Jürg Schubiger (* 14. Oktober 1936 in Zürich; † 15. September 2014 ebenda) war ein Schweizer Psychologe und Schriftsteller, der besonders für seine Kinderbücher bekannt wurde.
Jürg Schubiger ist als Sohn eines Verlegers in Winterthur aufgewachsen. Nach verschiedensten beruflichen Anläufen und Abbrüchen und längeren Aufenthalten in Südeuropa studierte er in Zürich Germanistik, Psychologie und Philosophie. Mit einer Dissertation über Franz Kafka schloss er 1969 sein Studium ab. Es folgten zehn Jahre Tätigkeit im pädagogischen Verlag seines Vaters. Ab 1979 arbeitete er vorwiegend als Psychologe in eigener Praxis – teilweise zusammen mit seiner zweiten Frau Renate Bänninger Schubiger. Später wurde das Schreiben zu seinem Hauptberuf. Jürg Schubiger wohnte in Zürich. Er wurde Vater von zwei Söhnen und zu Lebzeiten Grossvater von acht Enkelkindern.
Am Beginn des umfangreichen literarischen Werks von Jürg Schubiger stehen Gelegenheitstexte: poetische Reiseberichte, z. B. aus Korsika oder dem Tessin, die meisten bebildert mit eigenen Fotos, dazu auch Geschichten und Märchen, die er auf seinen Reisen gehört und notiert hatte. Veröffentlicht wurden sie ab Mitte der 1950er Jahre im Feuilleton der Winterthurer Zeitung Der Landbote. Der literarische Durchbruch gelang ihm Anfang der 1970er Jahre mit der Geschichtensammlung Die vorgezeigten Dinge (1971). Aufmachung, Verlag und ein Vorwort des Schriftsteller-Freundes Franz Hohler verweisen auf den Leserkreis der literarisch interessierten Erwachsenen. Viele Geschichten aber sind mehrfach adressiert und eignen sich auch für die Lektüre mit Kindern. Sie handeln von Alltäglichem, bei denen man immer auf befremdliche Veränderungen gefasst sein muss: etwa auf einen Stein, der atmet, auf einen Baum mit riesigen Äpfeln, auf einen eigensinnigen Ofen, auf ein Kleid, in dem man wohnen kann.
Zu den literarischen Merkmalen dieser «kurzen Prosa» gehören die thematische und sprachliche Konzentration, die Begrenzung der Figuren, des Raumes und der Zeit, der direkte Sprung in eine Situation, der pointierende Schluss und ein weitgehend neutraler, voraussetzungsloser Erzählgestus. Aus den traditionellen Formen des Märchens, der Sage, des Schwanks, der Fabel, der Parabel, der Kalendergeschichte oder der Anekdote entwickelt Jürg Schubiger seine eigenen, «modernen» Varianten. In den Hin- und Hergeschichten (1986) erprobt er die neu gefundene Erzählform in einem literarischen Spiel mit Franz Hohler. Der eine notiert einen Einfall, der andere nimmt das Stichwort auf und reagiert darauf mit einer eigenen Geschichte.
Auf Haus der Nonna (1980), eine Erzählung über eine Kindheit im Tessin der frühen 1940er Jahre, folgt 1983 Unerwartet Grün, ein Text mit tagebuchartigen Notizen. Ausgebreitet wird hier ein Geflecht von Naturbeobachtungen, Erinnerungen und Gedanken eines Wanderers, der ein ganzes Jahr hindurch immer wieder den gleichen Weg vom Tessiner Dorf aus zu einer höher gelegenen Alm geht – alleine, in voller Konzentration auf allmähliche Veränderungen und unverhoffte Anblicke.
Auf die lineare Entwicklung einer Handlung, auf psychologisch stringent ableitbare Eigenschaften von Figuren und auf einen allwissend kommentierenden Erzähler verzichtet Jürg Schubiger auch in seinen späteren Werken für Erwachsene. Stattdessen variiert er das Muster des Ausleuchtens von Einzelszenen, die erst in ihrer Zusammenschau ein facettenreiches Gesamtbild ergeben: von einer Reise, auf der die Hauptfigur, durch Zufälle gelenkt, sich von einer Begebenheit in die nächste treiben lässt (Hinterlassene Schuhe, 1989), von zunehmend vertraulichen Gesprächen zwischen zwei alternden Menschen, die sich über ihre Lebensumstände austauschen (Haller und Helen, 2002), von einer Frau auf der Suche nach ordnenden Linien in ihrer Biographie (Die kleine Liebe, 2008) und von einem Mann, der seine Wahrnehmungen, sein Gedächtnis und damit auch sein Leben nach einer schweren Krankheit neu ordnet (Nicht schwindelfrei, 2014). In dem Geschichtenzyklus Überall ist leicht zu verpassen (2012) nimmt er die Form der kurzen Prosa wieder auf und erzählt seinen Leserinnen und Lesern eine «ziemlich philosophische Geschichte», in der ein kleines Mädchen, ein wilder Wolf, ein starker Stier und eine grosse Frau die Hauptrollen spielen.
Dieses aus einer Überarbeitung früherer Geschichten entstandene Buch zeigt deutlich, dass es für Jürg Schubiger von Anfang an keine unüberwindbare Grenze zwischen dem Schreiben für Erwachsene und für Kinder gibt. Auf der einen Seite ist er sich dessen bewusst, dass er sich in einer anderen «Landschaft» befindet, wenn er für Kinder schreibt. Dazu sagt er selbst:«In dieser ‹Landschaft› gelten andere Regeln, es ist anderes Spiel. Das trifft es genauer als die ‹andere Sprache›: Es ist ein anderes Spiel.» Gleichzeitig zählt er darauf, dass seine Geschichten auf zwei Ebenen wirken: Kinder sollen ihre eigenen Anknüpfungspunkte finden, Erwachsene die Freude am Text nicht verlieren. Für Kinder schreiben heisst deshalb für ihn immer: «auch für Kinder».
Jürg Schubigers kinderliterarisches Werk ist umfangreich: Von 1978 bis 2013 umfasst es neben zahlreichen Beiträgen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien 19 eigenständig publizierte Bücher. Dabei dominiert die Form der Geschichtensammlung; dazu kommen zwei umfangreichere Erzählungen (Mutter, Vater, ich und sie – 1997 und Die Geschichte von Wilhelm Tell – 2003), drei Bände mit Gedichten, vier Bilderbücher, illustriert von namhaften Künstlerinnen und Künstlern, und zwei Nacherzählungen klassischer literarischer Stoffe: Die Seltsamen Abenteuer des Don Quijote (2003) und, in Schweizer Mundart, De Strubelpeter (2010). Die nach 1995 erschienenen Texte wurden fast ohne Ausnahme in andere Sprachen und Kontexte übersetzt; darunter sind neben den europäischen auch kulturell stark differierende wie das Koreanische oder das Chinesische. Mit Ausgaben in 10 verschiedenen Ländern nimmt die Geschichtensammlung Als die Welt noch jung war (1995) dabei den Spitzenplatz ein.
Bei aller Vielfalt der Texte gibt es Themen und Darstellungsformen, die Jürg Schubiger bevorzugt. Eines seiner Lieblingsmotive ist der «Anfang»: «Nun gibt es aber sehr verschiedene Arten von Anfängen. Es gibt die Anfänge, die gewissermassen von Fanfaren markiert werden, die wie grosse Portale sind. Sie zeigen unmissverständlich: Hier ist der Eintritt in einen neuen Bereich. Und es gibt die kleineren Anfänge. In einem Alltagsablauf scheint ganz plötzlich etwas auf, das sich erst im Nachhinein, im Rückblick als ‹Anfang› herausstellt. Das kleine Aufmerken im Alltag, das zu diesem Anfang gehört, ist mir sehr wichtig geworden».
Nichts ist für einen Schriftsteller so ursprünglich wie sein Werkzeug: die Sprache. Jürg Schubiger widmet diesem Aspekt seine besondere Aufmerksamkeit. In Mutter, Vater, ich und sie stellt die Hauptfigur, ein philosophierender 10-jähriger Junge, gleich zu Beginn fest: «Die Wörter passen zu den Dingen. Und zwar so gut, dass man meistens gar nicht darüber nachdenkt» (S. 15). Denkt man darüber nach und öffnet sich dabei auch dem Hypothetischen, löst sich das Selbstverständliche unversehens wieder auf: «Warum gibt es überhaupt Gleiches und nicht nur Verschiedenes? Wenn alles verschieden wäre, hätten wir auch verschiedene Sprachen. Jedes Wort in jeder Sprache würde nur zu einem einzigen Ding, einem einzigen Wesen gehören, denn es gäbe ja alles nur einmal: einen Stuhl, einen Tisch, einen Teppich, ein Buch, ein Bett, einen Baum. Es gäbe nur einen Menschen, aber viele Wörter für ihn» (S. 65).
In dem reichen Kosmos von Schubigers Figuren gibt es viel Abwechslung. Bestimmte Konstellationen wiederholen sich: die zwischen Sohn und Vater gehört dazu, die zwischen Geschwistern, die zwischen Tier und Mensch. Oft sind es die Mädchen, die etwas Besonderes erleben: Sie begegnen einem Engel oder dem Tod, dem Glück oder der Langeweile. Märchenfiguren treten recht häufig auf; gewöhnliche und aussergewöhnliche Tiere ohnehin. Aber auch Dinge können zu Protagonisten werden: ein allwissendes Buch, ein grosses Brot, ein dickes Kleid, eine ganze Stadt, die Sonne, der Mond. Was die Figuren erleben, ist aussergewöhnlich, wird aber so erzählt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: In dem dicken Kleid oder in dem grossen Brot kann man wohnen, es gibt Vögel, die zählen und Mädchen, deren Sprache aus Zahlen besteht, eine Familie lebt mit einem Auto zusammen und wie ein Daumen sich aufmacht, in die oberitalienische Stadt Pontetto zu wandern, kann sogar eine ganze Stadt über Land gehen.