Jacob de Graeff, Vrijheer van Purmerland en Ilpendam (* 28. Juni 1642 in Amsterdam; † 21. April 1690 ebenda) war ein holländischer Aristokrat des Goldenen Zeitalters der Niederlande, dem Geschlecht der De Graeff entstammend.
Seine politische Haltung war charakteristisch für seine Familie: einerseits Libertin und staatsgesinnt, andererseits, wenn auch nur bedingt, loyal gegenüber den Oraniern. De Graeff hatte in intimen Kontakt mit den Staatsmännern Johan de Witt und Wilhelm III. von Oranien sowie dem Literaten Joost van den Vondel gestanden.
Gesellschaftspolitischer Hintergrund
Im Laufe des Goldenen Zeitalters der Niederlande standen die Mitglieder der Familie De Graeff in harscher Kritik zum sich immer mehr ausbreitenden Einfluss des Hauses Oranien-Nassau. Gemeinsam mit den führenden republikanischen Staatsmännern, den Gebrüdern Bicker und den De Witt, waren sie für eine Aufhebung der Statthalterschaft, zumindest in der Provinz Holland. Weiters beanspruchten sie den Erhalt einer (ihrer) vollen Souveränität als Stadtregenten.
Jacob entstammte dem De Graeff’schen Familienzweig der Stadtherren von Amsterdam. Seine Eltern waren der Staatsmann und Amsterdamer Regent Cornelis de Graeff und Catharina Hooft; Pieter de Graeff war sein älterer Bruder. Das Geschlecht war mit einem bedeutenden Patriziergeschlecht Hollands verwandt, so war Jacob via seiner Mutter auch der Cousin von Ratspensionär Johan de Witt. Ob Jacob gleich seinem Bruder Pieter seine Erziehung bei Johann Amos Comenius genoss ist nicht erwiesen.
1648 trat Jacobs Vater Cornelis als Initiator für den Bau des neuen Stadthauses Op de Dam auf. Nach dem Friedensschluss von Münster wollte die Stadt Amsterdam – als Zentrum Hollands – ihre neue Macht mit einem repräsentativen Regierungssitz untermauern. Hierbei trat Jacob als einer der vier Grundsteinleger auf, seine mit seinem Wappen verzierte Schaufel befindet sich heute in den Sammlungen des Amsterdamer Rijksmuseum. Die Entstehungsgeschichte sowie die Jahreszahl dieser Ersten Steinlegung wurde von Cornelis de Graeff auf einer sich in einem der Gerichtssäle befindlichen schwarzen Marmorplatte in lateinischer Schrift festgehalten:
Am 29. Oktober 1648, in dem Jahr, in dem der Krieg beendet wurde, den die vereinigten niederdeutschen Völker mit den drei mächtigen Philipps, den Königen von Spanien, zu Lande und zur See in beinahe allen Teilen der Erde mehr als 80 Jahre lang geführt haben, nachdem die vaterländische Freiheit und Glaubensfreiheit gesichert waren, haben während der Regierung der vortrefflichen Bürgermeister Gerb. Pancras, Jac. de Graef, Sib. Valchenier Pet. Schaep, Söhne und Blutsverwandte der Bürgermeister durch die Grundsteinlegung das fundament für dieses Rathaus gelegt.
Hollands bekannter Dichter Joost van den Vondel verfasste zu diesem Anlass sein Gedicht Bouwzang.
1652 ließ sich Cornelis de Graeff mit seiner Gattin Catharina Hooft und deren beiden Söhnen Pieter und Jacob durch Jan Victors als Isaak und Rebekka mit ihren Söhnen Jakob und Esau porträtieren. Dieses allegorische Werk und De Graeffs Darstellung als einer der Erzväter eines Volkes und seiner Ehefrau sollte seine Wichtigkeit unterstreichen.
Im Jahre 1660 saßen Jacobs Vater und Johan de Witt einer Kommission der niederländischen Generalstaaten vor, durch diese wurden Cornelis de Graeff, De Witt und Gillis Valckenier zum Vormund des Prinzen Wilhelm III. von Oranien-Nassau, dem kind van staat, bestellt. Die Sommer über verbrachte der junge Fürst am Graeffschen Anwesen in Soestdijk, gemeinsam mit den Gebrüdern Jacob und Pieter, mit welchen er an den Teichen der Parkanlage spielte. Beim Einzug von Maria Henrietta Stuart und Wilhelm III. in Amsterdam im Jahre 1660 war De Graeff während deren Aufenthalt als persönliche Eskorte des Prinzen abbestellt. Er war hierbei auch als Kornett neben Rittmeister Jan van Waveren und Leutnant Dirck Tulp für den Aufzug der Truppen verantwortlich. Im Jahre 1661 widmete Van den Vondel dem jungen Jacob seinen Adonias. Jacob promovierte im Jahre 1662 an der Universität Harderwijk zum Magister (oder Doktor) der Rechte.
Im Jahre 1667 wurde Jacob de Graeff Kommissar für Seeangelegenheiten (Marine und Handel) in Amsterdam und zum militärischen Kommandanten (der Bürgergarde) von Amsterdam ernannt. 1671 wurde Jacob Regent des Bürgerwaisenhauses und Hauptmann der Amsterdamer Bürgergarde. Im Jahre 1672 trat er als Schepen (Schöffe) in die Amsterdamer Stadtregierung ein. Im selben Jahr, dem Rampjaar, wurde die republikanisch und Wittianisch (Johan de Witt) gesinnte Fraktion der De Graeff, beinhaltend Jacob, seinen Bruder Pieter, deren Onkel Andries de Graeff sowie deren Cousin Bürgermeister Lambert Reynst, von der Regierung ausgeschlossen. Diese Resolution der Vroedschap war eine der Voraussetzungen für die Wiedereinsetzung eines Statthalters in Holland.
1666 ehelichte Jacob de Graeff in Den Haag mit Maria van der Does (1649-1667), Tochter von Willem Simonsz van der Does (1608-1666), Rechtsgelehrter, und Catharina Hendriksdr Salomon (* 1608), welche in erster Ehe mit dem Amsterdamer Patrizier Jacob Bas (1603–1645) verheiratet war. Maria war somit eine reiche Erbin, die ihm ein Vermögen von 400.000 Gulden zubrachte. Sie ist aber schon drei Monate nach deren Hochzeit und daher auch kinderlos verstorben. Der Amsterdamer Patrizier und Chronist Hans Bontemantel spricht in seinen Notizen über Mutmaßungen die damals über Jacob in Amsterdam kursierten. So sollte er Maria im Sterbebett zwei Mal überredet haben ihr Testament zu seinen Gunsten abzuändern und ihm als Erbe vier Tonnen Gold zu hinterlassen.
Werben um Anna Christina Pauw van Bennebroek
Nach dem Tod von Maria wurde Jacob de Graeff wohl Anfang des Jahres 1669 von seinem Cousin Ratspensionär Johan de Witt in die Den Haager Gesellschaft eingeführt. Den Haag war im 17. Jahrhundert nach der Handelsmetropole Amsterdam die zweitwichtigste Stadt Hollands und galt auch aufgrund des dort residierenden Oranier-Hofes als das aristokratische und diplomatische Zentrum Hollands sowie der Republik. De Witt führte De Graeff auch in das Haus des Adriaen Pauw, Herr von Bennebroek, Präsident des Hofes van Holland sowie Sohn des vormaligen Ratspensionärs Adriaan Pauw ein. Dort hatte sich Jacob in Pauws einzige Tochter, Anna Christina Pauw van Bennebroek (1649-1719), der überaus schönen und wohlhabenden „Juffrouw van Bennebroek“ verliebt, die als Erbtochter des Adriaen ein immenses Erbe und den Titel von Bennebroek erwartete und somit in der Den Haager Aristokratie und dem Patriziat als beliebte Heiratspartnerin. De Graeff hielt dies vor seiner Mutter Catharina Hooft geheim, von der er wusste, dass sie vehement gegen eine eheliche Verbindung mit einem Mitglied aus der Regentenfamilie der Pauw war, da sie die Paauwen ganz und gar nicht mochte [de Paauwen gantsch niet lustte]. Trotzdem reiste er in regelmäßigen Abständen nach Den Haag um Anna Christina den Hof zu machen. Er nächtigte zumeist bei De Witt, den er ins Vertrauen gezogen hatte. Im März hatte Jacobs Werben Konkurrenz in Person von Graf Georg Hermann Reinhard von Wied (1640-1690), Kavalleriehauptmann im Dienst der Niederländischen Republik erhalten. Der Graf von Wied bat De Witt ebenfalls um dessen Unterstützung bei Anna Christina und deren Eltern. Auch selbst Wieds Vater Graf Friedrich III. von Wied und Fürst Egon von Fürstenburg baten De Witt eine Ehe zwischen den beiden zu forcieren. Im April kam noch ein dritter Verehrer der „Juffrouw van Bennebroek“ hinzu, Baron Nicolaas Sohier de Vermandois (1645-1690), Herr von Warmenhuijsen, Crabbendam, Oud-Poelgeest, Meresteijn. Schlussendlich sprach Jacob im April 1669 mit seiner Mutter über sein Vorhaben, worauf sich zwischen den beiden ein heftiger Streit entbrannte. Catharina Hooft drohte, wenn die Ehe ihres Sohnes mit der Tochter des Adriaen Pauw zustande kommen sollte, gegen die sie persönlich nichts hätte, dass sie ihren Sohn enterben und ihn als unwürdiges Mitglied abschneiden würde. Darauf entspannte sich ein reger Briefwechsel zwischen Catharina Hooft mit ihrem älteren Sohn Pieter de Graeff, der sie beruhigen zu versuchte, und mit ihrem Neffen Johan de Witt, den sie als Familienmitglied eindringlich darum bat, ihr in dieser Angelegenheit zu helfen, um Jacob die Ehe mit der „Juffrouw van Bennebroek“ auszureden und diese somit zu verhindern: Sie werde Anna Christina niemals als Tochter akzeptieren und ihren Sohn nicht mehr als Kind betrachten, wenn er darauf besteht. Johan de Witt scheint sich aber der Sache seines Cousins Jacob angenommen zu haben und hatte auch bei Anna Christinas Eltern Adriaen und Cornelia Pauw (1626-1696), die Adriaens eigene Cousine war, interveniert. Auch Annas mütterlicher Großvater Reinier Pauw, Präsident des Hohen Rates von Holland, Zeeland und Westfriesland, wurde seitens De Witt für die Ehe mit Jacob gewonnen. Das Nieuw Nederlandsch biografisch woordenboek (Deel 2 von 1912) bezeichnet die Verbindung von Jacob und Anna Christina sogar als Verlobung.