Jean-Marie Louis Le Pen [lə̹ˈpɛn] (* 20. Juni 1928 in La Trinité-sur-Mer, Département Morbihan; † 7. Januar 2025 in Garches, Département Hauts-de-Seine) war ein französischer Politiker. Le Pen gründete die rechtsextreme Partei Front National und war von 1972 bis 2011 ihr Vorsitzender, der unter anderem dadurch auffiel, dass er den Holocaust leugnete. Im August 2015 schloss ihn die inzwischen von seiner Tochter Marine Le Pen geführte Partei wegen „schwerer Verfehlungen“ aus.
Im Lauf seiner politischen Karriere trat Jean-Marie Le Pen bei fünf Präsidentschaftswahlen an und kam 2002 überraschend in die Stichwahl gegen Jacques Chirac. Von 1984 bis 2003 und von 2004 bis 2019 war Le Pen Abgeordneter im Europäischen Parlament. Er war Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Rechten (1984–1989) und der Technischen Fraktion der Europäischen Rechten (1989–1994). Von 1999 bis 2001 war er Mitglied der Technischen Fraktion der unabhängigen Abgeordneten sowie von Januar bis November 2007 der Fraktion Identität, Tradition, Souveränität; in der übrigen Zeit war er fraktionslos.
Le Pen wurde 1928 im Département Morbihan als Sohn eines Fischers und einer Näherin geboren. Die Familie stammt aus der Bretagne, wo Le Pen auch aufwuchs. 1942 starb sein Vater, als dessen Boot auf eine Mine fuhr. Nach seiner Schullaufbahn auf einer Jesuitenschule in Vannes und auf Lycées in Lorient und Saint-Germain-en-Laye studierte er ab 1947 Rechts- und Politikwissenschaften in Paris. In seiner Studienzeit war er von 1949 bis 1951 Vorsitzender des Studentenbundes der juristischen Fakultät, den er antikommunistisch ausrichtete. Er stand in dieser Zeit der monarchistisch-nationalistischen Action française nahe. Als Vorsitzender des Studentenbundes wurde Le Pen abgesetzt, nachdem er einen Priester bedroht hatte, der ihm wegen „offenkundiger Trunkenheit“ die Kommunion verweigert hatte.
Fallschirmjäger und Offizier der Fremdenlegion
1953 trat Le Pen den französischen Fallschirmjägern bei. Nach der für Frankreich desaströsen Schlacht um Điện Biên Phủ wurde seine Einheit nach Ostasien verlegt, und so erlebte er noch die letzten Wochen des Indochinakriegs. Dort wechselte er, inzwischen zum Offizier (Sous-lieutenant) aufgestiegen, zu den Fallschirmjägern der Fremdenlegion (1er bataillon étranger de parachutistes). 1956 diente Le Pen nach der Suezkrise kurz in Ägypten und wurde 1956/1957 im Kampf gegen die FLN (Front de Libération Nationale) im Algerienkrieg eingesetzt.
Mehrere französische Zeitungen, darunter Le Monde, warfen ihm im Jahr 2000 vor, dass er während seiner Zeit in Algerien vermeintliche oder tatsächliche Mitglieder der FLN gefoltert habe. Dies hatte Le Pen sowohl 1957 in einer Parlamentsrede als auch 1962 in einem Interview der Zeitschrift Combat eingeräumt und gerechtfertigt. Trotzdem strengte er eine Verleumdungsklage gegen Le Monde an, die der französische Kassationsgerichtshof abwies. Unter anderem wurde ein an einem Mordtatort zurückgelassenes HJ-Fahrtenmesser mit dem eingravierten Namen Le Pens auf der Scheide als Beweis vorgelegt. 2024 publizierte der Historiker Fabrice Riceputi das Buch Le Pen et la torture, das die Geschichte der Folterpraxis von Jean-Marie Le Pen anhand verschiedener Quellen, wie Berichte von Opfern und Zeugen, Polizeiberichte, journalistische Ermittlungen und Dokumente aus Militärarchiven, nachzeichnet.
Le Pen wurde bei der Wahl am 2. Januar 1956 als jüngster Abgeordneter der von Pierre Poujade geführten populistischen Union de défense des commerçants et artisans (UDCA) in die französische Nationalversammlung gewählt, um den 1. Wahlkreis von Paris zu vertreten. Er leitete damals die Jugendorganisation der UDCA, Union de défense de la jeunesse française. Von Oktober 1956 bis Januar 1957 unterbrach er seine Abgeordnetentätigkeit, um im Algerienkrieg zu kämpfen. Angesichts der Suezkrise und des Erstarkens der FLN in Algerien zerstritt er sich mit Poujade, da Le Pen die Bewegung in eine radikaler nationalistische und militantere Richtung führen wollte als Poujade. Im Mai 1957 wurde Le Pen aus der UDCA ausgeschlossen. Zusammen mit Jean-Maurice Demarquet gründete er daraufhin den Front national des combattants (FNC). Nach Gründung der fünften Republik wurde Le Pen im 3. Wahlkreis von Paris im November 1958 erneut als Abgeordneter gewählt. Er schloss sich der Fraktion Indépendants et paysans d’action sociale (IPAS) an, die dem Centre national des indépendants et paysans (CNIP) nahestand. Die FNC wurde im April 1961 aufgelöst.
Nachdem Le Pen bei der Wahl im November 1962 den erneuten Einzug in die Assemblée nationale verpasst hatte, gründete er das Unternehmen Serp (Société d’étude et de relations publiques), das historische Reden und Lieder verlegte. Er leitete zur Präsidentschaftswahl 1965 die Wahlkampagne für den Kandidaten der extremen Rechten, Jean-Louis Tixier-Vignancour, der mit 5,2 % der Stimmen auf den vierten Platz kam. Anfang 1966 kam es zum Bruch mit Tixier-Vignancour, der Le Pen vorwarf, seiner Bewegung durch taktische Fehler bei der Kommunalwahl und durch die Veröffentlichung von Naziliedern bei Serp geschadet zu haben. Er gründete 1972 die rechtsextreme Partei Front National (FN) und war bis Anfang 2011 ohne Unterbrechung deren Vorsitzender. Sie war stark auf seine Person ausgerichtet.
Am 2. November 1976 wurde auf sein Mietshaus im 15. Arrondissement ein Bombenanschlag verübt. Verletzt wurde niemand, die zwanzig Kilogramm Sprengstoff rissen aber einen Krater ins Treppenhaus. Der oder die Täter konnten nie ermittelt werden.
Bei der Europawahl im Juni 1984 erhielt der FN 10,9 % der Stimmen; Le Pen zog erstmals ins Europaparlament ein. Auch nach den folgenden Wahlen 1989 (11,7 %), 1994 (10,5 %), 1999 (5,7 %), 2004 (9,8 %), 2009 (6,3 %) und 2014 (24,9 %) zog er wieder ins Europaparlament ein. Von 1984 bis 1989 war er Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Rechten, der u. a. Abgeordnete des FN und der italienischen neofaschistischen MSI angehörten. Von 1989 bis 1994 hatte Le Pen den Vorsitz der Technischen Fraktion der Europäischen Rechten (DR), die hauptsächlich aus Europaparlamentariern des FN und der deutschen Republikaner bestand. In den folgenden Legislaturperioden war er meist fraktionslos. Durch ein Dekret des Premierministers Lionel Jospin wurde Le Pen im Jahre 2000 vom Europäischen Parlament suspendiert und verlor 2003 seinen Sitz.
Bei der französischen Parlamentswahl 1986, die ausnahmsweise nach Verhältniswahlrecht abgehalten wurde, zog Le Pen zudem erneut in die Assemblée nationale ein, der er bis 1988 angehörte. Er war Vorsitzender der Fraktion Front national – Rassemblement national, die 35 Abgeordnete des FN und des CNIP umfasste. Dann kehrte man zur Mehrheitswahl zurück, bei der der Front National kaum Chancen hatte.
Sein Einzug in die Stichwahlen zur französischen Präsidentschaftswahl gegen Jacques Chirac im Jahr 2002 kann als sein größter politischer Erfolg gelten. Bei den Regionalwahlen 2004 untersagte der zuständige Präfekt der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur Le Pen die Kandidatur im Wahlkreis Nizza aus formalen Gründen. Versuche des Front National, diesen Vorgang als Verschwörung gegen Le Pen darzustellen und so in der Wählergunst zu steigen, scheiterten. Die Wahl brachte dem FN nur geringe Stimmenzuwächse; landesweit erzielte er etwa 12,6 % der Stimmen.
Am 16. Januar 2011 trat seine Tochter Marine Le Pen die Nachfolge als Vorsitzende des Front National an, nachdem sie sich einen Tag zuvor gegen den Parteivize Bruno Gollnisch mit einer Zweidrittelmehrheit durchgesetzt hatte. Sie bemühte sich um eine „Entdämonisierung“ der Partei und distanzierte sich dazu vom offenen Rassismus und Antisemitismus ihres Vaters. Im Mai 2015 setzte der FN nach wiederholten antisemitischen Äußerungen die Parteimitgliedschaft Le Pens aus. Im August 2015 wurde Le Pen wegen „schwerer Verfehlungen“ aus dem FN ausgeschlossen. Danach trat er offen als Kritiker seiner Tochter Marine Le Pen auf, deren politischen Kurs der Öffnung des mittlerweile in „Rassemblement National“ (RN) umgetauften FN er bekämpfte. 2021 erklärte er zeitweise seinen Zuspruch für die mögliche Kandidatur von Éric Zemmour für die französische Präsidentschaftswahl im Mai 2022, der politisch eine scharf rechte Position bezog, sich aber vom RN abgrenzte.