Jørgen Skafte Rasmussen (* 30. Juli 1878 in Nakskov; † 12. August 1964 in Kopenhagen) war ein über weite Teile seines Lebens in Deutschland tätiger dänischer Ingenieur und Industrieller. Er gründete 1912 die Zschopauer Maschinenfabrik J. S. Rasmussen, die, 1923 zu den Zschopauer Motorenwerke J. S. Rasmussen umfirmiert, sich mit ihrer Marke DKW zum zeitweise größten Motorradhersteller der Welt entwickelte. Seine Verdienste im Automobilbau sind die Verbreitung des Zweitaktmotors sowie des Frontantriebs im industriellen Maßstab.
Jørgen Skafte Rasmussen war der Sohn des Kapitäns Hans Peder Rasmussen und dessen zweiter Ehefrau Maren Johanne geb. Skafte. Der Vater starb, als Jørgen Skafte noch ein Kleinkind war; die Mutter verlor er im Alter von 19 Jahren.
Jørgen Skafte Rasmussen besuchte die Realschule in Nakskov und begann wahrscheinlich 1894 eine Lehre bei Smidt, Mygind & Hüttemeier in Kopenhagen. Nach dem Tod der Mutter zog er zu seiner Halbschwester nach Nykøbing/Falster und setzte seine Lehre bei dem Motorenhersteller Guldborg fort. Dort schloss er 1898 seine Ausbildung ab und verließ unmittelbar danach Dänemark.
Von 1898 bis 1900 studierte Rasmussen Maschinenbau und Elektrotechnik am Technikum Mittweida und wechselte danach auf die neugegründete Ingenieurschule Zwickau. Dort legte er 1902 die Prüfung zum Ingenieur ab. Anschließend arbeitete er wahrscheinlich bei der Rheinischen Metallwaren- & Maschinenfabrik in Düsseldorf, kehrte aber offenbar bald nach Zwickau zurück. Am 10. September 1904 heiratete Jørgen Skafte Rasmussen in Chemnitz die Kaufmannstochter Johanna Clementine Therese Liebe (1884–1973).
Nach Fertigstellung der von ihm in Auftrag gegebenen und ab 1917 gebauten Villa im Tischautal oberhalb seiner Fabrik wohnte er in Zschopau.
1938 verließ er Zschopau und erwarb ein Anwesen in Sacrow bei Potsdam, das die Familie bis 1945 bewohnte. 1945 floh er mit seiner Frau nach Flensburg, ging 1947 nach Dänemark zurück und lebte ab 1948 in Hareskovby. Nach seinem 75. Geburtstag übersiedelte er mit seiner Frau nach Kopenhagen.
Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, die Tochter Hildegard Ilse (1905–1939), die Söhne Hans Werner (1906–1945), Ove (1909–1995) und Arne (1912–1994). Hans Werner und Arne erhielten eine technische Ausbildung, Ove studierte Volkswirtschaft und gründete 1949 die Rasmussen GmbH. Die Kinder arbeiteten nach ihrer Ausbildung in den Unternehmen der Familie. Hans Werner Rasmussen wurde am 2. Juni 1945 als Geschäftsführer der Framo von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und starb am 21. September 1945 im Internierungslager Toszek.
Mit dem Kaufmann Carl Ernst, der aus Köln stammte, gründete Jørgen Skafte Rasmussen 1903 die Firma Rasmussen & Ernst (RE). Das Unternehmen produzierte und vertrieb Dampfkesselarmaturen und Metallwaren. Finanziert wurde die Gründung des Unternehmens, das in dem Gebäude Am Markt 15 in Chemnitz seinen ersten Sitz hatte, nach der Aussage von Ove Rasmussen von einem Schweizer namens Keller, den sein Vater während einer Eisenbahnfahrt kennen gelernt hatte. Im Gründungsjahr beantragte Jørgen Skafte Rasmussen sein erstes Gebrauchsmuster auf einen Drehstahlhalter. 1904 verließ Carl Ernst das Unternehmen. Nach seinem Ausscheiden bezog Jørgen Skafte Rasmussen neue Räume in der Alten Kunsthütte in der Annaberger Straße 25 in Chemnitz. Er stellte hauptsächlich Zubehör für Dampfmaschinen her und meldete ab 1906 zahlreiche Erfindungen an, darunter eine Reibemaschine für Feldfrüchte, eine Messer- und Gabelputzmaschine und einen Azetylen-Sauerstoffbrenner für Scheinwerfer. 1907 erhielt er sein erstes Patent mit der Nummer DRP 190 137. Es betraf eine Schleudermaschine zum Entölen und Trocknen von Textilgut, welches als Putzmittel verwendet worden ist. Ein zweites Patent wurde Rasmussen 1915 zuerkannt. Auch zahlreiche Gebrauchsmuster wurden für ihn eingetragen. Größeren Erfolg hatte Rasmussen besonders mit seinen Hochdruck-Abschlämm-Ventilen, einem Speisewasser-Reiniger und Ölreinigungsapparat. 1913 warb er damit, dass die Imperator, der zu dieser Zeit größte deutsche Passagierdampfer, mit Rasmussen-Abdampf-Entölern ausgestattet sei.
Im Jahr 1906 kaufte Jørgen Skafte Rasmussen die stillgelegte Barth’sche Tuchfabrik im Tischautal in Zschopau, um dort die Produktion zu erweitern. Weil die in der Region dominierende Textilindustrie unter einer Krise litt, konnte Rasmussen in Zschopau und Umgebung genügend Fabrikarbeiter anwerben. Am 13. April 1907 ließ Rasmussen unter dem Namen Rasmussen & Ernst sein Unternehmen in das Handelsregister beim Amtsgericht in Zschopau eintragen. Gefertigt wurden Haushalts- und Werkstattgeräte, Kotflügel, Fahrzeugbeleuchtungen, Abdampfentöler für Dampfkraftanlagen, Vulkanisierapparate und Zentrifugen.
1912 gründete Jørgen Skafte Rasmussen die Zschopauer Maschinenfabrik J. S. Rasmussen. – Das Unternehmen Rasmussen & Ernst existierte bis 1953.
Im Ersten Weltkrieg produzierte die Zschopauer Maschinenfabrik u. a. Zündkapseln und Granatzünder und führte die seit 1912 durchgeführten Experimente mit Dampfkraftwagen weiter, die der dänische Ingenieur Svend Aage Mathiesen leitete. Er sollte in Zschopau die Serienproduktion von Dampfkraftwagen nach dem Muster Rollin H. Whites aufbauen. Mindestens zwei Prototypen wurden 1916 hergestellt.
Nach dem Kriegsende gab Rasmussen die Arbeit an den dampfgetriebenen Fahrzeugen auf; bleibend dagegen war das davon abgeleitete Akronym DKW. 1918 begann mit einem Spielzeugmotor die Fertigung von Verbrennungsmotoren nach dem Zweitaktprinzip. Allerdings wollte Bosch in Stuttgart die Schwungrad-Zündanlage nicht fertigen; deshalb gründete Rasmussen mit Richard Blau 1919 in Zschopau die Rota Magnet-Apparatebau GmbH. Die Weiterentwicklung zum Fahrradhilfsmotor verhalf dem Unternehmen zum Durchbruch. Ab 1921 stellte Rasmussen Fahrräder mit Hilfsmotoren – im Volksmund scherzhaft „Arschwärmer“ genannt – serienmäßig her und verkaufte sie sehr erfolgreich unter dem Slogan „DKW, das kleine Wunder, läuft bergauf wie andre runter!“. 1919 wurde Bruno Cavani in Bologna der erste DKW-Vertreter außerhalb Deutschlands. 1921 unternahm Rasmussen seine erste Reise in die USA. Danach führte er die Fließbandfertigung in seinem Unternehmen ein.
1919 lernte Rasmussen das kleine Elektrofahrzeug der SB-Automobil-Gesellschaft m.b.H. in Berlin-Charlottenburg kennen. Er kaufte 100 der mit einer selbsttragenden Karosserie aus Triplex-Kunststoff ausgestatteten Fahrzeuge. Die Zusammenarbeit führte dazu, dass Rasmussen als Mitgesellschafter in das Unternehmen eintrat. Das Unternehmen verkaufte in den folgenden Jahren Fahrzeuge in größerer Stückzahl. Nach einem Erdbeben in Japan 1923 und den inflationsbedingten Schwierigkeiten geriet dieses Unternehmen in Schwierigkeiten. Rasmussen unterstützte es und ließ zusätzlich Kleinwagen mit DKW-Benzinmotoren herstellen. Emil Fischer konstruierte in Zschopau ein Cyclecar, genannt „Der Kleine Bergsteiger“. Das verhinderte den Konkurs im Juni 1924 nicht. Insgesamt wurden 2005 Fahrzeuge hergestellt, davon 266 mit DKW-Motor. Rasmussen übernahm die Konkursmasse und fügte sie als J. S. Rasmussen AG, Filiale Berlin seinem Konzern hinzu und ließ dort Elektro-Kraftdroschken und Lieferwagen bauen. 1926 siedelte das Unternehmen in die neugegründete Filiale der Zschopauer Motorenwerke J. S. Rasmussen AG in Berlin-Spandau über. Dort wurde ab 1928 unter der Leitung von Rudolf Slaby der zweisitzige DKW Typ P mit selbsttragender Holzkarosserie und DKW-Zweizylinder-Zweitaktmotor produziert.
1921 nahm Rasmussens Unternehmen das neuartige, sogenannte Sesselrad Golem des Berliner Motorradherstellers Ernst Eichler in das Produktions- und Verkaufsprogramm auf. Die Fahreigenschaften waren jedoch unbefriedigend, sodass schon ein Jahr später das sogenannte Sesselmotorrad Lomos, ein Vorläufer des Motorrollers, nachfolgte. Dieses Zweirad hatte im Gegensatz zu den meisten Motorrädern seiner Zeit eine Hinterradfederung (Schwinge mit Federbein). Die konsequente Weiterentwicklung des Fahrradhilfsmotors durch seinen Chefkonstrukteur Hermann Weber mündete 1922 im Beginn der Serienproduktion von Motorrädern. Er konstruierte einen verstärkten Rahmen, der noch stark einem Fahrradrahmen glich. Mit mehreren solchen Modellen nahm das Zschopauer Werk 1922 an der Reichsfahrt teil und belegte in seiner Klasse die ersten drei Plätze, woraufhin das kleine Motorrad mit dem prestigeträchtigen Namen Reichsfahrtmodell vermarktet wurde. Das Fahrzeug hatte in seinen ersten Ausführungen zwar noch große Ähnlichkeit mit einem Hilfsmotorfahrrad (z. B. Tretkurbelantrieb), gilt rückblickend jedoch als das erste Serienmotorrad von DKW. Um den Aufbau eines DKW-Händlernetzes kümmerte sich ab 1921 der als Rasmussens Assistent angestellte Österreicher Carl Hahn.