Jean-Jacques Rousseau [ʒɑ̃'ʒak ʁu'so] (* 28. Juni 1712 in Genf; † 2. Juli 1778 in Ermenonville bei Paris) war ein Genfer Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Komponist.
Seine der Aufklärung zugehörige politische Philosophie erlangte Bedeutung in Europa und darüber hinaus. Er gehörte zu den Vordenkern der Aufklärung und war ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. Rousseau hatte zudem großen Einfluss auf die Pädagogik des späten 18. sowie des 19. und 20. Jahrhunderts im europäischen Kulturkreis. Sein Werk ist unlösbarer Bestandteil der französischen und der europäischen Literatur- und Geistesgeschichte. Der Rousseau verkürzend zugeschriebene Aufruf „Zurück zur Natur!“ (Retour à la nature!) fand zahlreiche Anhänger auf theoretischer Ebene wie auch in der gesellschaftlichen Praxis.
Abweichend vom vorherrschenden Zeitgeist, der vom Fortschrittsglauben der Aufklärung und dem Ideal der Vernunft geprägt war, setzte Rousseau seine Akzente bei der Naturnähe (nature) und beim Gemeinwillen (volonté générale). Für ihn war der vermeintliche zivilisatorische Fortschritt mit zunehmender sozialer Ungleichheit verbunden und mit einem Rückschritt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Seine postum (1782–1790) veröffentlichte Autobiografie Die Bekenntnisse wurde wegen ihrer Offenheit und der schonungslosen Kritik an sich selbst bekannt und wird noch heute viel gelesen und diskutiert.
Über Rousseaus Leben erfahren wir viel aus seinen drei autobiografischen Schriften, darunter vor allem den Bekenntnissen, und seiner umfangreichen Korrespondenz (20 Bände). Da er im Zentrum des intellektuellen Lebens seiner Zeit stand, haben auch viele Zeitgenossen über ihn geschrieben.
Rousseaus Vater Isaac lebte von 1672 bis 1748 und war Uhrmachermeister. Von 1705 bis 1711 lebte Isaac Rousseau in Konstantinopel, wo er als Uhrmacher des Sultans am Serail (dem Palast des osmanischen Herrschers) Genfer Uhren reparierte. Sein Cousin Jacques Rousseau (1683–1753, Vater des französischen Orientalisten Jean-François Xavier Rousseau), folgte ihm von Genf zwischenzeitlich als Hofjuwelier nach Konstantinopel. Er war sowohl in seinem Handwerk geschickt als auch gebildet und las neben französischer Literatur lateinische und griechische Texte. Sein Charakter war schwierig.
Rousseaus Mutter Suzanne Bernard (1673–1712) war Tochter eines Genfer Pastors. Das Paar lebte bei Jean-Jacques Rousseaus Geburt im Haus ihres Vaters im Zentrum von Genf.
Die Mutter starb 1712 in Genf, neun Tage nach Rousseaus Geburt – wahrscheinlich am Kindbettfieber: „Nach zehn Monaten wurde ich krank und schwächlich geboren; kostete meiner Mutter das Leben, und meine Geburt war mein erstes Unglück.“ In der Folge übernahm eine jüngere Schwester des Vaters den Haushalt. Sie kümmerte sich liebevoll um das oft kränkelnde und empfindsame Kind, das seit seiner Geburt an einem organischen Fehler der Harnblase litt. Diese andauernde körperliche Belastung wird oft als einer der Gründe für die empfindliche Gereiztheit angesehen, die Rousseau zeit seines Lebens charakterisierte.
Der Vater förderte schon früh die Leselust seines Sohnes, indem er nächtelang gemeinsam mit ihm las, unter anderem die Biographien Plutarchs, die lebenslang Rousseaus Lieblingslektüre bildeten. 1718 zogen Vater und Sohn in das ärmere Handwerkerviertel St. Gervais auf der anderen Rhoneseite. An diese Zeit erinnerte sich Jean-Jacques:
1722 änderte sich die Situation des Zehnjährigen drastisch. Der Vater flüchtete nach einer Rauferei mit einem Offizier, in dessen Verlauf er diesen mit einem Degenstich verletzt hatte, aus Genf vor der drohenden Gefängnisstrafe. Den Sohn ließ er in der Obhut seines Schwagers, Gabriel Bernard, zurück. Während der nächsten zwei Jahre lebte Rousseau bei Pfarrer Lambercier in Bossey (Waadt), wo er Unterricht erhielt, aber unter ungerechter Bestrafung und körperlicher Misshandlung litt. Ähnlich erging es ihm später während eines Aufenthalts bei einer Tante väterlicherseits. Mit zwölf Jahren schickte ihn sein Onkel Gabriel Bernard zu einem Gerichtsvollzieher in die Lehre, eine für ihn traumatische Erfahrung:
Ein Jahr später kam er bei einem Graveur namens Abel Ducommun in die Lehre. An dieser kunsthandwerklichen Tätigkeit fand er mehr Gefallen als an der Eintreibung von Schulden und sie verhalf ihm auf seinen frühen Reisen hin und wieder zu Einkommen; Leselust und Träumereien erschwerten jedoch Freundschaften unter den Altersgenossen und führten immer wieder zu Bestrafungen.
1726 heiratete Rousseaus Vater ein zweites Mal (die Ehe wurde an dessen Zufluchtsort Nyon geschlossen); seitdem zeigte er nur noch ein geringes Interesse an dem Jungen.
Als Rousseau im März 1728 bei der späten Rückkehr von einem Sonntagsausflug das Stadttor verschlossen fand, was davor bereits zweimal geschehen war und ihm jeweils eine Prügelstrafe eingebracht hatte, folgte er einer schon länger gehegten Idee und ging auf Wanderschaft. In Savoyen lernte er nach einigen Tagen einen katholischen Geistlichen kennen, der den Kontakt zu Madame de Warens in Annecy vermittelte. Sie war soeben aus der Schweiz nach Savoyen ausgewandert und Katholikin geworden; in Annecy lebte sie unter Schutz (und Beobachtung) der katholischen Geistlichkeit. Madame de Warens nahm Rousseau auf, schickte ihn aber auf kirchlichen Ratschlag hin schon drei Tage später nach Turin. Dort ließ er sich nach vierteljähriger Unterweisung im Hospice des catéchumènes katholisch taufen. Die Reise dorthin unternahm er in Begleitung eines Bauernpaars zu Fuß. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in Turin als Diener, später als Sekretär in adligen Häusern.
Ein Jahr später kehrte er zu Madame de Warens zurück. Ihrem Vorschlag folgend, trat er für kurze Zeit in das Priesterseminar von Annecy ein. Anschließend vermittelte sie ihn an den Leiter der Dom-Musikschule, da er ihr während der Hausmusikstunden als talentierter Sänger aufgefallen war. Der Schulleiter nahm ihn bei sich auf und unterrichtete ihn in Chorgesang und Flöte. Es folgten einige fruchtbare Monate, in denen Rousseau die Grundlagen seiner Musikkenntnisse erwarb.
Als sein Lehrer eine neue Stelle in Lyon antrat, begleitete Rousseau ihn zunächst, kehrte dann aber nach Annecy zurück. Da jedoch Madame de Warens nach Paris gereist war, ging Rousseau erneut auf Wanderschaft. Sie führte ihn unter anderem nach Lausanne, Nyon (wo er auch den Vater besuchte), ins preußische Neuchâtel und im Sommer 1731 zum ersten Mal nach Paris. In Neuchâtel versuchte er sich erfolglos als Musiklehrer. Während seiner Wanderschaft litt Rousseau immer wieder große Armut. Sie zwang ihn zum Betteln, brachte ihn aber auch mit den notleidenden Bauern in Verbindung.
Am 3. April 1731 begegnete Rousseau auf einem Spaziergang in Boudry einem italienisch sprechenden Mann „mit einem großen schwarzen Bart und einem veilchenfarbenen Gewand nach griechischer Art“, der angab, als „griechisch-katholischer Prälat und Archimandrit von Jerusalem“ in Europa Mittel für die Wiederherstellung des Heiligen Grabs in Jerusalem zu sammeln. Rousseau ließ sich dazu bewegen, den vermeintlichen „Archimandriten“ als Sekretär und Dolmetscher zu begleiten. Sie sammelten zunächst Geld in Freiburg sowie Bern und reisten anschließend nach Solothurn zum französischen Gesandten weiter. Bei diesem handelte es sich um den Marquis Jean-Louis d’Usson de Bonnac, der zuvor Botschafter im Osmanischen Reich gewesen war und den angeblichen Prälaten und Archimandriten als Schwindler enttarnte. Da Rousseau bei Marquis de Bonnac einen guten Eindruck erweckt hatte, konnte er sich einige Tage in der Residenz aufhalten und dann mit Empfehlungsbriefen und hundert Franken Reisegeld nach Paris reisen.
In Paris erhielt Rousseau sich, indem er in den Dienst eines jungen Schweizers eintrat. Nachdem er aber erfahren hatte, dass Madame de Warens sich wieder in Savoyen aufhielt, diesmal in Chambéry, kehrte er zu seiner dreizehn Jahre älteren „Maman“, wie er sie nannte, zurück. Sie nahm ihn nun wie einen Ziehsohn auf und vermittelte ihm eine Schreiberstelle im Katasteramt, die er jedoch 1732, nach acht Monaten, wieder aufgab, um als Musiklehrer zu arbeiten.