Jean-Baptiste Lully, geboren als Giovanni Battista Lulli (* 28. November 1632 in Florenz; † 22. März 1687 in Paris), war ein italienisch-französischer Komponist, Geiger, Gitarrist und Tänzer, der ab seinem 14. Lebensjahr am französischen Hof lebte und unter Ludwig XIV. zu den höchsten musikalischen Ämtern aufstieg. Im Dezember 1661 wurde er französischer Bürger, 1681 geadelt. Als Schöpfer charakteristisch französischer Barockmusik gilt er als einer der einflussreichsten Komponisten der französischen Musikgeschichte, auf den auch ausländische Komponisten, insbesondere im nördlichen Europa, wie Purcell, Händel und Bach in ihren Werken Bezug nahmen. Viele seiner Stücke gehörten an den europäischen Adelshöfen, namentlich in deutschen Landen, während mehrerer Generationen zum festen musikalischen Repertoire. Berühmt ist auch seine Zusammenarbeit mit dem Komödiendichter Molière.
Herkunft und Kindheit in Italien
Jean-Baptiste Lullys Vorfahren väterlicherseits waren Bauern im Großherzogtum Toskana. Seine Eltern, Lorenzo Lulli und dessen florentinische Ehefrau Caterina, geborene del Sera (oder Seta), eine Müllerstochter, wohnten bei Lullys Geburt in Florenz. Er selbst kam unter dem Namen Giovanni Battista zur Welt; erst später in Frankreich wurde sein Name französisiert zu Jean-Baptiste Lully. Im Juni 1638 starb sein älterer Bruder Vergini, im Oktober 1639 seine Schwester Margherita. Damit verblieb der siebenjährige Jean-Baptiste das einzige Kind seiner Eltern. Lorenzo Lulli übernahm nach dem Tod seines Schwiegervaters dessen Mühle und erarbeitete sich einen gewissen Wohlstand. Damit konnte er Jean-Baptiste, der vermutlich die Schule der Franziskanerkirche Santa Croce in Florenz besuchte, eine gute Ausbildung ermöglichen. Eine Druckschrift von 1705 berichtet, Lully habe dankbar von einem „cordelier“ (Franziskaner) gesprochen, der ihm den ersten Musikunterricht gegeben und ihn das Gitarrespiel gelehrt habe.
Im Februar 1646, zu Karneval, besuchte Roger de la Lorraine, Chevalier de Guise, der am Hof des Großherzogs der Toskana erzogen worden war, bei seiner Rückkehr von einem Feldzug gegen die Türken Florenz. Im Auftrag von Anne Marie Louise d’Orléans, einer Nichte des französischen Königs, Ludwigs XIII., suchte er für deren Sprachunterricht einen Italiener zu ihrer Konversation. Der Chevalier wurde auf den komödiantisch begabten und Geige spielenden Lully aufmerksam und nahm ihn mit Einverständnis seiner Eltern mit nach Frankreich. Kardinal Giovanni Carlo, Bruder des Großherzogs der Toskana, begleitete beide zum Schiff.
Im Dienst von Anne Marie Louise d’Orléans
Von seinem 14. Lebensjahr an lebte Lully bei der „Grande Mademoiselle“, Anne Marie Louise d’Orléans, Herzogin von Montpensier und Nichte des Königs, Ludwigs XIII., sowie Cousine seines Nachfolgers, Ludwigs XIV., im Pariser Tuilerienpalast. Zunächst diente er ihr als „garçon de chambre“ (Kammerdiener), der z. B. ihre Garderobe ordnete, die Kamine heizte und die Kerzen anzündete. Zudem begleitete er die singende und tanzende Herzogin auf der Gitarre und unterhielt sie mit burlesken Späßen. Lully profitierte von der Anstellung bei Anne Marie Louise d’Orléans auch als angehender Künstler, da die Herzogin berühmte Musik- und Tanzlehrer beschäftigte: den Komponisten und Sänger am Hofe ihres Vaters, Étienne Moulinié, sowie den Tanzlehrer und Violinisten Jacques Cordier (genannt „Bocan“), der der Musique du Roy angehörte. Es liegt nahe anzunehmen, dass der junge Lully von Bocan die kritische Haltung gegenüber den Vingt-quatre Violons du Roy übernahm – viele Jahre später, 1655/56, erwirkte er bei seinem neuen Dienstherrn, Ludwig XIV., die Erlaubnis, ein separates, kleineres Ensemble zu gründen, Les Petits Violons de Lully, das fortan in Konkurrenz zu den von Ludwig XIII. gegründeten Vingt-quatre Violons stand. Laut einer Quelle von 1695 nahm er Cembalo- und Kompositionsunterricht bei Nicolas Métru, François Roberday und Nicolas Gigault; auf der Gehaltsliste der Grande Mademoiselle stand auch der königliche Tanzmeister, der vermutlich für Lullys ausgezeichnete Tanzausbildung sorgte. Auch Jean Regnault de Segrais, Sekretär der Mademoiselle, der 1661 in die Académie française aufgenommen wurde, übte Einfluss auf Lully aus. Lully gründete die Compagnie des violons de Mademoiselle, ein Orchester, auf das seine Arbeitgeberin besonders stolz war, da es in den Pariser Salons großen Anklang fand und sogar als besser galt als die Vingt-quatre Violons du Roy. Im Jahr 1652 erscheint Lullys Name erstmals französisiert in den États de la maison princière als „Jean-Baptiste Lully, garçon de la chambre“.
Erstes Zusammentreffen mit Ludwig XIV.
Während der vormundschaftlichen Herrschaft Annas von Österreich für ihren unmündigen Sohn, Ludwig XIV., beteiligte sich die Grande Mademoiselle, Lullys Dienstherrin, aktiv an der Fronde, dem Bürgerkrieg gegen die Regentschaft der Königinmutter und des Kardinals Mazarin. Daher wurde sie nach Saint-Fargeau verbannt, wohin ihr der mittlerweile zwanzigjährige Lully folgte, der noch am 7. März 1652 in einem Récit grotesque im Tuilerienpalast als Komponist und Darsteller in Erscheinung getreten war. Wieder zurück in Paris war er zwischen dem 23. Februar und 16. März 1653 mehrmals im Ballet royal de la nuit als Schäfer, Soldat, Bettler, Krüppel und Grazie zu sehen. Der vierzehnjährige Ludwig XIV. selbst tanzte hier zum ersten Mal die Rolle der aufgehenden Sonne. Als Lullys Vermittler an den Königshof wird Jean Regnault de Segrais, der Sekretär der Grande Mademoiselle und Mitorganisator des Ballet royal de la nuit, angenommen.
Lully war offenbar ein begabter Tänzer, ein „balladin“, fühlte sich wohl auf der Bühne, war ganz Theatermann. Seinem Tanz haftete etwas Ungewöhnliches an, sodass einige Journalisten, die sich sonst kaum mit der Person der Tänzer befassten, ihn als „Baptiste“ zum Gegenstand ihrer Berichte machten.
Am 16. März 1653 wurde Lully zum Compositeur de la musique instrumentale ernannt. Für die Ballets de cour, die am französischen Hof eine besondere Rolle spielten, komponierte er die Tänze, während Texte und Komposition der gesungenen Airs de ballet in den Händen anderer Hofkünstler, wie z. B. Michel Lambert, lagen. Nicht selten tanzte Lully selbst an der Seite des Königs, zum Beispiel im Ballet des plaisirs. Seine italienische Herkunft war aus seinen Kompositionen noch lange herauszuhören, z. B. im Ballet de Psyché, für das er ein Concert italien schrieb.
Seine erste größere Komposition war die Maskerade La Galanterie du temps, die im Palais des Kardinals Mazarin unter Mitwirkung der Petits violons zur Aufführung kam.
In den seit 1648 bestehenden Petits violons (Streicherensemble) fand Lully ein eigenes Ensemble, das flexibler einsetzbar war als die Grande bande genannten Vingt-quatre Violons du Roy, die als das erste feste Orchester der Musikgeschichte gelten. Zwischen deren Leiter, Guillaume Dumanoir, dem bis dahin für die Tanzmusik am königlichen Hof zuständigen Jean de Cambefort und dem jüngeren Lully entstand eine ernsthafte Rivalität. Andere Hofmusiker dagegen förderten Lully, wie Regnault oder der Meister des Air de Cour, Michel Lambert, der ihm bei der Vertonung der französischen Sprache half. Letzterer wurde 1661 Kammermusikmeister Ludwigs XIV. und Lullys Schwiegervater.
Lully gehörte zur Gruppe italienischer Musiker in Paris, die vom einflussreichen Kardinal Mazarin, der selbst gebürtiger Italiener war, gefördert wurden. Zu diesen zählte auch die Sängerin Anna Bergerotti, die den jungen Lully unterstützte. Lully schrieb italienisch anmutende Stücke, etwa Chaconnen, Ritornellen und italienische Vokalmusik, doch ungeachtet seiner musikalischen Herkunft stieg er schließlich zum Hauptvertreter des höfischen Balletts in Frankreich, des Ballet de cour, auf.
Mit Amour malade, uraufgeführt am 17. Januar 1657, gelang Lully der Durchbruch als Komponist. Der Einfluss der italienischen Oper äußerte sich in Amour malade unter anderem darin, dass er das traditionell am Anfang der Aufführung stehende französische Récit durch eine Neuerung, einen Prologue, ersetzte. Lully brillierte in diesem Ballett als Darsteller in der Rolle des Scaramouche, dem ein Esel eine Dissertation widmet. Der sehr italienische Einschlag dieser Komposition war für Henri duc de Guise ein Grund, im Februar 1657 mit erheblichem finanziellen Aufwand eine Mascarade mit einer von Louis de Mollier nach französischer Tradition komponierten Musik, die Plaisirs troublés, aufführen zu lassen.