James Arthur Baldwin (* 2. August 1924 in Harlem, New York City als James Arthur Jones; † 1. Dezember 1987 in Saint-Paul-de-Vence, Provence-Alpes-Côte d’Azur, Frankreich) war einer der bedeutendsten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus bekannt wurde.
Viele seiner Arbeiten behandeln Themen wie Rassismus und Sexualität. Seine Erzählungen sind berühmt für den persönlichen Stil, in dem Fragen der Identität von Schwarzen und Homosexuellen und damit verbundener sozialer und psychologischer Druck zur Sprache kommen, lange bevor die soziale, kulturelle oder politische Gleichstellung dieser Gruppen erkämpft wurde.
James Baldwin wurde 1924 in Harlem unter dem Namen James Arthur Jones als erstes Kind der alleinstehenden Emma Berdis Jones geboren; sein Vater ist unbekannt. Nach der Hochzeit der Mutter mit dem wesentlich älteren Fabrikarbeiter und Baptistenprediger David Baldwin, der im Zuge der Great Migration aus New Orleans nach New York gezogen war, wurde James im Alter von drei Jahren dessen Nachname gegeben. Die Mutter von Baldwins Stiefvater war in ihrer Kindheit und Jugend noch eine Sklavin gewesen. Emma und David Baldwin bekamen in den folgenden Jahren gemeinsam acht Kinder.
James Baldwins Jugend im Ghetto war vor allem durch die Erfahrung von Armut, Deprivation und Diskriminierung ebenso wie durch den religiösen Fanatismus der Pfingst- und Holiness-Bewegung geprägt, der seine Familie angehörte. Sein Vater konnte die große Familie kaum ernähren und suchte als Laienprediger Trost und Kompensation in seinem Erwähltheitsbewusstsein und den Verheißungen eines besseren Lebens im Jenseits. Oft teilte er gegenüber seinen Kindern Prügelstrafen aus, die Baldwin später für eine Reaktion auf den Rassismus hielt: Er ließ seine Wut über die Weißen an seinen eigenen Kindern aus. Schließlich wurde er durch die Widersprüche in seiner eigenen Existenz in jenen Wahn getrieben („eaten up by paranoia“), den James Baldwin später immer wieder als unausweichliche Folge des Rassenhasses dargestellt hat.
Zu seinem Stiefvater hatte James schon in früher Jugend ein äußerst angespanntes, gestörtes Verhältnis. Nach einem visionären Erweckungserlebnis als Vierzehnjähriger, das danach auch als Vorlage für die Erfahrungen der gleichaltrigen Figur John Grimes in seinem stark autobiografisch geprägten Debütroman Go Tell it on the Mountain diente, fand James Baldwin ab 1938 bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr in der Pfingstgemeinde des Stiefvaters Anerkennung als jugendlicher Prediger. Die Beziehung zum Stiefvater war fortan durch zunehmende Rivalität und Ablehnung durch diesen gekennzeichnet. Es entwickelten sich bei Baldwin zugleich Hass als auch Verständnis für seinen Stiefvater. Er entschloss sich, in seinem späteren Leben nicht dieselbe verbitterte Haltung gegenüber der rassistischen Außenwelt wie sein Stiefvater einzunehmen. Diese Ablehnung und der sittenstrenge religiöse Fanatismus David Baldwins spiegelten sich später als dominierende Themen in James Baldwins Werken wider.
Obwohl James Baldwin zunächst wie sein Stiefvater in einer übersteigerten Gläubigkeit „den Ausweg aus seinem Hass für die weißen Unterdrücker und seine Verachtung für die unterdrückten Schwarzen“ fand, wandte er sich nach drei Jahren erfolgreicher Predigertätigkeit 1941 von der Kirche ab, was zugleich die endgültige Entfremdung vom Stiefvater bewirkte. Baldwin war zu der Überzeugung gelangt, dass die Ghettokirchen nur eine Maske für „den Hass, Selbsthass und die Verzweiflung“ seien („a mask for hatred and self-hatred and despair“) und dass die Religion in Harlem ausschließlich eine „exquisite Rachephantasie“ sei („a complete and exquisite fantasy revenge“).
Schon früh zeigte der begabte James ein großes Interesse an Literatur. Er war als Kind und Jugendlicher ein leidenschaftlicher Leser, der sein Lesematerial in den öffentlichen Bibliotheken New Yorks fand. Zu den ersten literarischen Einflüssen auf ihn zählten Werke von Harriet Beecher-Stowe, Horatio Alger und Charles Dickens. Ermuntert wurde er dabei von Schule und Freunden, darunter seiner Lehrerin Orilla Miller. Als Jugendlicher erlebte er die Literatur, z. B. das Werk Dostojewskis, als eine Befreiung aus der Einsamkeit, die er verspürte: Sie habe ihm gezeigt, dass er in seiner Armut, seiner körperliche Schwäche und seinen mentalen Problemen nicht allein sei.
Kurz nach seiner Abkehr vom Christentum schloss James Baldwin 1942 eine Schulausbildung an der angesehenen De Witt Clinton High School, einer vornehmlich von Weißen, meist Juden besuchten Schule in der Bronx, ab. Dort hatte er sich zuvor bereits durch die Herausgabe der Schülerzeitung The Magpie profiliert, für die er bereits einige Kurzgeschichten und Gedichte verfasst hatte. An der High School hatte er Freundschaften zu Mitschülern wie Sol Stein, Richard Avedon und Emile Capouya geknüpft, die später zu bedeutenden Figuren in der Kulturszene wurden. Er verließ die Familie und lebte in New Jersey von Gelegenheitsarbeiten, um sich daneben dem Schreiben widmen zu können. Ein Jahr später zog er nach Greenwich Village, dem Künstlerviertel New Yorks. Dort lernte er die die damals noch unbekannten Beat-Schriftsteller Jack Kerouac und Allen Ginsberg sowie den Maler Beauford Delaney kennen, der für ihn zu einem väterlichen Freund wurde, wobei er 1976 dessen Vormundschaft übernehmen sollte.
Als 1943 sein Stiefvater starb, sah sich Baldwin in der Pflicht, für den Unterhalt der Familie zu sorgen. Seinen Entschluss, Schriftsteller zu werden, gab er jedoch nicht auf, sondern wurde durch die Arbeiten, die er annahm, in seinem Streben noch bestärkt. Einen Förderer fand er in dem 16 Jahre älteren Schriftsteller Richard Wright, seinerzeit der bekannteste schwarze Autor der Vereinigten Staaten. Nach einem ersten Treffen 1944 erhielt Baldwin durch Wrights Fürsprache ein Stipendium, eine Eugene F. Saxton Fellowship für ein Romanprojekt. Dieses scheiterte zwar, bot jedoch einige Jahre später die Vorlage für seinen Roman Go Tell It on the Mountain. Auch ein weiteres Buchprojekt Baldwins, das durch ein Stipendium der Rosenwald Fellowship gefördert wurde, fand keinen Verleger.
1946 veröffentlichte Baldwin seine erste Buchrezension in der Zeitung The Nation. In den folgenden Jahren wurde er als Essayist und Rezensent bekannt; er publizierte in namhaften Zeitschriften und Zeitungen. Sein erstes bedeutendes fiktionales Werk war die Kurzgeschichte Sonny’s Blues im Jahr 1948.
In Baldwins Verhältnis zu seinem erklärten geistigen Vater Richard Wright wiederholte sich anschließend der für ihn immer noch tief sitzende Konflikt mit seinem Stiefvater. Wenige Jahre nach dem Bruch mit dessen religiösem Milieu vollzog sich der Bruch mit Wright, dessen aufklärerischem Impetus er die Befreiung aus den fanatisch-religiösen Zwängen seiner Kindheit verdankte. In einigen seiner ersten Essays, Everybody’s Protest Novel (1949) und Many Thousands Gone (1951), kritisiert Baldwin Wrights Roman Native Son. Er charakterisiert das Werk Wrights analog zu Harriet Beecher-Stowes berühmten Anti-Sklaverei-Roman Onkel Toms Hütte als ein „Protestroman“ und stellt in Frage, ob und inwiefern diese Bücher auch über künstlerische Qualität verfügen. Konkret warf Baldwin Wright vor, mit seinem Helden Bigger Thomas eine Figur in die Welt gesetzt zu haben, die eher ein soziologisches Experiment als ein echter Mensch sei. Er durchlaufe nämlich im Laufe der Handlung keine Entwicklung und entfalte keine echten Beziehungen zu den anderen Charakteren; seine Handlungen hätten keine echten Hintergründe und könnten keine zufriedenstellenden Antworten auf Fragen wie nach dem gesellschaftlichen Ursprung der Gewalt bieten. An Stelle davon, das echte Leben wiederzugeben, verkörpere er das unrealistische Stereotyp eines gewalttätigen, hasserfüllten Schwarzen, das noch aus der Zeit der Sklaverei stamme. Damit stehe er in einer Reihe mit Figuren wie der Mammy aus Vom Winde verweht oder auch Onkel Tom selbst, die durch ihre mythologisierte Darstellung des schwarzen Daseins rassistische Ressentiments nur verstärkten. Infolge von Baldwins Kritik zerbrach die Freundschaft zwischen den beiden schwarzen Schriftstellern. Dennoch machte Baldwin in Zukunft auch durch direkte Anspielungen in seinen Büchern immer wieder deutlich, wie viel er seinem literarische Ziehvater schuldete. So ist der Titel seines ersten Essaybandes, Notes of a Native Son, klar demjenigen von Wrights Protestroman nachempfunden.