Jean-Baptiste Pierre Antoine de Monet, Chevalier de Lamarck (* 1. August 1744 in Bazentin-le-Petit (Département Somme); † 18. Dezember 1829 in Paris) war ein französischer Botaniker, Zoologe und Entwicklungsbiologe. Jean-Baptiste de Lamarck, kurz Lamarck, ist der Begründer der modernen Zoologie der wirbellosen Tiere. Er verwendete und definierte zeitgleich mit Gottfried Reinhold Treviranus erstmals in seiner 1802 erschienenen Schrift Hydrogéologie den von Michael Christoph Hanow 1766 eingeführten Begriff „Biologie“ und legte als erster eine ausformulierte Evolutionstheorie vor. Diese umfasst als Hauptprinzip eine gerichtete Höherentwicklung durch wiederholte Urzeugung entstandener Lebewesen, durch die die einzelnen Klassen entstehen; und als Nebenprinzip die seiner Ansicht nach mögliche Vererbung erworbener Eigenschaften, die zur Artenvielfalt (Veränderlichkeit der Tierklassen) führen soll. Nur dieses Nebenprinzip wird seit dem späteren 19. Jahrhundert als Lamarckismus bezeichnet. Sein botanisches Autorenkürzel lautet „Lam.“
Lamarck wurde am 1. August 1744 als 11. Kind des Philippe Jacques de Monet de La Marck und der Marie-Françoise de Fontaine de Chuignolles in Bazentin-le-Petit, einem kleinen Ort in der Picardie, geboren. Die Familie gehörte zum niederen Adel und war wenig begütert. Für Jean-Baptiste war eine Laufbahn als Geistlicher vorgesehen, er besuchte ab dem Alter von 11 das Jesuiten-Kolleg in Amiens. Nach dem Tod seines Vaters 1759 ging er jedoch zur Armee. Er nahm am Siebenjährigen Krieg teil und war danach in verschiedenen Forts an der Ostgrenze wie auch an der Mittelmeerküste stationiert. 1768 quittierte er aus gesundheitlichen Gründen (wegen einer „Drüsenerkrankung“) den Militärdienst. In Paris arbeitete er danach in einer Bank und studierte von 1770 bis 1774 Medizin, ohne das Studium abzuschließen. Während des Studiums lernte er die Wissenschaftselite Frankreichs kennen, allen voran die Botaniker Bernard de Jussieu und Antoine-Laurent de Jussieu und den Zoologen Georges-Louis Leclerc de Buffon.
Zu dieser Zeit war Lamarck, der sich ab dem 30. Lebensjahr ganz den Naturwissenschaften (Biologie, Physik, Chemie, Meteorologie und Geologie, vor allem aber der Botanik) widmete, bereits ein Spezialist der französischen Pflanzenwelt, begünstigt auch durch seine zahlreichen Stationierungsorte. In den 1770er Jahren verfasste er eine Flore française (Französische Flora), die 1779 durch Vermittlung Buffons als dreibändiges Werk auf Staatskosten gedruckt wurde. Dieses Werk begründete Lamarcks Ruf als Naturwissenschaftler. Im selben Jahr wurde er in die Pariser Académie des sciences aufgenommen, 1781 wurde er Correspondant am Jardin des Plantes. Da diese Positionen nicht mit einem Einkommen verbunden waren, verdiente er seinen Lebensunterhalt in den 1780er Jahren als Mitarbeiter bei verschiedenen wissenschaftlichen Enzyklopädien: Bei der achtbändigen Encyclopédie méthodique: Botanique verfasste er die ersten drei Bände allein, auch am Parallelwerk, dem sechsbändigen Tableau encyclopédique et méthodique des trois règnes de la Nature: botanique (1791–1823) arbeitete er mit. 1788 erhielt er die bescheiden bezahlte Stelle als Kustos des Herbariums am Jardin des Plantes mit dem Titel Botaniste du roi avec le soin et la garde des herbiers.
Bei der Gründung des Muséum national d’histoire naturelle 1793 in Paris wurde der Botaniker Lamarck von dessen erstem Direktor, Louis Jean-Marie Daubenton, mit der Zoologischen Professur für die Linnéschen Tierklassen der Insekten und Würmer betraut. Allerdings hatte er sich bereits einen Namen als Muschelexperte gemacht. Die zweite Zoologie-Professur, jene für die Wirbeltiere, besetzte Daubenton mit dem als Mineralogen bekannten Étienne Geoffroy Saint-Hilaire. Im Alter von 49 Jahren und als Vater von sechs Kindern erhielt Lamarck damit eine gesicherte Position. Zu seinen Aufgaben zählte neben der Organisation und Ordnung der Bestände des Museums auch die wissenschaftliche Lehre. Ein 1798 fertiggestelltes Werk über Muscheln erschien nie.
1801 veröffentlichte er sein erstes wichtiges Werk auf seinem neuen Arbeitsgebiet: Système des animaux sans vertèbres, in dem er den bis heute gebräuchlichen Begriff der Wirbellosen prägte. Zwischen 1815 und 1822 erschien in sieben Bänden die Histoire naturelle des animaux sans vertèbres, die den eigentlichen Beginn der Zoologie der Wirbellosen darstellt. Seit 1808 war er auswärtiges Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
Neben der Zoologie beschäftigte sich Lamarck mit einer Vielzahl von Themen, zu denen er auch ausführliche Publikationen vorlegte. So versuchte er eine neue Grundlegung von Chemie und Physik, er wandte sich gegen die von Lavoisier begründete Oxidationschemie, gab 10 Jahre lang meteorologische Jahrbücher heraus und veröffentlichte 1802 in seiner Hydrogéologie eine geologische Theorie, mit der er die Bildung und Gestalt der Erde erklärte. Im selben Jahr legte er in Recherches sur l’organisation des corps vivants seine Ansichten über die physikalisch-chemische Theorie der Lebensvorgänge dar. Mit den beiden Bänden der Introduction à la botanique, die zur 15-bändigen Histoire naturelle des végétaux gehören, veröffentlichte er sein letztes botanisches Werk. 1809 veröffentlichte er in seiner Philosophie zoologique seine Transformationslehre. Seine Arbeiten zur Physik, Chemie, Geologie, Meteorologie und Physiologie sind umfangreicher als die zur Wirbellosen-Zoologie. Sie fanden aber in der Fachwelt keinerlei Anklang, Lamarck fühlte sich deshalb in zunehmendem Maße missverstanden, sogar ausgegrenzt. In späteren Jahren glaubte er an Verschwörungen gegen sich, besonders durch Georges Cuvier. Die letzten zehn Jahre seines Lebens war er erblindet. Lamarck starb verbittert, ohne je vermögend gewesen zu sein, am 28. Dezember 1829 in Paris und wurde in einem Armengrab beigesetzt. Lamarck war dreimal verheiratet und hatte acht Kinder.
Der Asteroid Lamarck und der Mondkrater Lamarck sind nach ihm benannt. Gleiches gilt für die Lamarck-Insel in der Antarktis. Auch die Pflanzengattungen Lamarckia Moench aus der Familie der Süßgräser (Poaceae), Markea Rich. aus der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae), Monetia L’Hér. aus der Familie der Salvadoraceae und Neolamarckia Bosser aus der Familie der Rötegewächse (Rubiaceae) sind nach ihm benannt.
Lamarck unterschied in der Systematik zwischen Classification und Distribution: Classification (Einteilung, Zuordnung) ist bei ihm die Identifikation und Unterscheidung von Taxa auf den verschiedenen Rangstufen (Arten, Gattungen, Familien usw.), sowie die Zuordnung eines Taxon zum jeweils höherrangigen. Distribution ist bei Lamarck das Verhältnis verschiedener gleichrangiger Taxa zueinander, ihre affinité (Verwandtschaft), wobei Verwandtschaft damals nicht genealogische Verwandtschaft basierend auf gemeinsamen Vorfahren bedeutete.
Lamarck lehnte die damals weit verbreitete Kontinuität aller drei Naturreiche ab, folgte dem Kontinuitätsprinzip aber innerhalb der drei Reiche (Mineralien, Pflanzen, Tiere): die Kette der Wesen ist durch kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden. Lamarck war zudem ein Anhänger des Stufenleiterprinzips, nach dem sich die Taxa dem Grad ihrer Vollkommenheit in einer aufsteigenden Reihe anordnen lassen.
Bei seinen botanischen Arbeiten konnte Lamarck auf bereits vorhandene Klassifikationssysteme zurückgreifen. Wichtige Arbeiten auf diesem Gebiet hatten Joseph Pitton de Tournefort, Carl von Linné, Michel Adanson und Bernard de Jussieu geleistet. Seine Flore Françoise war allerdings eine der ersten systematischen Bestandsaufnahmen einer Regionalflora. Lamarck führte einen diagnostischen Schlüssel ein, der durch dichotomische Unterscheidungen eine einfache Bestimmung der Arten ermöglichte. Die sich aus dem Kontinuitätsprinzip ergebende lineare Anordnung der Taxa stand im Widerspruch zum Sexualsystem Linnés. Dieser Widerspruch zu Linné brachte Lamarck unter anderem die Protektion und Förderung durch Buffon ein. Das Prinzip der Stufenleiter konnte er jedoch in der Botanik nicht umsetzen.