An diesem Tag

Jean Améry

Österreichischer Schriftsteller, Widerstandskämpfer und Holocaustüberlebender (1912–1978)

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Jean Améry (* 31. Oktober 1912 als Ha(n)ns Mayer in Wien, Österreich-Ungarn; † 17. Oktober 1978 in Salzburg) war ein österreichischer Schriftsteller, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und ein Opfer des Nationalsozialismus. Seit 1955 verwendete er das Pseudonym Jean Améry, wobei Améry ein Anagramm von Mayer und Jean die französische Form von Hans ist. Notariell wurde dieser Name 1966 beglaubigt.

Jean Améry war Sohn jüdischer Eltern, seine Tante die Soubrette Mila Theren. Die Familie Amérys stammt aus Hohenems in Vorarlberg. Sein Vater, Paul Mayer (1883–1917), starb als Kraftfahrzeugsoldat in einem Regiment der Tiroler Kaiserjäger im Ersten Weltkrieg aufgrund eines eingeklemmten Leistenbruchs; die Mutter Valerie, geb. Goldschmidt (* 31. August 1879; † 1. Juli 1939 in Wien), wurde durch den frühen Tod des Vaters die wesentliche Bezugsperson für ihren Sohn. Eingeschult wurde Améry am 1. September 1918 an der Phorus-Schule in Wien. Nachdem seine Mutter das heute noch bestehende „Gasthaus zur Stadt Prag“ in Bad Ischl am Fuß des Kalvarienberges gepachtet hatte, wuchs Améry im Salzkammergut in katholischem Milieu auf. Im Schuljahr 1923/1924 wurde er als „Privatist“ in das Gymnasium von Gmunden aufgenommen. Im Januar 1925 verließ er ohne Noten als Zwölfjähriger die Schule; über seinen weiteren Schulbesuch ist nichts bekannt.

Im September 1926 zogen seine Mutter und er wieder nach Wien. Nach einer Zwischenstation 1929/1930 bei seinem Onkel Hans May in Berlin machte er unter der Anleitung von Leopold Langhammer eine Buchhändlerlehre in der „Buchhandlung und dem Zeitungsbureau Hermann Goldschmid“. Danach war er von 1930 bis 1938 als Buchhandlungsgehilfe in der Buchhandlung der Volkshochschule Leopoldstadt angestellt.

Der Autor Améry kann als Autodidakt gelten, der sich als freier Hörer auch an der Universität Wien durch literarische und philosophische Vorlesungen bildete. Und er begegnete Hermann Broch, Robert Musil und Elias Canetti. An der Volkshochschule Leopoldstadt lasen in diesen Jahren noch viele andere Literaten (Albert Paris Gütersloh, Max Brod, Franz Theodor Csokor, Felix Braun, Erika Mitterer u. a. m.). Prägend für Améry war damals auch der sog. Wiener Kreis mit den Philosophen Moritz Schlick, Ludwig Wittgenstein, Friedrich Waismann, Otto Neurath und Rudolf Carnap. Die Begründer des Logischen Positivismus waren an der Schulreform und der Volksbildungsarbeit engagiert, denn die von ihnen entwickelten Denkwerkzeuge sollten im Sinne der Aufklärung gegen den verbreiteten Irrationalismus wirken. In dieser Zeit war Améry Herausgeber der literarischen Zeitschrift Die Brücke zusammen mit Ernst Theodor Mayer, den er seit der Volksschule kannte. Die erste Ausgabe erschien am 12. Februar 1934. Zur gleichen Zeit war Améry vermutlich als Waffentransporteur am gescheiterten Aufstand des Republikanischen Schutzbundes beteiligt.

Amérys prekäre Beziehung zum Judentum zeigt sich in seinem Austritt aus der jüdischen Gemeinde am 5. Dezember 1933, in die er am 15. November 1937, wohl wegen der bevorstehenden Verheiratung, wieder eintrat. Sein Verhältnis zum Judentum blieb gespalten („Meint … Jude sein einen kulturellen Besitz, eine religiöse Verbundenheit, dann war ich keiner und kann niemals einer werden.“ Dennoch: „Ich muss Jude sein und werde es sein, ob mit oder ohne Religion, innerhalb oder außerhalb einer Tradition, ob Jean, Hans oder Jochanaan.“) Das Judesein wurde ihm aber unausweichlich zugeschrieben, dessen wurde er sich spätestens 1935 bewusst, als er in einer Zeitung die Nürnberger Rassengesetze studiert hatte.

Am 12. Dezember 1937 heiratete er in der Israelitischen Kultusgemeinde von Wien die aus Graz stammende Jüdin Regine Berger (* 16. Mai 1915, † vermutlich 1944), recte Baumgarten. Sie begleitete ihn 1938 bei seiner Flucht nach Belgien.

Flucht, Widerstandsbewegung, KZ-Haft

Aufgrund dringlichen Rates eines Freundes, der ihn bereits in NS-Uniform besuchte, verließ Améry im Jahr des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich mit seiner Frau Regine am 31. Dezember 1938 die Stadt Wien. Über Köln gelangte er mit Hilfe eines Menschenschmugglers an den Grenzort Kalterherberg und von dort nach Belgien. Der praktisch mittellose Ankömmling wurde vom jüdischen Hilfskomitee in Antwerpen großzügig unterstützt. Um zu überleben, arbeitete Regine Mayer als Verkäuferin von Büstenhaltern, Jean Améry gelegentlich als Möbeltransporteur und als Lehrer an der Ecole Moyenne Juive de Bruxelles.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen am 10. Mai 1940 wurde Améry als „feindlicher Ausländer“ festgenommen und im südfranzösischen Lager Gurs interniert. Währenddessen half die Freundin Maria Eschenauer-Leitner Regine Mayer beim Untertauchen. Sie litt an einem Herzfehler, wurde von den Filles de la Charité de Saint Vincent de Paul gepflegt und starb schließlich in ihrem Brüsseler Versteck. 1941 gelang Améry mit dem Mitgefangenen Jacques Sonnenschein die Flucht. Zurück in Belgien, schloss er sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus an und beteiligte sich an der in Belgien operierenden Österreichischen Freiheitsfront.

Am 23. Juli 1943 wurde Améry beim Verteilen antinazistischer Flugblätter zusammen mit der Deutschen Marianne Brandt, seiner damaligen Lebensgefährtin, verhaftet und im Hauptquartier der Brüsseler Gestapo im Gefängnis Saint-Gilles/Sint-Gillis inhaftiert. Am selben Tag verlegte man ihn nach Fort Breendonk/Derloven, wo SS-Angehörige ihn folterten: Améry wurde ausgepeitscht und dem Pfahlhängen unterzogen, wodurch ihm die Schultergelenke ausgerenkt wurden. Am 15. Januar 1944 wurde Améry ins Konzentrationslager Auschwitz verbracht, im Juni 1944 als Schreiber im Buna-Werk eingestellt. Hier lernte er Primo Levi kennen. Von diesem trennten ihn später grundlegende Differenzen in der Bewertung des SS-Systems und seiner Helfer. Das KZ Auschwitz Monowitz wurde vom 17. bis 26. Januar 1945 evakuiert, weil die Sowjetarmee näherrückte. Améry wurde ins KZ Mittelbau-Dora, dann ins KZ Bergen-Belsen verschleppt. Am 15. April 1945 wurde dieses, also auch Améry, von britischen Truppen befreit; am 24. April 1945 war er wieder in Brüssel.

Leopold Langhammer titulierte Améry im Herbst 1945 als „Dozent und Vortragenden“, um ihn zu protegieren und ihm eine Rückkehr nach Österreich zu ermöglichen; auch sein Jugendfreund Ernst Mayer wollte ihn überreden, wieder nach Österreich zurückzukommen, doch entschied sich Améry dagegen. Selbst nachdem er seinen österreichischen Reisepass zurückbekommen hatte, verzichtete er darauf, in Österreich Wohnsitz zu nehmen, kam aber zu jährlichen Besuchen.

Nach 1945 in Brüssel lebend, arbeitete Améry als Kulturjournalist für verschiedene deutschsprachige Zeitungen der Schweiz. Zeitweise verweigerte er die Publikation seiner Texte in der Bundesrepublik Deutschland. Vom Schreiben konnte Améry jahrelang nur „eher schlecht denn recht“ leben. Die Vermittlung des Radio-Essayisten des Süddeutschen Rundfunks, Helmut Heißenbüttel, verhalf ihm später zu erträglichem finanziellen Auskommen; bereits 1946 hatte Heinz Kühn ihm die Leitung der Abteilung „Künstlerisches Wort“ beim Nordwestdeutschen Rundfunk angeboten.

In Antwerpen hatte sich während der Kriegszeit unter anderem eine freundschaftliche Beziehung zu Maria Eschenauer-Leitner (* 20. März 1911 in Wien; † 2004) ergeben. Diese war katholisch, Tochter des Gemeindebeamten Georg Eschenauer und seiner Frau Maria, geb. Appel. Am 30. August 1936 hatte sie Dr. Rudolf Leitner geheiratet, der „mosaischen Glaubensbekenntnisses“ und als Handelsagent tätig war. Beide emigrierten 1938 nach Belgien und 1941 nach New York. Maria Eschenauer-Leitner half nach der Festnahme von Améry dessen Frau Regine Mayer unterzutauchen. In New York konnte sich Maria Eschenauer-Leitner eine gesicherte Existenz aufbauen, während ihr Mann aufgrund chronischer Depressionen nicht mehr handlungsfähig war. 1948 verließ sie ihren Mann zugunsten von Améry. Juristisch wirksam wurde sie von Leitner am 25. Januar 1955 in Wien geschieden. Im selben Jahr heirateten sie und Améry in Wien-Währing. Maria Améry wurde zur „grauen Eminenz“ seines Werkes. Sie ist mit Jean Améry auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.

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