An diesem Tag

JHQ Rheindahlen

Stadtteil von Mönchengladbach

Anúncio

Das JHQ (von: Joint Headquarters, deutsch: gemeinsames Hauptquartier) Rheindahlen war ein militärischer Stützpunkt nördlich von Rheindahlen im Mönchengladbacher Stadtbezirk West. Er diente von 1954 bis 2013 als Hauptquartier verschiedener Verbände der britischen Streitkräfte und der NATO. Er beherbergte unter anderem den Stab des Allied Rapid Reaction Corps (ARRC), einer Schnellen Eingreiftruppe der NATO. Das JHQ Rheindahlen bildete einen eigenen Stadtteil (Hauptquartier) mit (von 1954 rund 12.000) nurmehr 622 Einwohnern (Stand: 31. Dezember 2018) und 2000 Gebäuden, einschließlich Schulen, Kirchen, Theater (ehemalig), Sportplätzen und Einkaufszentrum.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 errichteten die von Westen vorrückenden britischen Streitkräfte zwei Hauptquartiere in Westdeutschland: Die 21st Army Group beschlagnahmte dafür große Teile von Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen, während die Royal Air Force (RAF) das niedersächsische Bad Eilsen als Standort wählte.

Die 21st Army Group wurde am 25. August 1945 in British Army of the Rhine (BAOR, Britische Rheinarmee) umbenannt, deren Stab zusammen mit belgischen und niederländischen Offizieren ab 1. November 1952 den Stab der Northern Army Group der NATO (NORTHAG, Heeresgruppe Nord) bildete. Nach dem gleichen Prinzip entstand am 2. April 1952 in Bad Eilsen der Stab der Second Allied Tactical Air Force (2ATAF, 2. Alliierte Taktische Luftflotte). Er setzte sich aus Offizieren der Royal Air Force sowie der belgischen und niederländischen Luftwaffe zusammen. Auftrag von NORTHAG und 2ATAF war es, im Kriegsfall das norddeutsche Gebiet nördlich einer Linie Köln–Kassel gegen Angriffe des Ostblocks bzw. Warschauer Pakts (ab 1955) zu verteidigen und eindringende Kräfte zurückzuwerfen. Im Frieden galt es, die Einsatzpläne und Befehlsstrukturen durch Übungen zu überprüfen und zu optimieren und dadurch gleichzeitig einen Beitrag zur NATO-Strategie der Abschreckung zu leisten.

Entscheidung für Mönchengladbach

Schon 1950 gab es erste Pläne für eine Verlegung der Hauptquartiere. Dafür sprachen mehrere Gründe: Die Briten beanspruchten seit 1945 große Teile von Bad Oeynhausen und Bad Eilsen für sich und beeinträchtigten das zivile Leben und die Wirtschaft der beiden Kurstädte erheblich. Ein zweiter Grund lag in der Militärstrategie der NATO begründet. Danach bildete der Rhein eine Hauptverteidigungslinie im Kriegsfall, so dass wichtige Stützpunkte und Hauptquartiere möglichst westlich des Rheins liegen sollten. Entscheidendes Argument für einen Umzug waren jedoch die Finanzen: Laut dem Deutschlandvertrag vom 26. Mai 1952 kam Deutschland noch bis zum 30. Juni 1954 für die Kosten beschlagnahmter deutscher Liegenschaften auf. Nach diesem Datum mussten die jeweiligen Besatzungsmächte diese Ausgaben selbst tragen. Daher beeilten sich die Briten, bis Mitte 1954 ein neues Hauptquartier fertigzustellen.

Anfang August 1952 begann die Suche nach einem geeigneten Standort. Er sollte in der britischen Besatzungszone zwischen Aachen und Mönchengladbach gelegen sein, rund vier Quadratkilometer Fläche und eine gute Verkehrsanbindung bieten. Von zunächst sechs möglichen Arealen blieben bis zur Erkundung am 8. August vier übrig: Merbecker und Wegberger Busch, eine Waldfläche südlich von Myhl, der Birgelner Wald westlich des Militärflugplatzes Wildenrath sowie der Hardter Wald im Westen von Mönchengladbach. Die aus britischen und belgischen Offizieren und Vertretern des Landes Nordrhein-Westfalen bestehende Erkundungsgruppe entschied sich für den westlichen Teil des Hardter Waldes: Die günstige Lage, die gute Bebaubarkeit und die einfache Versorgung mit Gas, Strom und Wasser gaben den Ausschlag.

Die endgültige Entscheidung sollte bei einem Treffen am 12. August 1952 in Wildenrath fallen. Daran nahmen britische Offiziere und Vertreter der Bundesrepublik, des Landes Nordrhein-Westfalen und der Stadt Mönchengladbach teil. Franz Meyers, Innenminister von Nordrhein-Westfalen und zu dieser Zeit auch formell Oberbürgermeister von Mönchengladbach, meldete ernste Bedenken gegen die Wahl des Hardter Waldes an. Er liege zu nah an der Siedlung Hardt und der dortigen Lungenheilstätte und sei ein wichtiges Naherholungsgebiet. Als Alternative schlug er den unmittelbar südwestlich gelegenen Rheindahlener Wald mit Erweiterungsflächen im Nordwesten und Südwesten vor. Nach einer sofort durchgeführten Ortsbesichtigung stimmten die Briten zu; sie wollten noch am selben Tag zu einem Abschluss kommen. Die Briten beschlagnahmten das Gelände unverzüglich, einschließlich der Erweiterungsflächen rund acht Quadratkilometer. Das neue Hauptquartier sollte bis zum 1. Juni 1954 bezugsfertig sein, die veranschlagten Baukosten betrugen 130 Millionen DM. Da die ganze Angelegenheit vertraulich behandelt worden war, erfuhr die Öffentlichkeit erst am 15. August durch eine Presseerklärung von der Beschlagnahme und dem Bauvorhaben. Die Reaktionen fielen gemischt aus: Einige Bürger beklagten den Verlust des Waldes, andere protestierten gegen die zunehmende militärische Präsenz, während die örtliche Wirtschaft auf Aufträge hoffte.

Am 15. August 1952 begannen die Vermessungsarbeiten für das rund 400 Hektar große Hauptquartier. Bei den britischen Streitkräften war Oberst Harry Grattan als Leitender Pionieroffizier mit der Bauleitung betraut worden, auf der deutschen Seite war Baudirektor Otto Schmalbruch als Leiter des eigens gegründeten Finanzsonderbauamtes der Stadt Mönchengladbach verantwortlich. Im September wurden die ersten Bäume für Baustraßen gerodet, am 28. Oktober begann die maschinelle Herstellung von über 20 Kilometer Hauptstraßen aus Beton.

Größte Einzelbaumaßnahme war das Stabsgebäude, ein dreigeschossiger, mehrflügeliger Bau mit Außenmaßen von etwa 250 mal 160 Meter und rund 2000 Räumen. Die Grundsteinlegung für das so genannte Big House fand am 1. Juli 1953 statt. Außerdem entstanden 1126 Wohngebäude für Verheiratete und Familien, davon 476 für Unteroffiziere und Mannschaften und 650 für Offiziere. Dazu kamen rund 100 einfachere Unterkünfte für ledige Soldaten und Zivilangestellte. Alles in allem sollten rund 10.000 Menschen im JHQ untergebracht werden können. Zusätzlich wurden in den umliegenden Gemeinden über 300 Wohnungen für deutsche Bedienstete errichtet sowie das RAF-Hospital Wegberg auf Mönchengladbacher Stadtgebiet direkt an der Grenze zu Wegberg und die Nicholson-Barracks (die heutige Niederrhein-Kaserne) im Norden Mönchengladbachs mit einer Druckerei und das Besoldungsamt. Im JHQ selbst entstanden sämtliche Einrichtungen, die für Versorgung, Soziales, Kultur und Sport in einer Siedlung nötig sind: Offiziersmessen, Klubs, Schulen, Theater, Kino, Geschäfte, Postamt, Feuerwache, Kirchen, Freibad und über 20 Sportanlagen.

Für die meisten Gebäude nutzten die Briten wegen des Zeitdrucks Standardentwürfe, die sie schon bei ähnlichen Kasernenbauten verwendet hatten. Dadurch gingen die Mönchengladbacher Architekten bei diesem größten Bauvorhaben in der Geschichte der Stadt leer aus. Auch die ortsansässigen Bauunternehmen kamen kaum zum Zuge; die Briten bevorzugten große auswärtige Baufirmen. Immerhin 71 Mönchengladbacher Firmen nahmen bis Mitte Februar 1953 an Ausschreibungen teil oder erhielten Aufträge. Insgesamt waren 1500 Hauptauftragnehmer und etliche Subunternehmer an dem Bau beteiligt, bis zu 6000 Arbeiter wirkten gleichzeitig auf dem Gelände.

Drei mit Kohle betriebene Heizkraftwerke mit zusammen 26 Kesseln versorgten die Anlage mit Heizwärme und Warmwasser. Das JHQ wurde an das öffentliche Gasnetz angeschlossen und erhielt Strom über eine 15-kV-Leitung. Insgesamt wurden rund 1600 km Leitungen aller Art verlegt. Für die Versorgung mit Trinkwasser war ursprünglich der Anschluss an mindestens eines der drei umliegenden Wasserwerke geplant. Da deren Wasserqualität nur mäßig war und die Bauleitung von einem nahen Hausbrunnen mit besserem Wasser wusste, ließ sie Probebohrungen vornehmen. Diese stießen in 20 bis 26 Meter Tiefe auf Grundwasser guter Qualität. Die um Rat gefragten deutschen Geologen hielten die Ergiebigkeit des Vorkommens allerdings für zu gering, doch die britischen Pioniere um Oberst Grattan ließen sich nicht beirren und suchten weiter, denn sie wussten um Grattans besondere Fähigkeit: Er hatte sich vor dem Zweiten Weltkrieg in Indien als Rutengänger einen gewissen Ruf erworben. Grattan höchstpersönlich bestimmte mittels Wünschelrute weitere 17 Stellen für Testbohrungen, teilweise auch außerhalb des JHQ. Bei allen Bohrungen traf man auf den gleichen Grundwasserspeicher. Schnell war klar, dass sein Volumen die kalkulierten 340.000 Liter pro Tag würde liefern können. Also wurden vier Rohrbrunnen gebaut, wodurch das JHQ wider Erwarten unabhängig und preiswert mit gutem Trinkwasser versorgt werden konnte.

Anúncio

Bald in der World in Stories App

Audio, Offline-Download, keine Werbung und mehr.

Premium entdecken
JHQ Rheindahlen | World in Stories