Jean Baptiste Guillaume Marie Anne Séraphin Joseph, comte de Villèle (* 14. April 1773 in Toulouse; † 13. März 1854 ebenda) war ein Sklavenbesitzer und französischer Staatsmann. In der Epoche der Restauration hatte er ab Dezember 1821 die Funktion des Finanzministers inne; gleichzeitig wurde er de facto (offiziell ab September 1822) auch Präsident des Ministerrats, d. h. Regierungschef. Beide Ämter übte er bis zu seiner Entlassung im Januar 1828 aus. Ferner war er Ritter des Ordens vom heiligen Geist und Offizier der Ehrenlegion.
Jean Baptiste Guillaume Marie Anne Séraphin Joseph, comte de Villèle gehörte einer aus dem Lauragais stammenden, im 17. Jahrhundert in den Adelstand erhobenen Familie an. Er war das einzige Kind des 1822 verstorbenen Louis François Joseph de Villèle, Herr von Mourvilles-Basses, und der Anne Louise Blanc de la Guizardie. 1788 trat er in die Marineschule von Alais ein. Er wurde königlicher Marineoffizier und versah in der Folge Seedienste in West- und Ostindien, sodass er beim Ausbruch der Französischen Revolution von Frankreich abwesend war. Zuerst begab er sich nach Hispaniola, dann mit seinem Verwandten, dem Konter-Admiral Armand de Saint-Félix, auf die Île de France. Die revolutionären Ereignisse von 1793 zwangen Saint-Félix, sich auf die Île Bourbon zurückziehen, wohin Villèle ihn begleitete. Auf dieser Insel wurde Villèle, der ein Gegner der Revolution war, am 21. Mai 1794 während des Terrorherrschaft verhaftet, aber nach deren bald darauf erfolgter Beendigung im Oktober 1794 wieder freigelassen.
Im Oktober 1796 erwarb Villèle auf der Île Bourbon ein bescheidenes Gut, wurde durch Kaffeeanbau vermögend und heiratete am 13. April 1799 Barbe Mélanie Ombeline Panon Desbassayns, Tochter des reichen Pflanzers Henri Paulin Panon Desbassayns und dessen Gattin Marie Anne Desbassayns. Das Paar bekam fünf Kinder. Die Familie lebte in der Maison de Maître.
Erste politische Erfahrung sammelte Villèle in der Kolonialversammlung von Bourbon, wo er erfolgreich für die Bewahrung der Kolonie vor ständigen Einmischungen der Pariser Autoritäten kämpfte und auch verhinderte, dass unzufriedene Inselbewohner den Schutz der Engländer anriefen. Die Ankunft des von Napoleon entsandten Generals Decaen stellte die Sicherheit auf der Insel wieder her.
Beginn der politischen Karriere
1807 kehrte Villèle nach Frankreich zurück und lebte auf seinen großen Besitzungen in der nahe Toulouse gelegenen Gemeinde Mourvilles, deren Maire er im Januar 1808 wurde. Ferner war er seit 1811 Mitglied des Rates des Départements Haute-Garonne. Der Herrschaft Napoleons abhold wirkte er beim Widerstand der Royalisten mit und trat 1813 in deren Geheimgesellschaft Chevaliers de la Foi (d. h. „Glaubensritter“) ein.
Als nach der ersten Restauration der Bourbonen, die Villèle enthusiastisch begrüßte, Ludwig XVIII. in der Erklärung von Saint-Ouen (frz. Déclaration de Saint-Ouen) eine Verfassung versprach, ließ Villèle im Mai 1814 die Flugschrift Observations sur le projet de constitution drucken, in der er dieses Vorhaben des Bourbonenkönigs als zu demokratisch kritisierte und die Wiederherstellung der absoluten Monarchie forderte. Während Napoleons Herrschaft der Hundert Tage schloss er sich den dagegen Widerstand leistenden Royalisten um den Herzog von Angoulême an und steuerte zu diesem gefährlichen Unternehmen 20.000 Francs aus seinem eigenen Portemonnaie bei.
Mitglied der Chambre introuvable
Nach der zweiten Restauration erhielt Villèle im Juli 1815 das Amt des Maire in Toulouse, das er bis Februar 1818 ausübte. Kurz nach seiner Übernahme des Maire-Amtes trug sich am 15. August 1815 in Toulouse die Ermordung des als Anhänger Napoleons verdächtigen Generals Ramel zu. Villèle, der dieses Attentat nicht hatte verhindern können, wurde dann mit einer knappen Mehrheit von drei Stimmen für das Département Haute-Garonne auch zum Deputierten in die Chambre introuvable gewählt. Dabei schloss er sich den diese Kammer dominierenden reaktionären Ultraroyalisten an, die für die Abschaffung der Verfassung, Wiederherstellung des alten Großgrundbesitzes sowie harte Bestrafung der ehemaligen Revolutionäre und der Bonapartisten eintraten. Bald stieg Villèle zu einem der Wortführer der Ultras auf. Im Gegensatz zu dieser Partei verfolgten Ludwig XVIII. und die von Richelieu geführte Regierung eine gemäßigtere, auf friedlichen Ausgleich bedachte Politik.
Häufig kam es zu Konflikten zwischen der Regierung und den Ultras, so etwa Anfang 1816, als Villèle und seine Parteikollegen ein von Innenminister Vaublanc vorgelegtes Wahlgesetz energisch ablehnten. Villèle plädierte für eine deutliche Herabsetzung des Wahlzensus, um das Wahlrecht, das zweistufig sein sollte, auf ärmere Schichten wie die Bauern zu erweitern. Die Ultraroyalisten misstrauten nämlich der städtischen bürgerlichen Mittelschicht, die sie u. a. der Sympathie für liberale Ideen verdächtigten; von den Bauern nahmen sie hingegen wegen deren größerer Abhängigkeit ein für die altadeligen Großgrundbesitzer eher positives Wahlverhalten an. Auf kantonaler Ebene sollten nach Villèles Konzept alle über 25-jährigen Franzosen, die mindestens 50 Francs jährliche Steuerleistung erbrachten, ihre Stimme abgeben dürfen, während alle Franzosen ab der gleichen Altersstufe, aber mit über 300 Francs jährlicher Steuerabgabe an der Wahl der Deputierten der Arrondissements teilnehmen könnten, unter denen dann der König die Vertreter der Departements aussuchen würde. Ferner sollten die Abgeordneten der Kammer nur alle fünf Jahre und dann zur Gänze neu bestimmt werden. Über das Wahlgesetz kam keine Einigung zustande und am 5. September 1816 löste der König die Chambre introuvable auf.
Weitere Opposition gegen die Kabinette Ludwigs XVIII.
Obwohl die Ultras in der vom 25. September bis 4. Oktober 1816 neugewählten Kammer nun in der Minderheit waren, nahm Villèles persönliche Autorität ständig zu. Nüchtern und geschäftsgewandt übte der rednerisch begabte Politiker eine gemäßigte Oppositionstätigkeit gegenüber dem weiterhin vom Herzog von Richelieu geführten Kabinett aus. Als Medium für Regierungskritik nutzte er auch die Presse, insbesondere Le Conservateur. Seine Aversion gegen die Charte Ludwigs XVIII. ließ mit der Zeit nach, und allmählich wurde er der bedeutendste Führer der Ultraroyalisten. Vergeblich war aber sein Widerstand gegen ein neues, vom Innenminister Lainé ausgearbeitetes, das städtische Bürgertum gegenüber dem Landadel begünstigendes und am 5. Februar 1817 beschlossenes Wahlgesetz, nach dem nur jeder über 30-jährige, mindestens 300 Francs jährliche Steuerleistung erbringende Franzose ein Stimmrecht für die in den Departementshauptstädten abzuhaltende Direktwahl der Deputierten hatte; auch sah es eine jährliche Erneuerung eines Fünftels der Abgeordneten vor.
Besonders erfolgreich äußerte sich der wirtschaftskompetente Villèle zu Finanzangelegenheiten. So unterbreitete er Vorschläge zur Realisierung einer seriösen Kontrolle der öffentlichen Ausgaben und kritisierte, freilich vergeblich, die kostspielige Aufnahme enormer Staatsanleihen durch die Regierung zur Bedienung der Staatsschulden, die durch sich auf die napoleonische Ära beziehenden Kriegsentschädigungsforderungen erhöht wurden. Ferner trug Villèle wesentlich zur Annahme des Änderungsantrages der Haushaltskommission von 1819 bei, der sich dem Spezialitätsprinzip bei den Ausgaben widmete.
Als Richelieu wegen des Erfolgs der politischen Linken bei den Ergänzungswahlen vom Oktober 1818 mit seiner Forderung nach einer Wahlgesetzänderung und Annäherung an die Ultras nicht durchdrang und deshalb im Dezember 1818 zurücktrat, war bei der daraus sich ergebenden Regierungsumbildung Villèle kurzzeitig als möglicher Marineminister im Gespräch. In der Folge ging das Kabinett auf die Linke zu und betrieb einen liberaleren Kurs, doch die weitere Erstarkung und Radikalisierung der Linken sowie die Beunruhigung der Regierung über die 1819 erfolgte Wahl des – der Befürwortung der Hinrichtung Ludwigs XVI. verdächtigen – Abbé Henri Grégoire in die Deputiertenkammer veranlasste einen erneuten Kurswechsel des Kabinetts, das nun die Zusammenarbeit mit den Ultras suchte.