Jacques René Chirac (Aussprache: [ʒak ʃi'ʁak] ; * 29. November 1932 in Paris; † 26. September 2019 ebenda) war ein französischer Politiker und von Mai 1995 bis Mai 2007 Staatspräsident Frankreichs. Zuvor war Chirac von 1974 bis 1976 und 1986 bis 1988 Premierminister sowie von 1977 bis 1995 Bürgermeister von Paris (Maire de Paris). Jacques Chirac gründete 1976 die gaullistische Partei Rassemblement pour la République (RPR), die er 2002 in die Mitte-rechts-Sammlungsbewegung Union pour un mouvement populaire (UMP) überführte.
Jacques René Chirac wurde 1932 in Paris geboren. Sein Vater Abel François Chirac (1893–1968) schaffte es vom Buchhalter zum Vermögensberater und Vertrauten der einflussreichen Industriellenfamilie Dassault (vormals Bloch). Seine Mutter Marie-Louise Valette (1902–1973) war Hausfrau. Die Eltern stammten aus Sainte-Féréole im ländlichen Département Corrèze in der zentralfranzösischen Region Limousin.
Chirac war seit 1956 mit Bernadette Chirac (1933–2026), geborene Chodron de Courcel, verheiratet und hatte mit ihr zwei Töchter, Laurence (1958–2016) und Claude Chirac (* 1962). 1979 hatte das Ehepaar die Vietnamesin Anh Dao Traxel (* 1958) bei ihrer Ankunft in Frankreich als Bootsflüchtling ohne gerichtlichen Adoptionsbeschluss als Tochter angenommen. Diese schilderte 2006 in ihrer Autobiografie Chirac sehr positiv, obwohl sie 1995 nach einer schleichenden Entfremdung aufgefordert wurde, das Familienheim zu verlassen und der Kontakt daraufhin abgerissen war.
Ausbildung, Militärdienst und Weg in die Politik
Chirac besuchte das Lycée Carnot und das Lycée Louis-le-Grand in Paris, wo er 1950 sein Baccalauréat machte. Dann studierte er Politikwissenschaften am Institut d’études politiques de Paris (IEP oder Sciences Po). Im Sommer 1953 belegte er einen Kurs an der Harvard Business School und reiste anschließend durch Kalifornien und die Südstaaten. Seine Diplomarbeit schrieb er 1954 über den Hafen von New Orleans.
Seinen 18-monatigen Wehrdienst leistete er von 1956 bis 1957. Zuerst war Chirac an der renommierten Kavallerieschule in Saumur und anschließend freiwillig im Einsatz im Algerienkrieg als Leutnant bei den Chasseurs d'Afrique im Département Tlemcen, an der Grenze zu Marokko. Als Reserveoffizier stieg er später bis zum Oberst auf. Von 1957 bis 1959 absolvierte er die Ausbildung für Spitzenbeamte an der École nationale d’administration (ENA). Dort war er ein Klassenkamerad des späteren sozialistischen Premierministers Michel Rocard.
Chirac trat 1947 als Schüler dem Rassemblement du peuple français (RPF), der Partei des Generals de Gaulle, bei, war aber kein aktives Mitglied. Während seines Studiums an der Sciences Po wandte er sich nach links und unterzeichnete den von der Parti communiste français initiierten Stockholmer Appell gegen Atomwaffen. 1951 half er beim Verkauf der kommunistischen Zeitung L’Humanité. Nach seinem Abschluss an der ENA wurde er Kommissar am französischen Rechnungshof und Dozent (Maître de conférences) an der Sciences Po. Im Juni 1962 wurde er Beauftragter für Bau und Verkehr im Generalsekretariat der Regierung, wo er dem Premierminister Georges Pompidou zuarbeitete. Zusammen mit Bernard Pons, Jean Charbonnel und Pierre Mazeaud wurde er zu den jeunes loups („jungen Wölfen“) Pompidous gezählt und begann sich in der gaullistischen Partei Union pour la Nouvelle République (UNR) zu engagieren. 1965 wurde er in den Gemeinderat von Sainte-Féréole im Limousin gewählt.
Bei der Parlamentswahl 1967 wurde Chirac als Abgeordneter des 3. Wahlkreises des Départements Corrèze in die Nationalversammlung gewählt. Dieser Wahlkreis hatte zuvor einen sozialistischen Abgeordneten gehabt. Im Mai 1967 wurde Chirac zum Staatssekretär für Beschäftigung (unter dem Arbeitsminister Jean-Marcel Jeanneney) im Kabinett Pompidou III ernannt. Pompidou nannte ihn seinen „Bulldozer“. Im Juli 1968 wechselte er als Staatssekretär ins Finanz- und Wirtschaftsministerium (unter dem Minister François-Xavier Ortoli). Diese Position behielt er auch nach dem Rücktritt de Gaulles und der Wahl seines Förderers Georges Pompidou zum Staatspräsidenten. Im Januar 1971 wurde er beigeordneter Minister beim Premierminister für die Beziehungen zum Parlament im Kabinett Chaban-Delmas. Ab Juli 1972 diente Chirac als Landwirtschaftsminister in den Kabinetten Messmer I und II. In Pierre Messmers dritter Regierung war Chirac von Februar bis Mai 1974 Innenminister.
Premierminister, RPR-Vorsitzender, Bürgermeister von Paris
Nach Pompidous plötzlichem Tod wurde 1974 eine vorgezogene Präsidentschaftswahl abgehalten. Entgegen der offiziellen Linie der gaullistischen UDR (Nachfolgerin der UNR) sprach sich Chirac bei dieser Wahl gegen seinen Parteikollegen Jacques Chaban-Delmas und für Valéry Giscard d’Estaing von den liberal-konservativen Républicains indépendants aus. Dieser gewann die Wahl und berief Chirac am 27. Mai 1974 zum Premierminister. Im Dezember desselben Jahres wurde er zudem zum Generalsekretär der UDR gewählt. Während seiner Regierungszeit wurde das Alter der Volljährigkeit auf 18 Jahre abgesenkt, der Schwangerschaftsabbruch (in den ersten 10 Wochen oder aus medizinischen Gründen) straflos gestellt und die öffentliche Rundfunkanstalt Office de Radiodiffusion Télévision Française (ORTF) aufgelöst. Damit brach er mit mehreren Positionen, die die gaullistischen Regierungen zuvor vertreten hatten. Nach Konflikten mit dem Staatspräsidenten trat er am 26. August 1976 zurück; sein Nachfolger wurde der Parteilose Raymond Barre.
Im Dezember 1976 gründete Chirac das Rassemblement pour la République (RPR) als neue Organisation der (Neo-)Gaullisten und Nachfolgepartei der UDR. Das RPR war bis 2002 die größte Partei rechts der Mitte in Frankreich, Chirac führte es bis 1994. Im Jahr 1977 wurde das Amt des Bürgermeisters von Paris (maire de Paris) wiedereingeführt, zuvor war die Hauptstadt über ein Jahrhundert von Präfekten der Zentralregierung verwaltet worden. Obwohl er die Einführung dieses Amtes zuvor selbst abgelehnt hatte, trat er zur Bürgermeisterwahl an und gewann. Er wurde 1983 und 1989 wiedergewählt und blieb bis 1995 Rathauschef von Paris. Aus dieser Zeit stammen schwerwiegende Korruptionsvorwürfe gegen ihn, die wegen seiner Immunität als Staatspräsident damals aber noch nicht aufgeklärt werden konnten.
Nach der Europawahl 1979 wurde Chirac Mitglied des Europäischen Parlaments; er gab diese Position im April 1980 auf. Chirac trat 1981 zur Präsidentschaftswahl an, schied aber mit 18 % der Stimmen als Drittplatzierter hinter dem Amtsinhaber Giscard d’Estaing und dem letztlich siegreichen Sozialisten François Mitterrand aus.
Nach fünf Jahren in der Opposition gewannen die bürgerlichen Parteien RPR und UDF aber im März 1986 die Parlamentswahl. Der Sozialist Mitterrand musste Chirac als Führer der Mehrheitspartei zum Premierminister ernennen (Kabinett Chirac II). Erstmals in der Fünften Republik kam es zur Cohabitation, d. h., dass Staatspräsident und Premierminister gegensätzlichen politischen Lagern angehörten. In Personalunion blieb Chirac daneben weiterhin Bürgermeister von Paris. Chirac setzte sich für die Ratifikation der Einheitlichen Europäischen Akte ein. Damit verzichtete Frankreich auf das nationale Vetorecht im EG-Rat, für das sich Präsident Charles de Gaulle 21 Jahre zuvor vehement eingesetzt hatte.
Bei der Präsidentschaftswahl 1988 trat Chirac erneut an. Diesmal qualifizierte er sich für die Stichwahl, unterlag dann aber mit 46 zu 54 Prozent dem Amtsinhaber François Mitterrand. Dieser entließ Chirac am 10. Mai 1988 als Premierminister und ernannte wieder einen Sozialisten, Michel Rocard. Auch bei der darauffolgenden Parlamentswahl setzte sich das linke gegen das konservative Lager durch. Beim RPR-Parteitag von Le Bourget gab es 1990 eine Kampfabstimmung: Die „orthodoxen“ und „sozialen Gaullisten“ unter Führung von Charles Pasqua und Philippe Séguin forderten eine Rückbesinnung auf die populistischen und sozialen Prinzipien des Gaullismus und lehnten einen weiteren Ausbau europäischer Institutionen ab. Chirac verband die Abstimmung über den Programmantrag mit der Vertrauensfrage über seine Position als Parteivorsitzender und brachte mehr als zwei Drittel der Delegierten hinter sich.