Der große Jüdische Krieg gegen die Römer begann im Jahr 66 n. Chr. in Judäa.
Nachdem die Kontrolle der römischen Prokuratoren über Judäa ab Mitte des Jahrhunderts nachließ und auch die wirtschaftliche Situation sich immer mehr verschlechterte, war der Zugriff des Prokurators Gessius Florus auf den Tempelschatz im Jahr 66 Auslöser des Krieges. Im Tempel wurde daraufhin das Opfer für den Kaiser nicht mehr dargebracht – der offizielle Bruch mit Rom. Nach schnellen römischen Erfolgen Vespasians in Galiläa trat durch die innerrömischen Konflikte nach dem Sturz Neros im Juni 68 eine Verzögerung ein. Im Sommer 69 wurde der Krieg wieder aufgenommen und von Titus im Jahr 70 mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels entschieden. Endgültig konnte der Krieg allerdings erst im Jahr 73/74 mit dem Fall von Masada beendet werden. Es war der erste der drei großen jüdischen Aufstände gegen die Römer im 1. und 2. Jahrhundert. Der zweite war der Diasporaaufstand um 116, der dritte der Bar-Kochba-Aufstand 132–135.
Das Werk Jüdischer Krieg von Flavius Josephus, der als Angehöriger des Jerusalemer Priesteradels, jüdischer Militärführer in Galiläa und Freigelassener Vespasians selbst in das Geschehen involviert war, ist die wichtigste Quelle. Das Werk wird in diesem Artikel zitiert als Bellum. Für die Vorgeschichte des Krieges werden außerdem die Jüdischen Altertümer des Josephus (zitiert als: Antiquitates) herangezogen.
Judäa unter römischer Verwaltung
Seit dem Jahr 6 n. Chr. war Judäa der Provinz Syria angegliedert und wurde von ritterlichen Präfekten (bzw. seit Claudius: Prokuratoren) als einer Art Unterstatthalter verwaltet. Zwar stand der Präfekt erst am Anfang seiner Ämterlaufbahn und war dem Statthalter von Syria, der als Konsular (gewesener Konsul) dieselbe schon absolviert hatte, untergeordnet; doch der Statthalter residierte weit entfernt in Antiochia am Orontes. Das gab dem Präfekten relativ viel Eigenverantwortung. Er hatte seinen Amtssitz in Caesarea Maritima. Ihm unterstand die Verwaltung, er übte die oberste juristische Gewalt aus und war Befehlshaber der in der Provinz stationierten Auxiliartruppen; eine ständige Legion hatte er nicht zur Verfügung. Die jüdischen Einwohner der Provinz waren vom Militärdienst befreit. Die Garnisonen befanden sich in Caesarea, Jerusalem, Samaria/Sebaste, Kypros (bei Jericho), Machaerus, in der Jesreʿel-Ebene und in Askalon. Steuern und Zölle wurden von Steuerpächtern eingezogen, eine weitere römische Einnahmequelle waren die Erträge der Königsgüter, vor allem der Balsamplantagen bei Jericho und En Gedi. Die einheimische Elite (die Tempelaristokratie mit dem Hohenpriester an der Spitze) genoss eine begrenzte innere Autonomie, und da ihre Privilegien und wirtschaftlichen Interessen gewahrt blieben, stand sie dem römischen Staat positiv gegenüber.
Laut Flavius Josephus entstand die zelotische Bewegung etwa gleichzeitig mit der Umwandlung Judäas in eine römische Provinz. Josephus bezeichnete diese jüdischen Widerstandskämpfer meist als λησταί lēstaí „Räuber, Banditen“. Er machte sich damit die römische Perspektive zu eigen (lateinisch latrones), die nicht zwischen Kriminalität und politischem Widerstand unterschied. Die Eigenbezeichnung dieser Kämpfer war dagegen ζηλωταί zēlōtaí (hebräisch qana’im) „Eiferer“. Ihr Freiheitsbegriff war begründet in ihrem Glauben an die Königsherrschaft des Gottes JHWH, und die Konsequenz daraus war die Ablehnung des römischen Steuersystems.
Im Jahr 26 kam es zu schweren Unruhen, als Pontius Pilatus seinen Truppen befahl, ihre Feldzeichen nach Jerusalem hineinzubringen. Darauf war unter anderem der Kaiser abgebildet. Als Verstoß gegen das Bilderverbot war das Zeigen der Kaiserbilder für die jüdische Bevölkerung anstößig. Josephus schreibt auch, dass Pilatus die Feldzeichen bei Nacht in die Stadt bringen ließ: Er war sich des Problems bewusst und versuchte, „das für Rom Notwendige mit dem für Juden zu Vermeidenden zu verbinden.“ Als er merkte, dass diese Lösung nicht akzeptabel war und es massiven Widerstand geben würde, befahl er, die Feldzeichen nach Caesarea zurückzubringen.
Als Caligula den Befehl erließ, seine Statue im Jerusalemer Tempel aufzustellen (Kaiserkult), gelang es dem syrischen Statthalter Publius Petronius, dies durch eine Hinhaltetaktik hinauszuzögern. Die Ermordung Caligulas im Januar 41 verhinderte die Umsetzung des kaiserlichen Plans, der wahrscheinlich schon zu diesem Zeitpunkt Anlass für einen Krieg gewesen wäre.
Ein meist positiv bewertetes Intermezzo war die Herrschaft Agrippas I., der in den Jahren 41 bis 44 als römischer Klientelkönig über das Territorium herrschte, das einst das Reich seines Großvaters Herodes gewesen war. Er förderte innenpolitisch eine traditionelle jüdische Frömmigkeit, wodurch auch das nationale Element gestärkt wurde. Außerhalb seines Reichs trat er als Förderer der griechischen Kultur auf. Nach Agrippas plötzlichem Tod 44 kam der größte Teil Palästinas wieder unter direkte römische Verwaltung. Unter den ersten Prokuratoren der Provinz Cuspius Fadus (44–46) und Tiberius Iulius Alexander (46–48) blieb es weitgehend ruhig, was Josephus mit der römischen Achtung vor den jüdischen Gebräuchen erklärt.
Mit dem Amtsantritt von Ventidius Cumanus (48–52) begannen erneut Unruhen in der Provinz Judaea. Um 48 – anderen Quellen zufolge schon 45 – versammelte ein gewisser Theudas eine große Menschenmenge am Jordan und kündigte an, er könne wie ein zweiter Mose das Wasser teilen. Die Apostelgeschichte im Neuen Testament erwähnt, dass er vierhundert Anhänger hatte und erschlagen wurde (Apg 5,36 ). Der schwerste Zwischenfall war die Ermordung eines jüdischen Jerusalempilgers durch Samaritaner. Da Cumanus untätig blieb, überfielen zelotische Gruppen Dörfer der Samaritaner und ermordeten die Einwohner. Diese Revolte konnte Cumanus zwar relativ schnell niederschlagen, aber zelotische Gruppen hatten nun im ganzen Land Zulauf und wurden recht wenig bei ihren Aktionen gehindert. Prekär wurde die Lage zwischen den Römern und Judäern auch durch das provokante Verhalten der Römer gegenüber den Judäern während der religiösen Feiertage, wie beispielsweise dem Fest der ungesäuerten Brote.
Unter dem Prokurator Marcus Antonius Felix (52–60) geriet die Provinz immer mehr außer Kontrolle. Zwar gelang es, den Zelotenführer El‘azar ben Dinai gefangen zu nehmen und nach Rom zu schicken, aber die Zeloten änderten ihre Taktik: Sie verlegten ihre Aktivitäten in die Städte und besonders nach Jerusalem. Hier ermordeten sie ihre Opfer mit kurzen Dolchen, die sie in der Kleidung verborgen mit sich führten, und tauchten dann in der Menschenmenge unter. Im Auftrag des Prokurators ermordeten diese sogenannten Sikarier den Hohenpriester Jonatan. Felix scheute also nicht davor zurück, sich dieser terroristischen Gruppe für seine Zwecke zu bedienen. Die Familien der Priesteraristokratie legten sich zu ihrem Schutz private Milizen zu, die sich gegenseitig bekämpften. Während die Verhältnisse immer chaotischer wurden, traten enthusiastische Propheten und Wundertäter auf; der bekannteste war der sogenannte „Ägypter“, der auch im Neuen Testament erwähnt wird (Apg 21,38 ). Der Prokurator Porcius Festus (60–62) war nur kurz im Amt. Es wurde jetzt deutlich, dass es tiefe Gegensätze zwischen dem Priesteradel und der Königsfamilie der Herodianer gab. Letztere standen auf Seiten der Römer, was während des Krieges Angehörige der Priesteraristokratie veranlasste, ins Lager der Zeloten zu wechseln.
Schließlich trat Lucceius Albinus als Prokurator (62–64) zurück und ließ die Zeloten gewähren. Ihn und seinen Nachfolger als Prokurator Gessius Florus beschreibt (64–66) Josephus als korrupte, ausbeuterische Tyrannen. Albinus, so Josephus, „beraubte und plünderte … die Vermögen der einzelnen Bürger und belastete das ganze Volk mit Sonderabgaben“.
Aufgrund des politischen Chaos wurde auch die wirtschaftliche Situation immer prekärer. Wahrscheinlich um das ständig sinkende Steueraufkommen auszugleichen, ließ der Prokurator Gessius Florus im April/Mai 66 den Tempelschatz plündern. Werner Eck vermutet, dass das Geld ein Beitrag Judäas zum Wiederaufbau Roms nach dem Brand von 64 sein sollte. Ein offener Volksaufstand war die Folge. Florus begab sich nach Caesarea. Er machte die jüdische Elite für die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung in Jerusalem verantwortlich und ließ zu ihrer Unterstützung eine Kohorte zurück. Der offizielle Bruch mit Rom war dann die Anordnung des Tempelhauptmanns El‘azar, das Opfer für den Kaiser einzustellen. Die Jerusalemer „Friedenspartei“ um den Hohenpriester Hananias ben Nedebaios bat Agrippa II. um militärische Unterstützung. Er schickte 3000 Reiter, die vorübergehend die Jerusalemer Oberstadt sicherten. Doch sie mussten sich nach schweren Kämpfen gemeinsam mit der römischen Kohorte in den festungsartigen Herodespalast zurückziehen; dort wurden sie von den Zeloten belagert. Unterdessen hatte eine Gruppe von Zeloten unter Führung des Menahem die Festung Masada handstreichartig eingenommen. Menahem zog daraufhin mit seinem Gefolge wie ein König in Jerusalem ein. Er übernahm das Kommando bei der Belagerung des Herodespalastes. Die Truppen Agrippas ergaben sich und durften abziehen, die römischen Soldaten, denen man freies Geleit versprochen hatte, wurden dagegen ermordet. Mit dem Hohenpriester Hananias ermordeten die Leute Menahems auch den Anführer der Friedenspartei. Der Tempelhauptmann El‘azar war aber mit dem Hohenpriester verwandt und sann auf Rache. Als Menahem den Tempel besuchte, geriet er in einen Hinterhalt von El‘azars Leuten und wurde ermordet. Ein Teil seiner Anhänger kämpfte sich bis nach Masada durch und hielt die Festung bis zum Ende des Krieges, ohne aber auf den Gesamtverlauf des Krieges noch Einfluss zu nehmen.