisationen.
Condorcet betätigte sich auch als Biograph und publizierte Vie de M. Turgot (1786) und Vie de Voltaire (1789). Aus diesen Biographien geht deutlich hervor, dass er Turgots ökonomische Theorien ebenso befürwortete wie Voltaires Opposition zu den Kirchen.
Beim Ausbruch der Französischen Revolution, der er sich 1789 anschloss, vertrat er die Sache der Liberalen und war Mitglied in der Gesellschaft der Dreißig. In seiner Schrift Sur l’admission des femmes au droit de cité 1790 forderte er das Bürger- und Wahlrecht für Frauen.
Gemeinsam mit seiner Ehefrau sowie Thomas Paine, dem Girondisten Jacques Pierre Brissot und weiteren, gründete er ein Journal, um das Bewusstsein für das republikanische politische Denken in Frankreich zu fördern. Wichtigste Redakteurin wurde seine Frau. Sophie de Condorcets Texte in dem Journal waren nicht signiert oder trugen die Signatur „La Vérité“, die Wahrheit. Auch übersetzte sie Texte von Paine und anderen und schrieb vermutlich ihre Sympathiebriefe.
Dieses Journal, Le Républicain, wurde auf den Wunsch von Condorcet bereits nach wenigen Monaten eingestellt. Grund war das Massaker auf dem Marsfeld, bei dem Sophie de Condorcet und die gemeinsame Tochter Eliza zugegen waren. Trotzdem führte gerade dieses Journal zur Gründung eines kurzzeitigen politischen Klubs, der Republikanischen Gesellschaft.