An diesem Tag

Jacques Bertot

Französischer römisch-katholischer Mystiker

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Jacques Bertot ([ʒak bɛʁto] ; * 29. Juli 1622 in Caen; † 28. April 1681 in Montmartre [jetzt Paris]) war ein römisch-katholischer Mystiker und der geistliche Führer Madame Guyons in deren jungen Jahren. Er war zunächst Oberer des Ursulinenkonvents in Caen und später Beichtvater der Abtei von Montmartre.

Aus dem Leben Jacques Bertots ist nur wenig bekannt. Im Vorwort des 1740/41 erschienenen Buches Der von Gott erleuchtete Führer (Bild) mit Texten Bertots findet sich eine – aus dem französischsprachigen Ausgangstext Le Directeur Mistique (s. unten) übernommene – Lebensbeschreibung mit dem Hinweis, dass diese „alles in sich verfasst, was man von ihm hat erfahren können“:

Bertot war der einzige Sohn des Tuchhändlers Louis Bertot und dessen Frau Judith Le Mière.

Umfeld Bertots – Wirken in Caen

Die Freundschaft mit dem Mystiker Jean de Bernières-Louvigny (1602–1659), der als Schatzmeister der Krone Laie war, ging auf die Zeit zurück, die Jacques Bertot in der von Jean de Bernières gegründeten Einsiedelei Ermitage de Caen verbracht hatte. Da de Bernières’ Denken und so wohl auch das spirituelle Leben in der Ermitage von der Lehre des Franziskaners Jean-Chrysostome de Saint-Lô (1594–1646), die auch einige der Grundthemen Bertots beinhaltet, stark geprägt waren, wurde versucht, Chrysostome de Saint-Lô als Begründer einer spirituellen Linie oder „mystischen Kindschaft“ darzustellen, die über de Bernières und Bertot zu der zu ihrer Zeit berühmten Madame Guyon (1648–1717) reicht, deren Lehre sich in weiten Teilen mit der Bertots deckt.

Wie zwei Briefe in Le Directeur Mistique von 1673 und 1674 zeigen, stand Jacques Bertot auch in Verbindung mit dem 1663 von François de Montmorency-Laval (1623–1708; 2014 heiliggesprochen) gegründeten Priesterseminar Séminaire de Québec in Kanada – auch François de Laval hatte (ab ca. 1654) für drei Jahre in der Ermitage von Jean de Bernières in Caen gelebt. Zu Bertots Umfeld zählten ferner die als Heilige verehrte Marie des Vallées (1590–1656), Jean Eudes (1601–1690; 1925 heiliggesprochen) und Catherine de Bar (1614–1698), die Gründerin des Instituts der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament und des Benediktinerinnenklosters Rue Cassette in Paris, die in einem Brief an Jean de Bernières vom 30. Juli 1645 schreibt, wie der damals erst 23 Jahre alte Jacques Bertot durch seine Anwesenheit „dieses arme, kleine Kloster erneuert und die Gnade der Inbrunst in den Köpfen und das Verlangen nach heiliger Vollkommenheit wiederbelebt hat.“

In Caen stand Bertot nach einem Studium an dem dortigen Kolleg zunächst von 1655 bis 1675 als Priester und Beichtvater dem 1624 von Jean de Bernières’ Schwester Jourdaine de Bernières gegründeten Ursulinenkonvent vor und betreute darüber hinaus Nonnen in verschiedenen Klöstern. 1675 erfolgte seine Berufung als Beichtvater an die Abtei von Montmartre, damals noch „ein Dorf auf einem Hügel, der ihm seinen Namen gibt, in der Nähe eines Vororts nördlich der Stadt Paris“.

Wirken in Montmartre und Paris – Retraites-Schriften

Schon vor dieser Zeit aber hatte Bertots Freundschaft mit der Äbtissin von Montmartre, Françoise Renée de Lorraine (1621–1682), dazu geführt, dass sich in Paris um Bertot, der in der Abtei von Montmartre und einige Jahre später auch im Haus der Nouvelles Catholiques in Paris Vorträge hielt, ein frommer Kreis bildete. Wohl aus diesem Umfeld gingen 1662 zwei Begleitbände zu Einkehrvorträgen hervor, in welchen im Wesentlichen die Anfänge des Weges der Vervollkommnung einer Seele im Grad der Betrachtung, der ersten Stufe des mystischen Wegs, thematisiert wurden. Komplettiert wird diese Reihe durch einen dritten Band mit dem Titel Conclusion des Retraites, der jedoch erst nach Bertots Tod von der Oberin des Klosters Montmartre veröffentlicht wurde; Bertot selbst strebte nicht danach, sich „als ein Autor durch den Druck darzustellen“.

Diese letzte, sehr dichte und detailscharfe Abhandlung – unter dem Titel Abschluss der Einkehrvorträge 2020 erstmals in Übersetzung erschienen (s. unter Werke) –, in der die höheren Grade des mystischen Wegs mit Autorität und psychologischer Finesse umrissen sowie Fragen des Verhaltens in verschiedenen Lebenssituationen erörtert werden, wurde wie auch die beiden ersten Bände der Retraites-Schriften ohne Nennung eines Autors veröffentlicht und erst in neuerer Zeit Bertot zugeschrieben; den beiden ersten Bänden lagen dabei wohl Mitschriften seiner Vorträge und dem dritten Band Aufzeichnungen Bertots zugrunde. Die Texte weichen im Schreibstil jedoch von den unzweifelhaft aus Bertots Hand stammenden, späteren Abhandlungen und Briefen ab und erreichen auch nicht deren Tiefe, weshalb eine andere Autorschaft nicht ausgeschlossen bleibt. Andererseits wurden sie einige Jahre vor jenen verfasst, sodass – neben einer eventuell erfolgten Überarbeitung durch Dritte und anderen möglichen Erklärungen – unterstellt werden kann, dass Bertots Lehre und Stil in diesen frühen Texten noch nicht zu der Reife späterer Jahre gelangt waren.

Verbindung mit Madame Guyon – Überlieferung und Wirkung der Schriften Bertots

Die 26 Jahre jüngere, damals 23-jährige Madame Guyon traf auf Anraten von Geneviève Granger (1600–1674), der Oberin des Benediktinerkonvents ihres Heimatorts Montargis, unter deren Einfluss sie einige Zeit stand, am 21. September 1671 zum ersten Mal mit Jacques Bertot zusammen. Hierzu erwähnt Madame Guyon im ersten Teil ihrer Autobiografie, dass sie nach Paris gegangen sei, „um da mein Auge behandeln zu lassen, indes viel weniger in dieser Absicht, als den Herrn Bertot zu sehen, den die Mutter Granger mir vor Kurzem zum Gewissensrat empfohlen hatte und der ein Mann von hoher Erleuchtung war.“ Auch sie, von Bertot später als seine „älteste Tochter und die fortgeschrittenste“ bezeichnet, war in der Folge einige Jahre lang Teil des Kreises um Bertot in Paris und nahm an dessen Einkehrvorträgen teil.

Nicht zuletzt Madame Guyon ist es zu verdanken, dass Leben und Werk Jacques Bertots nicht völlig in Vergessenheit gerieten: Vor ihrem Tod hatte sie die schon von ihr zur Veröffentlichung vorbereitete Sammlung von Abhandlungen und Briefen, zu der neben den an sie selbst gerichteten Briefen Bertots zahlreiche Briefe und Manuskripte aus Bertots Nachlass gehörten, die auf Umwegen an Madame Guyon gelangt waren, ihrem Schüler Pierre Poiret (1646–1719) anvertraut, dessen Freunde sie 1726 schließlich als vierbändiges Werk unter dem Titel Le Directeur Mistique in Druck gaben. Eine Auswahl der darin enthaltenen Texte Bertots wurde ins Deutsche übersetzt und unter dem Titel Der von Gott erleuchtete Führer in denen geheimen Wegen des mit Christo in Gott verborgenen Lebens (s. unter Werke) 1740 und 1741 in dem als Zentrum der radikal-pietistischen Inspirationsbewegung in Deutschland bekannten Berleburg herausgegeben (wo zwischen 1726 und 1742 auch die stark von Madame Guyons Lehre geprägte Berleburger Bibel gedruckt wurde). 1742 wurde in Berleburg zudem eine einbändige Auswahl von Texten aus Le Directeur Mistique in französischer Sprache ediert. Weiterhin findet sich ein 1672 von Jacques Bertot an Madame Guyon gerichteter Brief in zwei deutschen Übersetzungen (1734 und 1769) in den Briefsammlungen Madame Guyons, und 1739 wurde eine Abhandlung Bertots zu Lazarus von Betanien (höchst wahrscheinlich ebenfalls in Berleburg) in Übersetzung veröffentlicht. Dieser Brief (in der Fassung von 1769) und die 1739 übersetzte Abhandlung finden sich neben einer Auswahl hier erstmals in Übersetzung vorgestellter Texte Bertots auch in dem 2023 erschienenen Sammelband Weitere Schriften (s. unter Werke).

Die gesichert durch Bertot verfassten Schriften zeugen in ihrer großen Dichte und Strenge, Nüchternheit und Schlichtheit von dessen ausgesprochen tiefer spiritueller Erfahrung und sind in vielerlei Hinsicht beispiellos. Mit ihrer Kraft und Klarheit sind sie bemerkenswerte Zeugnisse eines direkten, ja abrupten Weges, der weit von jeglicher Selbstgefälligkeit und von der Passivität schlichten Nichtstuns und Müßiggangs entfernt ist, die die Bezeichnung Quietismus und die damit verbundenen Anschuldigungen, die gegen Bertot erst post mortem erhoben wurden, denen sich vor allem aber Madame Guyon ausgesetzt sah, rechtfertigen würden. Fraglos war die Verfolgung durch die Kirche im 17. und 18. Jahrhundert auch machtpolitisch motiviert; die Verkennung dieses Wegs erklärt sich aber wohl vor allem aus seinem rein mystischen Charakter, der eine völlige Hinwendung zu Gott voraussetzt und nur durch die persönliche Erfahrung in seiner Tiefe erfasst werden kann.

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