An diesem Tag

Ivo Pogorelich

Kroatischer Pianist

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Ivo Pogorelich (kroatisch: Ivo Pogorelić, serbisch: Иво Погорелић; * 20. Oktober 1958 in Belgrad, Jugoslawien) ist ein kroatischer Pianist. Er ist für seinen teils exzentrischen Spielstil bekannt, der ihm eine große, ihn fast kultisch verehrende Fangemeinde einbrachte, aber auch scharfe Kritik von Musikexperten hervorrief.

Pogorelich avancierte in den frühen 1980er-Jahren zu einem Star der Klassikszene. Seine Konzerte und unorthodoxen Werkinterpretationen spalteten das Publikum und die Musikkritiker seit Beginn seiner Karriere bis in die Gegenwart in Bewunderer seiner pianistischen Meisterschaft und Skeptiker seiner betont individualistischen Interpretationen.

Bekannt wurde er durch einen Eklat: Einige Juroren des 1980 ausgetragenen Internationalen Chopin-Wettbewerbs in Warschau distanzierten sich gegenüber der Presse von dem Jury-Entscheid, Pogorelich nicht für die Endrunde zuzulassen. Nikita Magaloff, der wie Martha Argerich und Paul Badura-Skoda zu den protestierenden Juroren gehörte, erklärte den ungewöhnlichen Schritt des Öffentlichmachens der Jury-Interna damit, dass Pogorelich auf „höchstem Niveau“ spiele, „wie das wohl kaum sonst jemand auf der Welt heute kann“.

Ivo Pogorelich ist der Sohn eines Kontrabassisten; sein Bruder Lovro Pogorelich (* 1970) wurde ebenfalls Pianist. Er begann seine Ausbildung am Klavier mit sieben Jahren in Belgrad. Er setzte sie 1970 an der Zentralen Musikschule in Moskau als Schüler von Jewgeni Timakin fort und wechselte anschließend an das Moskauer Tschaikowski-Konservatorium, um bei Wera Gornostajewa und Jewgeni Malinin weiter zu studieren.

Ab Oktober 1976 wurde Pogorelich zusätzlich von Aliza Kezeradze unterrichtet. Pogorelich beschrieb die Begegnung mit Kezeradze als „Wendepunkt“ in seinem Leben, da er sich damals in einer künstlerischen „Sackgasse“ befunden, aber durch sie neue Einblicke in die Ausdrucksmöglichkeiten des Klavierspiels bekommen habe. Seine „Auffassung und seine Herangehensweise an das Klavier“ sei durch ihren Einfluss „komplett“ verändert worden. Er weist der Pianistin, mit der er von 1980 bis zu ihrem Tod 1996 verheiratet war, maßgeblich seine künstlerische „Weiterentwicklung und seinen beruflichen Erfolg zu“.

Im Jahr 1978 gewann Pogorelich den Alessandro-Casagrande-Wettbewerb im italienischen Terni und 1980 den Internationalen Musikwettbewerb in Montreal. Im selben Jahr nahm er am Warschauer Chopin-Wettbewerb teil und wurde über Nacht bekannt. Als Wettbewerbsteilnehmer war er aufgrund der viermaligen Vergabe der höchsten, aber auch der viermaligen Vergabe der niedrigsten Punktzahl nicht über die dritte Runde hinausgekommen, was einige der Juroren, darunter Magaloff und Badura-Skoda, zu öffentlichen Protesten veranlasste. Martha Argerich war derart erbost, dass sie die Wettbewerbs-Jury mit den Worten „Er ist ein Genie!“ verließ. Sie protestierte durch die Niederlegung ihres Amtes gegen das Bewertungssystem, welches „konservativen Stil-Puristen die Möglichkeit gab, jemanden auszupunkten, der einen völlig modernen und neuen Zugang zur Musik Chopins erschloss“. Über diesen Skandal wurde weltweit in den Medien berichtet. Harold C. Schonberg, der Musikkritiker der New York Times, schloss sich wie andere Fachleute der Einschätzung der aufbegehrenden Jury-Mitglieder an und bemerkte zu Pogorelichs Wettbewerbsleistung anerkennend: „Er ignorierte die Partitur und machte alles falsch. […] er ist eindeutig ein Genie“. Das Spiel des „brillant ausgestatteten Künstlers“, für den es keine technische Limitierung gebe, sei „voller architektonischer, dynamischer und rhythmischer Extreme“. Pogorelich, „in jeder Hinsicht unkonventionell“, habe die konservativen Jury-Mitglieder verschreckt, da er sich nicht an die Aufführtradition halte.

Die Warschauer Musikgesellschaft, eine Organisation zur Wahrung des Andenkens Chopins, arrangierte für Pogorelich nach seinem Ausscheiden aus dem regulären Wettbewerb ein Konzert, bei dem er von seinem zumeist jungen Publikum frenetisch bejubelt wurde. Die polnischen Musikkritiker ehrten ihn im Anschluss an das Konzert mit dem Sonderpreis außerordentlich originelles Pianistentalent.

Im Februar 1981 nahm Pogorelich für die Deutsche Grammophon seine erste Schallplatte unter dem Namen Chopin Recital auf. Der Tonträger, beworben als Pogorelichs „Antwort auf Warschau“, wurde in Deutschland nach seiner Veröffentlichung innerhalb eines Monats 20.000 Mal verkauft. Das Musiklabel nahm Pogorelich daraufhin unter Vertrag.

Jahre nach dem Chopin-Wettbewerb erläuterte Pogorelich, dass die Vorkommnisse in Warschau „magisch“ gewesen seien, er heute aber froh sei, die Zeit der Hysterie hinter sich zu haben. Sein Erfolg habe nichts mit Exzentrik, wie in der Presse oft fälschlich dargestellt, zu tun. In Warschau sei seine „Einstellung und seine Haltung zu Chopins Musik“ von der Öffentlichkeit falsch interpretiert worden. Die Juryentscheidung habe ihm zu schaffen gemacht und demotiviert, seine Herangehensweise an die großen Komponisten gewähre aber keinen Raum für Kompromisse, er versuche deren Intention so nahe wie möglich zu kommen. Pogorelich weist in Interviews und dem Dokumentarfilm Why Competitions zudem immer wieder auf die politische Dimension hin, die seiner Meinung nach dem Wettbewerbsentscheid von 1980 zugrunde liegt. Anlässlich eines Konzerts in Warschau im Jahr 2008 verlangte er demzufolge, „dass die Protokolle des damaligen Juryentscheides offengelegt werden“ sollen.

Die Berichterstattung zum Chopin-Wettbewerb 1980, Pogorelichs erste Plattenaufnahme und die veröffentlichten Pressefotos, auf denen er mehr einem „New-Wave-Rocker“ als einem Musiker des klassischen Genres ähnlich sah, erzeugten Interesse weit über das Stammpublikum klassischer Klaviermusik hinaus. Joachim Kaiser erläuterte, ein klassikfernes Publikum „zum Kauf von Konzertkarten zu animieren“, war in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts „nur drei seriöse[n] Pianisten“ vorbehalten: „Wladimir Horowitz, Friedrich Gulda und – Ivo Pogorelich“.

Das Medienecho auf die Konzerte war außergewöhnlich enthusiastisch. Der junge Pianist, dem eine „Aura aus eleganter Verträumtheit und Hochmut“ zugesprochen wurde, konnte in Folge „fabelhafte Honorare verlangen“ und „mit stets ausverkauften Sälen rechnen“. Pogorelich beschränkte sich auf ein kleines Repertoire. Kaiser verortete dies in seinem „penible[n] Sinn für die Verantwortung gegenüber großer Musik“. Pogorelich wende „sich nur mit originellen Interpretationen an die Öffentlichkeit“.

Die Berichterstattung konzentrierte sich aber nicht nur auf die musikalische Leistung. In einer Zusammenfassung des Spiegels zu den Pressestimmen der frühen 1980er Jahre wird eine Fokussierung auf Pogorelichs äußere Attribute deutlich. Zudem wurden Vergleiche zu Prominenten anderer Genres, darunter Kinski, Wilde und Nurejew bemüht. Der Independent bezeichnete ihn als „Mick Jagger der klassischen Konzertbühne“. Pogorelich wurde durch solche Medienzuschreibungen zum ersten „Popstar der Klassikszene“ stilisiert. Pogorelich unterstützte diese Zuschreibung durch provokante Aussagen: „Ich bin der Pianist, über den am meisten geschrieben wird, ich bekomme eine Rezension, wenn ich meinen Flügel abstaube“ und indem er neue, für einen klassischen Musiker ungewöhnliche Wege der Öffentlichkeitsarbeit beschritt. Er ließ sich u. a. als Model für Herrenmode in den Zeitschriften Esquire, Vogue und Égoïste abbilden und trat regelmäßig im Fernsehen als Talk-Gast auf. In Deutschland war er bei Bio’s Bahnhof, in der tele-illustrierten und Willemsens Woche zu sehen. In Großbritannien widmete ihm Don Featherstone eine Folge der South Bank Show und zeigte Pogorelich in häuslicher Umgebung auf seinem Schloss in Schottland zusammen mit Aliza Kazeradze bei der Erarbeitung einer Partitur. Nach Pogorelichs Auftritt in Los Angeles auf der Hollywood Bowl 1985 vor 25.000 Zuschauern gab es Gerüchte über eine Filmrolle, die er an der Seite von Bo Derek und Josep Carreras übernehmen wolle. Durch seine Nähe zur internationalen High Society, dem Jetset und Geldadel berichtete nicht nur das Feuilleton. In den 1980er Jahren war Pogorelich in allen Medien bis hin zum Boulevard präsent. Dadurch erreichte er eine Bekanntheit, wie sie in dieser Breite noch keinem klassischen Musiker zuteilgeworden war. Pogorelich äußerte dazu, dass öffentliche Aufmerksamkeit für einen Pianisten nicht unwichtig sei und er selbst an seinem Image, exzentrisch und arrogant, in jungen Jahren wie an „einem Spielzeug gebastelt“ habe. Durch eine negative Attribution könne die Gesellschaft „einen außergewöhnlichen Menschen“ leichter akzeptieren und den „Erfolg vergeben“. Warum die Menschen zu seinen Konzerten kämen, interessiere ihn aber nicht, sondern, was sie aus diesen mitnehmen würden. Kaiser attestierte, Pogorelich sei „nicht nur Exzentriker“ und sich seines Ruhms bewusst. Ihm gehe es musikalisch „bewundernswürdig um die Sache“, er nehme „jeden Ton todernst“. Dies goutiere das Publikum mit dem „Pogorelich-Phänomen“, einem „konzentriert, fasziniert, hingegeben[em]“ Zuhören. Der Musikkritiker Helmut Mauró sieht im Rückblick auf die Anfangsjahre demgemäß Pogorelichs „eigentliche Wirkung“ im Klavierspiel verortet. Er erläutert, dass nicht nur Pogorelichs „fulminante[n] Fingerfertigkeit […] einer männlich-kraftvollen Pranke“ überzeugte, sondern vor allem seine pianistische Fähigkeit, „einen Zustand der Konzentration soweit zu verdichten, dass er energiegeladene Kontemplation und schließlich Transzendenz ist“. Pogorelichs Andersartigkeit sei damals „glamourös kaschiert“ durch den Filter dessen attraktiver und „jugendlicher Erscheinung“ wahrgenommen worden, überwältige aber bis in die heutige Zeit durch „nachdenklich-kreative Sturheit, gepaart mit künstlerisch gelebtem Narzissmus“.

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